Archiv für die Kategorie ‘Protestantismus und Religionismus’

Einen Gott, den man sich denken kann, …

21. April 2012

In einem Artikel in der WELT vom 19. April 2012 wird der Frage nachgegangen, warum so wenige Ostdeutsche an einen Gott glauben. Der Studie Beliefs about God across Time and Countries von Tom W. Smith (NORC/University of Chicago) zufolge gilt Ostdeutschland als die Region mit der höchsten Atheismusdichte. In einen WELT-Interview macht Martin Mosebach hierfür nicht nur das Erbe der DDR, sondern auch Preußen und schließlich die Reformation mit dafür verantwortlich.

Was in der Tat mit von Bedeutung ist, ist der Verlust der liturgischen Praxis im Protestantismus. Der theologische Liberalismus mit seinem neuplatonischen Gottdenken propagiert ein aszetikfreies, aliturgisches und damit auch asoziales Christentum. Was selbst gedacht werden kann, muss eben nicht gemeinschaftlich ge­hört oder getan werden (siehe dazu auch meinen FAZ-Artikel “So hat es Luther nicht gemeint“. Jeder liberaltheologische Versuch, das Christentum in der Gesellschaft “hermeneutisch” zu plausiblisieren, arbeitet einer liturgischen Erneuerung der Kirche entgegen.

Was der zunehmende Atheismus in Deutschland überzeugend demonstriert, ist die allgemeine Bedeutungs- und Hoffnungslosigkeit einer liberalprotestantischen Gottesideologie: Einen Gott, den man sich denken kann, kann man sich schenken.

Geist des frühen Christentums

26. Februar 2012

Bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ist immer noch das Buch “Der Geist des frühen Christentums” von Robert L. Wilken lieferbar. Es handelt sich dabei um eine gelungene Einführung in die Lehre der Kirchenväter mit kritischen Anfragen an eine akademische Gelehrtenwelt, der die liturgische Gemeinschaft fehlt. Eine ausführliche Rezension aus der F.A.Z. findet sich hier. In First Things hat Wilken einen instruktiven Artikel veröffentlicht: The Church’s Way of Speaking.

Scheidender Landesbischof übergibt Kirche in “sehr gutem Zustand”

21. Oktober 2011

So lautet die Schlagzeile einer Meldung des epd – Landesdienst Bayern vom 23.9. In der Tat nimmt man da Bezug auf einen bischöflichen O-Ton, hat doch der scheidende Landesbischof Johannes Friedrich im Hinblick auf das Erntedankfest verlautbaren lassen: “Dieses Erntedankfest fällt auf das Ende meiner Bischofszeit. Und ich danke sehr dafür, dass diese Zeit, in der ich große Verantwortung für unsere Kirche getragen habe, ohne größere Probleme und Zwischenfälle vorübergegangen ist. Ich halte jetzt Rückschau und finde, dass ich Gott sei Dank meinem Nachfolger eine Kirche übergeben kann, die in einem sehr guten Zustand ist.” Man mag über die Zustandsbeschreibung Kirche schmunzeln, erinnert doch die Wortwahl eher an einen Gebrauchtwagenverkauf. Aber das Eingeständnis einer bischöflichen Besitzergreifung der Kirche ist wirklich ein starkes Stück. Wer die Kirche einem anderen übergeben will, muss sie dazu selbst in den eigenen Händen halten. Das Bischofsamt ist ein Dienst (ministerium) an der Kirche Jesu Christi, das einem gerade nicht die Kirche in die eigenen Hände gibt. Der einzige, der die Kirche halten kann, ist ihr Herr Jesus Christus. Wer als Bischof glaubt, er habe die Kirche in den eigenen Hände gehalten, hat sich also hoffnungslos übernommen. Was ein scheidender Bischof zu tun hat, ist das ihm anvertraute Amt zurückzugeben (selbst mit der Weitergabe klappt es nicht, kennt doch die evangelische Kirche keine bischöfliche Bischofsweihe). Was hier unbedacht entäußert worden ist, zeigt den liberalprotestantischen Klerikalismus: Je liberaler in der Lehre, desto klerikaler in der Leitung.

Katholiken sind friedlicher als Protestanten

1. Juli 2011

Das ist eine Schlagzeile in der schweizer Zeitung 20 Minuten Online wert, wenn es da weiter heißt: “Katholische Jugendliche, die in ihrem Glauben gut verankert sind, stehlen, beschädigen und prügeln weniger als evangelisch religiöse Jugendliche. Das zeigt eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens. Und: Liegt der Anteil der gläubigen Katholiken in einer Region über zwölf Prozent, fällt die Gewaltrate der ganzen Region sehr niedrig aus. Für den Anteil religiöser Protestanten ergibt sich kein entsprechender Effekt. «Den katholischen Gemeinden gelingt es unter anderem besser als den evangelischen, die Risikogruppe der männlichen Nicht-Gymnasiasten zu erreichen», erklärt Institutsleiter Christian Pfeiffer.Der ganze Artikel findet sich hier.

Da kehrt nichts wieder

16. Mai 2011

“Religionen in der Moderne folgen dem Axiom: Wer in der Geisterbahn fährt, muss nichts von Geistern verstehen.” Ein zutreffender Satz aus einem Vortrag von Thomas Macho über die erfolglose Wiederkehr der Religionen, der in der heutigen NZZ abgedruckt ist.

(weiterlesen…)

Auf Arabisch

12. Mai 2011

Wer meinen F.A.Z.-Text “Man höre doch mal dem Heiland zu” bei Qantara.de auf Arabisch lesen will, hier der Link.

Von der Haltlosigkeit eigener Gottesvorstellungen

2. Mai 2011

Man redet gerne von den eigenen Gottesvorstellungen oder auch Gottesbildern: Wie stellst du dir Gott vor? Wenn man diesen Satz wortwörtlich versteht, zeigt sich die Haltlosigkeit solcher Redeweisen. Wo ich mich mit meinem Leben an dem festhalten will, was ich mir selbst vorstellen kann, bleibe ich schlussendlich haltlos. Das wäre ja so, wie wenn ich an einer Felswand meinen Halt an dem suchen würde, was ich selbst aus meiner Hosentasche hervorkramen kann. Bei selbstbezüglichen Gottesvorstellungen oder Gottesbildern ist der Absturz vorprogrammiert.

Sarrazins Leserbrief bezüglich meines Beitrages in der F.A.Z.

30. April 2011

Hier der Wortlaut von Sarrazins Leserbrief bezüglich meines Beitrages in der F.A.Z: Man höre doch mal dem Heiland zu.

Kein Wunder, dass unsere Kirchen leerer werden

Bereits von einem „normalen“ Patrick-Bahners-Text verstehe ich beim erstmaligen Lesen oft nur die Hälfte. Vom Artikel des evangelischen Gemeindepfarrers Jochen Teuffel „Man höre doch mal dem Heiland zu“ habe ich fast gar nichts verstanden, obwohl ich in theologischen Fragen einmal gut geschult war. Der Autor fürchtet offenbar, dass eine säkulare Islamkritik auch eine von ihm erhoffte Wiederbelebung des Christentums behindern und für eine weitere Verbreitung eines laizistischen Staatsverständnisses sorgen könnte.

Diese in den Kirchen weitverbreitete Einstellung sieht anscheinend im Islam, auch in seinen fundamentalistischen Ausprägungen, einen willkommenen Verbündeten gegen Agnostizismus und Heidentum beziehungsweise gegen die von der Aufklärung geprägte Moderne überhaupt. Das scheint mir der rationale Kern dieses weitgehend unverständlichen Textes zu sein, der den Gipfel der Unverständlichkeit dort erreicht, wo offenbar mein Buch kritisiert werden soll: „Wer dieser Zusage  glaubt, für den ist die eigene Toleranz eben kein resignatives Sichabfinden mit einer pluralistischen Schicksalsgemeinschaft. Im Glauben an das ,Es ist vollbracht!’ entgehen Christen vielmehr einer bürgerlichen Identitätsfalle, wo sich eigene Lebens- beziehungsweise Todesangst in gesellschaftlichen Untergangsprophetien – ,Deutschland schafft sich ab’ – zur Sprache bringt.“

Mit anderen Worten: Am Ende der Welt beim Jüngsten Gericht ist es doch sowieso egal, ob sich Deutschland abgeschafft hat oder nicht. Kein Wunder, dass Deutschlands Kirchen immer leerer werden, wenn solche Pfarrer predigen.

Dr. Thilo Sarrazin, Berlin in: Briefe an den Herausgeber, F.A.Z., Samstag, 23. April 2011,  Nr. 95, Seite 19.

Hermann Lübbe – Das Recht der Religionen

29. April 2011

Die rechtliche Sonderstellung der beiden großen Kirchen in Deutschland lässt sich nach Auffassung des Philosophen Hermann Lübbe nicht mehr lange halten. Das Staatskirchenrecht in seiner jetzigen Form sei “unzureichend”, um die Vielfalt religiösen Lebens in der Bundesrepublik abzubilden, schreibt Lübbe in einem Gastbeitrag für die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” (26. April).

Friedrich Wilhelm Graf – Kirchendämmerung

2. März 2011

Das neue Buch von Friedrich Wilhelm Graf heißt “Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen“. Darin findet sich eine liberale Kritik an der “Amtskirche”, die durchaus ihre zutreffenden Spitzen hat. Als fünfte kirchliche Untugend nennt Graf die klerikale Selbstherrlichkeit. Der betreffende Textauszug aus diesem Buch findet sich hier: Leseprobe_Kirchendämmerung.


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