Was die verfassten Landeskirchen von neuen IFAB Laws of the Game 2017/18 in Sachen Verbindlichkeit des Bekenntnisses lernen können

22. Juni 2017

Ende Mai sind die neuen IFAB Laws of the Game (2017/18) erschienen. In der deutschen Ausgabe wird auf Seite 11 „Die Philosophie und der Geist der Regeln (The philosophy and spirit of the Laws)“ wie folgt beschrieben:

Fußball ist die größte Sportart der Welt. Es wird in jedem Land und in vielen ver­schiedenen Spielklassen gespielt. Die Spielregeln gelten für den gesamten Fußball weltweit, vom Finale der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft bis hin zu einem Spiel zwischen kleinen Kindern in einem abgeschiedenen Dorf.

Dass die gleichen Spielregeln für jedes Spiel in jeder Konföderation, in jedem Land, in jeder Stadt und in jedem Dorf weltweit gelten, ist eine bedeutende Stärke, die es zu bewahren gilt. Es ist auch eine Gelegenheit, die zum Gesamtwohl des Fußballs genutzt werden muss.

Fußball muss Spielregeln haben, mit denen das Spiel „fair“ bleibt, da seine Fairness eine entscheidende Grundlage für die Schönheit dieses „wunderschönen Spiels“ ist. Dies ist eine unerlässliche Eigenschaft des „Spielgeists“. Die besten Spiele sind jene, in denen der Schiedsrichter selten eingreifen muss, weil die Spieler mit Respekt gegenüber dem Gegner, den Spieloffiziellen und den Spielregeln spielen.

Die Integrität der Spielregeln und der Schiedsrichter, die diese anwenden, ist stets zu schützen und zu respektieren. Alle Verantwortlichen, insbesondere Trainer und Spielführer, haben eine klare Verantwortung gegenüber dem Spiel, die Spieloffiziellen und ihre Entscheidungen zu respektieren.

Verbindliche Regel sind im Fußball Anweisungen zu einem regelrechten Spiel. Sie eröffnen die wunderbaren Spielzüge, lassen eine agonale Dramaturgie zur Geltungen kommen. Ohne verbindliche Spielregeln existiert keine fußballerische Kunst eines Ronaldos oder Messis. Die Wahrheit dieser Regeln ist an den Spielvollzug gebunden. Außerhalb des Spielfelds lassen sich Fußballregeln im Hinblick auf Vernünftigkeit nicht objektiv verifizieren. Wer sich nicht mit ihnen identifizieren kann, sie als „dogmatisch“ empfindet, muss nicht in das Spiel einsteigen oder kann jederzeit aussteigen.

Analoges gilt für die evangelische Kirche in ihrer Bekenntnisbindung.

Gastfrei zu sein vergesst nicht

22. Juni 2017

IRA Patrol in Belfast vor dem Good-Friday-Agreement 1998

Da stand er vor mir im blauen Adidas-Trainingsanzug mit den schnürlosen Adidas-Schuhen und bot mir die Stirn. Die Nacht ist er hindurch gelaufen – kein Geld mehr für eine Unter­kunft. Das zukünftige Fluggepäck ist im Schließfach am Ulmer Bahnhof verstaut. In Senden hatte er frühmorgens das evangelische Gemeindehaus gesehen, fand jedoch nicht das Pfarr­haus. Und als er schließlich in Vöhringen wohl um 8 Uhr beim katholischen Pfarrhaus ankam, war mein Kollege im Gehen begriffen. Und der englischsprechende Kaplan war schon im Unterricht. Auf die Frage nach dem Presbyterian minister wurde er an den lutherischen Pfarrer verwiesen. So klingelte er dann um 8.40 Uhr bei uns.

Er wollte sich mir gegenüber erklären – eine längere Geschichte. Ich lud ihn ins Amtszimmer ein, selbst frühstückshungrig. Sein English ließ mich auf Schottland schließen. Ja, er habe da für wenige Jahre dort gelebt, mit Frau und Tochter, aber er komme aus Belfast, sei seit neun Tagen in Deutschland – auf der Flucht.

45 Jahre alt, der Vater auch schon bei der Provisional IRA, getötet, wohl andere Familien­glieder auch, die Schwester und die Mutter leben noch. Er selbst war (wohl wegen Tötungs­delikten) Jahre in britischen Gefängnissen und ist nach dem Good-Friday-Agreement freige­kommen, habe damals der Gewalt abgeschworen. Wie er den Lebensunterhalt sich verdient habe und auch das Haus für Frau und Kind, ist für mich nachvollziehbar. Anders hingegen die vielfältigen Einnahmequellen der IRA aus Spielhöllen, Zigarettenschmuggel und Schutzgeld­abgaben, die wohl immer noch in Nordirland praktiziert werden. Ob er Mitglied der Real bzw. NEW IRA ist, weiß ich nicht. Aber der Drogenkrieg in Belfast hat ihn mitgenommen. Bei der alten Provisional IRA haben die Rekruten Drogen und Alkohol abschwören müssen. Er halte sich daran. Und das Päckchen mit dem Zigarettentabak, das er später auf dem Fußweg zum Bahnhof öffnete, habe noch den Rest von neun Tagen Deutschland drin.

Die ganze Nacht durchgelaufen, in Senden ein Schinkenbrötchen gegessen mit Kaffee, er vermisst den britischen Tee. In seiner Stimme die Unruhe der Flucht. Er hat wohl der Polizei anonym Informationen über Drogendealer geliefert, war selbst Augenzeugen diverser Hin­richtungen, zuletzt habe man ihm eine Beutel mit einem sechsstelligen Pfundbetrag als Schweigegeld angeboten, den er abgelehnt hätte.

Gary N. zeigt mir zur Beglaubigung seine Barclay-Kreditkarten, er sei kein Bettler, sondern nur kurzfristig nicht länger liquide. Dann ein Stapel von Übernachtungsbelegen in deutschen Gästehäusern und Hotels. Er hat schon angefangen, Deutsch zu lernen. Für neun Tage hört es sich gut an. Über Kronenberg ist er angekommen und will weiter nach Neuseeland. Frau und Tochter seien da schon. Das Haus und das Auto seien schon verkauft. Er sei noch zurückge­blieben, um den Verkauf noch abzuwickeln.

Vor drei Monate habe er seine elfjährige Tochter zur Schule gefahren, als jemand mit der AK 47 auf ihn geschossen habe. Das war nicht das erste Mal in seinem Leben. Im Straßenkrieg der achtziger und neunziger Jahre waren Schussverletzungen gang und gäbe. Die erste Schussverletzung am Knie habe er mit 14 abbekommen und er zieht dazu das entsprechende Hosenbein hoch. Aber dass jetzt offensichtlich auch das eigene Kind gefährdet sei – bei anderen, die im Drogenkrieg nicht (länger) mitspielen, wurden auch schon Familienange­hörige hingerichtet. Es ist nicht die Angst vor dem eigenen Tod, sondern die Sorge um die Familie, die ihn fliehen lässt. Er selbst zählt sich zu der Generation in Belfast, die sich im Nachhinein darüber gewundert hat, überhaupt 25 Jahr alt zu werden.

Der Bandenkrieg zwischen der Kinahan- und der Hutch-Gang sei in den letzten Monaten eskaliert. Der junge Kinahan stehe nun vor Gericht. Mögliche Zeugen gegen ihn werden eliminiert. Dann gehen wir am Computer ins Internet und lesen die Online-Ausgaben der Irish Times bzw. der Sunday World unter der Rubrik „crime desk“. Wir scrollen durch. Wo die Bilder von unten her auftauchen, nennt Gary schon die Namen der Ermordeten und sein Verhältnis zu ihnen. Der Eindruck verfestigt sich – mexikanische Verhältnisse in Irland. Es geht um Kokain. Und Gary scheint als nächstes Opfer ausersehen zu sein, wurde vorgewarnt. So hat er die Fähre und den Bus nach London genommen und ist weiter auf den Kontinent, um am nächsten Freitag hoffentlich nach der fälligen Geldtransaktion den Flug nach Neusee­land über Singapur unter Dach und Fach zu kriegen. Zwischenzeitlich hält er Kontakt mit der Familie über Skype. Offensichtlich hat er einen Kontaktmenschen bei den Verfolgern, der ihn über deren nächsten Schritte auf dem Laufenden hält.

Ich stelle Gary Frau und Kind vor. Bei Yana leuchten seine Augen. Wer seiner Tochter etwas antäte, müsste wohl eine entsprechende Vergeltung befürchten. Dass Gary bei mir auftauchte, hängt ja mit seinem Glauben zusammen, gut katholisch und äußerst kirchenkritisch, hat etwas dagegen, wie Kirche sich das Geld nimmt. Gnadenlos legt er den Maßstab des Evangeliums an die Lebensform des Klerus und der Pfarrer an. Seine Bibelkenntnisse überzeugen, sein Allgemeinwissen überrascht mich (die Ansätze einer Verschwörungstheorie im Hinblick auf den 11. September kommen ganz zum Schluss und sind verglichen mit den übrigen Einschät­zungen der Weltsituation eher rudimentär). Er weiß, dass man als Christ gastfreundlich zu sein hat, heißt es doch im Brief an die Hebräer im 13. Kapitel: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Wer als katholischer Pfarrer ihn vor der Haustüre abfertigen will, wie kann dieser sich sicher sein, dass er damit nicht einen Gottesboten weggeschickt hat? Recht hat er als fluchtbedürftiger Nichtbettler. Auch wenn sein Belfaster Englisch mit aller nachtlosen Unruhe sich für mich viel zu schnell anhört und geläufige Worte nachgefragt werden müssen, wer seine ganze Geschichte anhört, kann ja nicht anders als ihm helfen.

Gary, der große Moralist, weiß darum, wie sich der Bürgerkrieg in Nordirland in einen Drogenkrieg verwandelt hat. Und offensichtlich verletzt es sein Gerechtigkeitsempfinden, wie alte Kämpfer nun ihr Auskommen im Drogengeschäft und in der Schutzgelderpressung suchen. Die eingeschworene Abstinenz der Kämpfer ist dem Geschäftssinn gewichen. Und den Jungen macht man mit Bentleys vor, was es im Leben (mit der Waffe) zu erreichen gilt, auch wenn sie wohl als Auftragskiller nur Kanonenfutter sind. Eingeschworene Loyalitäten zählen nicht. Und auch die Real IRA, die sich dem Krieg gegen die Drogen verschrieben hat, kassiert ab. Wie Gary mir rechthaberisch die Stirn bietet, ahne ich, um welch verlorenen Kampf es in Nordirland geht. Die Rettung für ihn ist Neuseeland. Noch einmal neu anfangen dürfen. Er muss die nächsten Tage in Europa überleben, das Geld aus dem Hausverkauf kriegen. Und dann nichts wie weg.

Ich bringe ihn zum Bahnhof, zahle ihm das Ticket nach Frankfurt und leihe ihm noch 200 Euro für die fehlenden zwei Übernachtungen. Wir umarmen uns. Ungesegnet geht er, wissend um das Jüngste Gericht. Dass alles am Ende nur gut ausgehen kann, das glaube er nicht. Einen Weichmacher-Jesus mag er nicht und billige Gnade ist nicht seine Sache. Da hat er wohl schon zu viel gesehen und zu viel getan, als dass es für uns alle ein Happy End geben kann.

Hermann Lübbe – Das Gesangbuch und die Kontingenzbewältigung

22. Juni 2017

Hermann Lübbes Thema in Sachen Religion ist die Kontingenzbewältung. So beschließt er seinen Vortrag „Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung“ auf der letzten Tagung der Gruppe „Poetik und Hermeneutik„, die vom 19.–24. September 1994 eben zum Thema Kontigenz in Bad Homburg stattfandt, mit einer Reflexion über das Gesangbuch (und bezieht sich dabei auf das Evangelische Kirchengesangbuch – EKG):

Im Bücherregal behauptet das Gesangbuch, durchaus sektoral, seinen Standplatz neben der Fülle übriger nützlicher Hausbücher vom Do-it-Yourself-Ratgeber bis hin zur aktualisierten Anleitung für die Einkommenssteuererklärung. Aber es wäre ersichtlich unsinnig zu sagen, daß, analog zu den übrigen nützlichen Lebensanleitungen, das Gesangbuch auch seinem Gegenstandsbereich nach sektoral begrenzt sei. Durchaus asymmetrisch zu den Beziehungs­verhältnissen zwischen den übrigen Lebenskunden und Lebenshilfen bezieht es sich auf unser Leben integral. Von Gott und Welt ist buchstäblich die Rede, von Geburt und Tod, von Leben und Sterben und von den letzten Dingen am Ende aller Zeiten. Gewiß: Auch zum Thema „Auf Reisen“ finden sich einige Strophen, aber doch nicht von der Art anderer Reiseführer, viel­mehr in Erhebung der Reise, vor der man steht, zur Metapher des Lebens etc. Auch bei „Sturm- und Wassernot“ gibt es etwas zu singen, „Bei reichlicher Ernte“ sowie „Bei sparsa­mer Ernte“. Aber in allen diesen und in vielen weiteren Fällen handelt es sich nicht um sekto­rale Spezifikationen, auf die wir kompetenzdifferenzierend zu antworten hätten. Weder dem Baedeker noch der Feuerwehr wird Konkurrenz gemacht, vielmehr vergegenwärtigt, daß wir in keiner Lebenslage der Bedingungen unseres Daseins mächtig sind, und darauf antworten die fraglichen Lieder dann mit ihrem Dank, ihren Bitten und Klagen.

Der zitierte Lebenslagenkatalog klingt natürlich etwas altväterlich, und in der Tat bezieht er sich auf Texte vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Andererseits haben sich natürlich Sturm- und Wassernöte inzwischen nicht erledigt und, nämlich in anderen Weltgegenden, Hungerkata­strophen bewirkende Mißernten ohnehin nicht. Nur sind inzwischen viele andere zivilisations­spezifische Nöte, zumeist als kontingente Nebenwirkungen technisch instrumentierten Han­delns, hinzugekommen. Nichts steht, im Prinzip, entgegen, das bei der jeweils nächsten Gesangbuchrevision zu berücksichtigen, wenn man, auf der anderen Seite, zugleich auch zu berücksichtigen hat, daß die Bemühung, konkret zu sein, bei zunehmender Geschwindigkeit in der Änderung unserer zivilisatorischen Lebenslagen schließlich in einem sinnwidrigen Aktualismus enden müßte, der es, sozusagen auf einem höheren Abstraktionsniveau, als Vor­zug erkennen läßt, sich auf das zu beschränken, was sich glaubensgeschichtlich indifferent zu dem Unterschied verhält, den es macht, ob uns Nöte aus aufgehaltenem Fortschritt oder die kontingenten Nebenfolgenlasten stattfindenden Fortschritts drücken.

Der naive Fromme und der die Vorzüge frommer Naivität reflektierende Intellektuelle erst recht wird vielleicht finden, die vorstehende Art, die Funktion des Gesangbuchs zur Funktion anderer Hausbücher in Beziehung zu setzen, sei eine Art der Beschreibung, die sich auf die Intentionen der Verfasser der Gesangbuchlieder gar nicht einläßt. Immerhin werde, zum Bei­spiel in jenem fraglichen Reiselied, Christus als „der rechte Weg zum Himmel“ bekannt und nicht etwa Kontingenzbewältigungsbeihilfe geleistet.

Dieser Einwand ist aber buchstäblich konfus, das heißt, er konfundiert unterscheidungsbedürf­tige Ebenen der Betrachtung. Die These ist ja nicht, wir fänden im fraglichen Gesangbuch eine Anleitung zum Verständnis der Religion als einer Lebenspraxis, in der wir uns zur Un­verfügbarkeit unserer Daseinskontingenz in ein Verhältnis setzen. Regeln für den Gebrauch des Prädikators „Religion“ sind in keinem Gesangbuch zu finden, und nicht einmal das Wort „Religion“ kommt, wie man erwarten durfte, in einem Gesangbuch vor. Aber was besagt das? Es besagt, daß das Gesangbuch Texte religiöser Literatur enthält und seinem institutionellen Status nach landeskirchenoffiziell ist und eben nicht ein Werk mit Beiträgen zur Religions­theorie.

Wer vom Gesangbuch in intentio directa Gebrauch macht, dankt Gott, bringt Bitten vor ihn, klagt oder singt zum Pfingstfest. Die Auskunft aber, eben darum handele es sich doch – jeden­falls in unserer hiesigen Religion oder Konfession – und nicht um „Kontingenzbewälti­gung durch Anerkennung unserer schlechthinnigen Abhängigkeiten“, macht aus einem Reflexions­verhältnis eine windschiefe Alternative. Geschieht das, mit Blick auf den entsprechend erschlichenen Beifall der Frommen, absichtlich, so handelt es sich dabei um das, was Hegel ,,frommes Aufspreizen mit Christenthum“ nannte.

Der Traktat über die Gewalt und den Primat des Papstes – De potestate et primatu papae tractatus (vollständiger Text auf Deutsch)

21. Juni 2017

Der „Traktat über die Gewalt und den Primat des Papstes (De potestate et primatu papae tractatus)“ wurde 1537 auf dem Konvent des Schmalkaldischen Bundes angeregt. Er sollte das Augsburger Bekenntnis von 1530 im Hinblick auf die reformatorische Lehre über den Primatanspruch des Papstes ergänzen. Die Papstfrage war nämlich im Augsburger Bekenntnis mit Rücksicht auf den Kaiser ausgeklammert worden. So wurde der Traktat von Philipp Melanchthon auf Latein verfasst und 1540 in Straßburg anonym veröffentlicht. Erst durch seine Aufnahme in das Konkordienbuch 1580 gilt er als offizielle lutherische Bekenntnisschrift. Man kann ihn als reformatorische Kritik am Papsttum bzw. an der klerikalen Hierarchie der römisch-katholischen Kirche lesen. Aber seine Lehrbestimmungen sind gegenwärtig vor allem innerhalb der verfassten Landeskirchen von grundlegender Bedeutung, so wenn es beispielsweise in Tractatus 67 heißt:

„Wo auch immer Kirche ist, dort ist das Recht, das Evangelium auszurichten. Deshalb muß die Kirche das Recht behalten, Diener [der Kirche] zu berufen, zu wählen und zu ordinieren. Und dieses Recht ist ein der Kirche vorzugsweise gegebenes Geschenk, das keine mensch­liche Autorität der Kirche entreißen kann (ubicunque est ecclesia, ibi est ius administrandi evangelii. Quare necesse est ecclesiam retinere ius vocandi, eligendi et ordinandi ministros. Et hoc ius est donum proprie datum ecclesiae, quod nulla humana autoritas ecclesiae eripere potest)“ (BSLK 491).

Aus der Wendung „wo auch immer Kirche ist (ubicunque est ecclesia)“ wird deutlich, dass das Recht der Evangeliumsverwaltung (ius administrandi evangelii) jeweils der einzelnen Gemeinde gegeben ist und nicht etwa einem verfassten territorialen Kirchentum bzw. einer Kirchenleitung. Wo überall wahre Kirche – also „die Versammlung der Heiligen, in der das Evangelium rein gelehrt wird und die Sakramente recht verwaltet werden (congregatio sanctorum, in qua evangelium recte docetur et recte administrantur sacramenta“ (CA VII; BSLK 61) – sich als dauerhaftes gottesdienstliches Versammlungs- bzw. Interaktionsgeschehen ereignet, befindet sich auch das Berufungs-, Auswahl- und Ordinationsrecht für die eigenen Amtsträger. Die Legitimation zur Ordination wird also nicht mehr in einem iure divino verfassten Bischofs- bzw. Leitungsamt gesehen, sondern in dem Recht der Evangeliumsverwaltung, das das unverbrüchliche Privileg der einzelnen Gemeinde ist. Auszuüben ist das Ordinatiosrecht (ius ordinandi) in den Gemeinden unter der Hinzuziehung von Pastoren (Tractatus 72; BSLK 492).

Hier der vollständige Text der deutschen Fassung (in der Übersetzung von Horst Georg Pöhlmann) als pdf.

Das Amt in der Kirche (ministerium ecclesiasticum) gemäß den lutherischen Bekenntnisschriften

20. Juni 2017

Nach CA V geht das Amt in der Kirche (ministerium ecclesiasticum) auf eine besondere Einsetzung Gottes zurück[1]. Seine Funktion in der Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente, durch die der Heilige Geist den rechtfertigenden Glauben bewirkt[2]. Ohne diesen heilswirksamen menschlichen Wort­dienst kann sich Kirche nicht konstituieren. Diese konstitutive Wirkung des Predigtamtes beschreibt Luther im Großen Katechismus mit den Worten: „Denn wo man nicht von Christo predigt, da ist kein heili­ger Geist, welcher die christliche Kirche machet, be­rüfet und zusammen bringt, außer welcher niemand zu dem Herrn Christo kommen kann.“(GrKat II,45; BSLK 655) Das ministerium ec­clesiasticum darf jedoch nicht auf ein rechtlich organisiertes Pfarramt reduziert werden. So wird in Tract 25.26 das „Amt des Bekenntnisses (ministerium professionis)“, mit dem Jesus als Christus gepredigt wird (in qua praedicat Jesum esse Christum), nicht auf bestimmte Amtspersonen bezogen.

„Zudem ist der Dienst [der Ver­kündigung] des Neuen Testa­mentes an keine Orte und Perso­nen gebunden wie der Dienst der Leviten, sondern er ist über den ganzen Erdkreis verbreitet und er ist dort, wo Gott seine Gaben gibt, Apostel, Propheten, Hirten und Lehrer (vgl. Eph 4,11). Jener Dienst erhält seinen Wert nicht auf Grund der Autorität irgend­einer Person, sondern auf Grund des von Christus überlieferten Wortes (Porro mi­nisterium Novi Testa­menti non est alligatum locis et personis si­cut ministerium Levi­ticum, sed est dispersum per totum orbem ter­rarum et ibi est, ubi Deus dat dona sua, apostolos, prophetas, pa­stores, doctores (Eph 4,11). Nec valet illud ministerium propter ullius personae autori­tatem, sed propter verbum a Christo tradi­tum).“ (Tract 26; BSLK 479)

Das ministerium verbi erfährt also die Bevollmächtigung nicht in der Autorität von Amtspersonen, sondern in dem von Christus überlieferten Wort. Damit ist eine grundle­gende Differenz zum katholischen Amtsverständnis angezeigt, das die Amtsautorität durch eine sakramentale Ordination an die Amts­person selbst bindet und damit die Amtsperson in Gestalt des Prie­sters bzw. Bischofs über die Gemeinde stellt.

Die grundsätzliche Rückbindung des ministerium ecclesiasticum an das Evangelium wird in CA XXVIII deutlich, wo von der kirchlichen Gewalt der katholischen Diözesanbischöfe die Rede ist. In der Wahrnehmung der kirchlichen Gewalt, die nur Wortdienst (ministe­rium verbi)[3] sein kann (sine vi humana, sed verbo – CA XXVIII,21; BSLK 124[4]), sind die Bischöfe den anderen Amtsträgern gleichge­stellt, da es nach Apol XIV,1 bzw. Tract 61.65 iure divino kein hierarchisch gegliedertes Amt geben kann. Eine Gehorsamspflicht der Gemeinden iure divino besteht gegenüber diesem Wortdienst, da er unter unter dem Dictum Jesu steht: „Wer euch hört, der hört mich.“(Lk 10,16 – CA XXVIII,21.22; BSLK 124). „Weil hier der Inha­ber des Amtes an Christi Stelle steht, darum kann er uneinge­schränkten Gehorsam fordern. Freilich gilt dieser Gehorsam nicht der Person, sondern dem Wort, dem Evangelium.“[5] Umgekehrt ist dort eine Gehorsamsver­weigerung der Gemeinden per mandatum Dei geboten, wo die Amtsträ­ger „etwas gegen das Evangelium lehren oder bestim­men (aliquid contra evangelium docent aut constitu­unt)“(CA XXVIII,23; BSLK 124). Für eine Gehorsamspflicht gegenüber den Amtsträgern auf dem Hintergrund von Lk 10,16 können nicht Men­schensatzungen, sondern allein das Wort Christi geltend gemacht werden.

„Es handelt sich [hier] um keinen freien Befehl (mandatum cum libera), wie sie ihn nennen, sondern um einen geschuldeten, gültigen, besonde­ren Befehl, das heißt um ein Zeugnis, das den Aposteln gegeben wurde, daß wir glauben, sie sprechen von einem fremden Wort (alienum verbum), nicht von einem eigenen Wort (proprium verbum). Denn Christus will uns so viel wie nötig stärken, damit wir wissen würden, daß das überlieferte Wort durch die Menschen wirksam ist und daß man vom Himmel kein anderes Wort erwarten darf (Non est enim mandatum cum libera, ut vocant, sed cautio de rato, de speciali mandato, hoc est, testimonium datum aposto­lis, ut eis de alieno verbo, non de proprio, credamus. Vult enim Christus nos confirmare, quemadmodum opus erat, ut sciremus verbum traditum per homines efficax esse, nec quaerendum esse aliud ver­bum de coelo).“ (Apol XXVIII,18; BSLK 401)

Das Supremat des göttlich eingesetzten ministerium ecclesiasticum bzw. der Kirche (vgl. Tract 11; BSLK 474) über deren Amtsträger verbietet eine Habitualisierung des Amtes in der Person des Amts­trägers[6]. Von daher läßt sich das Institut des ministerium eccle­siasticum als Kommunikations­geschehen innerhalb der Gemeinde (communicatio verbi divini in ecclesia[7]) begreifen, zu dem neben der Person des Predigers die zuhörende Gemeinde unab­dingbar dazu gehört[8]. Ihr obliegt letzt­lich die Unterscheidung, ob das gepre­digte Wort göttliches verbum alienum oder aber verbum proprium des Amtsträgers ist, das keine Geltung beanspruchen darf (vgl. Apol XXVIII,18). Dazu ist der Gemeinde durch die ihr eigene „Fähigkeit, auf Grund des Wortes Gottes [Glaubensfragen] zu beurteilen und zu entscheiden (facultas judicandi et decernendi ex verbo Dei)“(Tract 56; BSLK 488) eine sichere Beurteilungsgrundlage gegeben[9]. Wo das mi­nisterium verbi habitualisiert und damit ohne das Korrektiv der „kritischen“ hörenden Gemeinde (ecclesia audiens) gesehen wird, kann nicht mehr zwi­schen verbum alienum und proprium des Amtsträgers unterschieden werden, so daß er in Person eo ipso als Stellver­treter Christi erscheinen muß[10].

Im Großen Ka­techismus läßt sich belegen, daß das ministerium verbi der gesamten Kirche und nicht nur einem gesonderten Predigtstand gegeben ist. Obwohl Luther dort die heilsnotwendige Bedeu­tung des Predigtamtes in der Auslegung zum dritten Glaubensartikel ausführ­lich entfaltet, läßt er Personen, die mit diesem Predigtamt geson­dert betraut sind, unerwähnt. Stattdessen heißt es: „So bleibt der heilige Geist bei der heiligen Gemeine oder Christen­heit bis auf den jüngsten Tag, dadurch er uns holet, und brauchet sie dazu, das Wort zu fuhren und treiben, dadurch er die Heiligung machet und mehret, daß sie täglich zunehme und stark werden im Glauben und seinen Früchten, so er schaffet.“(GrKat II,53; BSLK 657f)[11] Ebenso wird in Apol VII,20 das Evangelium nicht den Amtsträ­gern, sondern der wahren Kirche (vera ecclesia) und damit der congregatio sanc­torum zugespro­chen: „Und diese Kirche ist eigent­lich »Säule der Wahrheit«. Sie bewahrt nämlich das reine Evangelium und – wie Paulus sagt – den »Grund«, das heißt die wahre Erkenntnis Christi und den Glauben (Et haec ecclesia proprie est columna verita­tis (1 Tim 3,15). Retinet enim purum evangelium et, ut Pau­lus inquit, funda­mentum, hoc est, veram Christi cognitionem et fi­dem (1 Kor 3,11).“(BSLK 238) Schließlich wird nach den Schmalkaldi­schen Artikeln der Dienst des Evangeliums neben Wort­verkündigung, Sakramentsverwaltung und Ausübung der Schlüsselge­walt, die in der Regel den dazu berufenen Amtsträgern vorbehalten sind (vgl. CA XIV) „auch durch die gegenseitige brüderliche Aussprache und Tröstung (per mutuum colloquium et consolationem fratrum)“ gelei­stet (ASm III,4; BSLK 449). Obwohl die berufenen Amtsträger regu­lär die Schlüsselgewalt ausüben, ist nach Tract 24.68 (BSLK 478.491) dennoch die Schlüsselgewalt der ganzen Kirche gegeben und damit a priori nicht auf eine bestimmte Personengruppe von Amts­trägern beschränkt. Grundsätzlich gilt, „dass die Kirche über ihren Dienern stehe (ecclesiam esse su­pra mini­stros)“(Tract 11; BSLK 474).

Der ordo ecclesiasticus

Während das allgemeine Dienstamt von CA V, das unmittelbar auf göttliche Einsetzung zurückzuführen ist, institutionell nicht an der Person eines Amtsträgers festgemacht werden kann, wird in CA XIV für das öffentliche Predigtamt (ministerium verbi publicum) eine Verbindung mit der Person des Amtsträgers festgesetzt: „Niemand darf in der Kirche öffentlich lehren oder die Sakramente verwalten, er sei denn dazu rechtmäßig berufen (Nemo debeat in ecclesia publice docere aut sacramenta administrare nisi rite vocatus).“(CA XIV; BSLK 69) Die Notwendigkeit der Ordination von Amtsträgern für das ministerium verbi publicum besteht nicht nur nach menschlichem Recht (iure humano). Tract 72 zufolge sind die Gemeinden nach göttlichem Recht (iure di­vino) gezwungen, unter Hinzuziehung von eigenen Pastoren Pastoren und Diener zu ordinieren (BSLK 492). So heißt es auch in der Apo­logie: „Denn die Kirche hat den Befehl Gottes, Diener einzusetzen, worüber wir sehr dankbar sein müssen, weil wir wissen, Gott billigt jenes Amt und ist im Amt gegenwärtig (Habet enim ecclesia mandatum de constituendis mini­stris, quod gratissimum esse nobis debet, quod scimus Deum appro­bare ministerium illud et adesse in ministe­rio).“(Apol XIII,12; BSLK 294) „Das göttliche Recht verlangt die Einrichtung eines geordneten öffentlichen Dienstamtes und gebietet der Ekklesia in göttlicher Autorität, dafür die institutionellen Formen zu schaf­fen.“[12] Demgegenüber bestehen die einzelnen Bestim­mungen über das Ordinations- und Berufungsrecht, die Form der Ordination sowie die Organisation des öffentlichen Predigtamtes iure humano und sind da­mit an keine bestimmte Rechtsform gebunden. So hat Luther in den Schmalkaldischen Artikeln den katholischen Diözesanbischöfen „umb der Liebe und Einigkeit willen“ das Recht der Ordination zugebilli­gt, so sie „wollten rechte Bischofe sein und der Kirchen und des Evangelions sich annehmen“, jedoch zugleich festgestellt, daß diese „aber nicht rechte Bischöfe sind aber auch nicht sein wol­len“(ASm III,10; BSLK 457f).

Die Formulierung „rite vocatus“ in CA XIV, für die in der deut­schen Fassung „ordentlicher Beruf“(BSLK 69) steht, kann keine sakramentale Priesterweihe nach kanonischem Recht beinhalten, die dem Amtsträ­ger eine besondere Vollmacht (potestas ordinis) im Sinne einer habituellen geistlichen Qualität verleiht und ihn in einen geistlichen Ordo mit verschie­denen, hierarchisch angelegten Stufen einfügt[13]. Das „königliche Priestertum“ (1 Petr 2,9), das der wahren Kirche (vera ecclesia) und damit der congregatio sanctorum zu eigen ist, ist vielmehr der Ermächti­gungsgrund für die Einsetzung von Amtsträgern (Tract 69, BSLK 491)[14]. Die Ordination des Amtsträgers begründet also nicht dessen Priestertum (sacerdotium), vielmehr ist das sacerdo­tium, das jedem Christen durch die Taufe zugeeignet ist, die geistliche Qualifikation für eine Beauftragung mit dem ministerium verbi publicum[15]. So gilt auch Melanchthons Erwägung in Apol XIII,11 über die Ordination als Sakrament nicht der Person des Amtsträgers, sondern dem göttlich gestifteten ministerium verbi: „Wenn man aber die Prie­sterweihe (ordo) vom Dienst am Worte Gottes (ministerium verbi) her versteht, würden wir die Priesterweihe ohne Umstände als Sakrament bezeichnen. Denn der Dienst am Wort hat Gottes Befehl und er hat herrliche Verheißungen (Si autem ordo de ministerio verbi intelligatur, non gravatim vo­caverimus ordinem sacramentum. Nam ministerium verbi habet man­datum Dei et habet magnificas promis­siones)“(BSLK 293)[16].

Anmerkungen
[1] Vgl. dazu W. Maurer, Pfarrerrecht und Bekenntnis. Über die bekenntnismäßige Grundlage eines Pfarrerrechtes in der evangelisch-lutherischen Kirche, Berlin 1957, 74-78.
[2] Luther geht in den Schmalkaldischen Artikeln so weit, daß er ein Heilshan­deln Gottes an den Menschen außerhalb von äußerlichem Wort und Sakrament bestreitet (ASm III,8; BSLK 456).
[3] „de iure divino haec iurisdictio competit episcopis ut episco­pis, hoc est his, quibus est commissum ministerium verbi et sacra­mentorum“(CA XXVIII,21; BSLK 124).
[4] Vgl. außerdem die Auslegung des Jesuswortes „Weide meine Schafe“ (Joh 21,17) in Tract 30: „Jubet enim pascere, hoc est docere ver­bum seu ecclesiam verbo regere“(BSLK 480).
[5] F. Mildenberger, Theologie der Lutherischen Bekenntnisschriften, Stuttgart 1983, 105.
[6] Vgl. H. Diem, Theologie als kirchliche Wissenschaft. Handreichung zur Einübung ihrer Probleme, Bd. III: Die Kirche und ihre Praxis, München 1963, 258.
[7] Diese Wendung findet sich weder in den Bekenntnisschriften, noch ist sie terminologisch geprägt. In dem Begriff der communicatio mit der Bedeutung „Austausch“ (vgl. dazu auch die Wendungen communicatio idiomatum aus der Chri­stologie bzw. communicatio in sacris aus dem Kanonischen Recht) läßt sich der notwendige Aspekt der Rezeptionsbedürftigkeit von verbum visibile bzw. invisi­bile (gegen ein ex opere operatu) einschließen.
[8] Ein derartiges kommunikatives Amtsverständnis ist von Diem entwickelt worden, der das ministerium ecclesiasticum vom Vorgang der Verkündigung her versteht, vgl. Diem, Theologie III, 256-314, ähn­lich Mildenberger, Theologie, 103-106. Für dieses Ver­ständnis läßt sich auch CA VII geltend machen, wo das ministerium verbi nicht als Gegenüber zur Gemeinde, sondern als Geschehen (Passivkonstruk­tion!) innerhalb der congregatio bestimmt ist. Selbst wenn man sich diesem kommunikativen Amtsverständnis nicht anschließen kann, dann muß im Kontext der Bekenntnisschriften das ministerium verbi pri­mär funktional statt personal verstanden wer­den. So wird bei­spielsweise in CA XXVIII,19 die pote­stas gladii der Bischöfe, die diesen von den Königen und Kaisern geschenkt worden ist, im Hin­blick auf das ministerium evangelii als alia functio ausgewiesen (BSLK 123). Vgl. H. Fagerberg, Die Theologie der lutherischen Bekenntnisschriften von 1529 bis 1537, Göttingen 1965, 240-243.
[9] Vgl. Tract 51: „Dann alsbald der Kirchen das rechte Urteil und Erkanntnus genommen ist, kann nicht moglich sein, daß man falscher Lehre oder unrechtem Gottesdienst konnte steurn, und muessen des­halb viele Seelen verloren werden.“ (BSLK 487)
[10] Eine personale Vertretung Christi durch berufene Amtsträger wird in Apol VII,28 (BSLK 240) postuliert: „Nec adimit sacramentis efficaciam, quod per indignos tractantur, quia repraesentant Chri­sti personam propter vocationem ecclesiae, non repraesentant pro­prias personas, ut testatur Christus: Qui vos audit, me audit (Lk 10,16). Cum verbum Christi, cum sacramenta porrigunt, Christi vice (2 Kor 5,20) et loco porrigunt.“ Die personale Vertretung Christi ist also nicht von der Würdigkeit der Amtsträger abhängig (vgl. CA VIII). Sie kann jedoch niemals habitualisiert werden, da sie von der kirchlichen bzw. gemeindlichen Berufung abhängig ist und mit dem Wort Gottes korrespondieren muß: „Impii doctores deserendi sunt, quia hi iam non funguntur persona Chri­sti, sed sunt anti­christi. Et Christus ait: Cavete a pseudoprophetis (Mt 7,15). Et Paulus: Si quis aliud evangelium evangelizaverit, ana­thema sit (Gal 1,9).“ (Apol VII,48; BSLK 246)
[11] In GrKat II,54 (BSLK 658) spricht Luther außerdem von „allen Ämptern der Christenheit“.
[12] Maurer, Pfarrerrecht, 113.
[13] Gegen Lindbeck, Rite vocatus: Der theologische Hintergrund zu CA 14, in: E. Iserloh (Hrsg.), Confessio Augustana und Confutatio. Der Augs­burger Reichstag 1530 und die Einheit der Kirche, RGST 118, Münster 1980, Confessio, 454-466. Nach Apol XIV,1 (BSLK 296) wird das Verständ­nis von CA XIV im Sinne einer ordinatio canonica der Confutatio (zu Recht) zugeschrieben, ohne daß jedoch diesem Ver­ständnis zugestimmt wird. Stattdessen werden die „politia ecclesia­stica et gradus in ecclesia“, die die Vorausset­zung der kanoni­schen Prie­sterweihe bilden, als durch eine humana auctoritas ge­schaffen aus­gewiesen.
[14] Mit diesem Paragraphen des Tractatus greift Melanchthon auf Luthers Vorstel­lung eines allgemeinen Priestertums aller Gläubigen kraft der Taufe zurück, die dieser auf deutsch zuerst in seiner Adelsschrift ausgeführt hat, vgl. WA 6,407f, bzw. StA 2, 99-101.
[15] Vgl. dazu S. Grundmann, Sacerdotium – Ministerium – Ecclesia particularis, in: Ders., Abhandlungen zum Kirchenrecht, hrsg. v. R. Zippe­lius u. a., Köln-Wien 1969, 156-176.150-155, bzw. Maurer, Pfarrer­recht, 68-71.
[16] Die Formulierung „magnificae promissiones“ ist in diesem Kon­text äquivok zu verstehen, da sie sich zum einen auf das ministe­rium verbi als Vorgang, zum anderen auf das Evangelium als Inhalt des ministerium verbi beziehen läßt. Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Prof. Mildenberger.

Hier der Text als pdf.

Heinz Eduard Tödt – Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung (vollständiger Text)

19. Juni 2017

Stufen Urteilsfindung Tödt

Heinz Eduard Tödts „Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung“, zum ersten Mal 1977 in der ZEE 21 (S. 81-93)  erschienen, ist für den evangelischen Religionsunterricht in der gymnasialen Oberstufe wie auch für die Beratung in Sachen angewandte Ethik ein kanonischer Text. Dabei wird in der Regel nur das sechsstufige Schema skizzenhaft wiedergegeben. Es lohnt sich den Aufsatz ganz zu lesen, den Tödt mit den Worten beschließt:

„Im Rahmen der Theologie wird eine Theorie sittlicher Urteilsfindung der Klärung dienen, wie Gottes heilsamer Anspruch auf unser Leben den Menschen bis in die Konkretionen seines Sich-Verhaltens zu Mitmensch, Mitwelt und Selbst begleitet und bewegt. Es war die Schwäche evangelischer Theologie und Ethik im 20. Jahrhundert, daß sie entweder Konkretionen scheute, oder doch nicht aufzuweisen vermochte, welche Schritte getan, welche Sachmomente bedacht werden müssen, wenn konkrete Urteile und Entscheidungen zugleich zu Antworten auf Gottes Zuspruch und Anspruch werden sollen. Diesem Defizit evangelischer Ethik entgegenzuwirken dient auch eine Theorie sittlicher Urteilsfindung.“

Hier der vollständige Text Heinz Eduard Tödt – Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung als pdf.

„Ich gelobe vor Gott, das Amt im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen“. Über das verunglückte EKD-Ordinationsgelöbnis

17. Juni 2017

Verunglückt ist das schriftliche „Ordinationsgelöbnis“, das seit 2011 in der EKD gültig ist. Es lautet: „Ich gelobe vor Gott, das Amt der öffentlichen Wortver­kündigung und Sakramentsverwaltung im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis meiner Kirche bezeugt ist, rein zu lehren, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, meinen Dienst nach den Ordnungen meiner Kirche auszuüben, das Beichtge­heimnis und die seelsorgliche Schweigepflicht zu wahren und mich in meiner Amts- und Lebensführung so zu verhalten, dass die glaubwürdige Ausübung des Amtes nicht beeinträch­tigt wird“. (§ 4 Abs. 4 Pfarrdienstgesetz der EKD vom 10. November 2010)

„Ich gelobe vor Gott, das Amt […] im Gehorsam gegen den dreieinigen Gott in Treue zu führen“. Vor Gott dem dreieinigen Gott gehorsam sein – theologisch ist damit ungewollt eine göttliche Quaternität ausgesprochen. Außerdem beißt sich der Pleonasmus „im Gehorsam in Treue“ semantisch, kann es doch keinen treulosen Gehorsam geben.

Das Grundproblem besteht darin, dass sich der Text dieses „Gelöb­nis­ses“ an politischen Treueidformeln orientiert. Bei ihnen wird Gott als Zeuge und „Eidwäch­ter“ für den zugesagten Gehorsam an­gerufen, so dass Ungehorsam als Eidbruch ein sakrales Vergehen gegen Gott darstellt. Aber genau darauf wird in der evangelischen Kirche seit der Reformation verzichtet – die Vereidigung ihrer Amtsträger, im Unterschied zur römisch-katholischen Kirche, wo Kleriker einen kirchlichen Treueid zu leisten haben (vgl. Georg Gänswein, Treueid I. Kath, LKStKR 3, 706-708). Mit gutem Grund will man in der evangelischen Kirche nur „zwischenmenschliche“ Verspre­chen und Gelöbnisse abnehmen.

Die pleonastische Wortwahl des „Gelöbnisses“ sucht eine Sakralität zu beschwören, die in der Schriftform nicht angebracht ist. Sie zielt auf orale Performanz coram publico, ähnlich wie bei öffentlichen Rekrutengelöbnissen. Dabei handelt es sich in Wirklich­keit nur um eine schriftliche Bereitschaftserklärung als Vorbedingung zur eigenen Ordination, die dokumentarisch zu den Personalakten genommen wird. In dieser Hinsicht war der Text der alten ELKB-Bereitschaftserklärung stimmig: „Ich bin bereit, das Amt, das mir anvertraut wird, nach Gottes Willen in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, zu predigen, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, das Beicht­geheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit zu wahren und mich in allen Dingen so zu verhalten, wie es meinem Auftrag entspricht.“ [Text nach Artikel 6 a Kirchengesetz zur Regelung des Dienstes der Pfarrer und Pfarrerinnen in der Vereinigten Evangelisch-Luthe­rischen Kirche Deutschlands vom 17. Oktober 1995 mit den Anwendungsbestim­mungen für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern vom 4. Dezember 1996]

Was für die Ordination wirklich zählt, ist das „Ja-Wort“ der Ordinandin zum Ordinationsvorhalt (uniert) bzw. auf die Ordina­tionsfragen (lutherisch) im öffentlichen Ordinationsgottesdienst. So heißt es beispielsweise im kurzen Vorhalt [Berufung-Einführung-Verabschiedung, Agende 6 für die UEK bzw. Agende IV, Teilband 1 der VELKD, Bielefeld 2012, Seite 44]:

„Liebe Schwester / Lieber Bruder N.N.,
in diesen Worten / den Worten der Heiligen Schrift hast du gehört, was uns im Hirtenamt und Dienst der Verkündigung aufgetragen ist.
Du sollst das Evangelium von Jesus Christus verkündigen, wie es in der Heiligen
Schrift gegeben
[in den Gliedkirchen der VELKD:] und im Bekenntnis der evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist.
[in den Gliedkirchen der UEK:] und in den Bekenntnissen unserer Kirche bezeugt ist.
Du sollst der Gemeinde mit Taufe und Abendmahl dienen, wie sie Jesus Christus eingesetzt hat.
Du sollst das Beichtgeheimnis und die seelsorgliche Verschwiegenheit wahren.
Dein Amt sollst du in Verantwortung und Treue ausüben und dich in allem so verhalten,
dass die glaubwürdige Ausübung des Amtes nicht beeinträchtigt wird [im Entwurf von 2009 hieß es noch „wie es deinem Auftrag entspricht“, was die Verbindung von leiturgia und ethos positiv zur Sprache bringt].
Du stehst in der Gemeinschaft aller Mitarbeitenden der Kirche und wirst in deinem
Dienst von der Fürbitte der Gemeinde begleitet.
Vertraue darauf, dass Gottes Verheißung dich trägt und sein Heiliger Geist dir beisteht.

So frage ich dich: N.N., bist du bereit, dieses Amt zu übernehmen, so bezeuge es vor
Gott und dieser Gemeinde mit deinem Ja.
Ordinand / Ordinandin: Ja, mit Gottes Hilfe.
oder
Ordinand / Ordinandin: Ja, dazu helfe mir Gott durch Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes.“

Deutlich wird, dass in der agendarischen Ordination weder eine Vereidigung vorgenommen noch ein religiöses Gelöbnis ausgesprochen wird. Stattdessen erklärt bzw. bezeugt der Ordinand öffentlich seine Bereitschaft, das Amt der Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung regelgerecht wahrzunehmen. So hat ja auch Luther es im Wittenberger Ordinationsformular als Ordinationsfrage bzw. Ordinandenantwort kurz und bündig folgende Worte vorgesehen: „Seit ir nu willig vnd bereit solch ampt anzunemen vnd treulich zu vben, so wollen wir aus beuelh [Befehl] der kirchen durch vnser ampt euch ordiniren vnd bestetigen, wie S. Paul zum Tito vnd Timotheo gebeut [befohlen hat], das wir sollen in den steten priester setzen vnd das wort beuelhen [anbefehlen] denen, so tuchtig sind auch andere zu leren. – Respondeant: volumus.“ (WA 38, S. 428, Z. 22-37)

„Das gesprochene Wort zählt“ (vgl. 1Tim 6,12). Besser wäre es, auf ein schrift­liches „Vorabordinationsgelöbnis“ zu verzichten und statt­dessen im Anschluss an die Ordinationshand­lung ein vorgefertigtes Ordinationsprotokoll von der Ordinatorin, von der Ordinierten sowie von den Assistenten unterzeichnen zu lassen. Mit ihm wäre die eingegangene Regelverpflichtung der nunmehr Ordinierten schriftlich dokumen­tiert. Es würde zu den landeskirchlichen Akten genommen, nachdem der Ordinierten die Ordinationsurkunde ausgehändigt worden ist.

Hier mein Text als pdf.

Pharao Necho und die Geldbuße – wie in der Lutherbibel 2017 militärische Gewaltherrschaft schöngeredet wird

16. Juni 2017

Eines der eher verunglückten Wörter des christlichen Wortschatzes ist im Deutschen das Verb „büßen“ (bzw. die „Buße“). „Das sollst Du mir büßen“ heißt es, wenn man dem anderen Vergeltung androht. Dass das Wort „Buße“ bei uns einen schlechten Klang hat, verdankt sich dem kirchlichen Bußverfahren des Mittelalters, bei dem es die in Bußbüchern (libri poenitentiales) tariflich festgelegten Bußstrafen zur eigenen Besserung abzuleisten galt. Etymologisch betrachtet kommt „büßen“ nämlich von „bessern“. Eine Geldbuße ist also weder vergeltende Bestrafung noch Schadenskompensation, sondern soll sich als „Besserungsleistung“ auf das moralische Verhalten des „Pönitenten“ auswirken. Nachdem man selbst den Strafzettel erhalten hat, sagt man sich: „Das nächste Mal parke ich nicht im Parkverbot.“

Interessanterweise taucht ein besserungssträfliches „Büßen“ erst in der revidierten Lutherbibel von 1964 auf. Auch in der Lutherbibel 2017 finde es sich an drei Stellen: In Sprüche 13,13 heißt es noch immer: „Wer das Wort verachtet, muss dafür büßen“, obwohl das hebräische chabal nichts mit „büßen“ im Sinne einer Besserungsstrafe zu tun hat und Luther 1545 „WEr das wort veracht / Der verderbet sich selbs“ sachlich richtig liegt (Zürcher: „Wer das Wort verachtet, erleidet Schaden“). Ähnlich steht in Sprüche 30,10 mit Luther 1964 noch immer „Verleumde nicht den Knecht bei seinem Herrn, dass er dir nicht fluche und du es büßen musst“ (Luther 1545 „Verrate den Knecht nicht gegen seinem Herrn / Er möcht dir fluchen / vnd du die schuld tragen müssest“), sowie in Sirach 23,24 [34] „Eine solche Frau wird man der Gemeinde vorführen, und ihre Kinder müssen’s büßen.“ (Luther 1545 „Diese wird man aus der Gemeine werffen / vnd jre Kinder müssen jr entgelten.“)

Besonders fragwürdig ist jedoch die Rede von „Geldbuße“ in der Lutherbibel 2017. So legt in 2Kön 23,33 bzw. 2Chr 36,3 der Pharao Necho (610 bis 595 v. Chr.) dem Land Juda eine „Geldbuße“ von 100 Zentnern Silber und einem Zentner Gold auf. Das klingt so, als wäre der Pharao im Auftrag der kommunalen Verkehrsüberwachung tätig gewesen. In Wirklichkeit hatte Necho den neuen, vom Volk gewählten judäischen König Joahas im Herbst 609 v. Chr. in seinem Hauptquartier in Ribla am Oberlauf des Orontes überführen lassen, ihn dort als König abgesetzt und nach Ägypten deportiert. An seiner Stelle setzte Necho Eljakim, einen anderen Sohn Joschijas, als judäischen König (von Ägyptens Gnaden) ein und änderte dessen Name in Jojakim. Fremdmilitärisch erzwungene Abgaben als „Geldbuße“ und damit als moralische „Besserungsmaßnahme“ zu verkaufen ist ein Unding. Luther 1545 weiß es besser, wenn das hebräische ʽonäsch mit „Schatzung“ (vgl. „Brandschatzung“) im Sinne einer gewaltsam erzwungenen Tributzahlung (vgl. Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 18. Auflage 2013, 994) übersetzt wird. Ebenso ist in Esra 7,26 von einer „Geldbuße“ (Luther 1545: „Busse am gut“) die Rede, wo besser „Geldstrafe“ zu übersetzen wäre.

„Alle Geschöpfe finden ihren »weiten Raum, in dem keine Bedrängnis mehr ist« (Hiob 36,16) in dem geöffneten ewigen Leben Gottes“ – Jürgen Moltmann zur Trinitätslehre

6. Juni 2017

In der aktuellen Juni-Ausgabe der zeitzeichen findet sich ein längeres Interview, das Reinhard Mawick mit Jürgen Moltmann zur Trinitätslehre geführt hat. Betitelt ist das Interview „Ich lebe in der Trinität“. Was Moltmann damit meint, hat er in seinem Aufsatz „Im Lebensraum des dreieinigen Gottes. Neues trinitarisches Denken“ entfaltet:

Jede Person »bewegt« sich in den beiden anderen. Das ist der Sinn ihrer circumincessio. Also bieten sich die trinitarischen Personen wechselseitig den einladenden Bewegungsraum, in welchem sie ihre ewige Lebendigkeit entfalten können. Es gibt für lebendige Wesen keine personale Freiheit ohne soziale Freiräume. Das gilt im übertragenen Sinn auch für die göttli­chen Personen in ihrer Perichoresis. Sie bewegen sich miteinander und umeinander und ineinander und verändern sich »von Herrlichkeit zu Herrlichkeit«, ohne Vergängliches hinter sich zu lassen. Man kann das mit Kreisbewegungen oder kaleidoskopischen Farbenspielen vergleichen. In ihrer ewigen Beweglichkeit verschmelzen die trinitarischen Personen mit den Spielräumen, die sie einander geben, ohne ineinander aufzugehen. In ihrer circumincessio sind sie Personen und Bewegungsräume zugleich. Im menschlichen Bereich nennt man diese Räume soziale Räume, in denen andere sich bewegen können. In der Übertragung auf die göttliche Ebene wird man von einer Einheit von physischen und moralischen Räumen ausgehen müssen, denn die Perichoresis ist gleichursprünglich wie das Leben der trinitarischen Personen.

Jede Person ek-sistiert außer sich in den beiden anderen. Es ist die Macht der vollkommenen Liebe, die jede Person so sehr aus sich he- rausgehen lässt, dass sie ganz in den anderen präsent ist. Das bedeutet umgekehrt, dass jede trinitarische Person nicht nur Person ist, son­dern zugleich auch Lebensraum für die beiden anderen darstellt. Jede Person macht sich in der Perichoresis »bewohnbar« für die beiden anderen und stellt den weiten Raum und die Woh­nung der beiden anderen bereit. Das ist der Sinn ihrer circuminsessio. Man soll also nicht nur von den drei trinitarischen Personen, sondern muss zugleich auch von den drei trinitarischen Räumen sprechen, in denen sie wechselseitig existieren. Jede Person ist aktiv in den beiden anderen einwohnend und passiv den beiden anderen raumgebend, also sich gebend und die anderen empfangend zugleich. Göttliches Sein ist personales Da-sein, soziales Mit-sein und perichoretisch zu verstehendes In-sein. […]

Sieht man die trinitarische Einheit perichoretisch, dann ist sie keine in sich geschlossene, exklusive Einheit, sondern eine offene, einladende und integrierende Einheit, wie Joh 17,21 Jesus zum Vater für die Jünger betet: »… dass sie auch in uns seien«. Dieser Einwohnung von Menschen in dem dreieinigen Gott entspricht durchaus die umgekehrte Einwohnung des drei­einigen Gottes in Menschen: »Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen« (Joh 14,23). Perichoresis verbindet, wie gesagt, nicht nur Andere der gleichen Art, sondern auch Andere verschiedener Art. Nach der johanneischen Theologie gibt es eine wechselseitige Einwohnung Gottes und der Menschen in der Liebe: »Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm« (1 Joh 4,16). Die letzte eschatologische Aussicht formuliert Paulus als kosmische Schechina Gottes, wenn Gott sein wird »alles in allen« (1 Kor 15,28). Alle Geschöpfe werden dann in der ewigen Gegenwart des dreieinigen Gottes »vergöttlicht«, wie die orthodoxe Theo­logie nach Athanasius sagt, d. h., alle Geschöpfe finden ihren »weiten Raum, in dem keine Bedrängnis mehr ist« (Hiob 36,16) in dem geöffneten ewigen Leben Gottes, und der dreiei­nige Gott kommt in der verklärten neuen Schöpfung zu seiner ewigen Wohnung und Ruhe und zu seiner Seligkeit.

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„Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter“ – Predigt über 2. Samuel 22 (bzw. Psalm 18)

28. Mai 2017

Alex Honnold auf dem „Thank God Ledge“

In den USA ist ein Bild aus dem Dokumentarfilm „Alone on the Wall“ von 2009 zur Ikone geworden. Es zeigt den damals 23jährigen Alex Honnold mit dem Rücken zur Felswand auf dem sogenannten „Thank God Ledge“ 45 Meter unterhalb des Gipfels des Half Dome im Yosemite National­park in Kalifornien. Unter ihm liegt die senkrechte, 600 m hohe Nordwestwand aus Granit, die Honnold als erster Kletterer free solo, das heißt im Alleingang unter Verzicht auf technische Hilfs- und Sicherungsmittel in weniger als drei Stunden durchklettert hatte.

Klettern in der Perfektion Honnolds scheint ein wahres Kunstwerk zu sein. Eigenhändig wird im Fels der nächste Griff erreicht, der einen weiter nach oben bringt – Zug um Zug, Schritt für Schritt. Vorsichtig koordinierte Körperbewegungen fügen sich als eingeübte Route zum Gipfel hin zusammen. Die Felswand lässt sich nicht bezwingen oder in den Griff kriegen; man muss vielmehr den eigenen Halt an ihr finden, darauf vertrauen, dass die Wand einen trägt. Der Kletterer lässt sich mit seinem Leben an einem bloßen Felsen festmachen. Darin zeigt sich sein Glaube.

Passend dazu finden sich im 2. Buch Samuel im 22. Kapitel Worte aus dem Munde Davids:

Der HERR ist mein Fels,
meine Festung und mein Erretter,
mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort.
Er ist mein Schild, mein starker Helfer,
meine Burg auf unbezwingbarer Höhe.

Er streckte mir seine Hand von oben entgegen
und riss mich aus den tosenden Fluten.
Der HERR gab mir sicheren Halt
und führte mich aus der Not hinaus in die Freiheit.
Er rettete mich. So viel bedeute ich ihm!

Der HERR tat mir Gutes für meine Treue,
meine Rechtschaffenheit hat er belohnt.
Denn stets bin ich dem HERRN gefolgt
und habe meinem Gott nie den Rücken gekehrt.

Der HERR allein ist Gott!
Wer außer ihm ist so stark und unerschütterlich wie ein Fels?
Gott allein ist meine Burg, in der ich Zuflucht finde.
Er ebnet mir meinen Weg.
Er beflügelt meine Schritte,
lässt mich laufen und springen wie ein Hirsch.
Selbst auf steilen Felsen gibt er mir festen Halt.

Der HERR lebt!
Er ist mein schützender Fels – ich preise ihn!
Ihn allein will ich rühmen,
denn er ist mein Gott, mein Fels,
bei dem ich Rettung fand.

Felsenfest steht der Gott für unser Leben ein. Wo Dinge und Beziehungen im Verlauf der Zeit sich ändern, gar vergehen, zeigt ER sich Menschen unveränderlich standhaft. „Der HERR ist mein Fels, meine Festung und mein Erretter, mein Gott, meine Zuflucht, mein sicherer Ort.

Die Einladung gilt auch uns: Geh mit deinem Leben auf diesen Felsen zu, lass dich mit dem eigenen Leben an ihm festmachen, glaube ihm. Mitunter halten wir Distanz zu Gott, betrachten ihn in der Ferne wie einen majestätischen Berggipfel im Abendrot. Zur hart scheint er unseren Lebensansprüchen zu sein. Weich, anschmiegsam soll er sein, mein Gott für mich, Seelentröster zum Umarmen – der liebe Gott, der nicht wirklich mein Leben bergen und tragen kann.

Alex Honnold beim Rissklettern

Alex Honnold beim Rissklettern

Er ist mein Gott, mein Fels, bei dem ich Rettung fand.“ Um dieser Zusage glauben zu können, braucht es eine menschliche Lebensspur in göttlichen Fels. Einer muss uns vorausgegangen sein – einer, der sich als Mensch ganz und gar auf diesen Fels eingelassen hat, der mit seinem Leben und Sterben uns diesen Fels zu unserem Heil erschlossen hat: Jesus Christus, Gottes Sohn, ist in der Felsgrotte zu Bethlehem für uns Mensch geworden, hat wider unsere Gottesfremde sich auf dem Kreuzfelsen von Golgota hingegeben, wurde im Felsengrab in den Tod eingeschlossen und ist am dritten Tag auferstanden. So hat er uns den Lebensweg im göttlichen Felsen erschlossen: Aus hartem Fels quillt Liebe uns entgegen, aus Granitgestein blüht uns ewiges Leben. Im Glauben an ihn folgen unsere Hände diesem Felsriss, finden ihren festen Halt, der uns schlussendlich von uns selbst erlöst.

Hier der Text als pdf.