Einführung in das Apostolische Glaubensbekenntnis – Teil 1: „Ich glaube an Gott, den Vater“

24. Februar 2018

Der Konfitag mit dem Thema „Einführung in das Glaubensbekenntnis“ ist wohl der anspruchsvollste. Wenn da die Konfirmanden mit ihren Fragen zu einzelnen Formulierungen kommen, wird man ganz schön herausgefordert. Und die Antwortzeit reicht ja dann auch gar nicht aus. Also Hausaufgabe für den Pfarrer. Er soll das nochmal erläutern und eine schriftliche Antwort auf die einzelnen Fragwürdigkeiten geben. Hier der erste Teil:

Das Apostolische Glaubensbekenntnis, das wir im sonntäglichen Gottesdienst sprechen, ist eigentlich ein Taufbekenntnis. Das heißt, der Täufling bekennt sich vor seiner Taufe zu dem dreieinigen Gott:

Glaubst du an Gott, den Vater, den Schöpfer aller Dinge? Täufling: Ja, ich glaube.

Glaubst du an Jesus Christus, Gottes Sohn, unsern Herrn?  Täufling: Ja, ich glaube.

Glaubst du an den Heiligen Geist, der lebendig macht?      Täufling: Ja, ich glaube.

Auf sein dreifaches Ja-Wort „ich glaube“ (auf Latein „credo“) wird der Täufling mit den Worten getauft:

Taufender:      [Vorname], ich taufe dich im Namen des Vaters
(erstes Eintauchen oder Übergießen)

Taufender:      und des Sohnes
(zweites Eintauchen oder Übergießen)

Taufender:      und des Heiligen Geistes.
(drittes Eintauchen oder Übergießen).

Das apostolische Glaubensbekenntnis führt aus, was der Glauben an Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist beinhaltet und ist dazu in drei Aussagenreihen Schöpfung – Erlösung – Heiligung gegliedert. Es gilt Christen als Erkennungszeichen ihres Glaubens (Symbolum). Ursprünglich hatten die Taufbewerber die Worte des Glaubensbekenntnisses vor ihrer Taufe mitgeteilt bekommen und durften dann dessen Worte bei der Taufe vor der Gemeinde aufsagen (traditio und redditio symboli). Damit wurde deutlich, dass sie nunmehr zur christlichen Gemeinde gehören.

Das apostolische Glaubensbekenntnis beginnt mit den Worten:

Ich glaube an …

Glauben ist mehr als nur ein Fürwahrhalten im Sinne „ich halte es für wahr, dass es einen Gott gibt“. Wer an jemanden glaubt, vertraut auf diesen und kommt mit Erwartungen und Hoffnungen auf ihn zu. Wer Vertrauen in jemanden hat, kann diesen ansprechen. „Du bist für mich …, so bitte ich dich …“

Ich glaube an Gott, den Vater …

Martin Luther schreibt dazu in seinem Großen Katechismus:

„Was ist Gott? Antwort: Ein ‚Gott‘ heißt etwas, von dem man alles Gute erhoffen und zu dem man in allen Nöten seine Zuflucht nehmen soll. ‚Einen Gott haben‘ heißt also nichts anderes, als ihm von Herzen vertrauen und glauben.“

Der christliche Glaube gilt nicht einem höheren (oder höchstem) Wesen, sondern dem einen Gott, dem ich mein eigenes Leben anvertrauen kann. „Bist zu uns wie ein Vater, der sein Kind nie vergisst, der trotz all seiner Größe immer ansprechbar ist“ heißt es dazu passend in dem Liedtext „Unser Vater“ von Christoph Zehendner.

„Gott“ ist nicht eine unendliche große Idee, die sich Menschen selbst denken können – „das, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann (Deus enim est id quo maius cogitari non potest – Anselm von Canterbury)“. Vielmehr sagt der Eine von sich (zu Mose): „Ich werde sein, der ich sein werde.“ (2Mose 3,14) Und weiter „Ich bin JHWH (Herr) und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott, aber mit meinem Namen »JHWH (Herr)« habe ich mich ihnen nicht offenbart.“ (2Mose 6,2f).

Christlicher Glauben heißt, diesen einen Gott bei seinem Namen nehmen. In diesem Namen ist das ganze menschliche Vertrauen zu unserem Heil enthalten. Um das namentliche „Gottvertrauen“ zu erlangen, will mir dieser Gott „auf Du und Du“ vertraut sein. In der Bibel, der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, erschließt sich uns das schöpferische, rettende und erneuernde Handeln dieses Gottes an seinem Volk Israel und insbesondere durch seinen Sohn Jesus Christus. Wer sich selbst in die Heilige Schrift einliest, wird darin sein persönliches Vertrauen in den dreieinigen Gott finden.

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„Der Prediger muß das schlecht­hinnige Vertrauen haben, daß die Bibel genügt. Die zuhörende Gemeinde lieb­haben!“ – Karl Barths Wirkung auf seinen Schüler Martin Eras

21. Februar 2018

Ein schönes Zeugnis über Karl Barths Lehrtätigkeit in Bonn findet sich in dessen Festschrift Antwort von 1956. Geschrieben hatte sie Martin Eras (1907-1991), der – zunächst noch als katholischer Oberpfälzer – von 1932 bei Barth in Bonn studierte und unter dessen Einfluss 1933 zur evangelischen Kirche konvertiert ist. Eras war später Pfarrer in Erkersreuth bei Selb, nach dem Krieg in Burgbernheim und 1955-1974 in Sickershausen (Kitzingen). Nachdem er dort 1991 gestorben war, hatte ich für einige Jahre dessen Ausgabe der Kirchlichen Dogmatik in meiner Obhut, bevor sie dann doch an seinen Enkel weitergegeben worden ist:

Als ich zu Anfang des Sommersemesters 1932 zum erstenmal seinen Hörsaal, das Auditorium maximum in der Konviktstraße zu Bonn betrat als junger katholischer Theologiestudent auf Anraten meines inzwischen im Herrn ent­schlafenen geistigen und geistlichen Mentors K. Z., tat ich es mit beklemmendem Gefühl in der Meinung, alle würden es mir ansehen, daß ich nicht hierher gehöre. Wie wunderte ich mich, als aus der Dozententür ein schlichter Mann trat, mit einem Heft und zwei kleinen Büchern in der Hand, aus deren einem er zwei Worte der Heiligen Schrift, wie ich später merkte: die Herrnhuter Losung und den Lehrtext des Ta­ges, verlas, um dann aus dem andern ein Lied anzusagen und anzustimmen, das alle mitsan­gen. Von den katholischen Vor­lesungen her war mir solches ganz neu. Bald kaufte ich mir ein Rheinisches Gesangbuch und stimmte ein. So habe ich in KARL BARTHS Vorlesungen nicht wenige evangelische Kirchenlieder und Melodien gelernt, und noch heute, wenn ich in der Schule mit den Kindern singe, denke ich dankbar daran. Wie un­berechtigt war doch der Vor­wurf, den H. ASMUSSEN in den Jahren nach dem Krieg erhob: man habe bei KARL BARTH nicht beten gelernt! Er hat es mit uns getan und wie oft kann man es in seiner Dog­matik lesen, daß docere et orare zusammengehören und einander bedingen!

Neben und nach dem Beten und Singen fing ich an, in seinem Hörsaal Theo­logie zu lernen, und zwar als erstes die Trinitätslehre. Was mich dabei besonders beeindruckte, war KARL BARTHS biblische Tiefe und ökumenische Weite. In der Folge hörte ich bei ihm die Ge­schichte der protestantischen Theologie. Dabei beglückte mich wiederum vor allem die Dar­stellungsweise, nämlich die vorbildliche Liebe, mit der er seine theologischen «Gegner» behandelte. Dann war es Dogmatik III, IV und V: der Inhalt des zweiten Bandes der Prolego­mena (K. D. I/2). Als gutem Lehrer lag ihm auch daran, das Echo von Seiten seiner Schüler zu vernehmen. So lud er uns jeden Freitagabend in seine Wohnung in der Siebengebirgstraße ein und gab mitten unter uns sitzend Antwort auf die Fragen und die manchmal auch törichten Ein­wände aus unserem großen Kreis, dessen bemerkenswerteste Erscheinung der ungetaufte Japaner KATSUMI TAKIZAWA war. Er wurde nicht einmal unmutig, als aus manchem un­serer deutschen Großköpfe ihm nationalsozialistischer Geist entgegenzüngelte. Seine lautere, väterlich-brüderliche Art verhinderte es, daß jemand von uns sich zum Angeber bei Parteistel­len erniedrigte. Wir verstanden es, daß er keine Freude daran hatte, als wir in Scharen notge­drungen Stahlhelm- und dann ohne unser Zutun sogar SA-Männer wurden. Doch haben wir auch als solche trotz Sonntag-Vormittag-Appellen es zu ermöglichen gewußt, am Gottesdienst teilzunehmen. Etliche Male kamen wir atemlos vom Exerzierplatz angerannt, um KARL BARTH in der Universitätskirche predigen zu hören.

Rechte Prediger zu werden, dazu wollte er uns helfen. Dem soll nach KARL BARTH auch die Dogmatik dienen. Sie ist nicht Selbstzweck. Unvergeßlich hat er uns das eingeprägt in den Predigtübungen, wo er uns eine Fülle einfacher, aber höchst hilfreicher Regeln mitgab, wie zum Beispiel: Den Text nicht mei­stern, sondern ihm dienen! Daher keine (angeblich hinfüh­rende) Einleitung, kein Thema und keine Teile, sondern auch in der Form dem Gefälle, das heißt der inneren Gliederung des Textes folgen! Der Prediger muß das schlecht­hinnige Vertrauen haben, daß die Bibel genügt. Die zuhörende Gemeinde lieb­haben! Neben Respekt und Aufmerksamkeit für das Schriftwort Bescheiden­heit (kein geschwollener Pfaffe), Beweg­lichkeit, Aufgeschlossenheit für den Kairos, das Entscheidende: das Gebet. «Eine gute Predigt muß auch die Ge­meinde in den Duktus des Gebets hineinführen.» «Das Ziel der Predigt sollte sein, daß die Hörer zu Hause selber nach der Bibel greifen und noch einmal sich auf den Weg begeben.» Um rechte Prediger aus uns zu machen, hat er uns ins­besondere unermüdlich auf die Exegese hingewiesen. So hielt er selber neben seinem dogmatischen Kolleg und den syste­matischen Seminar- und Sozietätsübungen (über CALVINS Institutio III, die Lehre von der Rechtfertigung, die Theologie der F. C., den Begriff der Theologie bei THOMAS und BONA­VENTURA, AUGUSTINS Enchiridion und CALVINS Psychopannychia) immer auch eine exegetische Vorlesung. Er hat uns damals das Johannesevangelium, die Berg­predigt und den Kolosserbrief ausgelegt und, als er den Hörsaal nicht mehr betreten durfte, in der Adventszeit 1934 in seiner Wohnung Luk. 1 in «Vier Bibelstunden» (Theol. Ex. h. Nr. 19), die er mit den Worten schloß: «Nun gebe Gott uns allen, daß wir die Weihnachtsfeier in dieser ernsten, ent­scheidungs­vollen Zeit feiern dürfen miteinander in der Anbetung des Gottes, der es mit uns allen und mit der ganzen Welt so unendlich gut gemacht hat, wie das Evangelium es sagt und immer wieder neu sagt, und daß wir ins neue Jahr hineingehen dürfen nicht ohne zu singen und zu sagen, wie es im Psalm heißt: Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist; wohl dem, der auf ihn trauet!»

Hier der vollständige Text „In Karl Barths Bonner Hörsaal“ von Martin Eras als pdf.

„Der Schatz des Evangeliums, des Himmelreichs liegt nicht in einem Goldgräberland“ – Kornelis Heiko Miskottes Predigt über Matthäus 13,44-46 (Vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle)

20. Februar 2018

Perle

Da kann einer predigen, wohl eine Stunde lang. Kornelis Heiko Miskotte ist sich des Evangeliums gewiss und sucht in seiner Predigt über Mt 13,44-46 (Vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle) die zusprechenden Worte für die Zuhörer. Man spürt, dass Prediger und Gemeinde einander vertraut sind. Nur so lässt sich anspruchsvoll predigen:

Das Evangelium ist eine Botschaft der Freude, und wir profitieren davon, wir leben davon, wir sind eingeladen, uns zu entspannen und zu sein, zu leben und anzuschauen, was Gott Großes an uns getan hat. Oft sagen Menschen, die irgendwie angerührt werden von dem Geheimnis Jesu Christi: Ja, es ist beinahe vorbei mit dem Suchen in dieser Welt, aber diesen Reichtum, den wollen wir doch suchen, wir wollen Gott suchen und die Schönheit suchen. Und wenn man den Menschen entge­genkommen will, dann wäre es doch nett, es ihnen nahe­zubringen, etwa so: Leute, nun müssen wir uns aufmachen, das Reich Gottes zu suchen, wir müssen diese Perle finden, wir müssen diesen Schatz ausgraben! Aber das Seltsame an dem Gleichnis ist gerade: dieser Schatz wurde nicht gesucht und diese Perle wurde auch nicht gesucht. Gewiss, der Kaufmann suchte Perlen, die immer schöner und schöner und noch schö­ner sein soll­ten, aber diese eine Perle … das war reiner Zufall und eine vollkommene Überra­schung. Weder dieser Landarbeiter noch dieser Juwelier wussten, wie ihnen geschah. Hier in der Erde, in diesem Stück Erde? Reiner Zufall. Warum passiert mir das? Oder dieser Juwelier, der herumreist – er verliert sein Herz und ein wenig auch seinen Verstand. Da steckt, scheint mir, das Eigentliche des Gleichnisses. Es springt in die Augen, dass eben dieser „Zufall“ das Siegel der Freude ist, das Große, das Übergroße, das Gegebene, fast so gegeben wie die Schöpfung und alle guten Dinge. Es fällt uns zu. Meine Frau habe ich zufällig gefunden. Die Erleuchtung der echten Theologie habe ich zufällig gefunden. Es wäre ganz schrecklich, wenn man sagen müsste: Ich habe mich halb totgesucht, und endlich war da dann die Frau, die un­gefähr meinen Vorstellungen entspricht. Oder: diese Lösung hatte mir eigentlich vorge­schwebt, sie passt wunderbar in die Lücken, die ich offengelassen hatte.

Nein, der Schatz des Evangeliums, des Himmelreichs liegt nicht in einem Goldgräberland, zu dem man mit Spaten und Hacke hinzieht, ungewiss, was man finden wird und ob man genug finden wird, um davon zu leben, wo man aber doch auf jeden Fall etwas finden wird. Nein, es ist ein Wunder. Gottes Königsmacht über die Welt kann nicht logisch oder religiös abgeleitet werden. Die Königsmacht, die Herrschaft der Himmel fällt uns zu, ihre Erkenntnis wird uns geschenkt. Ja, das einfache Gleichnis muss wohl ein klares, deutliches Beispiel sein für die Erfüllung des Wortes: „Ich werde verkündigen, was verborgen war seit dem Anfang der Welt“. Denn geht es in diesem Gleichnis nicht von einer Unmöglichkeit zur anderen? Das ein­fache Geschichtchen deutet auf ein weltbewegend neues, uner­wartetes Ereignis hin, das auf keine Weise von einem verständigen Menschen irgendwo eingeordnet oder nachträglich plau­sibel gemacht wer­den kann. Nicht wahr, es fährt diesem Landarbeiter in die Glieder: Er kommt in eine Krise, er gerät in Trance, es verschlägt ihm die Sprache, er bewahrt das Ge­heimnis, und das Stillschweigen steigert noch fortwährend seine Besessenheit. Er muss das Land kaufen, jetzt oder nie! Aber wie? Was er tut, ist juristisch ganz und gar nicht in Ord­nung. Er hat sein Herz verloren. Warum tut er etwas so Verrücktes? Ja, er hat sein Herz ver­loren, weil dieser Fund zufällig ihm zugefallen ist. Er hatte, denke ich, nicht ein­mal das Gefühl, vor einer Entscheidung zu stehen, die sein künftiges Leben bestimmen würde. Er hatte keine Wahl, als er einmal so überwältigt war von dem Zufall dieses Gegebenen.

(übersetzt von Hinrich Stoevesandt)

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Ihr gehört Euch nicht selbst, weil Ihr auch als Eheleute Christus gehört“ – Ernst Wolfs Trauansprache über Römer 14,7-9

19. Februar 2018

Das ist sicherlich nicht die beredteste Traupredigt, die Ernst Wolf am 14. August 1971 – vier Wochen vor seinem Tode – zur Vermählung seines Sohnes gehalten hatte. Römer 14,7-9 lässt schwerlich eine hochzeitliche Euphorie aufkommen. Und doch zeigt Wolfs Trauansprache eine christliche Ehelehre, die es in sich hat. Wolf bringt damit zur Ansprache, was er in seiner Sozialethik zur Institution der Ehe entfaltet hat:

Nun versprecht Ihr heute, hier vor dieser Gemeinde, einander herzliche Liebe und Treue und Beständigkeit, constantia, das Mit­Zusammen-Stehen – ein fast unheimliches Verspre­chen, und welches Wagnis! – und Ihr werdet nicht daran zweifeln, daß nicht nur die anderen hier, sondern daß Gott selber der Zeuge ist. Denn Ihr seid des Glaubens, daß er selbst einver­standen ist mit solchem Versprechen, daß das, was Euch hieher geführt hat, und das, was hier geschieht, daß das mit Gottes Wort und Willen durchaus in Einklang steht, daß herzliche Lie­be und Treue nach Gottes Ordnung und mit seiner Hilf e bis zum Tod in der Ehe herrschen sollen, nicht bloß nach Eurer guten Absicht.

Das eben ist das kühne Wagnis des Eheversprechens, daß da ein Mensch dem anderen sich selbst rückhaltlos anvertraut, die Treue des anderen ganz ohne Zweifel oder Einschränkung in Anspruch nimmt, einfach weil es auf Gegenseitigkeit von Ich und Du hin geschieht. Warum eigentlich?, möchte man fragen. Aber gerade diese Frage ist uns verwehrt, so wie sie Euch selbst nicht anrühren, nicht in Frage stellen darf. Wir dürfen nicht Euch, und Ihr dürft Euch nicht nach vorweisbaren, verrechenbaren Gründen fragen wollen für die Gewißheit, daß gerade Ihr zwei fürs Leben zusammengehört. Ihr könnt, wenn alles recht ist, im Blick darauf nur sagen: wir glauben es eben. Und wir dürfen auch nicht fragen, woher habt Ihr aus Euch die Gewißheit, daß Ihr Euer Versprechen auch halten werdet? Auch hier könnt Ihr nur sagen: wir glauben es eben. Denn weit mehr als wir alle ahnen ist menschliches Zusammenleben, und das in der Ehe ganz besonders, auf Treue und Glauben verwiesen und gebaut.

Wir glauben es eben – das ist nicht bloß unser Meinen, unser Wünschen, unser Hoffen, ir­gendein Überzeugtsein des Gefühls, die Verdichtung eines Sich-Verstehens. Wir glauben es – das weist über sich, über Euch und über uns hinaus auf den Grund des Glaubens, wofern er wirklich Glauben ist, auf den Grund der Liebe, der Treue, der Beständigkeit mitten in aller Anfechtung, der man, wie Erfahrungen lehren, oft nur schwer standhalten kann.

Das besagt jetzt, in dieser Stunde: die Trauung, die ja nun zunächst ein menschlich Ding ist, ist es als der Versuch, die neue Möglichkeit gemeinsamen Lebens in der Ehe zu ergreifen, eine Möglichkeit, die als unser Werk zugleich aufgehoben ist bei Gott und darin geheiligt. Von diesem Aufgehobensein bei Gott, von diesem Geborgensein im Grund des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, davon redet das Wort der Schrift, von dem wir ausgegangen sind. Es ist klar und in sich verständlich – für den Glauben – und zugleich voll unbegreiflicher Zusi­cherung.

Es beginnt mit einer zunächst befremdlichen Feststellung: „Unser keiner lebt ihm selber und unser keiner stirbt ihm selber“. Aber diese Feststellung entspricht vielleicht noch weithin den Möglichkeiten unserer eigenen Erfahrung. Wir haben uns eben selbst nicht schlechthin in der Hand. Wir sind nun einmal nicht einfachhin die Herren unseres Lebens oder auch unseres Sterbens. Es wäre verstiegener Hochmut, wenn wir das behaupten und praktizieren wollten. Wir sind, um wirklich zu leben, auf andere angewiesen, anderer bedürftig, aber auch für ande­re da. Das Neue aber, das über solche mögliche Erfahrung hinausführt und sie zugleich be­stä­tigt, sagt der nächste, den ersten begründende Satz: „Leben wir, so leben wir dem Herrn, ster­ben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ – Und wer dieser Herr ist, warum er es ist, sagt der dritte: „Denn dazu ist Christus auch gestor­ben und auferstanden und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebendige HERR sei.“

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Freude im Himmel und Freude auf der Erde, es ist wie Weihnachten“ – Hans Joachim Iwands Predigt über das verlorene Schaf und den guten Hirten (Lukas 15,1-7)

17. Februar 2018

Das ist wohl die eindrücklichste Predigt über Lukas 15,1-7, die Hans Joachim Iwand noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs gehalten hat. Da spricht er das Gleichnis mit dem Wort vom Kreuz zusammen und lässt es Weihnachten werden:

»Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und so er der eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis daß er’s finde?«

Liebe Gemeinde, alles, was die Menschen Sünde nennen, und Gottlosig­keit und Gemeinheit und Laster und Schmutz und Hartherzigkeit, das nennt unser Herr Jesus Christus mit einem Wort: Verlorenheit. Und nicht einmal so, als ob er sagen wollte: Du bist verloren, sondern unendlich viel barmherziger und unendlich viel seliger; er sagt: Mein Vater hat dich ver­loren. Gott hat dich verloren, du bist sein Eigentum. So wie dies eine Schaf zum Eigentum des Hir­ten gehört und er sich darum aufmacht, das Verlore­ne zu suchen, so mache ich mich darum auf, dich zu suchen, weil du das Eigentum meines Vaters im Himmel bist. Nicht wahr, das ist das, was wir gar nicht glauben können, wenn wir da mitten in die Verlorenheit hinein dieses Eine hören, daß wir gesucht werden, weil wir das Eigentum Gottes sind, weil Gott nichts ver­loren gehen kann, was ihm gehört, weil gerade der Mensch, von dem wir glauben: er ist ver­loren – und in jedem von uns gibt es diesen Menschen, von dem wir fürchten, er könnte ver­loren sein –, daß Jesus Christus mitten unter uns erscheint des zum Zeichen: Du bist sein Sohn; was auch immer geschehen mag und was auch immer gesche­hen sein mag mit dir, wohin auch immer deine Wege dich geführt haben, du bist sein Eigentum, so gewiß, als ich dich suche. Nicht darum, weil du in dir nicht verloren wärst, weil du göttliche Kräfte in dir trägst, wie die Welt uns weismachen möchte, um uns immer tiefer in die Verlorenheit hinein­zuführen, nicht darum bist du Gottes Eigentum; sondern darum, weil ich dich suche, weil ich dich reklamiere als den, der Gott gehört. Der Gott ge­hört und nicht dir selbst und nicht der Sünde und nicht deiner Verzweif­lung und nicht deiner Überheblichkeit, sondern dem Vater im Himmel, weil du dem gehörst, darum bin ich in die Welt gekommen, dich zu suchen. Darum habe ich alles andere verlassen, darum habe ich mich aufgemacht, das Verlorene zu ret­ten, damit der Triumph Gottes, der Sieg Gottes über den offenbar werde, der ihm sein Kind geraubt hat, den Verführer zum Bösen, damit an dir und deinem Leben offenbar werde, daß Gott dennoch Sieger ist. Meine Brüder und Schwestern, Jesus Christus, der uns nachgeht, ist mitten in unserer Verlorenheit der Erweis und der Beweis dessen, daß niemand verloren ist, der seine Stimme hört, daß hier der Mensch wieder zurückversetzt wird in seinen ursprüng­lichen Stand, daß er hier wie eine verloren gegangene Perle wieder zurückgekauft wird, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem teuren Leiden und Sterben und seinem un­schuldigen Blute, damit er rein wird, wie er war.

»Und wenn er’s gefunden hat, so legt er’s auf seine Achseln mit Freuden.«

Er legt das verirrte Schaf auf seine Achseln, auf seine Schultern, damit nun der Mensch heim­finde. Den Weg, den der Mensch geführt worden ist weg von Gott, diesen Weg muß er jetzt zurückgehen, das heißt Umkehr. Aber er muß ihn nicht zurückgehen mit seinen eigenen Füßen, sondern der gute Hirte geht deinen und meinen Weg mit seinen Füßen und mit dieser Last. Jeder hat seinen eigenen Weg, auf dem er von Gott wegkommt und fernkommt, der eine durch Zweifel und Irrtümer, der andere durch Unreinheit und Unzucht, ein dritter durch Geiz oder durch Ruhmsucht; ach, meine Brüder und Schwestern, es ist kein Mensch geboren und es ist kein Mund geschaffen, der all die Wege nennen könnte, auf denen ein Menschenherz ver­führt wird hinweg von dem lebendigen Gott, aber jeder wird seinen Weg zurückgetragen. Es ist ein Weg des Triumphs. Durch Zweifel und Irrtümer, die dich von Gott verführten, wird dich der gute Hirte zurücktragen, durch die Unreinheit, die dich befleckte, wird dich der gute Hirte zurücktragen, seine Füße werden durch all den Schmutz gehen, und seine Seele wird mit all den Anfechtungen ringen, und du wirst auf seinen Schultern liegen, hoch darüber. Unter dir liegt dies alles nur noch wie eine alte Erinnerung, die dich nicht berühren kann, weil dich der gute Hirte hoch darüber hinwegträgt. Er legt’s auf seine Schultern mit Freuden. Der Gang des Hirten, der das verirrte Lamm auf seiner Schulter trägt, ist nicht so freudig, wie es scheint, es ist ein schwerer müder Gang, ein Gang mitten durch die Welt der Sünde und des Todes, und seine Gestalt bricht zusammen unter der Last des Kreuzes, das ihm auferlegt ist, und sein Angesicht ist entstellt durch die Dornenkrone, die er um unsertwillen ins Gesicht gepreßt be­kommt von dieser Welt. Und es ist wie mit letzter Kraft, daß er heimkommt zum Ziel, mit einem Todesseufzer nur kann er das Ziel erreichen und rufen: »Es ist vollbracht.« Und doch: Freude, und doch ist das Letzte, was diesen Hirten trägt und seinen Schritt beflügelt und seine Kraft ausmacht bei seinem Lauf, dies Eine: Freude. Das Schaf, das verloren war, das habe ich wiedergefunden. Meine Brüder und Schwestern, wir sind seine Freude, das ist alles. Daß er uns heimholt, uns, wie wir sind, daß wir auf seiner Schulter den Weg durch’s Leben zurückmachen, das ist seine Freude, das ist Gottes Sieg, das ist der Triumph, der durch das ganze Zeug­nis des Neuen Testaments hindurchgeht: »Nun hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda.« »Nun ist nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind.« »Vater, die du mir gegeben hast, die habe ich bewahrt, und es ist keiner von ihnen verloren gegan­gen.« Das ist die Freude, von der hier der gute Hirte redet, daß die, die er einmal auf seine Schulter gelegt hat, nicht mehr geraubt werden können aus der Hand des lebendigen Got­tes; daß ich sein Eigentum bin. Das ist auch die Freude, die unsere Freude wird, wenn er sagt: »Meine Freude wird niemand von euch nehmen.« Die Freude des Herrn Jesus Christus, daß er nicht umsonst gesucht und nicht umsonst gelebt und nicht umsonst gepredigt hat, das ist die Freude, die keine Not der Welt, kein Gefängnis, kein Tod, keine Verachtung von uns nimmt.

Hier die vollständige Predigt als pdf.

„Gestaltgemeinschaft mit Christus“ – Richard Schaeffler über Erinnerung und Anamnese

16. Februar 2018

Richard Schaeffler weiß wie kaum ein anderer Religionsphilosoph die Liturgie in seinen Gedankengängen zu berücksichtigen, so in seinem Artikel „Erinnerung/Anamnese“ aus dem Lexikon der Religionen (hrsg. v. Hans Waldenfels, Freiburg 1987):

Wie das Erinnern und Gedenken allgemein eine Bedingung der individuellen und der ge­meinschaft­lichen Identitätsfindung ist, so ist die religiöse Anamnese eine Bedingung für die Identitätsfin­dung des religiösen Individu­ums und der religiösen Gemeinde. Und wie ganz allgemein Individuen und Gruppen sich ihrer eigenen Identität dadurch bewußt werden kön­nen, daß sie fremde Per­sonen oder Sachen wiedererkennen, mit Namen rufen und diese Namen-Akklama­tion in Er­zählsätzen entfalten, so spielt die Acclamatio nominis und deren Entfaltung in Sätzen rühmen­den Erzählens eine wichtige Rolle für die Entdeckung der Kontinuität der Lebensge­schichte religiöser In­dividuen und Gruppen.

Diese besondere Bedeutung der religiösen Ana­mnese für die Identitätsfindung des religiösen Indi­vidu­ums und der religiösen Gemeinde beruht, nach dem Selbstverständnis der Religion, darauf, daß „Erinnerung“ nicht ausschließlich als ein Akt des religiösen Be­wußtseins gilt. Sie ist vor allem ein Akt der Treue Gottes selbst. Diese Treue Got­tes hat zur Folge, daß die gegen­wärtige religiöse Erfahrung göttlicher Präsenz nicht erst sekundär, durch einen Vorgang im Bewußtsein des religiösen Menschen, mit der erinnerten Vergangenheit göttlicher Ta­ten vermittelt zu werden braucht; viel­mehr gewinnen in jeder Präsenz Gottes auch alle seine vergangenen Taten eine augenblickshaft aufleuchtende Realprä­senz („Deus, cuius antiqua miracula etiam nostris temporibus coruscare sentimus[1]). Religiöse Anamnese ist erst sekun­där menschli­cher Akt des Erinnerns; sie ist primär die durch Gottes Treue gestiftete Gegen­wart seiner eigenen vergangenen Groß­taten. Und die religiöse Pflicht, diese Großtaten „nicht zu vergessen“ (vgl. Ps 103,2), ist in der religiösen Zusage begründet, daß Gott selbst keines seiner Geschöpfe vergißt (vgl. die Bekenntnisformel in der Liturgie des jüdischen Neujahrs­tages, der auch der „Tag des Gedächtnisses“ ge­nannt wird: „Für alle Vergessenen seit Welt­zeit bist du der Gedenkende“).

Gottes Treue stiftet so verstanden eine Realpräsenz seiner vergangenen Großta­ten in jeder Gegenwart, in der er Men­schen begegnet. Auf dieser Realpräsenz beruht auch die kultische Anamnese und die mit ihr verbundene kultische „Vergegenwär­tigung“ dessen, was im Got­tesdienst ana­mnetisch zur Sprache gebracht wird. Dieser Realpräsenz der erinnerten Ver­gangenheit in der erfahrenen Gegenwart Gottes entspricht die bevorzugte sprach­liche Form der Anrufung gött­licher Na­men: der „hymnische Partizipialstil“, in welchem der Gottheit ihre vergangenen Taten in der Form des Partizips, also zustandhaft-präsentisch, zugesprochen wer­den, so daß die Erinnerung an vergangene Heilstaten Gottes sich mit der Hoffnung auf deren je gegen­wärtige Erneuerung verbindet. Römische Orationen lösen dabei die partizipiale Namens­anrufung in er­zäh­lende Relativsätze auf, deren Inhalte in den zukunftsgewandten Deprekatio­nen wie­derkehren: „Gott, du hast die Herzen der Gläubigen durch die Erleuch­tung des Hl. Geistes belehrt, gib, daß wir in demselben Geiste erkennen, was recht ist, und, von ihm getrö­stet, all­zeit in der Fröhlichkeit verbleiben.“ Akklamationen dieser Art stellen die religiöse Anamnese in den Zu­sammenhang mit erfahrener Gegenwart und erhoffter Zukunft hinein und benen­nen dadurch zugleich den Grund, den der so Betende „bestehen läßt“, um so selbst „Be­stand zu gewinnen“ (vgl. Jes 7,9). Was über die allgemeine Bedeutung der Erinne­rung für die Identi­tätsfin­dung des Individuums und der Gruppe gesagt werden konnte, findet in dieser Form der reli­giösen Anamnese, dem „Bestandfinden“ durch anamnetisches „Be­standgewäh­ren“, seine intensivste Verwirklichungsform. […]

Die Glieder religiöser Überlieferungsgemeinschaften begreifen ihre je besondere Weise des Selbst- und Weltverständnisses als Folge derjenigen Ereignisse, die den Inhalt ihrer normativen Erinnerung ausmachen („Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber Licht durch den Herrn“, Eph 5,8). Sie be­wahren ihre Identität dadurch, daß sie im Licht sol­cher Erinnerungen zum angemessenen theoretischen und praktischen Urteil über ihre gegen­wärtige Erfahrung fähig werden. Die Erinnerung an Urereignisse, die „vor aller Zeit“ gesche­hen sind, befähigt die Mitglieder mythischer Überlieferungsgemeinschaften dazu, Ereignisse ihrer eige­nen Erfahrung als Abbild- und Gegenwartsgestalten dieser Urereignisse zu be­greifen und in der eigenen Praxis neue Abbild- und Gegenwartsgestalten zu set­zen. Die Erinnerung an Jesu Tod und Auferste­hung befähigt die Christen, Leid und Tod als „Gestaltgemeinschaft mit Christus” zu begreifen und daraus die Hoffnung auf eine „Gleichgestaltung mit seiner Herr­lichkeit“ zu gewinnen. Darum gilt die je gegenwärtige Erfahrung in dem Maße als verstanden, in welchem sie im Lichte der normativen Erinnerung gedeutet wer­den kann. Die normative Erinnerung aber läßt ihre Bedeutung in dem Maße erkennen, in welchem sie die je gegenwär­tige Erfah­rung der Überlieferungsgemeinschaft verständlich macht.

[1] Dritte Oration in der lateinischen Ostervigil, die auf die Lesung Ex 14,15-15,1 folgt.

Hier der vollständige Artikel als pdf.

„Am meisten habe ich von meinen Schülern gelernt“ – Stimmt dieser Spruch aus dem Talmud?

15. Februar 2018

Im Traktat Ta’anit des Mischna findet sich folgender Spruch des Rabbi Chanina: „Viel habe ich gelernt von meinen Lehrern, mehr von meinen Kollegen, am meisten von meinen Schülern.“ (Ta’anit 7a) Der Spruch stimmt nicht ohne weiteres. Im Rückblick betrachtet weiß ich selbst, was man seinen theologischen Lehrern zu verdanken hat, wie sie einen auf die richtige Spur geführt haben. Aber wenn man selbst Lehrender ist, sind es in der Tat die Fragen von Schülerinnen und Schülern bzw. Studierenden, die das eigene Weiterlernen stimulieren. Und das sind für mich selbst die wirklich gelungenen Unterrichtsstunden, in denen ich selbst aus dem Unterrichtsgespräch heraus Neues in der vertrauten Lehre entdecken durfte. In diesem Sinne bleibt man als Lehrender ein Lernender.

„Nicht jedoch endet im Tod Gottes Verhältnis zu dem im Tod beendeten Leben“ – Eberhard Jüngel über den Tod in seinem RGG4-Artikel

11. Februar 2018

Eberhard Jüngel hat als einer der vier Herausgeber der RGG4 sich bei seinen Artikel souverän über die editorischen Richtlinien hinweggesetzt. Neben seinem subversiven Beitrag „Wein und Wahrheit“ sind seine Artikel Miniaturen seiner eigenen Theologie. Ausgestattet mit extensiven Quellenangaben im Text und unter Ignorierung der vorgegebenen Spartenlogik fasst er zusammen, was ihm selbst am Herzen liegt, so auch in seinem Artikel über den Tod:

Theologische Definitionen des Todes haben die überwiegend negativen Konnotationen der Rede vom Tod in den biblischen Texten methodisch zu berücksichtigen, also davon aus­zugehen, daß der Tod als ein im Zeichen des göttlichen Zornes über den Sünder verhängter, aus dem Sündigen resultieren­der »Fluchtod« zu begreifen ist. Erst nach Würdigung dieses bedrückenden Sach­verhaltes läßt sich legitimerweise fragen, ob der Tod auch als das vom Schöpfer gewollte und deshalb gut zu heißende Ende des menschlichen Lebens zu begreifen ist und also zur von Gott bejahten guten Natur des Menschen gehört. Die Mög­lichkeit eines das irdische Leben beendenden, ja vollendenden »natürlichen« bzw. »kreatürlichen« Tod erschließt sich vom Neuen Testament her als Erfahrbarkeit des durch den Tod Christi von seinem Fluchcharakter befreiten Tod, über den hinaus für den irdischen Menschen nicht die Fortsetzung des gelebten Lebens, sondern nur Gott selbst als »Jenseits« in Betracht kommt. Gott aber wird in seiner Existenz als Vater, Sohn und Geist von den Glaubenden als das in ursprünglicher Weise beziehungs­reiche Wesen erfahren und begriffen. Das Leben des als Ebenbild Gottes ge­schaffenen Men­schen ist folglich ebenfalls ein bezie­hungsreiches Leben, das sich als Verhältnis des Men­schen zu sich selbst, zu seiner sozialen und natürlichen Umwelt und zu Gott vollzieht. Wann und wo immer der Beziehungsreichtum des menschlichen Lebens lädiert wird, ist nach biblischem Verständnis bereits der Tod am Werk.

Ist des Menschen Sünde dessen Drang in die durch rücksichtslose Selbstverwirklichung ent­stehende Beziehungslosigkeit und ist der Tod das aus diesem Drang resultierende »Fazit« (Röm 6, 23), dann ist der Tod zu definieren als Eintritt vollständiger Beziehungslosigkeit, in der nicht nur des Menschen Verhältnis zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt und zu sich selbst, sondern auch sein Verhältnis zu Gott und insofern eben sein Leben endet. Nicht jedoch endet im Tod Gottes Verhältnis zu dem im Tod beendeten Leben. Kraft der sich im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi durchsetzen­den und offenbarenden Liebe, die Gott selber ist, schafft dieses konstante Verhältnis Gottes zum im Tod endenden menschlichen Leben jene neuen Beziehungen, in denen sich des Men­schen ewiges Leben vollzieht. Nun kann der Tod auch als das von Gott gesetzte gute Ende des menschlichen Lebens bejaht und Sterben sogar als Gewinn begrüßt (Phil 1, 21) werden. Doch nicht der Mensch vollbringt sterbend eine letz­te, das eigene Leben vollendende Tat, die dann gar als »die Tat des Wollens schlechthin« zu verstehen wäre. Der Tod führt den Menschen vielmehr in eine letzte Passivität, die nur Gott selbst mit neuer Aktivität zu beleben vermag.

Hier Jüngels vollständiger Text als pdf.

NAMENSgedächtnis statt Gottdenken. Warum Christen nicht an „Gott“ glauben

9. Februar 2018

Seit meiner Lehrtätigkeit in Hongkong 2002-2008 bearbeite ich einen eigenen Text „NAMENSgedächtnis statt Gottdenken“. Diesen halte ich selbst für die radikalste Infragestellung abendländischer Theologie. Hier der Schlussabschnitt aus der aktuellen Fassung:

Der Gleichgültigkeit eines Namenspluralis­mus entkommt man nur dann, wo man einen bestimmten Namen vernommen hat und den Namensträger mit dessen Geschichte für sich selbst anzuerkennen und anzurufen weiß. Dass nun der Name „Jesus“ über allen Namen steht (Phil 2,9), verdankt sich weder ritueller Apo­theose noch menschlicher Denkleistung, sondern Seinen ausgesprochen Macht­taten, die – der Selbstpreisgabe des Sohnes folgend – Himmel und Erde, Anfang und Ende eingeholt haben. „Ich bin das A und das O, spricht Herr, der Gott, der ist und der war und der kommt, der Allherrscher.“ (Offb 1,8, vgl. 21,6; 22,13) Wer dem einen NAMEN gehorcht, darf sich mit seinem Leben nicht in die Abhängigkeit von anderen Namen bringen. Dem biblischen Zeug­nis zufolge kann man von einer HERRlichen Monarchie sprechen, die menschliche Monola­trie gebietet, nicht aber von einem theoretischen oder auch praktischen Monotheismus. Wer von einem biblischen Monotheismus spricht, trägt – möglicherweise ungewollt – eine philoso­phische Gottesidee in den Text ein und verschreibt sich damit einer ideologischen Schriftlek­türe. Wer das unaussprechliche Tetragramm überliest, erweist sich als Analphabet des eige­nen Lebens.

Um den einen Namen, der über alle Namen ist, wirklich anzuerkennen und anzurufen, bedarf es eines polyarchaischen bzw. polytheistischen Kontextes. Nur dort, wo ich mich in einer „vielmächtigen“ Wirklichkeit wahrnehme, gewinnt die Anerkennung des einen Namens lebensentscheidende Bedeutung (vgl. Apg 4,12). Wo hingegen Aussagen über Allmacht, Alleinheit oder Allursächlichkeit aus einer Gottesidee generiert werden, ist und bleibt der NAME letztendlich bedeutungslos. Auch wenn die Trinitätstheologie in der Alten Kirche unter (neu-)platonischem Einfluss begrifflich ausgearbeitet wurde, war die Weltwahrnehmung der Menschen dennoch „vielmächtig“. Damit konnte die „Gotteswirklichkeit“ schlussendlich nicht als „Gottesgedanke“ gelten. Erst dort, wo in Folge der Aufklärung die moraldependente „Vielmächtigkeit“ naturwissenschaftlich eliminiert worden ist, wurde ein abstrakter Gottes­gedanke religionsideologisch zur Geltung gebracht. Was der dreieinige Gott nach biblischem Zeugnis den Menschen NAMENlich zu sagen, kann gegenwärtig im polyarchaischen Kontext Afrikas oder Asiens weit besser verstanden werden kann als im monotheistischen bzw. atheis­tischen Kontext Europas.

Innerhalb der europäischen Kultur herrscht die paradoxe Situation, dass Namensversessenheit mit NAMENsvergessenheit einhergeht. Ohne Künstlernamen ist Kultur undenkbar. Nament­liche Originalität erzielt auf Kunstauktionen mitunter Höchstpreise, gewichtige Autoren- und Gelehrtennamen erheischen publizistische Aufmerksamkeit, werden in Feuilletons und Fach­journalen kritisiert oder gewürdigt. Wenn es nicht gerade um Katastrophen und Unglücke geht, sind Schlagzeilen und Headlines in den Medien meist namensfixiert. Und schließlich spielen auch bei Konsumgütern Produkt- und Markennamen eine herausragende Rolle; sie werden nachhaltig beworben. Der Name verkauft sich und lässt sich verkaufen. Unsere Lebenswelt ist alles andere als anonym. Umso erstaunlicher ist, wie wenig die Wirkung von Eigennamen in Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft beachtet ist. In der literaturwissen­schaftlichen Narratologie wird der erzählerischen Wirkung von Eigennamen kaum Beachtung geschenkt, da man sich auf die Referenzverhältnisse kapriziert.

Christliche Lehre, die wahrhaftig eine transkulturelle Heilslehre für die Völker ist, ist NAMENslehre und nicht etwa Gotteslehre – „Induktion aus dem Namen“ statt „Deduktion aus dem Begriff“. Schibboleth – „Ährenhalm“ (nicht Strohhalm) – des Glaubens ist das unaussprechliche Tetragramm, gilt doch dieser Glaube nicht etwa einem Übernatürlichen, sondern dem Namenlichen. Natürlich versus NAMENlich ist die christliche Leitunterscheidung, auf die es ankommt. Der NAME selbst hält Wort, ohne dass er zur Sprache gebracht werden kann. So wie menschliche Biografien in keiner Anthropologie bedacht wer­den können, so wenig kann auch der NAME in einer Theologie aufgehoben werden. Die NAMENslehre lehrt entsprechend der kanonisch gelesenen Heiligen Schrift, welche Worte und Taten vom NAMEN umfasst sind, wie Jesus Christus und der Heilige Geist auf den NAMEN bezogen sind (Trinitätslehre) und wie geschöpfliches und insbesondere menschliches Leben in heilvoller Weise vom NAMEN eingenommen wird (Heilsökonomie). Bei der Trinitätslehre kommt es allein auf Namen an. So jedenfalls schreibt Ephraem der Syrer Mitte des vierten Jahrhunderts:

Vater, Sohn und Heiliger Geist können nur in ihren Namen verstanden werden;
Schau nicht weiter auf ihr Wesen (qnomá),
besinn dich auf ihre Namen.
Wenn du das Wesen des Gottes untersuchst, wirst du zugrunde gehen,
aber wenn du dem Namen (šmá) glaubst, wirst du leben.
Lass den Namen des Vaters dir eine Grenze sein,
überschreite sie nicht und untersuche seine Natur (kyānā);
lass den Namen des Sohnes dir eine Mauer sein,
übersteige sie nicht und untersuche seine Geburt vom Vater;
lass den Namen des Heiligen Geistes dir ein Zaun sein,
dringe nicht ein, um ihn auszuspähen.
Diese Namen sollen dir also eine Grenze sein;
durch die Namen halte die Untersuchungen zurück.[1]

Statt einer metaphysischen gilt die NAMENliche Trinitätslehre. Ebenso tritt an die Stelle einer wesensbezogenen und damit zeitlosen Lehre von den Eigenschaften Gottes die NAMEN­liche Tugendlehre, die sich auf Dessen Worte und Taten bezieht. So wird in der Heiligen Schrift nicht etwa die Offenbarung göttlicher Eigenschaften, sondern der Erweis Seiner Tugend bezeugt. Die NAMENslehre führt in die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christ (nihil nisi Christus praedicandus), die auf Bekehrung und Glauben aus ist. Sie ist keine reflexive Lehre, die sich auf ein allgemein gedachtes Subjekt besinnt, sondern spricht aus, was gegenüber Ihm selbst zu verantworten ist (vgl. Mt 12,36).

Was Menschen Zukunft verheißt, sind weder allgemein Gedachtes noch die Natur, sondern Namen, die glaubwürdige Geschichten tragen. So wird JHWH im Psalmgebet vertrauensvoll angegangen: „Du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.“ (Ps 31,4) Dem biblischen Zeugnis zufolge umfasst der NAME all das, was JHWH an seinem Volk Israel und durch seinen Sohn Jesus Christus zum Heil der Völker getan hat. Folgerichtig nimmt Kurt Marti die erste Bitte des UnserVater mit folgenden Worten auf:

dein name werde geheiligt
dein name möge kein hauptwort bleiben
dein name werde bewegung
dein name werde in jeder Zeit konjugierbar
dein name werde tätigkeitswort[2]

Die Taufe „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ nimmt den eigenen Namen in das trinitarische Heilsgeschehen mit hinein und lässt JHWHs Handlungstreue apokalyptisch glauben. Im NAMEN tritt einem das Heilsgeschehen sakramental gegenüber, dass man sich mit seinem eigenen Namen darauf beziehen kann.

Der genuine Ort eines verheißungsvollen und ehrfürchtigen Namensgedächtnisses ist die Kirche als die Gemeinschaft derer, die dem NAMEN mit Leib und Leben verbunden sind. In ihr vollzieht sich schließlich die liturgische Anbetung des NAMENs:

Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, der Gott, der Allherrscher! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, der König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden. (Offb 15,3f)

[1] Sermones de fide 4,129-142. Die Übersetzung folgt S. Brock, The Luminous Eye. The Spiritual World Vision of Saint Ephrem, CistSS 124, Kalamazoo 1992, 63.
[2] abendland. gedichte, Darmstadt-Neuwied 1980, 50.

Hier der vollständige Text als pdf.

Johann Eberlin von Günzburg über die Pfarrer im Utopiestaat „Wolfaria“

7. Februar 2018

Das sinkende Schiff der altgläubigen Kirche (Holzschnitt Hans Süss von Kulmbach)

Der Reformator und vormalige Franziskanermönch Johann Eberlin von Günzburg (1460-1533) hat im zehnten seiner „15 Bundsgenossen“, einer Sammlung reformatorischer Flugschriften, Folgendes über Pfarrer im utopischen Gemeinwesen „Wolfaria“ geschrieben:

Von Pfaffen.

Ein Pfarr soll zwen pfaffen haben vnd nit meer. Sie söllen ee wyber haben, einer wöll dann williglich keüsch sin. Ire weiber söllen sein geboren auß dem fläcken, dar inn sie pfrůnden haben. Die pfaffen söllen geboren sein auß dem ort, do sie pfrůnden haben oder nit weit dar von.

Zwaintzig pfarrer söllen ein han vnder yn, den sy halten für ein byschoff, der soll all geistlich sachen vßrichten mit rat ir aller. Alle monat soll er alle pfaffen berüffen vnd inen gots gsatz inbilden. Jetlicher Pfaff soll järlich vom gemeinen seckel deß flecken haben .cc. guldin vnd nit meer. [110]

Der byschoff soll allwägen .xv. guldin minder haben dann andere pfaffen.

By grosser straff soll man keim pfaffen etwas in sunderheit geben für sin arbeit, weder opffer, bycht gält noch seel gerädt.

Jetliche Pfarr soll haben ein Diacon, der soll meßner sin, dem soll man geben järlich hundert gulden, vnd ist er willig vnd geschickt, soll im der pfrůnd eine werden, so sy ledig wirt.

Kein pfaff soll sin pfrůnd verwächßlen, in trieb dann lybs not.

Mann soll nümmer kein pfaffen wyhen haben, aber so ein pfaff oder diacon stirbt oder ab godt, söllen die pfarr lüt am selben ort mit iren pfaffen einen anderen welen, den soll der vogt vnd gericht am selben ort mit dem byschoff intronisieren.

Als offt eim pfaffen ein wyb stirbt, mag er ein andre nämen.

Man soll den pfaffen kein zähenden geben.

Die pfaffen söllen erberlich gekleidet sein, wie eim anderen erber man zů stadt.

Kein blatten söllen sy tragen.

Send auch kein fryheit für andere burger haben, doch sol man inen eer bewysen als einem obern.

Der vogt im fläcken vnd der radt soll gewalt haben vber pfaffen wie vber ander leüt.

Welcher pfaff sich vnerlich halt yn siner leer oder yn offentlicher vberträttung der gots gebot, so soll man yn on alle hindernüß vor allem volck vervrteilen als ein anderen offentlichen schädlichen vbelthäter.

Wann einer kein pfaff me will sein, mag er das ampt vffgeben vnd wider ein ley sein, wann man yn wider erwelt mag er wider ein pfaff sein.

Alle eerliche arbeit vnd handtwerck ist den pfaffen erloubt.

Kein pfaff soll sein ein kouffman, vogt, Wirt oder ratsherr.

Sie söllen studieren vnd bätten vnd ire hüser wol regieren. [111]

Keiner soll pfaff werden, er sy denn vber sine .xxx. jar, by hoher straff.

Die pfaffen mögen vmb iren sold kouffen ligende güter vnd sy von huß vß buwen wie ander leüt.

Quelle: Johann Eberlin von Günzburg, Sämtliche Schriften, Band 1,  hrsg. v. Ernst Ludwig Enders, Halle a. S. 1896, S. 109-111.