„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde“ – Gerhard von Rad über den Propheten Jona

23. April 2017

Grabstein Von Rad in Handschuhsheim mit Jona im Maul des Fisches

„Vielleicht stünde es um unser Ver­ständnis des Alten Testamentes anders, wenn bei uns vor allem Theologisieren die Kunst des einfachen Erzählens und des einfachen Zuhörens mehr geübt würde.“ Mit diesem Zitat leitet Gerhard von Rad in seiner kleinen Schrift „Der Prophet Jona“ von 1950 zur Nacherzählung über:

Als der Fisch Jona ans Land gespieen hatte, war der Prophet ungefähr an demselben Punkt wie vorher, denn wie­der erging der Befehl Gottes an ihn. Daß Gott seinen Be­fehl genau in denselben Worten wiederholt, ist wohl eine eindringliche Predigt gleicherweise seiner Geduld mit den Menschen wie seiner Strenge. Jona wußte nun, daß er die­sem Gott nicht entlaufen kann, so machte er sich auf den Weg nach Ninive. Hier muß der Erzähler seinen Hörer vorbereiten; wie sollte der auch sonst von der unfaßlichen Größe dieser Stadt einen rechten Begriff bekommen. Drei Tage brauchte man allein, um sie zu durchwandern! In ihr stand also nun Jona; und wirklich, er predigte jetzt.

»Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen.«

Seine Rede wird länger gewesen sein, wir mögen sie uns nach der Art der Weherufe oder Völkerreden eines Jesaja oder Hesekiel vorstellen. Der Erzähler gibt nur ihren Inhalt in einem Satz wieder. Aber man wird sich doch auch seine Gedanken machen müssen, wie Jona predigt. Täu­schen wir uns nicht, so klingt durch seine Predigt ganz die alte Starre und Kälte, die uns an ihm schon vorher aufge­fallen ist. Indessen war aber ihre Wirkung auf die Heiden merkwürdigerweise ganz unabhängig von dieser Gesin­nung des Predigers, denn sie ergriff und erschreckte die Bevölkerung. Ja, — wie sich das bei Heiden manchmal ereignet hat — eine ganze Bußbewegung wurde ausgelöst. Hier hat sich unser Erzähler nun Gelegenheit zur Ausma­lung einer reizenden Miniatüre gegeben: Die Sache kam vor den König; der stand sogleich von seinem Thron auf, legte seinen Ornat ab und ein Bußgewand an. Schnell wurde ein königlicher Erlaß ausgefertigt, durch den eine allgemeine Landesbuße ausgerufen wurde. (»Nach Befehl des Königs und seiner Gewaltigen also:…«) Alle sollten fasten und Buße tun, auch die Rinder und Schafe sollten keine Nahrung zu sich nehmen, sich in Trauer hüllen und mit aller Macht zu Gott beten …

Jona hatte sich inzwischen außerhalb der Stadt niederge­lassen; es war ja ein Gericht wie das über Sodom in Kürze zu erwarten. Aber, war er äußerlich auch in leidlicher Sicherheit, so war dieser kühle Beobachterposten doch in anderem Sinn gefährlich genug. Denn angesichts dessen, was Lots Weib getroffen hat, wird man fragen dürfen, ob Gott so etwas wie ein neu­gieriges Betrachten eines Gottes­gerichtes überhaupt dulden will. Und tatsächlich, Jona kam nicht auf seine Rechnung, denn Gott hatte über Ni­nive anders beschlossen; er hatte ihre Reue gesehen und der Stadt vergeben.

Nun aber — welch ein Anlaß! — brach die lange verhal­tene Erregung aus Jona hervor-; Der hebräische Erzähler sagt: »Er zürnte einen großen Zorn«, und mit diesem Aus­bruch eröffnet sich ein geradezu schauerliches seelisches Ge­lände. Jetzt erfährt man auch, weshalb Jona damals zu fliehen versucht hat: Er hat es vorausgesehen, daß Gott doch würde Gnade walten lassen, daß Gott ihn, den Pro­pheten, im entscheidenden Moment im Stiche lassen und sein Wort unerfüllt lassen würde. Wie Jona Gott im Zorn die uralten Gnadenprädikate vorhält, die die Gemeinde seit Jahrhunderten im Kultus vor Gott als ein Dankopfer darzubringen pflegte, — das klingt schon fast wie der gräßliche Fluch eines Verdammten:

»Das verdroß Jona gar sehr und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach Herr, das ist’s, was ich sagte, da ich noch in meinem Lande war, darum ich auch wollte zuvorkommen zu fliehen nach Tharsis; denn ich weiß, daß du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässest dich des Übels reuen.«

Man sieht, er weiß alles; genau, wie es im Katechismus steht, sagt er es her. Aber es war ihm bitter ernst mit sei­nem Vorwurf; so ernst, daß er nicht mehr weiterleben wollte. Darin war er freilich ganz ein Mensch des Alten Bundes, daß er das Leben nicht selber wegwarf, daß er vielmehr Gott bat, es ihm zu nehmen. Immerhin schien ihn doch noch etwas am Leben zu erhalten, und das war die Neugierde über das weitere Ergehen der Stadt. Gott aber erfüllte ihm seine Bitte nicht; er nahm ihm nicht sein Le­ben, sondern nun wandte er ihm sein väterliches Handeln zu. Er ließ an dem Ort, wo der unzufriedene Gottesmann lagerte, schnell einen Rizinus, eine große breitblättrige Staude aufwachsen und wirklich, — kaum genoß Jona den Schatten und die Kühle des Blätterdaches, da linderte sich nicht nur sein Unmut, Jona »freute« sogar, wie der Erzäh­ler sagt, »eine große Freude«. Aber das Behagen des Got­tesman­nes fand ein schnelles Ende, denn Gott, der allwis­sende und allmächtige Lenker aller Kreatu­ren, hatte ein Würmlein beordert, das fraß die Staude an, daß sie schnell verdorrte. Zu diesem Mißgeschick kam als zweites der im Orient so gefürchtete, alles ausdörrende Ostwind. Als dann die Sonne noch dem Jona auf den Kopf stach, da wurde er halb ohnmächtig und in Kür­ze so verzweifelt, daß er wieder leidenschaftlich zu sterben begehrte. Die kleine Wohltat des Blätterschattens hat er selbstverständ­lich sich zu eigen gemacht, ja sie hat ihn ganz ausgefüllt, als aber die so vergängliche Linderung wieder aus seinem Le­ben genommen wurde, da brau­ste er auf, fühlte sich in sei­nem Innersten verletzt und war ganz außerstande, Gottes überlegen gütige Anfrage nach dem Recht dieses Zornes auch nur zu verstehen:

»Ja, mit Recht zürne ich bis an den Tod! «

Dies also ist der Bote, sozusagen der Treuhänder der Ge­danken Gottes über Ninive! — Nun aber holt der Erzäh­ler aus zum Letzten. Jetzt führt er uns aus allem Zwielicht, aus allen Lächerlichkeiten, Unbegreiflichkeiten, mit einem Wort, aus allen Menschlichkeiten steil hinauf unmittelbar an das Herz Gottes. Gott hat das letzte Wort; und wir können nichts Besseres tun, als die wundervollen Worte einfach hierher zu setzen, die in ihrer Hoheit und Gnade gewissermaßen den ganzen Raum ausfüllen, die jedenfalls [72] so allgenugsam, so sieghaft erscheinen, daß jede weitere Frage nach Jona und seinem Starrsinn gegenstandslos wird. Es geht nunmehr um anderes:

»Und der Herr sprach: Dich jammert des Rizinus, daran du nicht gearbeitet hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, welcher in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb; und mich sollte nicht jammern solcher großen Stadt, in welcher sind mehr denn hundertzwanzigtausend Men­schen, die nicht wissen Unterschied, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere.«

Hier der vollständige Text als pdf.

Rudolf Bultmann – Neues Testament und Mythologie (vollständiger Text)

22. April 2017

Braun Rasierapparat „sixtant SM 31“, 1962.

Rudolf Bultmanns Vortrag „Neues Testament und Mythologie“, gehalten am 21. April 1941 auf einer Tagung der „Gesellschaft für evangelische Theologie“ in Frankfurt am Main, ist ohne Zweifel einer der wirkmächtigsten theologischen Texte des 20. Jahrhunderts. Und er provoziert auch heute noch, wenn Bultmann gleich zu Beginn schreibt:

1. Das mythische Weltbild und das mythische Heilsgeschehen im Neuen Testament

Das Weltbild des Neuen Testaments ist ein mythisches. Die Welt gilt als in drei Stockwerke gegliedert. In der Mitte befindet sich die Erde, über ihr der Himmel, unter ihr die Unterwelt. Der Himmel ist die Wohnung Gottes und der himmlischen Gestalten, der Engel; die Unterwelt ist die Hölle, der Ort der Qual. Aber auch die Erde ist nicht nur die Stätte des natürlich-alltäg­lichen Geschehens, der Vorsorge und Arbeit, die mit Ordnung und Regel rechnet; sondern sie ist auch der Schauplatz des Wirkens übernatürlicher Mächte, Gottes und seiner Engel, des Satans und seiner Dämonen. In das natürliche Geschehen und in das Denken, Wollen und Handeln des Menschen greifen die übernatürlichen Mächte ein; Wunder sind nichts Seltenes. Der Mensch ist seiner selbst nicht mächtig; Dämonen können ihn besitzen; der Satan kann ihm böse Gedanken eingeben; aber auch Gott kann sein Denken und Wollen lenken, kann ihn himmlische Gesichte schauen lassen, ihn sein befehlendes oder tröstendes Wort hören lassen, kann ihm die übernatürliche Kraft seines Geistes schenken. Die Geschich­te läuft nicht ihren stetigen, gesetzmäßigen Gang, sondern erhält ihre Bewegung und Richtung durch die über­natürlichen Mächte. Dieser Äon steht unter der Macht des Satans, der Sünde und des Todes (die eben als „Mächte“ gelten); er eilt seinem Ende zu, und zwar seinem baldigen Ende, das sich in einer kosmischen Katastrophe vollziehen wird; es stehen nahe bevor die „Wehen“ der Endzeit, das Kommen des himmlischen Richters, die Auferstehung der Toten, das Gericht zum Heil oder zum Verderben.

Dem mythischen Weltbild entspricht die Darstellung des Heilsgeschehens, das den eigentlichen Inhalt der neutestamentlichen Verkündigung bildet. In mythologischer Sprache redet die Verkündigung: Jetzt ist die Endzeit gekommen; „als die Zeit erfüllt war“, sandte Gott seinen Sohn. Dieser, ein präexistentes Gotteswesen, erscheint auf Erden als ein Mensch; sein Tod am Kreuz, den er wie ein Sünder erleidet, schafft Sühne für die Sünden der Menschen. Seine Auferstehung ist der Beginn der kosmischen Katastrophe, durch die der Tod, der durch Adam in die Welt gebracht wurde, zunichte gemacht wird; die dämonischen Weltmächte haben ihre Macht verloren. Der Auferstandene ist zum Himmel erhöht worden zur Rechten Gottes; er ist zum „Herrn“ und „König“ gemacht worden“. Er wird wiederkommen auf den Wolken des Himmels, um das Heilswerk zu voll­enden; dann wird die Totenauferstehung und das Gericht stattfinden; dann werden Sünde, Tod und alles Leid vernichtet sein. Und zwar wird das in Bälde gesche­hen; Paulus meint dieses Ereignis selbst noch zu erleben.

Wer zur Gemeinde Christi gehört, ist durch Taufe und Herrenmahl mit dem Herrn verbunden und ist, wenn er sich nicht unwürdig verhält, seiner Auferstehung zum Heil sicher. Die Glaubenden haben schon das „Angeld“, nämlich den Geist, der in ihnen wirkt und ihre Gotteskindschaft bezeugt und ihre Auferstehung garantiert

2. Die Unmöglichkeit der Repristinierung des mythischen Weltbildes

Das alles ist mythologische Rede, und die einzelnen Motive lassen sich leicht auf die zeit­geschichtliche Mythologie der jüdischen Apokalyptik und des gnostischen Erlösungsmythos zurückführen. Sofern es nun mythologische Rede ist, ist es für den Menschen von heute unglaubhaft, weil für ihn das mythische Weltbild vergangen ist. Die heutige christliche Verkündigung steht also vor der Frage, ob sie, wenn sie vom Menschen Glauben fordert, ihm zumutet, das vergangene mythische Weltbild anzuerkennen. Wenn das unmöglich ist, so entsteht für sie die Frage, ob die Verkündigung des Neuen Testaments eine Wahrheit hat, die vom mythischen Weltbild unabhängig ist; und es wäre dann die Aufgabe der Theologie, die christliche Verkündigung zu entmythologisieren.

Kann die christliche Verkündigung dem Menschen heute zumuten, das mythische Weltbild als wahr anzuerkennen? Das ist sinnlos und unmöglich. Sinnlos; denn das mythische Weltbild ist als solches gar nichts spezifisch Christliches, sondern es ist einfach das Weltbild einer vergan­genen Zeit, das noch nicht durch wissenschaftliches Denken geformt ist. Unmöglich; denn ein Weltbild kann man sich nicht durch einen Entschluß aneignen, sondern es ist dem Men­schen mit seiner geschichtlichen Situation je schon gegeben. Natürlich ist es nicht unveränder­lich, und auch der Einzelne kann an seiner Umgestaltung arbeiten. Aber er kann es doch nur so, daß er auf Grund irgend welcher Tatsachen, die sich ihm als wirklich aufdrängen, der Unmöglichkeit des hergebrachten Weltbildes inne wird und auf Grund jener Tatsachen das Weltbild modifiziert oder ein neues entwirft. So kann sich das Weltbild ändern etwa infolge der kopernikanischen Entdeckung oder infolge der Atomtheorie; oder auch indem die Roman­tik entdeckt, daß das menschliche Subjekt komplizierter und reicher ist, als daß es durch die Weltanschauung der Aufklärung und des Idealismus verstanden werden könnte; oder dadurch, daß die Bedeutung von Geschichte und Volkstum neu zum Bewußtsein kommt.

Es ist nun durchaus möglich, daß in einem vergangenen mythischen Weltbild Wahrheiten wieder neu entdeckt werden, die in einer Zeit der Aufklärung verloren gegangen waren, und die Theologie hat allen Anlaß, diese Frage auch in Bezug auf das Weltbild des Neuen Testa­ments zu stellen. Aber es ist unmöglich, ein vergangenes Weltbild durch einfachen Entschluß zu repristinieren, und vor allem ist es unmöglich, das mythische Weltbild zu repristinieren, nachdem unser aller Denken unwiderruflich durch die Wissenschaft geformt worden ist. Ein blindes Akzeptieren der neutestamentlichen Mythologie wäre Willkür; und solche Forderung als Glaubensforderung erheben, würde bedeuten, den Glauben zum Werk erniedrigen, wie Wilhelm Herrmann – man sollte meinen, ein für allemal – deutlich gemacht hat. Die Erfüllung der Forderung wäre ein abgezwungenes sacrificium intellectus, und wer es brächte, wäre eigentümlich gespalten und unwahrhaftig. Denn er würde für seinen Glauben, seine Religion, ein Weltbild bejahen, das er sonst in seinem Leben verneint. Mit dem modernen Denken, wie es uns durch unsere Geschichte überkommen ist, ist die Kritik am neutestamentlichen Welt­bild gegeben.

Welterfahrung und Weltbemächtigung sind in Wissenschaft und Technik so weit entwickelt, daß kein Mensch im Ernst am neutestamentlichen Weltbild festhalten kann und festhält. Welchen Sinn hat es, heute zu bekennen: „niedergefahren zur Hölle“ oder „aufgefahren gen Himmel“, wenn der Bekennende das diesen Formulierungen zugrunde liegende mythische Weltbild von den drei Stockwerken nicht teilt? Ehrlich bekannt werden können solche Sätze nur, wenn es möglich ist, ihre Wahrheit von der mythologischen Vorstellung, in die sie gefaßt ist, zu entkleiden, – falls es eine solche Wahrheit gibt. Denn das eben ist theologisch zu fra­gen. Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor; ja, den „Himmel“ im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. Und ebensowenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erle­digt sind damit die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden „Menschensohnes“ und des Entrafftwerdens der Gläubigen in die Luft, ihm entgegen (1. Thess. 4,15ff.).

Erledigt ist durch die Kenntnis der Kräfte und Gesetze der Natur der Geister- und Dämonen­glaube. Die Gestirne gelten uns als Weltkörper, deren Bewegung eine kosmische Gesetz­lichkeit regiert; sie sind für uns keine dämonischen Wesen, die den Menschen in ihren Dienst versklaven. Haben sie Einfluß auf das menschliche Leben, so vollzieht sich dieser nach ver­ständlicher Ordnung und ist nicht die Folge ihrer Bosheit. Krankheiten und ihre Heilungen haben ihre natürlichen Ursachen und beruhen nicht auf dem Wirken von Dämonen bzw. auf deren Bannung. Die Wunder des Neuen Testaments sind damit als Wunder erledigt, und wer ihre Historizität durch Rekurs auf Nervenstörungen, auf hypnotische Einflüsse, auf Sugge­stion und dergl. retten will, der bestätigt das nur. Und sofern wir im körperlichen und seeli­schen Geschehen mit rätselhaften, uns noch unbekannten Kräften rechnen, bemühen wir uns, sie wissenschaftlich greifbar zu machen. Auch der Okkultismus gibt sich als Wissenschaft.

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er, wenn er das für die Haltung christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht. Die mythische Eschatologie ist im Grunde durch die einfache Tatsache erledigt, daß Christi Parusie nicht, wie das Neue Testament erwartet, alsbald stattgefunden hat, sondern daß die Weltgeschichte weiterlief und – wie jeder Zurechnungsfähige überzeugt ist – weiterlaufen wird. Wer überzeugt ist, daß die uns bekannte Welt in der Zeit endigen wird, der stellt sich ihr Ende doch als das Ergebnis, der natürlichen Entwicklung vor, als ein Ende in Naturkatastro­phen, und nicht als das mythische Geschehen, von dem das Neue Testament redet; und wenn er etwa dieses nach naturwissenschaftlichen Theorien interpretiert wie der Kandidat im Pfarr­haus zu Nöddebo, so übt er eben damit, ohne zu wissen, Kritik am Neuen Testament. […]

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„Wenn aber der Tröster kommen wird …“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Johannes 15,26-27 von 1957

21. April 2017

Hermann Wöhler – Titelblatt zur Folge „Der Paraklet. Sieben Bilder aus den Tagen des Retters und zum Gedächtnis an den frühe Heimgegangenen“ (1919)

Eine ganz starke Predigt hatte Hans Joachim Iwand am Sonntag Exaudi, 2. Juni 1957 beim ersten Gottesdienst in der nach dem Wiederaufbau renovierten und restaurierten Dortmunder Marienkirche gehalten. Es war die Kirche, in der Iwand während des Zweiten Weltkriegs selbst als Pfarrer tätig gewesen ist. Da nimmt er das Kriegsgeschehen mit den Bombardierungen Dortmunds in das eigene Gedächtnis, um schließlich mit Jesu Worten aus dessen Abschiedsrede (Joh 15,26f) das Kommen des Parakleten und dessen Jesus-Zeugnis anzusagen:

Wenn aber der Tröster kommt. Gott erreicht mit seinem Trost alles Leid. Gott reicht in jede Nacht und jede Tiefe, und was wir nicht sehen, das tut er. Es werden so viele unter uns sein, die diese Bilder kennen, die jetzt an ihre Söhne und Töchter den­ken werden, an ihre Eltern und ihren Mann, an viele Freunde, die wir da­mals hier haben sterben sehen. Und jetzt wissen wir, warum Jesus davon redet, daß es noch nicht mit Ostern zuende ist, daß noch etwas Drittes, Großes, etwas Nachösterliches, etwas Pfingstliches groß und hochgemut an uns geschehen wird.

Solange uns nicht um Trost bange ist, wissen wir das nicht. Solange niemand Hunger hat, weiß er nicht, wie Brot mundet. Solange wir gedan­kenlos leben und rasten und schaffen, brauchen wir keinen Tröster; dann braucht der Mensch keinen Tröster. Ich fürchte manchmal, der Tröster, von dem Jesus hier redet, geht schon wieder an vielen vorüber, weil sie sich selbst trösten. Aber an diese Menschen wollen wir jetzt nicht denken, son­dern wir wollen an die denken, die ihn brauchen – wir sollen an uns den­ken, die wir da nun hier zusammen sind, weil wir das brauchen. Wir wollen an dieses neu erstandene Haus denken, das für alle dasein soll, die ihn brauchen, wie es durch Hunderte von Jahren in diesem Haus geschehen ist; die Gott brauchen, weil er allein unser innerster, unser gewaltiger Trö­ster ist. An alle in solcher Not und Verlassenheit bedrängte Menschen wol­len wir denken. Wir wollen selber solche Men­schen sein, weil wir wissen: der Tröster ist nah.

Ich will ihn zu euch senden, heißt es hier. Und das ist der Trost, daß Jesus sagt: Ich und ihr – er unser Herr, der zur Rechten Gottes sitzt; und wir, wir Christenmenschen, die auf Erden wohnen, wir sind doch nicht ferne von­einander. Es geht ein Strahl vom Himmel auf die Erde, wenn auch dieser Strahl lediglich die Herzen der Menschen trifft und unser irdisches Auge ihn nicht sieht; aber er ist da.

Jesus ist nicht aus der Welt gegangen, wie die Heiden meinen, um dro­ben im Licht zu wan­deln, während wir wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, jahrlang ins Ungewisse herab treiben – nein, so ist es nicht. Sondern so wie Gott uns nicht vergessen hat und es darum Weihnachten werden ließ, so hat Jesus sein Volk nicht vergessen und möchte es darum Pfingsten werden lassen auf Erden, möchte den Geist des Trostes zu ihm senden; jenen Geist, der uns die Kraft gibt, unsere Augen empor zu rich­ten:

Trachtet nach dem, was droben ist. Es ist so, als ob eine Hand uns unter das Kinn griffe und unsere Augen emporrichtete, hinweg von alldem, was uns bange macht, und zeigt auf ihn und sagt: Der Tod ist verschlungen in den Sieg; und zeigt auf ihn und sagt: Er ist schon hindurch und ihr werdet auch alle hindurch dringen. Und darum heißt dieser Geist: der Geist der Wahrheit. Das ist die Wahrheit.

Die Wahrheit ist dies: daß der Tod und die Sünde und die Macht und die Gewalt und das Böse und die Grausamkeit und der Schmerz nicht das Letz­te sind, sondern daß das Letzte sein wird: das große Lob Gottes auf unseren Lippen. Er hat alles gut gemacht, wie am ersten Schöp­fungstag. Dann werden wir sein wie die Träumenden und unser Mund wird voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.

Unser Text sagt hier ein merkwürdiges Wort, er sagt: Dieser Geist der Wahrheit wird zeugen von mir. Jesus sagt: Der Geist der Wahrheit zeugt von mir. Ihr müßt euch das so vorstellen: Da wird ein großer Gerichtstag sein, und da werden sie alle antreten, jene Gott feindlichen Mächte und Gewalten. Und da wird der Tod da sein und wird als Zeuge auftreten und sagen: Was wollt ihr noch, seht doch, was alles dahingesunken ist, ich bin der letzte Gott dieser Welt, lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot. Da wird die Wissenschaft auftreten, und sie wird sagen: Durch mich laufen alle Räder und durch mich habt ihr alle Arbeit und alle Kunst und Herrlichkeit. Gott, das war ein alter König, der ist jetzt abgesetzt. Jetzt setzen wir den Menschen als König ein über die Welt. Und dann wird das Geld auftreten, und das Geld wird sagen: Ihr wißt doch, wie es war, als ich mal nichts mehr galt. Und ihr wißt doch, wie es heute ist, da ich doch wie­der euer Gott geworden bin. Ihr müßt nicht Gott anbeten, sondern den Mammon. Und da ist die Masse, und die Masse wird sagen: Wir haben immer recht, die Mehrheit entscheidet, und die Mehrheit ist gegen die un­sichtbare Welt. Und da ist vielleicht sogar die Kirche da; ich meine die Kirche des Kaiphas und der Hohenpriester; denn die Kir­che hat zwei Sei­ten, und wir haben das selbst erfahren und erlebt in unserer eigenen Le­bens­geschichte, wie die Kirche sozusagen über Jesus selbst zu Gericht saß. Und die Kirche wird sagen: Ich habe recht, aber nicht er. Und da ist der Staat da, und er wird sagen: Ich bin Gottes Stimme, was ich sage, ist gött­liches Gebot, und wer sich dagegen wehrt, der ist ein verlorener Mann.

Da sagt Jesus: Wenn aber der Tröster kommen wird, der wird von mir zeugen. Mitten in dieser großen Ratlosigkeit und Verlassenheit, wenn sie da alle aufmarschieren werden, da wird ein Zeuge auftreten, unmittelbar von Gott; ein Zeuge, gesandt vom Auferstandenen aus der Höhe. Ein Zeu­ge, der wird den Zeugen auf Erden die Zunge lösen. Ein Zeuge, der wird sie alle in die Schranken rufen und fragen: Und du, was kannst du tun? Sieh da, dieses Feld der Leichen; und höre mein ewiges Wort: Wer da glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Ein Zeuge, der wird fragen: Nun, kannst du, Geld, dem Menschen seine Seele erlösen? Seht, wie arm sind die Reichen. Ein Zeuge, der wird sagen: Einer hat euch erkauft mit seinem unschuldi­gen Lei­den und Sterben, nicht mit Silber und Gold. Ein Zeuge, der wird sagen: Was, die Masse? Seht, wie die Massen irren. Denn der Weg ist breit und die Straße ist weit, die zum Verderben führt; aber der Weg ist schmal und die Straße eng, die zum ewigen Leben führt. Und die Kirche? Der Zeu­ge wird auftreten und sagen: Die Gott anbeten, sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten, und alles, was nicht aus diesem Geist geboren ist, das ist von unten und nicht von oben. Und der Staat? Und der Zeuge wird auftreten und sagen: Wo ist dieser Staat hingeraten? Heute muß Pontius Pilatus im Triumphzuge Jesu Christi durch die Welt ziehen; und wo der Name Jesu des Gekreuzigten genannt wird, da wird sein Name mit ge­nannt, weil er gerichtet ist von dem, der der Richter ist der Lebendigen und Toten. Meine Freunde, das heißt: der Tröster kommt. Und ihr werdet und sollt ganz getrost sein.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Wenn euch der Sohn frei macht …“ – Eine Betrachtung von Hans Joachim Iwand zu Johannes 8,36

20. April 2017

Eine pathetische Freiheitsrede hatte Iwand 1956 gehalten, die zugleich Jesus als Befreier verkündet:

Wenn euch der Sohn frei macht, so werdet ihr in Wahrheit frei sein. (Joh 8,26)

Wir spüren es heute alle, daß der Mensch ohne Freiheit nicht leben kann. Ohne Freiheit kann er höchstens vegetieren, aber er kann nicht Mensch, er kann nicht er selbst sein. Vegetieren, das heißt dann leben wie ein gefangenes Tier in seinem Käfig lebt, ohne daß es ins Freie schreiten, ohne daß es seine Flügel heben und sich ins Luftmeer schwingen kann. Zwischen dem Ziel, auf das hin ich geschaffen bin, und mir ist ein Gitter, eine Barriere aufgeschich­tet, die ich nicht überschreiten kann. Indem ich daran stoße, spüre ich, daß ich meine Freiheit ver­loren habe. Es wird schon so sein, Freiheit und Schöpfung werden irgendwie zusammen­hän­gen. Wo von Freiheit die Rede ist, da ist es so, daß die letzten und tiefsten Gründe unseres Daseins angerührt sind. Wir wissen uns daran er­innert, wie wir eigentlich gemeint sind, wie wir als Menschen von unserem Ziel, von Gott her bestimmt und geschaffen sind, aber in­dem wir daran erinnert werden, wissen wir doch zugleich, daß da­zwischen etwas geschehen, ein Verlust eingetreten ist, der endgültig ist. Ein Zurück zur Natur, das heißt doch wohl zurück in den Ur­stand der Schöpfung, in ihre Unschuld und Freiheit, kann es nie wieder geben. So ist aus der Natur des Menschen Geschichte ge­worden. Wir haben uns in einer Richtung bewegt, die uns nur im­mer weiter weg führen kann von dieser Freiheit. Eine Umkehr gibt es nicht, mögen wir sie noch so heiß ersehnen, mögen noch so viele Apostel und Propheten der Freiheit auftreten, die das Gegenteil versichern: Unser Gewordensein ist die einzige Wirklichkeit, die es für uns gibt.

II.

Und es sind ja nicht nur die Hindernisse von außen, die uns Not machen, es sind nicht die Verhältnisse, in denen wir uns vorfinden, [265] es ist ja auch nicht nur die Masse und alles, was damit zusammen­hängt, es ist nicht die bedenkliche Majestät dessen, was wir die öffent­liche Meinung nennen, mit der die Mächtigen dieser Welt buh­len müssen, wenn sie ihren Platz behalten wollen, nein, es sind Kräfte und Triebe, die von innen her wirksam werden und von innen her uns in die Tiefe reißen. Es ist so, als ob der Feind ins Innere der Burg sich Ein­gang verschafft hätte, von dort aus die freie Bewegung unser selbst lähmte, gerade die Tapfe­ren, die Star­ken, die durch nichts sonst zu Treffenden von hinten her überfiele. Wir alle haben unsere weiche Stelle, die kennt der Feind, dahin richtet er seine Angriffe. Da sind dann die Unbegreiflichkeiten, die ein Mensch begeht, die ihn zu Fall bringen, die es verhindern, daß sein Fuß das Land der Freiheit, der wirklichen echten Freiheit je betritt. Frei sein, das bedeutet uns, daß wir so sein dürfen, uns so zeigen und entfalten, so in Freude und Leid, so, wenn unser Weg empor geht und so auch, wenn unser Weg bergab geht, wie wir sind, wie wir von Gott her gemeint sind. Anstatt dessen bergen wir uns dann in irgendeiner Gewohnheit, nennen sie Sitte, Ord­nung, Gesetz, und wissen doch ganz genau, daß es Gitterstäbe sind, hinter die wir uns selbst gefangen gesetzt haben, die bürgerliche Gesellschaft nicht anders als die prole­tarische. Was man uns auch immer nennen mag, Beruf oder Familie, Staat oder Gesellschaft, selbst das Einzelgängertum, das einer wählt, um sich nirgends zu binden, alles kann unter der Hand für uns zur Fessel werden, zum Dokument verlorener Freiheit. Wir wissen nur zu genau, auch die, die sich frei dünken, sind’s nicht immer. Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. Nein, es ist schon wahr, daß zwischen der Freiheit und uns Menschen ein Graben gezogen ist, ein breiter, garstiger Graben, daß, wer da wollte hinüber kommen, der kann es nicht und kann auch niemand von dort herüber kommen.

III.

Wirklich nicht? Darum geht es bei diesem unserem Text. Wenn es wirklich kein Herüber gäbe, weil es kein Hinüber gibt, dann wäre unser Textwort sinnlos. Aber dann wäre auch die ganze Bibel [266] sinnlos. Dann hätten die recht, die unser spotten, wenn wir an un­seren Ket­ten rütteln und uns dann und wann erheben und das Un­erträgliche unserer ganzen mensch­li­chen Lage empfinden und von uns abzuwerfen suchen. Dann hätten die recht, die hierzu lachen: Rüttelt nur an euren Ketten, sie sind euch viel zu stark; die hat noch keiner zerbro­chen, die goldenen und die eisernen Fesseln, die äußeren und inneren Ketten, die euch binden, könnt ihr nicht zer­brechen, nicht von euch abwerfen. Die hätten dann recht. Aber da­mit, daß wir nicht herüber können, ist noch nicht gesagt, daß da auch niemand von drüben her, aus dem Reiche der Freiheit, aus dem Reiche der ursprünglichen Schöpfung auf unsere Seite treten könnte. Unsere Unmöglichkeiten hier müssen nicht auch seine Be­grenztheiten dort sein. Das ist das Wunderbare an der Heiligen Schrift, daß sie diesen Trugschluß enthüllt, daß Got­tes Wirklich­keit und unsere Wirklichkeit einander jede nach ihrem eigenen Ge­setz gegen­übertreten, daß hier der Spott jener Spötter aufhört, daß hier unsere Sehnsucht nach Freiheit, unser Leiden an unserer Schwachheit ernst genommen wird. Hier weiß man von einem, der den glimmenden Docht nicht löschen und das geknickte Rohr nicht brechen wird. Hier geht ein großes Leuchten, ein Hoffen durch die dunkelsten Verließe und Gefängnisse, in denen die Menschen schmachten, hier weiß man von einem Tag, da die Gefangenen los sein werden, die Blinden sehend, die Gelähmten frei und sicher wandeln werden. Das weiß man. Als die klare, unzweideutige Magna Charta Gottes vom künftigen Tage unserer Befreiung steht die Bibel mitten drin in der Menschheitsgeschichte, als ein großer Trost und eine Verheißung für alle die, denen die Augen aufge­gangen sind für das Unechte und Unfreie ihres Lebens und Wir­kens. Als ob die Bibel uns einschärfen wollte: die auf den Herrn harren, werden doch eines Tages auffahren wie Adler, sie werden doch, nicht in ihrer aber in seiner Kraft laufen und nicht müde werden. Es wird doch einmal die Decke weggenommen von den Völkern und doch werden einmal die Tage kommen, da auch die schwersten und letzten gottlosen Bindun­gen und Ketten, mit denen euch dieses ganze Weltgebäude zwingt und unfrei macht, gebro­chen werden. Auch der Tod wird einmal nicht mehr sein. [267]

IV.

Ich möchte meinen, daß darum die Menschheit immer wieder gezögert hat, die Bibel wegzu­werfen, auch wenn sie sie nicht ver­stand oder wenn sie sich an ihr ärgerte — aber etwas von diesem Geheimnis ließ sie nicht los. Daß hier nicht über das gelacht wird, worüber sonst in der Welt nur ein Hohngelächter zu vernehmen ist, daß es hier nicht heißt: weil wir nicht her­über kommen, kann auch keiner von dort drüben zu uns kommen, weil wir in die Welt der Freiheit nicht einzutreten vermögen, kann auch keiner aus die­ser Welt zu uns kommen und unsere Fesseln lösen. Die Bibel hat unsere letzte Not begriffen, sie hat wirklich verstanden, wie groß der Schaden ist, an dem wir leiden. Die Bibel sagt uns, daß die Rede von der Freiheit nur Sinn hat, wenn es da, in dieser geheim­nisvollen Burg, die wir Gott nennen, eine Zug­brücke gibt, die eines Tages heruntergeht, jenen Graben überbrückt, der da klafft zwi­schen unserer Welt, der Welt des unfreien, gebundenen, vergitter­ten und verlorenen Menschen, mit denen etwas Besonderes gesche­hen ist, die in eine eigenartige Bewegung versetzt sind: Men­schen, die auf diesen Tag warten, Menschen, die immer wieder zu­rückgeworfen wurden, geschlagen und verspottet, weil sie nicht aufhörten, nach drüben auszuspähen, nach der Seite Gottes, nach den Bergen, von denen uns Hilfe kommt, die darum gegen ihre Zeit, gegen den König, gegen die Hohenpriester, gegen alles, was als Realität galt in Staat und Kirche, Stel­lung nehmen mußten, eben weil sie es wußten, daß die Freiheit kein leerer Wahn ist — solche Menschen machen die Bibel aus. Und die Bibel hat sie uns auf­bewahrt, ihre Klagen und ihre Schwachheiten, ihre Ketten und ihre Wunden, die Bibel hat uns ihr Gedächtnis und ihre Namen aufgehoben, weil sie recht bekommen haben — recht bekommen haben von Gott her und vor Gott, recht bekommen haben, tausend­mal Recht gegen alle ihre Spötter und Feinde, Recht noch im Tode und im Untergang gegen alle, die sich zufriedengaben mit ihren Ordnun­gen, ihren Gesetzen und Gewohnheiten, mit diesem fal­schen Frieden, mit all denen, die nicht mehr rochen, daß der Mensch wo anders her ist, daß diese arme Erde nicht seine Heimat ist. Und [268] der, in dem sie recht bekommen haben, heißt in der Bibel der Sohn! Darum heißt er der Sohn, weil er der ist, der von drüben, aus dem Reiche der Freiheit zu uns kommt, der so, ganz bezie­hungslos und ganz unmittelbar, ganz aus der Ewigkeit in die Zeit tretend unter uns steht. In ihm haben alle die recht bekommen, die je Nein gesagt haben zu den Fesseln und Ketten, in die wir ge­schlagen sind. Alle, die ihre Hoffnung auf Gott und sein Vermögen, seine Freiheit, seine Gegenwart mitten unter uns nicht aufgegeben haben. Das ist der Sohn! Darum heißt er der Sohn, weil alle Ver­heißungen in ihm wahr geworden sind, allen voran die der Freiheit. Sie ist eben doch kein leerer Wahn, sie ist kein Irrlicht, vor dem wir uns hüten, vor dem wir womöglich andere warnen sollten. Es gibt unechte Freiheit. Es gibt viele Ansätze und Aufbrüche, Revolu­tionen und Erhebungen, die die Freiheit proklamieren und sie doch nicht bringen. Das sind alles Griffe von hier nach dort, Signale, Schreie, Akte letzter Not. Gemeint ist in allem dieser Eine, dieser Sein Tag und dieses Sein: Ich aber sage euch! Der auf der anderen Seite steht, versteht, was damit gemeint ist! Er weiß, daß solche Ak­tionen ein Schrei nach ihm sind, nach dem, der Gott und Mensch zugleich ist, nach dem, der dort ist und hier zu uns kommt, nach dem, in dem dort hier ist!

Und seht, das ist Jesus. So will Jesus, daß man ihn sieht. So zeichnet ihn die ganze Bibel, im Alten und im Neuen Testament. Er steigt herab ganz in unsere Tiefe, in diese schmutzige Tie­fe, wo der zähflüssige Strom, den wir fälschlich das Leben nennen und der doch ein Todes­strom ist, die Menschen mit sich fort treibt, er ist herunter gestiegen bis dahin, wo unser Gefängnis ist, er geht hindurch durch all die Kerker und Verließe, wo immer Menschen schmachten. Es gibt ein Eingekerkertsein, das uns gar nicht auffällt. Aber Jesus sieht, wer unfrei ist. Jesus sieht diese unsere ganze, un­sere totale Unfreiheit, unser Unfreisein in unseren Vorurteilen, in unseren Sorgen und in unseren Wünschen, in unserer Gier und in unserer Satt­heit, in unserer Gerechtigkeit und in unseren Über­tretungen. Er sieht wie angeschlossen an lauter Fesseln sich der Mensch dahinbewegt. Wo Jesus kommt, da fallen diese Fesseln. Mag der Palast, in dem wir schmachten, mag die Burg des dunklen [269] und grausamen Herrn, dem wir da alle untertan sein müssen, noch so gut bewacht sein, der Name Jesus bricht alle Schlösser auf. Das liegt daran, daß er der Sohn ist. Gott ist mit ihm.

V.

Aber wie kommt uns Gottes Freiheit nahe? Wenn sie uns in Jesus Christus nahekommt, dann kommt sie uns immer in einer bestimm­ten, in einer von allen anderen Befreiungsaktionen unterschiedenen Weise nahe. «Wen der Sohn freimacht» heißt es, wen also dieser von dort nach hier, aus der Höhe in die Tiefe, aus dem Reich gött­licher Gerechtigkeit in den Bereich menschlicher Ungerechtigkeit, aus dem Leben in die Todeswelt gekommene Sohn freimacht, der ist in Wahrheit frei. Nicht, wer nur die Parole vernimmt: befreit euch! Das ist freilich das letzte, was wir Menschen einander und füreinander tun können, daß wir uns zurufen: Zer­brecht eure Ket­ten! Steht auf und stürzt eure Gewalthaber! Wir kennen das ja zur Genüge. Nicht nur von den großen Momenten der Revolutionen aus und den entscheidenden Augen­blicken der Politik, wenn jemand den Feuerbrand der Freiheit in ein altes Gemäuer wirft, nein, wir kennen diesen Ruf noch von einer ganz anderen Sicht her: wenn wir ihn scheinbar mit göttlicher Autorität an uns herangetragen se­hen: Steh auf und beginne ein neues Leben! Wirf ab, was dich lähmt! Steh auf und nimm deine Lagerstatt und gehe heim! Und wir dann nur hinweisen können auf die schreckliche Tatsache, daß die erste Voraussetzung in diesen star­ken Sätzen fehlt: wenn man blind ist, kann man eben nicht sehen, und wenn man gelähmt ist, kann man sich nicht erheben. Was nützt dann der Ruf zur Frei­heit! Wer kann mich denn sehend machen? Darauf käme es doch wohl an, daß einer da wäre, der mehr kann als nur die Parole aus­geben: Befreiet euch, — der mich frei macht.

Das ist Jesus. Das ist der Sohn. Das ist der für uns alle gestor­bene und auferstandene Herr. Er ist unsere Freiheit. Der Sohn macht frei. Er weiß ganz genau, daß es gerade um jenen ersten Schritt geht: daß es darum geht, daß einer da ist, der mir wieder [270] das Augenlicht schenkt, denn ich bin eben geblendet; daß einer da ist, der mir sagt: Lazarus komm heraus, denn ich liege bei den To­ten und rieche die Verwesung um mich her. Diesen ersten entschei­denden Schritt gerade können wir nicht tun, um den ersten Schritt geht es bei der Freiheit. Der erste Schritt — das ist die Freiheit! Der kann nicht von uns ausgehen, sondern muß auf uns zu getan werden. Es muß unter uns Menschen einer frei sein, damit wir ande­ren alle frei werden. Einer muß der Freie sein unter all den Un­freien, und weil das ist, weil Jesus da ist, Jesus Chri­stus der Sohn des lebendigen Gottes, darum kann aus Sehnsucht Erfüllung wer­den, darum ist der erste Schritt getan, darum können wir auch den zweiten und dritten und alle weiteren tun. Wen der Sohn frei macht, der ist wahrhaftig frei.

Geschrieben 1956.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 264-270.

Hier der Text als pdf.

Kirche als Mutter des Glaubens

20. April 2017

Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle am 10. Dezember 1520 am Elstertor in Wittenberg (Gemälde von Paul Thumann, 1872-73)

Ob Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an das Portal der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat, ist mehr als fragwürdig. Was er jedoch am 10. Dezember 1520 eigen­händig im Kreise seiner Studenten vor dem Wittenberger Elstertor getan hat­te, davon schrieb er an seinen Mentor Johann von Staupitz: „Ich habe des Papstes Bücher und die Bulle ver­brannt, zuerst zitternd und betend, aber jetzt freue ich mich darüber mehr als über irgendeine andere Tat meines ganzen Lebens, denn sie sind noch giftiger, als ich glaubte.“ Unter Beru­fung auf das Evangelium hatte Luther mit der Papstkirche in drastischer Wei­se gebrochen, indem er – der ver­meintliche Ketzer – umgekehrt Papst Leo X. exkommunizierte, ihn also ei­genmächtig aus der Kirche Jesu Chris­ti ausschloss.

Die Reformation hat zur Infragestel­lung überkommener kirchlicher Ord­nungen sowie zur Lossagung von der kirchlichen Hierarchie geführt. Die Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben an Jesus Christus schließt aus, dass den Gläubigen Kirchengebote aufer­legt werden können, um damit Gnade vor Gott zu verdienen. So heißt es in Artikel 15 des maß­geblichen Augsburger Bekennt­nisses: „Darüber hinaus wird ge­lehrt, dass alle Satzungen und Traditionen, die von Menschen zu dem Zweck gemacht worden sind, dass man dadurch Gott versöhne und Gnade verdiene, dem Evan­gelium und der Lehre vom Glau­ben an Christus widersprechen. Des­halb sind Klostergelübde und andere Traditionen über Fastenspeisen, Fast­tage usw., durch die man Gnade zu verdienen und für die Sünde Genugtu­ung zu leisten meint, nutzlos und ge­gen das Evangelium.“

Aber braucht es dann überhaupt Kir­che? Kann man nicht auch ohne Kir­che ein guter Christ sein? Da scheiden sich nun die Geister. Schließlich lehrt Martin Luther im Großen Katechismus, dass der Heilige Geist „uns zuerst in seine heilige Gemeinde führt und in den Schoß der Kirche legt, durch wel­che er uns predigt und zu Christus bringt. Denn weder du noch ich könn­ten jemals etwas von Christus wissen oder an ihn glauben und ihn zum Herrn bekommen, wenn es uns nicht vom Heiligen Geist durch die Predigt des Evangeliums angeboten und in den Busen geschenkt würde.“ Der Heilige Geist hat „eine besondere Gemeinde in der Welt, die die Mutter ist, die einen jeden Christen zeugt und trägt durch das Wort Gottes.“ Nach Luther kann also kein Mensch außerhalb der Kirche zu Jesus Christus kommen.

Luther predigt über den Gekreuzigten (Lucas Cranach d.J., Predella des Hochalters in der Wittenberger Stadtkirche, 1547)

Aber was meint Luther denn mit Kir­che? Zunächst einmal spricht er von einer „christlichen Gemeinde oder Versammlung“, die sich dort zusam­menfindet, wo das Evangelium von Jesus Christus gepredigt wird. Kirche ist weder ein Gebäude noch eine An­stalt, sondern Gemeinschaft mit Jesus Christus. So spricht Luther seinen Glauben an die eine heilige christliche Kirche aus:

„Ich glaube, dass es ein heiliges Häuf­lein und eine heilige Gemeinde auf Erden gibt, aus lauter Heiligen unter einem Haupt, Christus, durch den Hei­ligen Geist zusammen­berufen, in ei­nem Glauben, Sinn und Verständnis; mit mancherlei Gaben, jedoch ein­trächtig in der Liebe, ohne Rotten und Spaltung. Von dieser Gemeinde bin ich auch ein Stück und Glied, aller Güter, die sie hat, bin ich teilhaftig und Mitge­nosse. Durch den Heiligen Geist bin ich in sie gebracht und ihr einverleibt dadurch, dass ich Gottes Wort gehört habe und immer noch höre; damit nämlich muss es anfangen, wenn man hineinkommen will.“

Glaube ist nicht einfach religiöses Selbstbewusstsein, sondern Vertrauen in Jesus Christus. Damit sich dieses Vertrauen findet, muss Gottes Wort immer wieder neu in der Gemeinde zugesprochen und im Abendmahl mit unserem Leben leiblich verbunden werden. So gilt also die Kirche als Mutter unseres Glaubens.

Theologie der Milch – Zum Sonntag Quasimodogeniti

19. April 2017

Der Name des Sonntags Quasimodogeniti (Osteroktav) leitet sich von der früheren lateinischen Antiphon ab: Quasi modo geniti infantes, Halleluja, rationabile, sine dolo lac concupiscite – auf Deutsch: „Wie die neugeborenen Kindlein seid begierig nach der vernünftigen (logikon), lauteren (adolon) Milch (gala)“ (1. Petrus 2, 2)

Die Symbolik der Milch hat in der Alten Kirche liturgisch und sakramental eine gewichtige Rolle gespielt, so wenn Clemens von Alexandria in seinem Paidagogos schreibt:

„Ich habe euch in Christus mit einfacher und wahrer und natürlicher Speise, der geistlichen, unterrichtet; denn dies ist das Wesen der lebenspendenden Milch, die aus zärtlich liebenden Brüsten quillt. Somit wäre das Ganze so aufzufassen: Wie die Ammen mit der Milch die neugeborenen Kinder ernähren, so auch ich, indem ich euch mit dem Wort, der Milch Christi, geistliche Speise einflöße. In diesem Sinn ist die vollkommene Milch eine vollkommene Speise und führt zu einer unaufhörlichen Vollendung. Deswegen ist in der Ruhe dies nämliche, „Milch und Honig“, verheißen. Begreiflicherweise verspricht der Herr den Gerechten wieder Milch, damit so deutlich der Logos als beides erwiesen werde, „als A und O, als Anfang und Ende“,  der Logos, der sinnbildlich als Milch bezeichnet wird.“ (Paed I,6,35f – Übersetzung Stählin)

Und im Schlusshymnus des Paidagogos heißt es:

Christus Jesus;
Himmlische Milch,
Die aus süßen Brüsten
Der Braut, den Liebesgaben
Deiner Weisheit,
Entquillt,
Nehmen wir Unmündigen
Mit kindlichem Mund
Als Nahrung zu uns,
Aus der Mutterbrust des Logos,
Mit des Geistes Tau
Lassen wir uns erfüllen
(Paed III,101,3 Z. 41-52)

Eine ähnliche Sprache findet sich der 19. der Oden Salomos:

„Ein Becher Milch ist mir gebracht worden, und ich habe ihn getrunken in der Süßigkeit der Güte des Herrn. Der Sohn ist der Becher, und er, der gemolken wurde, der Vater; und es hat ihn gemolken der Heilige Geist, denn seine Brüste waren voll, und es hätte sich nicht  geziemt, daß seine Milch achtlos verschüttet wurde. Der Heilige Geist hat seinen Busen geöffnet und hat die Milch der beiden Brüste des Vaters gemischt und hat die Mischung der Welt gegeben, ohne dass sie es wusste; und die, welche sie empfingen in ihrer Fülle, sind die zur Rechten.“ (19,1-5 – Übersetzung Flemming)

Ja, eine schwülstige Sprache, aber das Symbol der Milch verweist für die „Kinder Gottes“ auf eine nährende und zugleich intime göttliche Lebensbeziehung in Jesus Christus (vgl. Johannes 6,27-58).

„Stalker“ von Andrei Tarkowski – der Film

18. April 2017

Es war während einer der Nachtwachen Anfang 1986, die ich als Zivildienstleistender in der Kinder- und Jugendpsychatrie im Kinderklinikum in Augsburg verbrachte, als der Film nach Mitternacht im Fernsehen gezeigt wurde. Da wurde es mir klar: Andrei Tarkowskis Film Stalker ist der Film – im wahrsten Sinne des Wortes lang-weilige Bilder und eindringliche Wortwechsel.

Der Stalker führt als Führer zwei Männer, den „Professor“ und den „Schriftsteller“ in die geheimnisvolle Zone, einem abgesperrten und streng bewachten Gebiet, in dem unerklärliche Dinge geschehen. Der Legende nach gibt es dort einen Raum, in dem die sehnlichsten Wünsche in Erfüllung gehen. Während der Schriftsteller sich dort die abhanden gekommene Eingebung zurück wünscht, will der Professor diesen Raum zerstören, weil er dessen Missbrauch befürchtet. Der Stalker hingegen ist in eigener Mission unterwegs: Er will Menschen zur Hoffnung auf ein glückliches Leben verhelfen. In dem beschwerlichen Anmarsch werden Lebenseinstellungen und Weltbilder in Frage gestellt, vermessene Hoffnungen und eigene Zweifel treten zutage – die Protagonisten haben sich gleichzeitig auch auf eine innere Reise begeben. Im „Raum der Wünsche“ müssen die drei schließlich in einem dramatischen Konflikt erkennen, dass dieser Ort die Gebrochenheit ihres eigenen Lebens nicht heilen kann.

Seven Stanzas at Easter – John Updike über die leibliche Auferstehung Christi

17. April 2017

Was John Updike (1932-2009) als junger Harvardabsolvent 1960 beim „Religious Arts Festival“ seiner Lutheran Church in Marblehead, Mass. als Beitrag eingereicht hatte, gewann damals 100 $ für „Best of Show“ und ist immer noch eine antireligionistische Provokation:

Seven Stanzas at Easter

Make no mistake: if He rose at all
it was as His body;
if the cells’ dissolution did not reverse, the molecules reknit, the amino acids rekindle,
the Church will fall.

It was not as the flowers,
each soft spring recurrent;
it was not as His Spirit in the mouths and fuddled eyes of the eleven apostles;
it was as His flesh: ours.

The same hinged thumbs and toes,
the same valved heart
that—pierced—died, withered, paused, and then regathered out of enduring Might
new strength to enclose.

Let us not mock God with metaphor,
analogy, sidestepping, transcendence,
making of the event a parable, a sign painted in the faded credulity of earlier ages:
let us walk through the door.

The stone is rolled back, not papier-mâché,
not a stone in a story,
but the vast rock of materiality that in the slow grinding of time will eclipse for each day of us
the wide light of day.

And if we will have an angel at the tomb,
make it a real angel,
weighty with Max Planck’s quanta, vivid with hair, opaque in the dawn of light, robed in real linen
spun on a definite loom.

Let us not seek to make it less monstrous,
for our own convenience, our own sense of beauty,
lest, awakened in one unthinkable hour, we are embarrassed by the miracle,
and crushed by remonstrance.

(Telephone Poles and Other Poems, 1963)

Hier eine Übersetzung:

Sieben Strophen an Ostern

Täuscht euch nicht: Wenn Er überhaupt aufer­stand,
dann als Sein Leib;
wenn nicht der Zelltod sich umkehrte, Moleküle sich neu verbanden, Aminosäuren neu erglühten,
wird die Kirche fallen.

Es war nicht wie die Blumen,
die wiederkehren in jedem milden Frühling,
es war nicht als Sein Geist in den Mündern und benebelten Augen der elf Apostel;
Es war als Sein Fleisch: unseres.

Die selben gelenkigen Finger und Zehen,
das selbe Herz mit seinen Klappen,
das – durchstoßen – starb, welkte, still stand, und dann sich wieder sammelte aus durchhaltender Macht,
um neue Kraft zu umfassen.

Lasst uns nicht Gott spotten mit Metapher,
Analogie, Ausweichen, Transzendenz,
das Ereignis zur Parabel machen, zum Zeichen, gemalt auf die verblasste Leichtgläubigkeit früherer Zeiten:
Gehen wir durch die Tür.

Der Stein ist weggerollt, nicht Pappmache,
kein Stein in einer Geschichte,
sondern der Riesenfels der Stofflichkeit, der im langsamen Mahlen der Zeit uns allen auslöschen wird
das helle Tageslicht.

Und wenn wir einen Engel am Grabe haben,
macht ihn zu einem richtigen Engel,
gewichtig mit Max Plancks Quanten, lebendig mit Haar, opak im Dämmerlicht, gehüllt in echtes Linnen
gesponnen auf einem bestimmten Webstuhl.

Machen wir es nicht weniger ungeheuerlich,
für unsere eigene Annehmlichkeit, unserem eigenen Sinn für das Schöne,
damit wir, geweckt in einer undenkbaren Stunde, nicht peinlich berührt sind durch das Wunder,
und erdrückt von der Gegenvorstellung.

Zur Entstehungsgeschichte des Ostergedichts siehe den Artikel von Kathrin Kastilahn, The Story behind Seven Stanzas.

Segen für Trauernde (bei Trauerfeiern und Bestattungen)

15. April 2017

Käthe Kollwitz – Frau mit totem Kind (1903)

Der HERR
segne euch und begleite euch
in diesen Stunden und Tagen.
Er berge eure Trauer in seiner Hand,
Er trage euch, wo ihr loslassen müsst,
Er halte euch in der Tiefe eures Schmerzes.
Das gewähre euch der allmächtige und barmherzige Gott,
+ der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

„Nimm und trink vom Kelch des Heils“ – Christus in der Kelter (eine Karfreitagspredigt)

14. April 2017

Meester van het Martyrium der Tienduizend – Christus in de wijnpers (Kupferstich handkoloriert, 1463-1467, Rijksmuseum Amsterdam)

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.“ (Johannes 19,33f)

Als es mit dem Leiden Jesu am Kreuz von Golgota sein Ende hatte, fließt Blut – sein Blut. Die Frage stellt sich: Ist Jesus Christus damit zu einem Todesopfer geworden, dessen Blut unschuldig vergossen worden ist? Schnell redet man bei Unfällen oder Gewalttaten von Todesopfern, als wären die Getöteten dem Tod geopfert worden.

Wenn wir an Karfreitag den Kreuzestod Christi in den Blick nehmen, gedenken wir keinem passiven Todesopfer (im Sinne eines victim), sondern unseres Erlösers. In der christlichen Passionsmystik findet sich dazu die bildliche Darstellung „Christus in der Kelter“. Sie nimmt Bezug auf Jesaja 63,3: „Ich trat die Kelter allein (torcular calcavi solus)“. Beim Propheten steht diese Aussage für die vernichtende Handlung im göttlichen Endgericht über die Völker, wenn es heißt:

Wer ist der, der von Edom kommt,
mit rötlichen Kleidern von Bozra,
der so geschmückt ist in seinen Kleidern
und einherschreitet in seiner großen Kraft?
»Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet,
und bin mächtig zu helfen.«
Warum ist denn dein Gewand so rotfarben,
sind deine Kleider wie die eines Keltertreters?
»Ich trat die Kelter allein,
und niemand unter den Völkern war mit mir.
Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn
und zertreten in meinem Grimm.
Da ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt,
und ich habe mein ganzes Gewand besudelt.
Denn ich hatte einen Tag der Rache mir vorgenommen;
das Jahr, die Meinen zu erlösen, war gekommen.
Und ich sah mich um, aber da war kein Helfer,
und ich war bestürzt, dass niemand mir beistand.
Da musste mein Arm mir helfen,
und mein Zorn stand mir bei.
Und ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn
und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm
und ihr Blut auf die Erde geschüttet.«

(Jesaja 63,1-6)

Mit diesen prophetischen Worten ist ein grausames Strafgericht über die Sünde der Völker angesagt, bei dem der HERR menschliches Leben wie die Trauben in einer Kelter zertritt und deren Blut in den Ackerboden fließen lässt. Dass die Passionsmystik nun Christus in der Kelter auftreten lässt, verdankt sich einer technischen Innovation. Ursprünglich wurden Weintrauben in der Kelter (von lateinisch calcatorium, deutsch Fußtretung) ausgepresst, indem die Maische mit den Füßen zerstampft wurde. Bei den Römern kamen dann hölzerne Hebelpressen, sogenannte Baumkeltern („Torkel“, lateinisch torcular, „Presse“) zum Einsatz, bei denen eine Platte durch den Hebeldruck eines langen Baumstammes auf die Maische gedrückt wurde.

Christus in der Kelter trägt den Pressbaum (Kelterbalken) als sein Kreuz. So presst er die Weintrauben aus und ist zugleich selbst der Ausgepresste, der dem erdrückenden Gewicht des Baums nichts entgegenzusetzen hat.

Torkel in Nonnenhorn am Bodensee aus dem Jahr 1591

Schon Papst Gregor der Große (590-604) hat sich dieses Sinnbildes Christi angenommen:

„Allein hat er die Kelter getreten,
in der er selbst ausgepresst wurde,
da er das Leiden ertrug und überwand,
bis zum Tode am Kreuz duldend aushielt
und glorreich vom Tode erstand
(Solus enim torcular in quo calcatus est calcavit, qui sua potentia eam quam pertulit passionem vicit. Nam qui usque ad mortem crucis passus est, de morte cum gloria surrexit.)“
(Homiliae in Ezechielem II,1,9 vgl. PL 76, 942B)

Und auch der Mystiker Rupert von Deutz (um 1070-1129) deutet die Kelter auf Selbsthingabe Christi aus:

„Er kelterte, da er sich freiwillig für uns hingab,
er wurde gekeltert wie eine Traube,
da er unter dem Druck des Kreuzes
den Wein von der Hülle des Körpers ausscheiden ließ
und seinen Geist aushauchte“
(In Isaiam 2, 29 – PL 167, 1356)

Das tonnenschwere Gewicht der Sünde lastet auf Christus, erdrückt den Körper, presst ihm sein eigene Leben aus. So vollzieht sein Auftritt in der Kelter nicht das göttliche Zorngericht über die Völker. Gottfeindliches Leben wird durch ihn nicht zertreten. Vielmehr stiftet seine eigene Hingabe Frieden, wie es im Brief an die Kolosser heißt:

Es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“ (Kol 1,19f)

Was Blut für das menschliche Leben austrägt, stellt die göttliche Anweisung im 3. Buch Mose heraus: „Des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist.“ (17,10)

Auf dem Bildnis „Christus in der Kelter“ findet sich ein Abfluss aus der Kelter, unter den ein Kelch bereitgestellt ist. Dass Jesu Blut vergossen worden ist, ist keine Mordtat, bei dem das Blut vom Ackerboden in den Himmel schreit (vgl. 1Mose 4,10). Vielmehr wird aus dem Unheilsgeschehen am Kreuz von Golgota das Leben neu gewonnen. Christus stellt sich nicht als Todesopfer der Menschheitsgeschichte dar. Im Abendmahl hat er den Leidens- und Todeskelch mit Danksagung in die eigene Hand genommen und ihn seinen Jüngern gereicht: „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26,27f)

In diesen Kelch hat sich Jesus mit seiner Todesgabe leiblich hineingelegt. Sein Blut, das geflossen ist, gereicht uns zum Heil. Der Tod am Kreuz macht nicht fassungslos, sondern stellt sich als Hingabe gegen unseren eigenen Tod. Er greift unser Leben auf, wo die Sünde es von den göttlichen Wurzeln abgeschnitten hat, wo es im Tod zu Staub verfallen muss.

Wenn wir von diesem „Kelch des Heils“ (Ps 116,13) trinken, schmecken wir den Wein (und nicht etwa Essig). Als Freudenbringer und Gottesgabe ist er zu preisen, so in Psalm 104:

Du lässest Gras wachsen für das Vieh
und Saat zu Nutz den Menschen,
dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
dass der Wein erfreue des Menschen Herz
und sein Antlitz schön werde vom Öl
und das Brot des Menschen Herz stärke

(Ps 104,14f)

So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ (Prediger 9,7)

Dein Tun hat Gott schon längst gefallen, wenn Du im Abendmahl den Leidenskelch Jesu als Kelch des Heils in die eigenen Hände nimmst und seinen Worten Glauben schenkst: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedäch­tnis.“ (1Korinther 11,25)

Christus in der Kelter – tonnenschweres Gewicht der Sünde lastet auf ihm, erdrückt sein Leben, presst es ihm aus. Aber seine Hingabe für uns geht nicht verloren, ist im Kelch unter der Kelter gefasst: „Nimm und trink vom Kelch des Heils“ „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“