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Christoph Blumhardts Antwort auf Harpprechts Frage “Wer glaubt schon an Auferstehung”

4. April 2012

In der heutigen Ausgabe der ZEIT fühlt Klaus Harpprecht der Kirche auf den Zahn der Zeit, oder soll man sagen, den Zahn der Ewigkeit: “Wer glaubt schon an Auferstehung?” und spricht bei Beerdigungspredigten von “amtlicher Heuchelei”. Da empfiehlt es sich Christoph Blumhardt zu Wort kommen lassen mit seiner Osterpredigt über Markus 16,1-8, gehalten am 12. April 1914 in Bad Boll:

Wenn uns heute verkündigt würde, dieser oder jener sei auferstanden von den Toten — ich glaube, es würde uns auch ein Zittern und Entsetzen ankommen, denn die Verkündigung: »Jesus ist auferstanden!« ist das Größte, was man überhaupt verkündigen kann. Es ist der Gipfel des Evangeliums, die Höhe alles dessen, was Jesus im Erdenleben gewesen war, und diese Verkündigung oder diese Tatsache, die verkündigt wurde: »Jesus ist auferstanden«, ist mit einemmal eine Tatsache geworden, die sich der ganzen Weltgeschichte entgegensetzt. Der ganze Lauf der Welt ist immer nur sterben, und die Erde ist ein großmächtiges Grab, in welchem nicht nur Menschen, sondern auch alle früheren Kreaturen begraben liegen und zu den Toten gehören. Und nun auf einmal in diesen Lauf der Welt, an den wir uns leider im Christen­tum auch gewöhnt haben, als ob gar nichts anderes mehr möglich wäre, als nur das Grab alles Lebendigen, kommt die Verkündigung: »Da ist einer auferstanden, der ist gestorben und lebt wieder.« Ja, da kann einen Furcht und Zittern ankommen oder auch Unglauben; und ich weiß nicht, ob es viele Menschen heute gibt, in deren Herzen die Verkündigung: »Er ist wahrhaftig auferstanden« wirklich lebendig wird. Wir hören es so mit christlichen Ohren, und das sind oft die taubsten in der ganzen Welt. Wir nehmen es hin als eine alte Sage und haben kein rechtes Empfinden dabei. Und doch muß ich es wiederholen: Alles krönt sich, alles, was mit Jesus in die Welt gekommen ist, alle seine Worte, alle seine Taten krönen sich in dem einen: »Er ist auferstanden! Er unterliegt nicht dem Lauf der Welt, er unterliegt nicht den bösen Taten der Menschen, er unterliegt nicht der Sünde und noch viel weniger dem Tode — er ist der Lebendige heute, gestern und in alle Ewigkeit!«

Das will empfunden sein wie mit Schrecken, damit man auch in sein Glaubensleben wie etwas Revolutionäres bekommt gegen den Lauf der Welt, gegen den Lauf unseres Schicksals, gegen den Lauf dessen, was die Sünde und was der Tod vollbringt. Es ist eine ungeheure Verkün­digung auch deswegen, weil mit dem, daß Jesus wieder lebt, die Taten der Sünde, die Taten der verbrecherischen Art der Menschen aufgelöst werden. Was sind jetzt all die Greueltaten, die man an Jesus vollbracht hat? Was ist jetzt alle Rohheit? Sie kann nicht bestehen, sie wird aufgelöst in dem Lebendigen. Nichts ist es gewesen, nichts ist die Qual gewesen, nichts ist das Kreuz gewesen, nichts sind all die Tränen derer, die um ihn geweint haben — alles ist erlöst und frei. Er ist wieder da, wir haben ihn und haben ihn in alle Ewigkeit.

So kommt eine neue Geschichte in den Lauf der Weltgeschichte hinein, freilich nur wie eine Andeutung, denn das müssen wir ja sagen — mit Schmerzen sage ich es —: Es bleibt bei Jesus allein. Und das macht es auch schwierig bis auf den heutigen Tag. Die Menschen sagen: »Einmal ist keinmal.« Aber hier ist es doch anders. Einmal ist ein Anfang, und dieser Anfang setzt sich fort. Es gibt nun eine Geschichte der Auferstehung. Denn so ein ganz großer Gegensatz ist es doch nicht. Wir leben zwar in einer sterbenden Todeswelt, und doch ist auch unser irdisches Leben immer auf Auferstehung gegründet. Wir müssen alle Jahre wieder ein Auferstehen erleben auf unsern Feldern, auf unsern Wiesen; immer wieder muß etwas auferstehen. Es muß oft auch Altes wieder auferstehen, und unsre heutige Zeit ist mir oft ein Zeichen, daß wir nahe sind der Endgeschichte, der Auferstehung, da so vieles wieder ans Licht gebracht wird, was vor alter Zeit begraben worden ist. Wie vieles tut sich heute auf! Es muß alles heraus, wie wenn der liebe Gott sagen wollte: »Seid getrost! Auch was gestorben ist, muß wieder an den Tag, es muß euch auch dienen. Die Erde soll nicht ein verschlossenes Grab sein, es soll nicht ein großer Stein auf ihren Gräbern liegen, sondern es sollen die Steine weggeräumt werden, es soll das alte Leben hervorkommen, denn Jesus Christus ist auferstanden nicht bloß für euch, sondern auch für die, die in der alten Zeit gelebt haben, und die sollen wieder zum Leben kommen.«

So liegt in der Verkündigung: »Er ist auferstanden!« eine große Hoffnung; in dieser Verkündigung können wir zusammenfassen alles, was wir wünschen und hoffen für unsre arme Erde. Wir können hoffen, daß auch die schrecklichsten Taten der Menschen, die ja auch ein Jesusmord sind, in Kriegen und Blutvergießen, — wir können hoffen, daß alle diese schauderhaften Taten ausgelöscht werden und es einmal heißt: Jetzt fängt die Geschichte der Auferstehung an, jetzt dürfen die alten Geschlechter wieder leben, die gemordeten und getöteten, die übel behandelten Menschen, sie dürfen wieder da sein, denn mit dem, daß Jesus lebt, ist ein Licht hineingekommen in alle Gräber. Und wenn es auch nur erst ein Hoffnungslicht ist — diese Hoffnung wird uns nicht zuschanden werden lassen. Eine Geschichte ist jetzt. Es ist eine Tat, aber eine Tat, die immer wieder neues Leben erzeugt bis auf den heutigen Tag.

Und wenn wir rechtes Ostern miteinander feiern wollen, dann müssen wir den lieben Gott bitten: Laß uns allen in unser irdisches Leben ein Auferstehen kommen. Wie heute die Bäume anfangen, grün zu werden, die Wiesen wieder grün werden, die Saaten schön stehen — ach, laß auch bei uns Menschen einen Frühling kommen, daß etwas Lebendiges in uns werde! Denn wir sind oft so müde und so matt; unser Leben schleicht dahin, wir werden immer älter und schwächer, schließlich liegen wir alle im Grab — und was ist es nun, was wir gearbeitet haben? Man ist oft wie gestorben und möchte fragen: Ach, Herr Gott, wie soll es doch weitergehen? Alles stirbt ab, und das Schönste, das wir miteinander erlebt haben — was haben wir nicht schon Schönes erlebt! — alles geht vorüber und droht, in die langweilige Sterberei zu kommen, da auf einmal alles aus ist. Und wenn wir unsre Lieben ins Grab legen —ja, wir wissen ja, wir behalten ein Andenken an sie, aber wie lange? Es ist merkwürdig, wie schnell alles vergessen wird. Auch wenn schreckliche Dinge geschehen in Erdbeben und in allen möglichen Unglücksfällen auch unter den Werken der Menschen, wenn so viel Herzbewegendes geschieht — im Augenblick ist eine Aufregung in uns, dann deckt sich die Decke wieder über alles, und in ganz kurzer Zeit ist alles vergessen.

So ist es eine Welt des Todes bis auf den heutigen Tag. Das müssen wir auch in bezug auf unser Christentum sagen. Es ist ja auch alt geworden. Was sind die Religionen ein alter Rock voller Löcher und Staub der Jahrhunderte! Was soll es werden? Wir wären hoffnungslos, wenn es nicht heißen würde: »Einer wenigstens, einer ist der Anfang, einer ist wahrhaftig auferstanden!« So wird auch unser christlicher Glaube nicht ewig tot bleiben, er wird nicht ewig im Schatten der Sünde stehen und nicht ewig an der Sünde teilnehmen, die auf Erden ist. Es werden Leute erstehen, die sind frei von einem toten Glauben, die sind frei von allem unchristlichen und bösen Wesen; sie sind auferstanden und dürfen deswegen auch ein Salz auf der Erde werden und ein Licht der Welt. Aber nötig haben wir es — und es soll unsre Osterfeier sein —, daß wir fest im Glauben stehn, daß die Geschichte der Auferstehung noch an die Menschen kommt. Ich möchte, daß in jedes Haus und in jedes Herz das Licht der wirklichen Auferstehung komme, daß wir wirklich gut leben können und überwinden können das Böse, daß es in uns eine Gottesmacht gebe, die in der Auferstehung sich kundgegeben hat.

Und wir können nun ja sagen: Es ist nicht bloß die Verkündigung vor 1900 Jahren: »Er ist wahrhaftig auferstanden!«, was uns heute berührt. Was wären wir doch auch in unserm geistlichen Leben und in unserm religiösen Leben, wenn es nicht immer wieder Auferstehungsstunden gegeben hätte! Gott ist der, der sich immer wieder beweist. Es ist gar nicht so, als ob wir nichts von Gott erführen und nichts wüßten, wie manche Leute sagen, es sei eine Torheit, an Gott zu glauben. Nein, wahrlich, es ist eine große Weisheit, denn wie unendlich viel ist geschehen, daß wir Menschen uns doch erhalten sollten und neues Leben hervorgehe aus den menschlichen Kreisen heraus. Und da muß alle Welt mithelfen, auch die Welt, die von Gott fern ist; sie muß mithelfen, sie muß sich regen und bewegen. Es gibt immer wieder lebendige Zeiten nach toten Zeiten; immer wieder kommt neues Leben heraus aus der Geschichte der Menschen, ob sie glauben oder nicht. Ihr müsset mittun. Du böse Welt — trotz aller deiner Sünde, du mußt mittun, daß es vorwärts gehe in der Geschichte der Auferstehung der Menschen in Jesus Christus, dem Anfang, und der auch das Ende schaffen wird. Das Ende unseres Glaubens, das Ende des Evangeliums muß Aufer­stehung sein. Das ewige Gepredige muß einmal aufhören; es muß einmal tatsächlich wahr werden, was wahr ist; es muß offenbar werden und in die Welt hineinkommen: Er ist wahrhaftig auferstanden und wir sind wahrhaftig in einer Geschichte des Lebens, und das Leben hört nicht auf, bis es die Krone hat in einer großen Auferstehung, da alles wieder an den Tag kommt, was Gott je geschaffen hat und namentlich auch in Menschen den Menschen gegeben hat. Es soll nicht im Grabe bleiben, es soll herauskommen, und die Zweifel sollen überwunden werden durch die Tatsache der Auferstehung Jesu Christi. Man denkt heutzutage zuviel herum, man denkt an eine Verbesserung des Christen­tums, und eine ganze Menge Leute meinen, mit ein bißchen anderer Lehre werde irgendein Fortschritt erzielt werden. Solchen Kindereien wollen wir uns nicht hingeben. Mit ein bißchen anderen Gedanken werden die Menschen nicht anders, nein! Es bleibt alles beim alten! — bis die Stunde der Auferstehung kommt, bis das wahrhaftig letzte Ostern kommt, da Tausende und aber Tausende vor unseren Augen neue, auferstandene Menschen werden, die nichts mehr kann unter­drücken und nichts mehr kann töten.

Das ist unser Osterfest. Es ist zum Teil nur ein Hoffnungsfest, aber diese Hoffnung hätte keine Wahrheit, wenn sie sich nicht gründen würde auf die große Tatsache: »Er ist wahrhaftig auferstanden.« Lasset das in unsre Häuser, in unsre Gesellschaft, in unsre Herzen dringen! Lasset es doch hineindringen als ein starkes Werk Gottes, ein Werk Gottes, ohne welches wir uns Gott gar nicht vorstellen könnten. Wäre Gott nicht ein Gott, der die Toten auferweckt, wäre Gott ein Gott, der die Geschichte der Menschen hinnehmen muß, wie sie ist, da nichts in ein neues Leben gerückt werden kann, dann würden wir umsonst an Gott glauben, dann hörten wir lieber heute auf! Aber er ist ein Gott, der Neues schafft. Wie er geschaffen hat, so schafft er Neues, und mitten in die Entwicklung zum Sterben hinein kommt der große Gott mit der noch stärkeren Entwicklung zum Leben hin.

Das ist Ostern für uns, und bei dem wollen wir bleiben, und Gottes Geist mache es uns heute recht lebendig, daß wir voll Freude werden über der Verkündigung: »Er — wenigstens er, Jesus Christus — ist auferstanden von den Toten! «

Aus: Christoph Blumhardt: Predigten und Andachten aus den Jahren 1907-1917 (Auswahl aus seinen Predigten, Andachten und Schriften, hg. v. R. Lejeune, Band 4), Erlenbach-Zürich 1932, S. 348-353.

Predigt zum Gedenkgottesdienst aus Anlass der Terroranschläge vom 11. September 2011 (Jesaja 29,17-24)

3. September 2011

Ich weiß noch, dass ich am Nachmittag dieses Dienstags im Aufgang zu meiner Wohnung in Wasserburg am Inn stand, als Martin, mein Nachbar, aus seiner Wohnungstür kam und aufgeregt von den Fernsehbildern erzählte. Da stand ich dann unversehens in seinem Wohnzimmer und blickte selbst in den Bildschirm. Zwei Tage später feierten wir in der evangelischen Christuskirche abends den ersten Gedenkgottesdienst für die Opfer der Terroranschläge. Dabei stellte sich heraus, dass der Bruder einer Gemeindemitarbeiterin auf dem Heimflug von Deutschland in die USA mit seiner Familie in einem der abgestürzten Flugzeuge ums Leben gekommen war. Kurze Zeit darauf erzählte mir die Grafikdesignerin, die für unsere Firma tätig war, sichtlich erschüttert, wie sie bei einem Besuch in New York die brennenden Zwillingstürme des World Trade Centers mit eigenen Augen gesehen hatte. Die Ereignisse des 11. September 2001 kamen dem eigenen Leben nahe, selbst in einer malerischen Kleinstadt in Oberbayern.

„Die Welt geht unter!“ Das war der todeserschrockene Ausruf eines kaufmännischen Auszubildenden am Nachmittag des 11. Septembers 2001 im Großraumbüro der Firma Bosch in Gerlingen. Der Ruf ist längst verhallt. Auf den Tag sind es zehn Jahre her, dass die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers durch zwei Verkehrsflugzeuge zum Einsturz gebracht worden sind. Da mögen bewegte Bilder in Fernsehen und im Internet die eigenen Augen immer wieder aufs Neue überwältigen. Und doch waren die flugzeugspitzen Terroreinschläge in New York und Washington kein Weltuntergang. Die Menschheit hat überlebt, auch wenn es weitere Terroranschläge gegeben hat und gegenwärtig in Afghanistan und Irak nicht wirklich Friede herrscht.

Kein Weltuntergang hat sich eingestellt, aber die Furcht vor einem endlosen Kreislauf des Tötens und der Vergeltung lässt uns nicht so leicht los. So hat es ja der Prediger Salomo vorhergesehen: „Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ (Pred 1,9) Schrecken und Gewalt führen in dieser Welt zu nichts und müssen sich scheinbar endlos wiederholen.

Wider alle Resignation stellt der Prophet Jesaja eine göttliche Verheißung in den Raum: Noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten. (Jes 29,17-24)

Der Prophet intoniert den Sieg des Gerechtigkeit inmitten des irdischen Jammertales: Noch eine kleine Weile, dann wird es ein Ende haben mit gewalttätigen Unheilstiftern und Attentätern. Noch eine kleine Weil, dann finden Taubheit und Finsternis ihr Ende. Noch eine kleine Weile, dann werden die Elenden Lebensfreude finden; ja, die Ärmsten werden fröhlich sein, Geistesirre werden zu Verstand gebracht, und Murrende werden aufgeklärt. Nur noch eine kleine Weile, dann werden die Werke Seiner Hände wahr werden.

Kaum zu glauben – wie soll das hier auf Erden schlussendlich gutgehen mit dem Leben der Menschen? Zu vieles scheint aus dem Ruder zu laufen, Hypotheken der Vergangenheit lasten auf der Zukunft, die große Umkehr zum Leben zeigt sich nicht. Auswege aus der Krise werden vielfach beschworen, aber nirgendswo angezeigt. Das (letzte) Wort des Predigers steht im Weg: „Das Geschick der Menschen gleicht dem Geschick der Tiere, es trifft sie dasselbe Geschick. Jene müssen sterben wie diese, beide haben denselben Lebensgeist, und nichts hat der Mensch dem Tier voraus, denn nichtig und flüchtig sind sie alle. Alle gehen an ein und denselben Ort, aus dem Staub sind alle entstanden, und alle kehren zurück zum Staub.“ (Pred 3,19f ZB)

Heute wird in New York die Nationale Gedenkstätte für die Opfer des 11. Septembers (National 9/11 Memorial) feierlich eröffnet werden. Wo vormals auf dem Ground Zero die beiden eingestürzten Türme standen, sind nun zwei quadratische Ausschachtungen gesetzt, an deren Rändern Wasser in zweistufigen Kaskaden in die Tiefe stürzt. Der Titel dieses Monuments heißt „Reflektierende Abwesenheit (Reflecting Absence)“. Im Wasserfluss wird das Fehlen der Gebäude und der verstorbenen Menschen reflektiert. Die quadratischen Becken sind umbrüstet und können von den Besuchern abgegangen werden. Auf den Brüstungen finden sich die Namen der Opfer in Bronzeplatten eingraviert, sortiert nach dem Unglücksort – fast 3000 Namen sind da versammelt.

Ja, das scheint angesagt zu sein: Auch zehn Jahre danach den Toten zu gedenken und ihre Namen nicht zu vergessen. Und doch hat solch ein naheliegendes, berührendes Totengedächtnis auf Dauer keine wirkliche Zukunft. Wo nur noch Namen und Erinnerungen bestehen, kann verlorengegangenes und gegenwärtiges Leben nicht wirklich zueinander finden: Tote und Überlebende haben sich nichts zu sagen – es bleibt bei Selbstgesprächen. Spätestens dann, wenn Nachgeborene mit Namen längst Verstorbener nichts mehr zu verbinden wissen, triumphiert die anonyme Opferstatistik über das selektive Namensgedächtnis. So hat es ja der Prediger Salomo vorhergesehen: „Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“ (Pred 1,9) Schlussendlich macht sich unter uns Menschen das große Vergessen breit, das den Verstorbenen keine Zukunft geben kann. Und selbst wenn in nicht allzu ferner Zukunft alles besser würde mit uns auf Erden, hätten die Verstorbenen davon keinen Gewinn mehr.

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile.“ (Jes 29,17) Im Buch der Offenbarung findet sich ein himmlisches Gotteslob, das die Prophetie des Jesaja aufnimmt: „Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!“ (Offb 7,10) Der „apokalyptische Blick“ (Johann Baptist Metz) des Seher Johannes lässt zu Tode gekommene Menschen noch einmal im Himmel gegenwärtig werden, „eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen“ (Offb 7,9) Da, wo das Lamm gegenwärtig ist, wo sein Geheimnis des Sterbens und der Auferstehung wirklich ist, bleibt gewaltsam hintergangenes Leben nicht länger vernichtet. In der Gegenwart des Gottes und seines Lammes ist die unheilvolle Vergangenheit eingeholt und überwunden. Dem Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus entgeht nichts. Er kommt dem Schreckensgeschehen hinterher, mehr noch – Christus hat es in seinem Leiden und Sterben eingeholt. Nicht die Toten des 11. Septembers, sondern Tod und Zerstörung sind in SEINER Gegenwart vernichtet.

Am Ende des Buches der Offenbarung richtet sich die endzeitliche Heilsgemeinschaft metropolitan („mutterstädtisch“) auf. Der göttliche Thron findet sich im neuen Jerusalem, das nicht länger im Himmel zurückgehalten ist. Da kann dann das 9/11-Memorial in New York mit seinen Wasserläufen und dem Eichenhain ganz neu in den Blick genommen werden – als Abbild einer grandiosen Heilsvision. Wo der „Thron des Gottes und des Lammes“ die Leerstelle auf dem Ground Zero einnimmt, kehrt sich das Opfergedächtnis der zukünftigen Hoffnung zu. Es scheint sich das zu bewahrheiten, was Johannes zu guter Letzt geschaut hatte: „Und er zeigte mir den Fluss mit dem Lebenswasser, der klar ist wie Kristall, und er entspringt dem Thron des Gottes und des Lammes. In der Mitte zwischen der Straße und dem Fluss, nach beiden Seiten hin, sind Bäume des Lebens, die zwölfmal Frucht tragen. Jeden Monat spenden sie ihre Früchte, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. Und nichts Verfluchtes wird mehr sein.“ (Offb 22,3-4). Amen.

Hoffnung für Sarrazin – Deutscher Pfarrer predigt Deutsch, zumindest an Ostern!

26. April 2011

Am letzten Samstag ist von Thilo Sarrazin ein Leserbrief in der FAZ bezüglich meiner Passionsandacht “Man höre doch mal auf den Heiland” erschienen. Er beklagt sich darüber, dass er fast nichts verstanden habe. Das irritiert mich schon ein wenig. Schließlich war mein Artikel mit Herrn- und anderen Bibelworten gespickt. Muss man also annehmen, dass Herr Dr. Sarrazin kein Verständnis für den O-Ton des Evangeliums Jesu Christi hat? Zugegeben enthält mein Artikel höchst verdichtete Passagen, die alles andere als leicht bekömmlich sind. Solche Formulierungen sind freilich dem Genre (und der obligatorischen Limitierung auf 8000 Zeichen) geschuldet. Nur wenn man als Novize ein gewisses Reflexionsniveau demonstriert, darf man im Feuilleton der FAZ auch die ganz einfache bibelfromme Sprache anführen. Und die zählt schlussendlich für mich. Da bin ich unverschämt naiv – wie es sich ja für die Kinder Gottes gehört. Nun hat Sarrazin am Ende seines Leserbriefes die Befürchtung geäußert, solche Pfarrer wie ich würden die Kirche leerpredigen. Hier also der Gabeltest – meine aktuelle Osterpredigt:

Liebe Mitchristen,

darf ich euch bitten aufzustehen. Gute Nachricht für Euch: Jesus ist auferstanden von den Toten. Wir Christen stehen dazu. Heute können wir schwerlich Sitzenbleiber sein.

Der göttliche Aufstand gegen den Tod hat gesiegt. Die Grabesruhe ist vorbei. Uns hält es nicht mehr auf den Bänken. Man stelle sich vor, Bayern München gewönne am kommenden Samstag zuhause gegen Schalke 04 und beim entscheidenden Siegestor bliebe Uli Hoeneß und Karlheinz Rummenigge einfach auf der Ehrentribüne sitzen – als gäbe es nichts zu feiern oder zu jubeln.

Am Karfreitag waren wir noch Schwarzseher, aber am heutigen Ostersonntag sehen wir Licht, sonnenklar. Unser Gotteslob stimmt sich ein: „Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ (Ps 36,10) Für uns heißt Ostern der göttliche Sieg über den Tod, der uns mit Leib und Seele mitnimmt. Also ist Jubeln und Freude angesagt; die Trompete stimmt an, das große Finale der Passion ist gewonnen: Man hat Christus am Kreuz das Leben genommen, aber er hat an Ostern für uns das Leben gewonnen. Halleluja!

Wir haben Leben neu gewonnen und müssen nicht länger mitzittern, wie bei einem Fußballspiel. Bei einem Turnier mag sogar von einem Endspiel die Rede sein. Aber danach beginnt alles wieder von vorn. Fußballsiege können nicht bewahrt werden (nur die Pokale in der Vitrine); im nächsten Jahr kann ja ganz unerwartet gar der Kampf um den Abstieg anstehen. Im Fußballsport gibt es ein auf und ab, über das Jahr verteilen sich Siege und Niederlagen. Sobald man sich mit einer Mannschaft identifiziert, also ein Fan ist, macht man mit dieser Mannschaft alles mit. Mitleidenschaft gezogen. Und für dieses Jahr müssen sich ja die Bayern-Fans abfinden, dass da keine Meisterschale mit der Mannschaft auf dem Rathaus-Balkon in München präsentiert wird.

Beim Ostersieg erübrigen sich weiteres Zittern und Beben, das Spiel des Lebens ist entschieden. Der göttliche Aufstand gegen den Tod ist gewonnen, und die, die da mit hineingezogen sind, sind dem Abstieg entkommen. Der Ostersieg überwältigt unser Leben, deshalb reißt es uns mit.

Ging es bei diesem Sieg mit rechten Dingen zu? Da lassen wir auch die Skeptiker zu Wort kommen. Rein physikalisch betrachtet ist eine irdische Auferstehung aus dem Tod unmöglich. Kein Mensch lebt doch nach dem Tod weiter. Wie wahr, meine Herren. Christus ist nicht auf natürliche Weise von den Toten auferstanden, so wie die meisten von uns es ja nach einem Nachtschlaf aus unserem Bett hinkriegen.

Der Ostersieg ist kein Verdienst der Natur; er lässt sich nicht in irgendeinem Forschungslabor reproduzieren. Am Ostersonntag bleiben die medizinischen Labors an den Uni-Kliniken geschlossen. Da müssen wir uns nicht an der ganz natürlichen Heilwerdung der Menschen versuchen. Wer sich auf die Natur verlässt, wird zum Tor. Evolution kennt keinen Sieg, sondern nur Weiterentwicklungen durch Absterben und Nachgeburten.

Die Neuschaffung des Lebens an Ostern verdankt dem Gott, der eben nicht der vergänglichen Natur unterworfen ist. Der dreieinige Gott hat seinen Sohn aus dem Rachen des Todes gerettet. Im Introitus haben wir mit dem Kirchenchor den österlichen Siegesruf angestimmt:

15 Man singt mit Freuden vom Sieg /
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des HERRN behält den Sieg!
16 Die Rechte des HERRN ist erhöht;
die Rechte des HERRN behält den Sieg!
17 Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des HERRN Werke verkündigen.
18 Der HERR züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
(Ps 118)

Göttliche Treue rettet schlussendlich. Der HERR ist mit seiner Treue stärker als Gevatter Tod. Ja, dem Tod fallen wir ja in den Schoß, er kriegt uns umsonst. Aber er kann uns doch nicht für sich behalten. Der Tod muss an Ostern uns rausrücken.

Der letzte Versuch den Ostersieg unglaublich werden zu lassen, sind die gedanklichen Nebelkerzen. Da soll die Auferstehung Jesu gespenstisch erscheinen. Als wäre den Jüngern nur ein Geist eines Verstorbenen aus dem Jenseits erschienen. Das Ganze also ein Spuk, der uns einen religiösen Schauer über den Rücken kommen lässt. Aber an Ostern wird hier auf Erden keine Geisterbahn errichtet, wo wir mit Schreckgespenstern bedient werden und am Ende der Fahrt hübsch wieder aus unserem Wägelchen steigen – um weiter in den Rummel des Lebens einzutauchen uns mit Zuckerwatte und anderen katapultartigen Fahrwerken zufrieden zu geben oder im Festzelt zu verhocken. Das sind jahrmarktliche Aussichten, die an Ostern nicht wirklich gelten.

Gespenster gibt es nicht. An Ostern zeigt sich der Auferstandene in Fleisch und Blut: „Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.“ Fasst mich an – er ist für seine Jünger zu begreifen, auch wenn sein Fleisch und Knochen nicht mehr todesfällig sind. An Ostern ist der göttliche Aufstand gegen den Tod gewonnen. Und wir bleiben dabei: Christus ist auferstanden von den Toten und hat den Tod durch den Tod besiegt und denen im Grab das Leben gebracht. Wir werden mit Christus auferstehen.

Diesen Sieg bleibt über das ganze Jahr hin unvergessen, deswegen sind wir jeden Sonntag neu in der Kirche versammelt. Jeder Sonntag ist ein kleiner Ostertag: Christus auferstanden. Die Kirche braucht den Laden dicht machen.

Die Siegesbotschaft bleibt in unser eigenes Leben einschreiben. Schließlich sind wir ja schon in der Taufe mit Christus in den Tod begraben. Der göttliche Aufstand gegen den Tod gilt Dir. Der Heilige Geist, der mit dem Vater und dem Sohn untrennbar verbunden ist, richtet dich schon jetzt neu auf. Ostern richtet dich neu auf, selbst dort, wo du selbst nicht aufstehen kannst.

Ostern richtet Menschen auf, die Angehörige mit aller Geduld und Liebe begleiten und die oft am Ende ihrer Kräfte sind: Du stehst mit Christus auf!

Ostern richtet Menschen auf, die es im Berufsleben schwer haben, die dem Konkurrenzdruck unterliegen oder gar ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Osterzusage steht: Du stehst mit Christus auf!

Ostern richtet Menschen auf, die an einem Tumor leiden, wo die Zukunft ihres irdischen Lebens im Sterbensdunkel liegt. Du stehst mit Christus auf!

Ostern richtet Menschen auf, die trauern, nach dem Tod des Lebenspartners, nach einer zerbrochenen Beziehung. Für all die Niedergeschlagenen gilt die Osterzusagen: Du stehst mit Christus auf!

Ostern richtet Menschen auf, die einsam sind und sich selbst als ungeliebt erfahren. Die Zusage steht: Du stehst mit Christus auf.

Ostern richtet junge Menschen auf, die noch nicht wissen, in welche Richtung ihr Leben gehen wird, all diejenigen, die auf der Suche nach Anerkennung und Liebe nicht fündig werden: Du stehst mit Christus auf.

Ostern richtet dich auf. Ja. Der göttliche Aufstand ist gewonnen. Du stehst mit Christus auf! Dem dreieinigen Gott sei Dank.

Amen.

Handgreifliche Liebe – eine Predigt zu Gründonnerstag (Johannes 13,1-5)

20. April 2011

Da ist sie nun, die Revolution, die Umwälzung der Verhältnisse: Beziehungen stehen auf dem Kopf. Was oben ist, macht sich ganz unten zu schaffen. Die Hierarchie – die heilige Ordnung – wird außer Kraft gesetzt. Christliche Revolution im wahrsten Sinne, ohne Chaos und Zerstörung, friedlich, überraschend und doch auf den ersten Blick entsetzend.

Der Revolutionär hat einen Namen und ein Gesicht; sie nennen ihn Herr und Meister: Wie unangebracht, wenn dieser sich an den Füßen seiner Jünger zu schaffen macht. Trotzig widerspricht da Petrus: „Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!“ Aber gerade mit diesen Worten zeigt er sein Ungehorsam: Wie kann er seinem Herrn befehlen „mach das nicht“, wenn dieser ihm als Knecht nahekommt. Schließlich bleibt Petrus nichts anderes übrig als zu gehorchen. Was für ein Paradox: Jesus als Herrn gehorchen, obwohl dieser als Sklave handelt. Um genauer zu sein: Jesus handelt in der Gestalt eines nichtjüdischen Sklaven, war doch der Dienst der Fußwaschung als so erniedrigend angesehen, dass kein jüdischer Sklave seinem Volksgenossen die Füße waschen konnte. Wer einem Sitzenden die Füße wäscht, muss herabsehen und kann keinen Augenkontakt halten. So verliert der Waschende tatsächlich sein Gesicht in den Augen des anderen.

Jesus, der Revolutionär, stellt die herkömmlichen Beziehungen auf den Kopf, wenn er den Sklavendienst übernimmt. Da entäüßert er sich selbst, nimmt Knechtsgestalt an (vgl. Phil 2,7) und verliert am Ende doch nicht seinen Status. Nachdem er den Dienst vollendet hat, richtet er sich neu auf. Und dann spricht er seine Jünger in ganz bestimmter Weise an: „Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.“ Kein Zweifel, ohne Frage – das Verhältnis zwischen ihm und seinen Jünger ist klargestellt. Und doch drängt sich die eine Frage auf: Warum diese Revolution? Was ist die Absicht Jesu?

Zurück zum Beginn des Evangeliums, wo es von Jesus heißt: „Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“ Liebe ist ein wunderbares Wort, das man anderen leichtfertig zusprechen kann. Aber Jesu Liebe für die Seinen soll konkret werden – Liebe, die Menschen wirklich ergreift. Ein Herr und Meister kann anderen einen Gefallen erweisen, ihnen seine Gunst erweisen, aber er vermag darin nicht wirklich seine Liebe zu zeigen. Macht und Liebe können schwerlich zusammenwirken, verlangt doch Liebe eine Hingabe, die die eigene Machtstellung preisgibt. So muss sich also Jesus den Jüngern in der Position eines Sklaven nähern, sich selbst erniedrigen, so wie einst die Sünderin, die Jesu Füße salbte. Sie hat damit Vergebung aus dem Munde Jesu erfahren: „Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt.“ (Lk 7,47)

Fußwaschung als Ausdruck von Liebe ist aber nur die eine Hälfte der Revolution. Da heißt es schließlich am Anfang des Evangeliums: „Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging.“ (13,3) Der himmlische Vater hat alle Dinge in Jesu Hände gegeben. Und Jesus vollzieht dies wörtlich, wenn er die Füße seiner Jünger mit seinen eigenen Händen umfasst. Das ganze Leben der Jünger liegt in seiner Hand. Jesus kennt seine Herkunft und seine Zukunft – er kommt von seinem himmlischen Vater und kehrt zurück zu ihm. Sein todgeweihtes Leben ist bestimmt von dieser Gemeinschaft. So hat er auf Erden nichts zu verlieren. Das gibt ihm das Selbstgewissheit, auf revolutionäre Weise an seinen Jüngern zu handeln. Was andere von ihm denken, muss für ihn keine Rolle spielen. Seine Handlungsweise entspricht dem Willen seines himmlischen Vaters und muss damit eben nicht den Erwartungen der Menschen entsprechen. Im menschenunwürdigen Sklavendienst an seinen Jüngern zeigt sich seine ganze göttliche Souveränität.

Wir kennen möglicherweise Vorgesetzten, Führer und Leiter, die auf ihrer formalen Position pochen. Da sie höherrangig sind als die anderen, müssen diese ihnen vorbehaltslos gehorchen. Ihr Status verschafft ihnen scheinbar Autorität und Macht. Aber wehe, wenn ihr Status verlustig geht. Da vollzieht sich für sie ein bodenloser Fall. Von daher sind sie bestrebt, ihre Machtposition abzusichern, ihren Status gegenüber den anderen um jeden Preis aufrecht zu erhalten. Ganz anders Jesus. Er handelt demeigenen Status zuwider, gibt seine Machtposition freiwillig auf, indem er als Sklave handelt: Meine Macht hängt nicht von eurer Akzeptanz oder von eurem Respekt für mich ab. Ich kann selbst bestimmen, wie ich mich zu euch in Beziehung setze. Jesu Autorität als Gottessohn ist so stark, dass er die Erwartungen seiner Jünger nicht erfüllen muss. Er vermag vielmehr die Rolle eines Herrn und Meisters zu unterlaufen, indem er seine Liebe gegenüber den Jüngern mit seinen eigenen Händen ausformt.

Und dann ganz zum Schluss gilt Jesu Botschaft uns: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“ (v 15) Diese Worte laden uns ein, es ihm nachzutun – als Revolutionäre in Sachen Liebe aus dem Rahmen zu treten und etwas völlig Befremdliches zu tun. Dazu müssen wir jedoch wissen, wer wir wirklich sind, nämlich Christi Zugehörige, die berufen sind, es ihm gleich zu tun. Da spielt es dann keine Rolle, was andere von uns denken, solange wir Christus Glauben schenken. Ja, Christen können wirklich seltsame Dinge in dieser Welt tun, müssen sie sich doch nicht deren Regeln und Gepflogenheiten unterwerfen. Es gilt jedoch ein Kriterium: Die seltsame Handlung hat Jesus nachzuahmen, was nichts anderes besagt als dass die göttliche Liebe handgreiflich werden muss.

Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“ Das kann konkret bedeuten: „Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.“ (v 14) Das ist eine Zumutung für uns: Unsere Liebe soll einen anderen Bruder oder eine Schwester berühren, was mehr ist als eine „Liebeserklärung“. In einem weiteren Sinne fordert uns Jesus heraus, aus eingenommenen Positionen auszusteigen, ohne damit von der Rolle zu fallen. Wir dürfen befremdlich handeln, wenn dies anderen Menschen in unerwarteter Weise gut tut. Wer es Jesus nachmacht, kann sein eigenes Gesicht in den Augen des Gottes nicht verlieren. Und das gilt gerade für einen Pfarrer in einer Kirchengemeinde. Der niedrigste Dienst für andere ist geheiligt mit den Worten Jesu: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

Amen.

Predigt über die Versuchung Abrahams bzw. über das Opfer Isaaks (Genesis 22,1-19)

7. April 2011

Kann ich dir wirklich vertrauen? Was wäre, wenn der Gott diese Frage einem von uns stellen würde? Da mag man vielleicht überrascht sein, gehen wir doch in Sachen Gottvertrauen in der Regel von uns selbst aus. Können wir Gott wirklich vertrauen? Aber eigentlich ist die Vertrauensfrage für den Gott selbst entscheidend. Denn bevor wir Geschöpfe uns auf die Gottessuche begeben, hat der Gott Israels, der HERR, schon längst Menschen für sich selbst erwählt. Am Anfang fällt seine Wahl auf Abraham, gefolgt vom Volk Israel. Und schließlich gilt in Jesus Christus seine Wahl auch uns. Damit stellt sich die göttliche Vertrauensfrage von selbst: Kann der HERR Gott eigentlich uns vertrauen?

Zwei Dinge sprechen sich in dieser Vertrauensfrage aus: Menschen, die der Gott auserwählt hat, sind diesem nicht gleichgültig. Sie sind kein Spielzeug seines Willens, einmal in die eigene Hand genommen, und dann nach kurzem Gebrauch achtlos zur Seite gelegt. Ihr seid mir bitter ernst mit meiner Erwählung, also frage ich mich: Kann ich euch wirklich vertrauen? Und noch ein Zweites zeigt sich mit dieser Vertrauensfrage: Der Gott manipuliert nicht unser Leben. Auch wenn wir als die Auserwählten in Gottes Hand sind, so agieren wir nicht als Handpuppen einer göttlichen Willkür. Wäre unser eigenes Leben nichts anderes als ein göttliches Puppenspiel, würde sich eine göttliche Vertrauensfrage erübrigen.

Die göttliche Frage, ob wir IHM wirklich treu sind, mag uns nicht ohne weiteres schmecken. Sie kann gar unser eigenes Misstrauen hervorrufen: Warum will denn dieser Gott wissen, ob wir ihm treu sind. Glaubt er uns etwas nicht? Will er uns jetzt auf die Probe stellen? In der Tat bedingt die göttliche Erwählung eine menschliche Erprobung: Du bist meine Wahl, ich habe mich für Dich entschieden; ich will sehen, ob du meiner Entscheidung Dein Vertrauen schenken kannst. So sind Menschen vom HERRN immer wieder auf die Probe gestellt worden. Und der erste, der solch eine Vertrauensprüfung zu bestehen hatte, war Abraham.

Mit einem göttlichen Anspruch seines Namens beginnt die Versuchung des Abrahams: Abraham! Wo der eigene Namen fällt, gibt es kein Weghören. Also antwortet der Angesprochene aufmerksam: Hier bin ich. Da trifft ihn die göttliche Stimme mitten ins Mark: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

Der Atem stockt – das darf nicht wahr sein, das kann er doch nicht verlangen, nicht mit mir, meinen Sohn gebe ich nicht her. So denkt sich unsere empörte Reaktion. Aber von all dem lesen wir in der Bibel nichts. Da heißt es vielmehr: „Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.

Scheinbar emotionslos gehorcht Abraham und bereitet den geforderten Opfergang sorgfältig vor. Er macht sich auf den Weg, wie einst bei seiner Berufung in Haran, wo er auf ein göttliches Wort hin seine angestammte Heimat verließ und in ein unbekanntes Land, Kanaan, zog. Fünfundsiebzig Jahre alt war er damals schon, als er mit seiner Frau Sara und seinem Neffen Lot gemeinsam aufbrach.

Nun heißt es also noch einmal aufbrechen. Für den uralten Abraham steht ein langer Marsch an. Und diesmal wird sich vor ihm kein gelobtes Land auftun. Vielmehr führt dieser Gang auf ein Ziel hin, wo ihm alles genommen werden soll. Unmöglich, das geht nicht. Doch wenn wir in der biblischen Geschichte zurückgehen, zeigt es sich, dass Abrahams Gehorsam kein Fatalismus ist. Da fügt sich der göttliche Anspruch in eine Vertrauensgeschichte ein, die schon mehr als 30 Jahre währt. Abraham kennt seinen HERRN, wie sonst könnte er ihm jetzt vertrauen.

Als der HERR ihm und seiner Frau Sara, beide in einem hochbetagten Alter, die Geburt eines gemeinsamen Sohnes zugesagt hatte, da konnte sich Abraham ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen: „Soll mir mit hundert Jahren ein Kind geboren werden, und soll Sara, neunzig Jahre alt, gebären?“ (Gen 17,17; vgl. 18,13). Da tritt jedoch das göttliche Gegenwort gegen dieses Lachen an: „Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“ (Gen 18,14) Und siehe da, wider alle Natur wird Isaak geboren.

Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“ Das göttliche Fremdwort wird mit der Geburt des Isaaks zum eigenen Vertrauenssatz, das Lachen zum Eigenname: „Isaak“ bedeutet „er lacht“. Als Abraham erneut der Stimme des HERRN folgt, ist ihm das Lachen vergangen. Und doch zeigt er sich nicht schicksalsergeben, „Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“ Der Herr kann von mir Unmögliches verlangen, weil IHM selbst nichts unmöglich ist.

Als sie am dritten Tage den Fuß des Berges Morija (»wo [Gott] gesehen wird«) erreicht haben, weist Abraham seine Knechten an: „Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.“ Da stehen die letzten Schritte zur Opferung des Sohnes an; und dennoch kündigt Abraham den unwissenden Knechten die Rückkehr mit seinem eigenen Sohn an: „Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?

Die Gefahrgüter Feuer und Messer nimmt Abraham selbst in die Hand; das Feuerholz vertraut er hingegen seinem Sohn Isaak an. Beim Aufstieg kommt Isaak die Frage: Mein Vater! Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Was vermag der Vater darauf zu antworten? Er spricht das schier Unglaubliche aus: „Mein Sohn, der Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Ja, dem HERRN ist nichts unmöglich. Abraham geht aufs Äußerste, zusammen mit seinem unwissenden Sohn. Nachdem beide auf der Bergkuppe die Opferstätte erreicht haben, spitzt sich das Geschehen in unerträglicher Weise zu: „Und als sie an die Stätte kamen, die ihm der Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

Abraham, wie kannst Du nur Hand an deinen eigenen Sohn legen? Die drohende Kindstötung erfasst uns mit Schrecken. Menschenopfer kann und darf doch niemand fordern. Da ruft der Bote des HERRN vom Himmel herab: „Abraham! Abraham! Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts.“ Der HERR hat schon längst zuvor einen Widder als Opfertier ersehen. Und siehe da, Abraham erblickt hinter sich den Widder, der sich mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hatte, und er „ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.“

Der HERR selbst hat das Opfer ersehen, das Abraham mit seinem Sohn Isaak leben lässt. In der Tat, der HERR vermag von Menschen wie Abraham Unmögliches verlangen, weil IHM selbst nichts unmöglich ist. Und doch die Rückfrage, nachdem ein Widder geopfert und zwei Menschen unversehrt zurückkehren: Was hat dieses Schauspiel auf Leben und Tod gebracht – außer Furcht und Zittern?

Gewonnen hat nicht der Mensch, sondern der HERR, der dem Abraham zusagt: „Nun weiß ich, dass du den Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.“ Abraham, der Vater des Glaubens, hat seinen Sohn nicht für sich selbst behalten. Da waren für ihn alle Verheißungen, die ganze Lebenszukunft in Isaak zusammengefasst; und doch hat sich Abraham daran nicht festgemacht. Was ihm der HERR gegeben hat, kann er zurückgeben, um IHM treu zu bleiben. Da stimmt er auf dem Berg Morija in Hiobs durchlittenes Bekenntnis ein: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“ (Ijob 1,21) Doch bevor der HERR sich das Leben des Isaak nimmt, gibt ER ihm seinem Vater zurück.

Auf dem Berg Morija haben der Gott und Abraham für immer zueinander gefunden. So wird Abraham zum Vater des Glaubens geadelt und erhält die himmlische Verheißung mit einem göttlichen Schwur zugesagt: „Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.“

Wer an den HERRN glaubt, muss nicht mit dem eigenen Leben oder dem seiner Kinder bezahlen. Das Opfer, das ausersehen worden ist, sind nicht wir, sondern der Gottessohn. Kann ich dir wirklich vertrauen? Da mag es für Menschen hier unter uns Zeiten und Situationen geben, wo ihr eigenes Gottvertrauen bis aufs Äußerste strapaziert wird, wo Dinge geschehen, die für andere untragbar erscheinen. Doch wenn da im eigenen Leben tatsächlich eine göttliche Prüfung ansteht, eine Prüfung, die über die eigenen Kräfte zu gehen scheint, dann ist diese Versuchung immer von der göttlichen Erwählung umschlossen. Die Absicht einer göttlichen Schicksalsprüfung ist nicht das Scheitern, sondern das Vertrauen, wo die Menschenbitte „führe mich nicht in die Versuchung“ zur durchlittenen Gottesbitte wird: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erde.“ Ja, „in deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.“ (Psalm 31,6).

Amen.

Predigt über Matthäus 24,1-14 aus Anlass der Erdbeben- und Reaktorkatastrophe in Japan

20. März 2011

Liebe Schwestern und Brüder,

da liegt nun eine besondere Woche hinter uns. Am vergangenen Sonntag hatten wir zu Beginn des Gottesdienstes für die Opfer von Erdbeben und Tsunami gebetet; und in unserem Gebet fiel schon das schreckliche Wort „Super-Gau“: „Wir bitten darum, dass der nukleare Super-Gau abgewandt werden kann, dass Land und Wasser nicht radioaktiv verstrahlt werden.“ Das war nun eine Woche des Ringens und Bangens mit den Menschen in Japan, mit stündlich neuen Nachrichten, die immer wieder neues Entsetzen auch bei uns ausgelöst hatten. Da haben sich in dieser vergangenen Woche mehr als nur eine Handvoll Vöhringer jeden Tag bei uns in der Martin-Luther-Kirche zum abendlichen Bittgebet eingefunden. Mitten unter der Woche waren die Reihen hier voll. Und die Orgel wusste die bedrückende Stimmung aufzunehmen. Wir waren an den Geschehnissen dran, und wir haben als evangelische Gemeinde gezeigt, dass wir beten können. Ich bin stolz auf euch. Ihr habt mit eurer Teilnahme gezeigt, dass menschliches Unheil und Lebensgefahr in anderen Teilen der Welt hier bei uns nicht einfach nur zur Kenntnis genommen oder gar ignoriert wird. Da war kein gottloses Stoßseufzen zu hören: „Gott sei Dank nicht bei uns“.

Nach dieser Woche Beten fühle ich mich ermüdet und ausgelaugt. Und doch scheint es ja Hoffnungszeichen in Japan zu geben. Vielleicht war ja das Beten doch nicht vergeblich. So haben wir das abendliche Bittgebet für Japan für die nächsten Tage ausgesetzt, in dem Bewusstsein jedoch, dass bei möglichen neuen, alarmierenden Nachrichten aus Japan wir jederzeit uns in dieser Kirche wieder einfinden werden. Dem Schicksal werden wir uns auch in Zukunft nicht geschlagen geben.

Am letzten Donnerstag hat unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung im Bundestag im Bezug auf Japan gesagt: „Die Katastrophe in Japan hat ein geradezu apokalyptisches Ausmaß“. Was sie damit gemeint hat, erschließt sich im Evangelium, wo Jesus Christus seinen Jüngern ankündigt: Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen. (Mt 24,6-8)

Ja, in der Bibel finden sich dramatische Voraussagen für die Zukunft, wo die ganze Schöpfung in Mitleidenschaft gezogen wird. Da regnet es Feuer vom Himmel, da verfinstern sich Sonne und Mond, da verheeren Kriege die Länder, die zittert und bebt die ganze Erde, da reißt die Erde auf, da spuken Vulkane Feuer und Asche.

Wer von Apokalypse spricht, scheint den Weltuntergang zu meinen. Und den können sich Menschen mit ihrem Kopfkino drastisch ausmalen. Da weiß Hollywood mit Steven Spielberg oder Roland Emmerich ganze Filmleinwände damit zu füllen. Kommt es zum Weltuntergang oder nicht? Können wir ihn doch noch abwenden?

Wer so von Apokalypse redet, verfehlt jedoch das biblische Zeugnis. Denn Apokalypse steht für „Enthüllung“ bzw. „Offenbarung“. Das griechische Wort „apokalypsis“ findet sich zu Beginn des letzten biblischen Buches, die ja „Die Offenbarung des Johannes“ betitelt ist. Und in der Tat werden dort kommende Katastrophen aus einer Himmelsschau heraus geschildert. So hat sich also das Wort „Apokalypse“ an Katastrophen festgemacht.

Aber wenn wir beim biblischen Zeugnis bleiben, dann steht Apokalypse nicht für den Weltuntergang, sondern für eine zugegebenermaßen katastrophale Enthüllung Jesu Christ, so wie es nämlich zu Beginn der Offenbarung ausgesprochen ist: „Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm der Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll.“ (Offb 1,1)

Das Ziel dieser Offenbarung Jesus Christi ist nicht etwa der Weltuntergang, sondern die Neuwerdung von Himmel und Erde – in der Gemeinschaft und Gegenwart des dreieinigen Gottes. Da geht es um das göttliche Zuhause für die Schöpfung. Man könnte auch von einer Neugeburt sprechen, schließlich bezeichnet Jesus die Katastrophen wie Hungersnöte und Erdbeben als den Anfang der Wehen“ (Mt 24,8). Als wenn die irdischen Katastrophen die Gebärschmerzen eines neuen Himmels und einer neuen Erde wären.

Die Apokalypse Jesu Christi ist eine weltergreifende Kampfansage gegen falsche Sicherheiten und todgeweihten Herrschaften, all das, worauf sich Menschen in ihrem Leben verlassen. Da wird die Schöpfung in Mitleidenschaft gezogen, und zwar in solch drastischer Weise, dass eben kein einfaches Weiterleben mehr geben kann. Und zugleich spannt sich unsere Lebenszukunft in einer ganz neuen Weise auf. Denn das Leiden und Sterben Christi hat den Weltuntergang durchbrochen. Wir schauen auf das Kreuz und hören sein „Es ist vollbracht!“ Sünde und Tod sind durch seinen Tod besiegt, der schicksalhafte Weltuntergang hat nicht das letzte Wort.

Im Angesicht des Kreuzes verlassen wir Christen uns eben nicht darauf, dass es mit uns, mit unserer Familie, mit unserem Land oder gar mit der Welt irgendwie weitergeht. Wir verlassen uns nicht auf die unbestimmte Zukunft, sondern vertrauen darauf, dass durch alle Katastrophen hindurch die Offenbarung Jesu Christi das letzte Wort haben wird, wie es ja am Ende der Bibel heißt: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und der Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb 21,1-4)

Wir haben am letzten Donnerstag und Freitag auf der Wiese hinter dem Parkplatz fünf Obstbäume gepflanzt. Da mag manchem der Spruch einfallen: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der Spruch stammt zwar nicht von Martin Luther, wie so oft behauptet, aber er spricht dennoch für das Vertrauen, das wir Christen für die Zukunft haben dürfen. Wir haben nichts verloren und werden auch nichts verlieren, was nicht schon längst durch Christus gewonnen ist.

Amen.

Predigt über Jona 2 im Angesicht der Erdbeben-, Tsunami- und Reaktorkatastrophe in Japan

18. März 2011

Predigt über Jona 2 im Angesicht der Erdbeben-, Tsunami- und Reaktorkatastrophe in Japan am Freitag, 19. März in der Martin-Luther-Kirche in Vöhringen

Liebe Schwestern und Brüder,

Wir beten nunmehr schon seit Sonntag für die Opfer der Katastrophe in Japan, mehr als die drei Tage, die der Prophet Jona im Bauch des Fisches zugebracht hatte. Wir sind mit unserer eigenen Seele noch immer tief unten. Und doch sind im Unterschied zu den Menschen in Japan unsere eigenen Leiber und Leben geschützt, als hätte der HERR uns im Meer einen Fisch zukommen lassen. Im Bauch des Fisches paaren sich leibliche Geborgenheit und Lebensangst. Da sinkt die Seele immer noch hinunter in eine scheinbar bodenlose Tiefe, die Jona mit verzweifelten Worten ausruft:

4 Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, 5 dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. 6 Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt. 7 Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.

Ja, dieser Tiefe gegenüber gibt es kein Entkommen, ein fahrlässiges „es kann nur noch besser werden“ oder „es wird schon wieder“. Da mögen manche vielleicht mittlerweile schon abschalten, sich den kleinsorgigen Alltag herbeiwünschen. Und doch wäre das jetzt nichts anderes als stummer Fatalismus, wo sich das eigene Leben abstumpfen muss.

Der Prophet Jona, so uneinsichtig und verstockt er ja im Bauch des Schiffes gewesen ist, wird im Bauch des Fisches zum leidenschaftlichen Beter. Wo die Seele sinkt, steigen seine Worte auf: „Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.

Solange der Mensch zum HERRN betet, erstirbt nicht seine Hoffnung. Solange wir hier in Vöhringen jeden Abend für Japan beten, geben wir uns eben nicht schicksalsgeschlagen. Als Christen wagen wir den Aufstand gegen den Tod. Denn schließlich entschlüsselt sich das Zeichen des Jonas auf Jesus Christus: „Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Mt 12,40)

Da wissen wir immer noch immer nicht, ob die Katastrophe in Japan schon die letzte Erdtiefe erreicht hat, und doch muss der Schoß der Erde die Lebenden, die Toten, und auch die Todgeweihten schlussendlich freigeben.

So beten wir schon jetzt mit dem Propheten Jona zum HERRN: „Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott!“ und fragen dennoch: Wann, nur wann wird der Fisch das Leben an sicheres Land ausspeien?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Eine zweite Predigt zur Erdbeben-, Tsunami- und Reaktorkatastrophe in Japan

16. März 2011

Eine zweite Predigt zur Erdbeben-, Tsunami- und Reaktorkatastrophe in Japan (Nahum 1,2-9 + Lukas 21,5-11.25-33), gehalten am Mittwoch, den 16. März 2011, in der Martin-Luther-Kirche in Vöhringen/Iller

Rundfunk, Fernsehen, Internet lassen uns nicht los, bringen ein fremdes Land in die Schlagzeilen, zeigen asiatische Gesichter hinter Gesichtsmasken, scheinbar immer noch erstaunlich gefasst und kontrolliert. Die Bilder in Japan wecken bei mir eigene Katastrophenerinnerungen – vor acht Jahren in Hongkong, als die SARS-Virusgrippe eine ganze Stadt in Angst und gesichtsmaskenversteckten Schrecken versetzt hat.

Und doch kann ich jetzt nicht die Angst vor einer drohenden Verstrahlung am eigenen Leibe nachfühlen, auch kann ich nicht nachvollziehen, wenn Menschen vor den Trümmern des eigenen Lebenswerkes stehen und gar auf der Flucht sind. Da ist vielmehr das beklemmende Gefühl, eine weinerliche Trauer; da überkommen mich immer wieder Wutanfälle.

Wo sind nun unsere Tränen, wo die Verzweiflung? Und wo das ohnmächtige Fasten und die Buße, das sich dem Unheil entgegenwirft? Da hat doch unsere menschliche Technik versagt. Da kommen gegenwärtig alle menschenmöglichen Versuche einer Schadensbegrenzung gegen glühende Reaktorstäbe nicht mehr an. Da muss ein Volk von mehr als 120 Millionen eine lebensbedrohliche Katastrophe über Stunden, Tage, ja vielleicht Wochen fast wehrlos aushalten.

Europa ist sicher! Also können wir uns schon jetzt über die Risiken und Nebenwirkungen der Atomkraft unterhalten, als ginge es um einen Beipackzettel für Tabletten. Da wird man als Pfarrer gefragt, wie man es denn mit der Atomkraft hält. Da dürfen Politiker, Wissenschaftler, sonstige Experten, ja Kirchenleitungen mit eigenen Statements als Sicherheitsagenten tätig werden: Abschalten sofort, Vorübergehend vom Netz nehmen, nur Alt-AKWs oder auch die neuen.

Die gegenwärtige politische Diskussion mit allen den Handlungsoptionen dient allzu schnell der eigenen Katastrophenverdrängung. Da wird noch einmal mit Fehleranalysen, Risikoneubewertungen und Handlungskonzepte der Eindruck erweckt, wir Menschen kriegen mit unserer Technik diese Welt und unsere Zukunft doch wieder in den Griff, zumindest hier bei uns in Europa.

Dabei hat ja das Unglück in einer Tiefe angefangen, wo wir Menschen kaum ein Zugang haben und schon gar nichts entgegenzustemmen haben. Dort wo sich Erdplatten verschieben, kann es tatsächlich zu apokalyptischen Katastrophen kommen. Da enthüllt sich die Tiefe erdrisstief. Da scheinen sich die prophetische Worte aus dem Buch Nahum zu bewahrheiten: „Die Berge erzittern vor ihm, und die Hügel zergehen; das Erdreich bebt vor ihm, der Erdkreis und alle, die darauf wohnen. Wer kann vor seinem Zorn bestehen, und wer kann vor seinem Grimm bleiben? Sein Zorn brennt wie Feuer, und die Felsen zerspringen vor ihm.“ (Nahum 1,5f)

Da hören wir Jesu Worte über die Endzeiten und sie klingen, als wären sie uns gerade jetzt zugesagt: „Es werden geschehen große Erdbeben und hier und dort Hungersnöte und Seuchen; auch werden Schrecknisse und vom Himmel her große Zeichen geschehen. Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.“ (Lukas 21,11.25f).

Ja, in der Tat, unsere Zukunft birgt mehr als nur die Sterbenswörtchen „Asche zu Asche, Staub zu Staub.“ Das ganze Gehäuse menschlichen Lebens mit Hoch- und Reihenhäusern, Einkaufszentren, Bürogebäuden, Fuhrparks, Infrastrukturen, all das was sich im Schadensfall mit Geldwerten abstrakt beziffern lässt, ist nicht für die Ewigkeit bestimmt.

Weltuntergangsstimmung? Schrecken der Endzeit? Da haben wir Geigenzähler und Atomuhren, aber keine Endzeitmesser zur Hand. Da mögen unserer Tage gezählt sein und doch können und sollen wir sie nicht an unseren zwei Händen fingerfertig abzählen. Da steht noch ein göttliches Gegenwort nach der Sintflut im Raum: „Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1Mose 8,21f) Und da hören wir im schlimmsten Fall eine Zusage Christi, die bereits der Erde den Tod entrissen hat: „Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Jochen Teuffel

16. März 2011

Eine erste Predigt zur Erdbeben-, Tsunami- und Reaktorkatastrophe in Japan

14. März 2011

Katastrophenpredigt über das dritte Kapitel beim Propheten Habakuk (3,1-11.16-19), gehalten am 14. März 2011

Dies ist das Gebet des Propheten Habakuk, nach Art eines Klageliedes:

HERR, ich habe die Kunde von dir gehört, ich habe dein Werk gesehen, HERR!

Mache es lebendig in naher Zeit, und lass es kundwerden in naher Zeit. Im Zorne denke an Barmherzigkeit!

Gott kam von Teman und der Heilige vom Gebirge Paran. SELA.

Seines Lobes war der Himmel voll, und seiner Ehre war die Erde voll.

Sein Glanz war wie Licht; Strahlen gingen aus von seinen Händen. Darin war verborgen seine Macht.

Pest ging vor ihm her, und Seuche folgte, wo er hintrat.

Er stand auf und ließ erbeben die Erde; er schaute und ließ erzittern die Heiden.

Zerschmettert wurden die uralten Berge, und bücken mussten sich die uralten Hügel, als er wie vor alters einherzog.

Ich sah die Hütten von Kuschan in Not und die Zelte der Midianiter betrübt.

Warst du zornig, HERR, auf die Flut? Entbrannte dein Grimm wider die Wasser und dein Zorn wider das Meer, als du auf deinen Rossen rittest und deine Wagen den Sieg behielten?

Du zogst deinen Bogen hervor, legtest die Pfeile auf deine Sehne. SELA.

Du spaltetest das Land, dass Ströme flossen, die Berge sahen dich und ihnen ward bange.

Der Wasserstrom fuhr dahin, die Tiefe ließ sich hören.

Ihren Aufgang vergaß die Sonne, und der Mond stand still;

beim Glänzen deiner Pfeile verblassen sie, beim Leuchten deines blitzenden Speeres. […]

Weil ich solches höre, bebt mein Leib, meine Lippen zittern von dem Geschrei.

Fäulnis fährt in meine Gebeine, und meine Knie beben.

Aber ich will harren auf die Zeit der Trübsal, dass sie heraufziehe über das Volk, das uns angreift.

Da wird der Feigenbaum nicht grünen, und es wird kein Gewächs sein an den Weinstöcken.

Der Ertrag des Ölbaums bleibt aus, und die Äcker bringen keine Nahrung;

Schafe werden aus den Hürden gerissen, und in den Ställen werden keine Rinder sein.

Aber ich will mich freuen des HERRN und fröhlich sein in Gott, meinem Heil.

Denn der HERR ist meine Kraft, er wird meine Füße machen wie Hirschfüße und wird mich über die Höhen führen.

Das ist im wahrsten Sinne erschütternd, ein Erdbeben lässt einen den Boden unter den Füßen verlieren. Da gibt es kein Halten mehr. Die Lebensangst, die die Menschen entlang der Ostküste Japans seit dem vergangenen Freitag am eigenen Leib erfahren haben, übersteigt für die meisten von uns jegliche Vorstellung. Lebenswelten sind innerhalb von Sekunden zusammengebrochen. Und nicht nur die Seele hat ihr Dach über dem Kopf verloren.

Nicht genug! Wie aus dem Nichts wirft sich die Meeresflut ins Land, spült weg, entreißt dem Boden alles, was sich ihr entgegenstellt. Was Menschen über Jahrzehnte für sich aufgebaut und geschaffen haben, wird zum Spielzeug der Wellen. Und dann nimmt sich das Wasser auch noch das Leben von tausenden Menschen – als würden Wasserzungen nach immer neuen Menschenopfern lechzen.

Nicht genug! Da brennen die Sicherungen in Atomkraftwerken durch. Kühlungen versagen, Brennstäbe erhitzen sich, Reaktorgebäude explodieren, radioaktive Wolken machen sich auf den Himmelsweg. Als würde die Macht der irdischen Tiefe der menschlichen Technik höhnisch entgegenrufen: Glaubt ihr wirklich, ihr hättet uns irdische Gewalten wirklich im Griff?

Weil ich solches höre, bebt mein Leib, meine Lippen zittern von dem Geschrei. Fäulnis fährt in meine Gebeine, und meine Knie beben.“ Der Prophet Habakuk betet als Mitgenommener. Vor seinem Gesicht erbebte die Erde, wurden uralte Berge zerschmettert, mussten sich uralte Hügel bücken, nahm der Wasserstrom seinen Weg landeinwärts.

Er geht seinen Gott an: „Warst du zornig, HERR, auf die Flut? Entbrannte dein Grimm wider die Wasser und dein Zorn wider das Meer, als du auf deinen Rossen rittest und deine Wagen den Sieg behielten? Du zogst deinen Bogen hervor, legtest die Pfeile auf deine Sehne. SELA. Du spaltetest das Land, dass Ströme flossen, die Berge sahen dich und ihnen ward bange. Der Wasserstrom fuhr dahin, die Tiefe ließ sich hören. Ihren Aufgang vergaß die Sonne, und der Mond stand still.

Da sieht er seinen Gott im Kampf mit den Urgewalten. Und dieser Machtkampf geht hin und her, die Urgewalten geben sich nicht geschlagen, sondern schlagen vielmehr selbst zurück. In diesem Kampf treffen die göttlichen Pfeile schließlich auch menschliches Leben.

Nein, so wollen wir unseren Gott nicht sehen, lieber weit ganz weit weg vom Schauplatz des Geschehens in Japan. Der HERR an den Rande des Alls verbannt, und die Menschen hilflos am Rettungswerk – sie bergen die toten Opfer.

Dem Propheten bebt sein Leib und seine Lippen zittern vor Geschrei. Wird es nicht doch noch einen Sieg des HERRN geben? Kann nicht doch noch der Tod besiegt werden? Muss nicht doch noch das Meer die Toten herausgeben (vgl. Offenbarung 20,13)?

Am Ende der Offenbarung hört der Seher Johannes „eine große Stimme vom Thron her, die sprach:  Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, der Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und der Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,3-5)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Jochen Teuffel

Predigt über Psalm 65 aus Anlass des Tags der Deutschen Einheit

8. Oktober 2009

Psalm 65,2 Auf dem Berg Zion kann man dir, o Gott, begegnen: wenn man dich still anbetet, dir Loblieder singt und das einlöst, was man dir versprochen hat.

3 Weil du Gebete erhörst, kommen die Menschen zu dir.

6 Gott, du bist treu! Mit gewaltigen Taten antwortest du uns, wenn wir deine Hilfe brauchen. Du bist die Hoffnung aller Völker bis in die fernsten Länder.

7 Mit deiner Kraft hast du die Berge gebildet, deine Macht ist allen sichtbar.

8 Du besänftigst das Brausen der Meere, die tosenden Wellen lässt du verstummen; ja, auch die tobenden Völker bringst du zum Schweigen.

9 Alle Bewohner der Erde erschrecken vor deinen Taten, vom Osten bis zum Westen jubeln die Menschen dir zu.

10 Du sorgst für das ganze Land, machst es reich und fruchtbar. Du schenkst Wasser im Überfluss, deshalb wächst Getreide in Hülle und Fülle.

11 Du feuchtest das gepflügte Land und tränkst es mit Regen. Das ausgedörrte Erdreich weichst du auf, und alle Pflanzen lässt du gedeihen.

12 Du schenkst eine reiche und gute Ernte – die Krönung des ganzen Jahres.

13 Selbst die Steppe fängt an zu blühen, von den Hügeln hört man Freudenrufe.

14 Dicht an dicht drängen sich die Herden auf den Weiden, mit wogendem Korn bedecken sich die Täler. Alles ist erfüllt von Jubel und Gesang.

Als im Herbst 1989 das kommunistische Regime in der DDR zusammenbrach, gab es einen wahren Freudenrausch, insbesondere in Ostdeutschland. 20 Jahre später gibt es ein intensives Gedenken und Feiern, aber in der Bevölkerung scheint sich die Ernüchterung in Sachen wiedervereinigtes Deutschland breit gemacht zu haben. Die Wahlbeteiligung zur Bundestagswahl betrug nur noch 70 % – ein neuer Tiefstand. Politik ist offensichtlich ein undankbares Geschäft. Politiker bedanken sich bei den Wählern, aber die Wähler nicht bei Politikern. In Sachen Politik – insbesondere Parteien und parlamentarische Demokratie – zeigt sich viel Enttäuschung und Verdrossenheit, die sich wiederum in Klagen und Beschwerden über „die da oben“ ausspricht.

Die allgemeine Klage über Politik in Deutschland zeigt an, dass wir als Bürgerinnen und Bürger mit unseren Heilserwartungen die Politik überfordern. Im Wettbewerb um Wählerstimmen schreiben sich Parteien eine Handlungsmächtigkeit zu, die mit den eigenen Entscheidungen und Programmen niemals eingelöst werden kann. Unser Wohlbefinden auf Erden lässt sich eben nicht politisch realisieren. Der Wohlfahrtsstaat mag unserem Wohlbefinden dienen, kann es jedoch nicht gewährleisten. Es herrscht eine hoffnungslose Überforderung der Politik, die unweigerlich in die Politikverdrossenheit führen muss. Wo wir als Bürger dank überzogener Erwartungen enttäuscht werden, suchen wir nach den Schuldigen, die es unter uns nicht wirklich gibt.

In der Politik kann es kaum Loben und Danken geben, weil das Fehlende beklagt, aber nie das Gute festgehalten werden kann. Der politische Diskurs und Streit lebt aus Defizitwahrnehmungen. Da werden Dinge in den Raum gestellt, die sich unbedingt ändern müssen. Und so wird ab Morgen Zeitungen, Internet und Fernsehen voll von dem sein, was sich bitteschön ändern muss. Da ist es gut, wenn der Psalm 65, den wir gehört haben, eine ganz andere Sprache spricht.

Auf dem Berg Zion kann man dir, o Gott, begegnen: wenn man dich still anbetet, dir Loblieder singt und das einlöst, was man dir versprochen hat. Weil du Gebete erhörst, kommen die Menschen zu dir. Gott, du bist treu! Mit gewaltigen Taten antwortest du uns, wenn wir deine Hilfe brauchen. Du bist die Hoffnung aller Völker bis in die fernsten Länder. Alle Bewohner der Erde erschrecken vor deinen Taten, vom Osten bis zum Westen jubeln die Menschen dir zu. Du sorgst für das ganze Land, machst es reich und fruchtbar. Du schenkst eine reiche und gute Ernte – die Krönung des ganzen Jahres. Selbst die Steppe fängt an zu blühen, von den Hügeln hört man Freudenrufe. Alles ist erfüllt von Jubel und Gesang.

Eine starke Sprache, besser ein philharmonische Freudenkonzert: Du bist die Hoffnung aller Völker, was hier unter uns gewachsen ist, verdankt sich Dir, Herr, und nicht menschlicher Mühe oder Entscheidung. Dank wird für das ausgesprochen, was uns unverdientermaßen zukommt, aus der Hand des Gottes und Vaters Jesu Christi. Wer dankt, weiß selbst zu identifizieren, was einem gegeben ist. Ohne Dank hingegen sind alle Dinge gleichgültig. Und das Streben gilt dem Zusätzlichen, dem was zum eigenen Glück scheinbar noch fehlt.

Das Geheimnis des Gotteslobes ist nun, dass man über sich hinaus hinausgeht: Loben ist erhebend, ohne damit jedoch blind zu sein für das was um einen herum geschieht. Im Chor mit Klagen verlieren sich nie Erwartung und Hoffnung gegenüber dem Herr Gott, so wie dies in einem weiteren Psalm 73 zur Sprache kommt: „Jetzt aber bleibe ich immer bei dir, und du hältst mich bei der Hand. Du führst mich nach deinem Plan und nimmst mich am Ende in Ehren auf. Herr, wenn ich nur dich habe, bedeuten Himmel und Erde mir nichts. Selbst wenn alle meine Kräfte schwinden und ich umkomme, so bist du doch, Gott, allezeit meine Stärke – ja, du bist alles, was ich habe!“ (vv. 23-26)

Wer den Herrn lobt, nimmt mit seinem eigenen Leben Platz bei ihm. Wo aber der Herr Gott uns nicht gegenwärtig ist, legt sich die Nacht schlussendlich über unser Leben; da wird es am Horizont schwarz. Denn wer nicht an den Gott und Vater Jesu Christi glaubt, kann nichts über das eigene Leben, so wie es uns auf Erden zugänglich wird, hinaus erwarten. Da muss es mit uns unter allen Umständen gut gehen. Politik als Ersatzreligion versumpft in der selbstgefälligen Klage.

Ich habe die Bundesflagge mitgebracht. Die Schwarz-Rot-Goldene Trikolore ist eigentlich eine Hoffnungsfahne der Burschenschaftsbewegung, erwachsen aus den Befreiungskriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie folgt einer besonderen Farbenlehre, die sich in einem Salonlied ausspricht:

Über unserem Vaterland ruhet eine schwarze Nacht,

und die eigene Schmach und Schande hat uns diese Nacht gebracht.

Und es kommt einmal ein Morgen, freudig blicken wir empor:

Hinter Wolken lang verborgen, bricht ein roter Strahl hervor.

Und es zieht durch die Lande überall ein goldnes Licht,

das die Nacht der Schmach und Schande und der Knechtschaft endlich bricht.

Schwarz – Rot – Gold. Mit der allgemeinen Klage über unsere Politik wird die Farblehre in das Gegenteil verkehrt. Die Vergangenheit war golden, seien es die Wirtschaftswunderjahre in Westdeutschland, heute müssen wir Opfer bringen, Rot für Rotstift, und in der Zukunft wird es dann ganz schwarz.

Ursprünglich ging die Farbordnung „schwarz-rot-gold“ von unten nach oben. Die Fahnen auf dem Hambacher Fest im Jahre 1832 sind noch mehrheitlich in der burschenschaftlichen Reihenfolge „schwarz-rot-gold von unten“ zu sehen.

In der Kirche macht gerade diese Farbanordnung Sinn. Und so dürfen wir an diesem Ort die Bundesflagge auf den Kopf stellen. Wir Menschen sind selbst von Natur aus Schwarzseher, das lebensentscheidende Opfer müssen wir selbst nicht erbringen, ist es doch von Jesus Christus vollbracht, die Himmelszukunft ist golden. Und wenn wir jetzt schon loben und danken, sind wir damit in der lebenserfüllenden Gottesgegenwart. Dann streift das Goldene bereits unser eigenes Leben:

Auf dem Berg Zion kann man dir, o Gott, begegnen: wenn man dich still anbetet, dir Loblieder singt und das einlöst, was man dir versprochen hat. Weil du Gebete erhörst, kommen die Menschen zu dir. Gott, du bist treu! Mit gewaltigen Taten antwortest du uns, wenn wir deine Hilfe brauchen. Du bist die Hoffnung aller Völker bis in die fernsten Länder.

Amen.


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