Gebet wider die Resignation und die Aussichtslosigkeit

22. September 2016

frustration

Himmlischer Vater,
Du siehst durch das hindurch, was für uns noch dunkel ist.
Du hältst uns in Deiner Geduld, wo wir den Lebensmut verloren haben.
Du liebst immer noch, wo wir mit anderen schon längst fertig sind.
Schenke uns Deinen Geist,
dass wir Dir glauben in dem, was wir nicht sehen,
dass wir hoffen, wo Verzweiflung sich ausbreitet,
dass wir lieben, wo es nichts zu gewinnen gibt.
Durch Jesus Christus.
Amen.

„Wir brauchen Gott, der nicht vergisst …“ – Sibylle Lewitscharoff im Gespräch mit Jan-Heiner Tück über ihr Buch „Das Pfingstwunder“

18. September 2016

das-pfingstwunder

In der nächsten Ausgabe der Internationalen katholische Zeitschrift Communio (IKaZ) findt sich ein kluges und aufschlussreiches Gespräch zwischen Sibylle Lewitscharoff und Jan-Heiner Tück über die Theologie, die Lewitscharoffs neuem Roman „Das Pfingstwunder“ zugrunde liegt. Online ist das Gespräch „Wir brauchen Gott, der nicht vergisst“ hier als pdf einsehbar.

Gebet zur Geduld

14. September 2016

Sanduhr

Du mein Gott,
Deine Geduld möchte ich haben.
Sie ist es, die uns Menschen leben lässt.
Ich brauche sie wie das tägliche Brot,
um auszuhalten, was über meine Geduld geht.

Gerhard von Rad – Predigt über 4. Mose 22-24 (Ausschnitte aus der Bileam-Erzählung)

14. September 2016
Balak und Bileam auf dem Berg Peor (Kupferstich nach Marten de Vos, Antwerpen Gerard de Jode, 1585)

Balak und Bileam auf dem Berg Peor (Kupferstich nach Marten de Vos, Antwerpen: Gerard de Jode, 1585)

Eine nachdenkliche Predigt zur Bileam-Erzählung (vgl. dazu auch Rads Rundfunkvortrag „Die Geschichte von Bileam„): „Wir heute sehen uns an die alten biblischen Vorstellungen überhaupt nicht mehr gebun­den. Wir heute sehen die Welt anders. Ach, dieses »Wir heute!« Das hat an seinem Ort gewiß seinen guten Sinn. Aber ebenso sicher ist, daß es im Handumdrehen zu einer unerträglichen Anmaßung wird, zu einem ahnungslosen Beiseiteschieben von einem Wissen um die Welt, um den Menschen und auch von einem Wissen um Gott, demgegenüber wir heute kläglich abschneiden. Ist es denn so, daß die Wirklichkeit unseres Lebens erst in unseren Jahren richtig gesehen wurde? Stellen wir doch die Frage ganz einfältig. Auf welcher Seite stehen denn nun die besseren Realisten? Sind es die, die dieses »Wir heute« so an­spruchs­voll im Munde führen, sind sie die besseren Realisten? Oder ist ihnen unser Erzähler im Vorsprung, wenn er den Segen Gottes für eine Wirklichkeit, für eine Macht hält, von der wir Tag und Nacht unbewußt leben, so daß wir verloren gingen, wenn wir uns nicht in ihr bergen könnten. Hier entscheidet es sich doch erst, was die eigentliche Wirklichkeit unseres Lebens ist.“

Predigt über 4. Mose 22-24 (Ausschnitte aus der Bileam-Erzählung)

Von Gerhard von Rad

Als der (Moabiterkönig) Balak hörte, daß Bileam komme, zog er ihm entgegen und Balak nahm den Bileam mit sich und führte ihn hinauf nach Bamoth Baal, von wo er den äußersten Teil des Volkes (Israel) sehen konnte.

Und Bileam hob an seinen Spruch und sprach: »Aus Aram ließ Balak mich holen, der König Moabs aus den Bergen des Ostens: Komm, verfluche mir Jakob, Komm, verwünsche Israel! Wie sollte ich fluchen, wem Gott nicht flucht? Wie sollte ich verwünschen, wen der Herr nicht verwünscht. Denn von der Höhe der Felsen sehe ich es, erschaue es von den Hügeln. Siehe, ein Volk, das abseits wohnt, das sich nicht rechnet unter die Heiden. Wer zählt den Staub Jakobs, wer die Tausende Isra­els? Möchte ich sterben den Tod der Gerechten und mein Ende sei wie das ihre!« Da sprach Balak zu Bileam: »Was hast du mir angetan? Meinen Feinden zu fluchen ließ ich dich holen, und siehe, du hast ja gesegnet!« Er antwortete und sprach: »Muß ich nicht darauf achten zu reden, was mir der Herr in den Mund legt?«

Da nun Bileam sah, daß es dem Herrn gefiel, Israel zu segnen, ging er nicht wie zuvor nach Zeichen aus, sondern wandte sein Angesicht gegen die Wüste. Und Bileam erhob seine Augen und sah Israel nach Stämmen gelagert. Da kam der Geist Gottes über ihn, und er hob an seinen Spruch und sprach: »So spricht Bileam, der Sohn Beors, so spricht der Mann, des Auge aufgeschlossen ist, so spricht, der göttliche Reden vernimmt, der Gesichte des Allmächtigen schaut, hingesunken und enthüllten Auges: Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen Israel! Wie Täler, die sich ausbreiten, wie Gär­ten am Strom, wie Eichen, die der Herr gepflanzt, wie Zedern am Wasser. Wasser rinnt aus seinen Eimern, reichliches Wasser hat seine Saat.«

Liebe Gemeinde! In einem Blatt war vor kurzem ein Gebet zu lesen, das lautete folgender­maßen: »Gib mir die Gelassenheit, Dinge hin­zunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden. « Ja, wer das nur immer wüßte: wo man ändern muß und wo man hinnehmen muß, der wäre ein weiser Mensch! In der Erzählung, über die wir jetzt nachdenken wollen, ist von einer Sache die Rede, in der es für Israel auf eine höchst merk­würdige Weise nur um ein Hinnehmen ging. Alles Ändern-Wollen lag weit, weit jenseits aller menschlichen Macht. Was hat doch dieses Israel alles erzählt! Unheimlich viel hat es auf dem Weg erlebt, den es in Ehren und in Schanden vor dem Angesicht seines Gottes gegangen ist. Wer es so noch nicht weiß, den kann das Erzählen Israels darüber aufklären, daß, wer um Gott weiß, der erfährt die Welt und den Menschen noch in ganz anderen Dimensionen. Da wird doch der Mensch überhaupt erst offenbar, und darum war das [162] das Geheimnis des Erzählens Israels: Je intensiver es von Gott redete, um so intensiver, um so realistischer wurde ihm der Mensch und die Welt, in der er lebte. Das ist ihm freilich nichteinfach in den Schoß gefallen. Viel Nachdenken, viel Konzentration steht hinter sei­nem Erzählen. Man könnte dieses erzählende Israel einem Menschen vergleichen, der unter Umständen von einem Erlebnis seiner Jugend lange geschwiegen hat, der es vielleicht jahrzehntelang in sich verschlossen hielt, bis sich ihm endlich die Zunge löste. Sicher ist unsere Bileamgeschichte von der Art. Viel Nachdenken ist darin; viel mehr, als wir in einer Predigt herausholen können.

Nach langer Wüstenwanderung ist Israel am Rand des Kulturlandes angekommen. Die Moa­biter erschrecken: »Nun wird dieser Haufe wie das Vieh alles kahlfressen.« Wie einen barba­rischen Haufen sehen sie das Gottesvolk auf sich zukommen. Aber ihr König Balak weiß Rat. Die Lage ist nicht hoffnungslos. Da gibt es ja noch den weitbekannten Magier und Zauberer Bileam. Den muß man rufen. Der allein kann, und zwar allein durch zerstörende Worte, Israel vernichten. Dieser Bileam ist die Hauptperson der Erzählung bis zu ihrem letzten Satz. Sagt die Bibel: er konnte fluchen, so versteht das heute vielleicht niemand mehr richtig. Was ver­stehn wir schon unter fluchen? Häßliche Worte, zu denen sich einer hinreißen läßt, wenn er die Selbstbeherrschung verliert. Und wenn er dann mit einer Serie von Kraftausdrücken auf­warten kann, dann lächeln wir wohl gar. Aber, liebe Gemeinde, wenn irgendwo Fluch im Spiele war, da hat bei den Alten keiner mehr gelächelt.

Wer also war Bileam? Ich will es einmal so ausdrücken: Bileam war ein gottloser Mensch. Ich weiß wohl, daß wir heute so schwere Urteile nicht gern aussprechen. In der Angefochtenheit unseres Glaubens fühlen wir uns zu solchen Sätzen nicht ermächtigt, und diese Zurückhaltung ist sicher lobenswert. Aber damit ist die Sache ja noch nicht vom Tisch. Den großen Dosto­jewski hat die Frage lebenslang nicht losgelassen: Was ist das eigentlich, ein wirklich gott­lo­ser Mensch? Wie sieht so einer aus, und was geht in ihm vor? Nun, die psychologische Frage, wie es denn im Innern eines solchen Menschen aussieht, also die Frage nach seinen spezifi­schen Leiden und seinen Zerrissenheiten, die interessiert unseren biblischen Erzäh­ler nicht; um so mehr aber die Frage, was so einer tut, wie er wirkt. Nun, wenn er der Kerl dazu ist, so wirkt er durchaus ins Große. Das ist das eine. Aber er wirkt immer zerstörend. Wo immer er gewirkt hat, hinterläßt er eine Brandstätte, in der alles gute Leben verdorrt. [163] Und das eben meinten die Alten, wenn sie sagten: Ein solcher Mensch wirkt Fluch. Ich bin überzeugt, daß das alte Israel, aber auch die alten Griechen, in den Erfahrungen des Bösen wissender, sensitiver waren als wir; sie waren realistischer. Sie hatten da ganz bestimmte Fragen: Was für Träger sucht es sich, wie wirkt es, auf welchem Wege pflegt es unter den Menschen umzuge­hen? Manch­mal gibt es Menschen, die sind Träger und Vermittler von etwas ganz Bösem. Die meisten Menschen bekommen es mit diesem Urbösen gar nicht zu tun, einfach, weil sie in einem trivialen Mittelmaß leben. Sie bekommen mit ihm ebensowenig zu tun, wie mit dem Urguten. Aber manchmal gibt es Menschen, die haben einen geheimnisvollen Kontakt mit dem ganz Bösen; sie können es auslösen, lenken, und es folgt ihnen sogar. Freilich immer nur ein Stück weit und nie, ohne sie dann zuletzt in seine Nacht hinabzuzie­hen.

Ein solcher Mann war Bileam. Er war ein Spezialist auf diesem Gebiet, ein Techniker, der sich auf komplizierte Praktiken verstand. Nein, Bileam hat alles andere getan, als sich hin­reißen zu lassen oder seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Im Gegenteil, er war konzen­triert. Zu einem Werk, das sauber und präzis verrichtet werden wollte, hat er sich auf den Weg gemacht. Und da ist es dann zu einem merkwürdigen Zwischenfall gekommen. Wie so viele berühmte Spezialisten, war dieser Bileam doch wohl auch in gewisser Hinsicht ein beschränk­ter Mensch. Wer ein solcher virtuo­ser Techniker des Bösen geworden ist, der wird blind gegenüber all dem, was von Gott kommt. So kam es zu der berühmten Szene in jenem Hohl­weg, wo ihm der Engel des Herrn mit gezücktem Schwert in den Weg trat. Er sah gar nichts. Sein Reittier aber, die Eselin, die sah den Engel und war durch keine Schläge dazu zu bewe­gen, auch nur einen Schritt weiterzugehen. So tief war also die Gottesblindheit dieses Bileam, daß Gott erst dem Tierlein den Mund auftun mußte, und da erst sah Bileam etwas. Dieses Bild, das der Erzähler vor uns stellt, sollten wir nicht so schnell aus dem Gedächtnis fahren lassen: Dieser Techniker des Bösen, im Aufbruch zu einem schlimmen Vorhaben, zornig über einen Widerstand, der sich ihm entgegen­stellt, der die Kreatur quält, und am Ende wird eine hübsche Summe Geldes herausspringen, — das alles kennen wir doch auch nur allzu-gut.

Hätte unsere Geschichte nur etwas von jenen erbaulichen Erzählun­gen an sich, die wir nicht leiden können, weil sie alle an einer [164] bestimmten Stelle unwahr sind, so würden wir jetzt hören, wie der Engel des Herrn den Bileam straft, wie er ihn heimschickt oder gar zusammen­haut. Es geschieht aber etwas ganz anderes, und zwar etwas Unbegreifliches: Der Engel läßt das Schwert sinken; er tritt zur Seite und läßt den Bileam passieren! Er solle nur sagen, was ihm eingegeben werde. Nun, Bileam mochte gedacht haben, daß das noch einmal gut abge­gangen ist, und wird sich von seinem Schrecken schnell erholt haben. Aber wer kann das begreifen, was sich da ereignet hat? Der Engel läßt das Schwert sinken, und der schreck­liche Mann darf passieren! Aber so ist es doch: Alle Bileame dürfen ihres Weges gehen!

Also, er geht weiter, kommt an, wird wegen seiner Verspätung etwas unfreundlich begrüßt und trifft auf einem Berg sogleich seine Vorbe­reitungen zu dem Werk, das er wie kein anderer versteht. Aber diesmal mißrät ihm alles. Er kommt nicht wie sonst in große Form. Ganz merk­würdig: nicht Fluch-, sondern Segensworte hört er sich aussprechen. Balak ist entsetzt. Er weist auf das viele Geld hin, das er sich’s hat kosten lassen. Aber Bileam kann nur antworten: »Wie soll ich fluchen, dem Gott nicht flucht. Wie soll ich verwünschen, den der Herr nicht verwünscht.« Irgend etwas ist also dazwischen gekommen, das die Dinge mit einem Mal ganz anders laufen ließ. Bileam bekam es gewiß nicht zu fassen oder gar zu verstehen. Es war das, was die Bibel Gottes Segen nennt.

Damit ist der Erzähler nun zu seiner Sache gekommen. Hier, genau hier will er unser Ohr. Aber vielleicht wissen wir auch bei dem Wort Segen nicht mehr so recht genau, was wir uns darunter vorstellen sollen. Kommt nicht dem, was der Erzähler uns hier sagen will, eine Strophe entgegen, die wir gerne in der Silvesternacht singen:

„Ach, Hüter unseres Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserem Tun und Machen,
wo nicht dein Augen wachen.“[1]

Das ist doch eigentlich ein ziemlich radikaler Satz; aber ich glaube, er umschließt den ganzen christlichen Trost. Wem aber ist es damit heute noch ganz ernst? Aktion ist doch heute das große Wort. Einen ganzen Katalog von Aktionen könnten wir aufzählen, und es wäre gewiß unrecht, wenn wir in den Ernst und in die Opferbereitschaft dieser Aktionen Zweifel setzen wollten. Aber glaubt ihr denn, wir würden mit unserem bestgemeinten »Tun und Machen« auch nur das Geringste ausrichten können, wenn wir es nicht im Schatten [165] einer größeren heilenden Macht entfalten könnten? Was, glaubt ihr, würde daraus werden, wenn wir gegen unsere ewige Anfälligkeit zum Resignieren nichts anderes aufbieten könnten als unseren guten oder manchmal auch nur halbguten Willen? Und so wären wir wieder bei dem ange­langt, was die Alten Segen nannten, und werden einsilbig. Vielleicht finden sich manche damit schnell ab: Wir heute sehen uns an die alten biblischen Vorstellungen überhaupt nicht mehr gebun­den. Wir heute sehen die Welt anders. Ach, dieses »Wir heute!« Das hat an seinem Ort gewiß seinen guten Sinn. Aber ebenso sicher ist, daß es im Handumdrehen zu einer unerträglichen Anmaßung wird, zu einem ahnungslosen Beiseiteschieben von einem Wissen um die Welt, um den Menschen und auch von einem Wissen um Gott, demgegenüber wir heute kläglich abschneiden. Ist es denn so, daß die Wirklichkeit unseres Lebens erst in unseren Jahren richtig gesehen wurde? Stellen wir doch die Frage ganz einfältig. Auf welcher Seite stehen denn nun die besseren Realisten? Sind es die, die dieses »Wir heute« so an­spruchs­voll im Munde führen, sind sie die besseren Realisten? Oder ist ihnen unser Erzähler im Vorsprung, wenn er den Segen Gottes für eine Wirklichkeit, für eine Macht hält, von der wir Tag und Nacht unbewußt leben, so daß wir verloren gingen, wenn wir uns nicht in ihr bergen könnten. Hier entscheidet es sich doch erst, was die eigentliche Wirklichkeit unseres Lebens ist.

Aber wir sind mit Bileam noch lange nicht am Ende. Merkwürdig, der Erzähler sagt, daß Bileam Israel erst gar nicht richtig gesehen habe, nur gerade noch seine Ränder. Aber als er sich in das Segnen ergab, da hat er es ganz gesehen, nach Stämmen gelagert. Eine merkwür­dige Sache! Man kann also das Gottesvolk sehen; es kann aber auch sein, daß man es nur undeutlich sieht, vielleicht nur seine Ränder. Es ist also möglich, daß einer davon spricht, darüber schreibt, sich dagegen wendet, und er hat es kaum zu Gesicht bekommen. Erst in dem Augenblick, als Bileam das Gottesvolk richtig sah, da öffnete sich ihm der Mund zu ganz überschwenglichen Segensworten:

Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel! Wie Täler, die sich ausbreiten, wie Gärten am Strom, wie Eichen, die der Herr gepflanzt, wie Zedern am Wasser. Wasser rinnt aus seinen Eimern, reichliches Wasser hat seine Saat!

So kann man also auch vom Gottesvolk reden. Es ist nicht der Stil, der heute über die Kirche und über die Christenheit im Schwange ist. Heute hört man doch darüber nur gepfefferte Reden. Hier aber klingt es fast so, als liebte Bileam das Gottesvolk; nein, er redet so, [166] als liebte Gott dieses sein Volk, als sähe es Bileam ganz umflossen von dem Glanz reinen göttli­chen Wohlgefallens. Gärten am Strom, Zedern am Wasser, reichliches Wasser hat seine Saat. Wie schön sind deine Zelte Jakob! Aber so schnell ergeben wir uns nicht. Stimmt denn das alles? Wo ist denn von diesem überschwenglichen Segen etwas zu sehen? Aber vielleicht rührt solches Fragen wirklich nur daher, daß auch wir das ganze Gottesvolk einfach nicht sehen, sondern gerade nur seinen Rand. Wir wissen ja auch nicht, wen Gott diesem seinem Volk zurechnet. »Wer zählt den Staub Jakobs?« Wir sehen ja nicht die tausenderlei täglichen Bewahrungen, die Gott schenkt. Nichts wissen wir von den Erleuchtungen in einfältigen Her­zen, die keine Geistesgeschichte registriert, nichts von erfahrenen Tröstungen, von helfen­dem Tun in fernen Ländern. Wir hören doch nicht das gute Wort, an dem sich vielleicht nur Gott erfreut, gespro­chen von guten Menschen, die sich selber gar nicht für gut halten und von denen doch eine Kraft und ein Licht ausgeht. Ach, ließen wir uns ein wenig mehr hineinneh­men in diese Freude Gottes an seinem Volk; wir würden von dem Gottesvolk gewiß von Tag zu Tag mehr sehen und müßten nicht so grämlich einhergehen, wie wir es tun.

Man stellt es heute gern so dar, daß sich die Kirche Christi fast ein wenig gespenstisch in unserer heutigen technisierten Welt ausnehme. Aber unsere Bileamgeschichte zeigt uns die Sache einmal von der entgegengesetzten Seite: Dieser König Balak mit seiner Angst und seinem Geld, — hat er nicht etwas Gespenstisches? Und die berühmte Kapazität Bileam, der doch so ganz in der Hand Gottes ist, auch er hat etwas Gespenstisches. Aber das Gottesvolk zeltet ahnungslos im Talgrund; es weiß von alledem, was da in Gang gekommen ist, gar nichts. Nicht einmal zum Sich-fürchten sind sie gekommen! Und die Hand, die Gott über sie gehalten hat, haben sie auch nicht gesehen. Für sie war dieser Tag kein Tag des Heils, er war ein Tag wie jeder andere!

Was den Bileam betrifft, so stellt sich der Erzähler den Vorgang offenbar so vor, daß er Fluchworte zelebrieren wollte, daß er sich aber zu seinem maßlosen Erstaunen Segenssprüche sprechen hörte. Also gewissermaßen zwischen seinem Willen einerseits und den Worten seines Mundes andererseits hat sich etwas ereignet, etwas, was unser Erzähler ohne Frage für ein Wunder hält. Aber wo in aller Welt hat man derlei schon erlebt? Wenn wir darauf warten wollten, so enthielte unsere heutige Erzählung vielleicht nur einen mageren [167] Trost. Aber wer will es wissen, vielleicht war es auch damals anders, und Bileam hat wirklich geflucht, so wie er es seit Jahrtausenden tut? Vielleicht hat er dem Gottesvolk zugerufen: »Ich hasse dich; alles an dir ist mir zuwider. Unglaubwürdig bist du, denn du kannst dich ja selber gar nicht ernst nehmen. Deine ganze Kunst besteht darin, mit großen Worten umzugehen. Allem, was gerade modern ist, läufst du nach in der lächerlichen Angst, man könnte dich nicht für ganz modern halten.« Ja, vielleicht war es so; vielleicht hat er so oder ähnlich gesprochen? Aber vor Gott hat es geklungen, als hätte er gesagt: »Wie schön sind deine Zelte Jakob, wie Täler, die sich ausbreiten, wie Gärten am Strom!« Vielleicht war es so? Wer schaut einem so hinter­gründigen Erzähler gleich in die Karten? Und wie ruhig, wie gelassen ist das alles erzählt, manchmal sogar mit einem Anflug von Heiterkeit; so, als atme der Erzähler noch eine andere Luft als die, die von Flüchen verpestet ist, als hätte er etwas Entscheidendes hinter sich, das vor den meisten von uns noch wie eine unbewegliche Felswand steht.

Unser Predigttext hat uns heute zur Abwechslung einmal nicht zum christlichen Handeln aufgefordert, sondern nur dazu, daß wir ganz ruhig etwas Gutes, Heilendes an uns geschehen lassen. Auch dann wären wir angespannt beschäftigt. Wir würden die Augen dann ein wenig mehr aufmachen und die bleierne Langeweile, die auf vielen liegt, würde abfallen. Denn die Wirklichkeit unseres Lebens ist abgründig geheimnisvoll, und nie genug erkannte Segenskräf­te tra­gen uns. Wir könnten ruhig auch einmal davon reden. Wo immer wir es uns in einer von Flüchen verpesteten Welt eben doch einmal wohl-sein lassen, wo immer wir in eine Freude eintreten, wo immer wir uns etwas Gutem anvertrauen, da leben wir doch schon auf Borg von dem Glauben an den Segen Bileams. Dietrich Bonhoeffer hat diese Segenskräfte sogar in der Gefängniszelle verspürt: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.« Amen.

Predigt am 8. November 1970 im Universitätsgottesdienst in Heidelberg

[1] Paul Gerhardt, „Nun lasst uns gehn und treten“ (EG 58, Vers 6).

Quelle: Gerhard von Rad, Predigten, hg. v. Ursula von Rad, München: Chr. Kaiser, 2. A., 1978, 161-167.

Hier der Text als pdf.

Gerhard von Rad – Predigt über Ruth 1 (Über die Pfeiler im Tempel Gottes)

13. September 2016
Naomi bedrängt Rut und Orpa in das Land der Moabiter zurückzukehren (William Blake, 1795)

Naomi bedrängt Ruth und Orpa in das Land der Moabiter zurückzukehren (William Blake, 1795)

Bemerkenswert ist, was Gerhard von Rad in seiner Predigt über das ersten Kapitel des Buches Ruth der Gemeinde zuzusprechen weiß:  „Es quält uns, daß sich in unserem Leben so wenig in christli­chem Sinne begibt, die Farblosigkeit und Anonymität unseres Christenstandes. Aber anonymer als die Moabiterin Ruth sind wir ja auch nicht; und sie war nicht zu gering geachtet, zum Pfeiler in seinem Tempel zu werden. Und vor allem wollen wir uns nicht fort­gesetzt belauern und die Christlichkeit unserer Gedanken und Motive überprüfen. Das sahen wir ja: Es ist alles schon von Gott in sein Werk eingerechnet: unser gutgemeinter Überschwang und unsere kurzsichtige Schlauheit. Es ist alles an seinem Ort schon gerechtfertigt, weil unser Leben in einer Tiefe, in die kein Menschen­verstand hinab­leuchtet, an das Leben Christi gebunden ist.“

Predigt über Ruth 1

Von Gerhard von Rad

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethle­hem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremd­ling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Naemi … Und Elimelech, Naemis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Ruth. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden Söhne, so daß die Frau beide Söhne und ihren Mann überlebte.

Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wie­der zurück … Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: »Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, daß ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause!« Und sie küßte sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: »Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.« Aber Naemi sprach: »Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? … Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herren Hand ist gegen mich gewesen.« Da erhoben sie ihre Stimmen und weinten noch mehr. Und Orpa küßte ihre Schwiegermutter, Ruth aber blieb bei ihr. Sie aber sprach: »Deine Schwä­gerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott. Kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. « Ruth antwortete: »Rede mir nicht ein, daß ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das — nur der Tod wird mich und dich scheiden …«

So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen. Und als sie nach Bethlehem hinein­kamen, erregte sich die ganze Stadt über sie, und die Frauen spra­chen: »Ist das die Naemi?« Sie aber sprach zu ihnen: »Nennt mich nicht Naemi (dh. lieblich), sondern Mara (dh. bitter); denn der All­mächtige hat mir viel Bitteres angetan. Voll zog ich aus, aber leer hat mich der Herr wieder heimge­bracht …«

Es war aber um die Zeit, da die Gerstenernte anging, als Naemi mit ihrer Schwie­gertochter Ruth, der Moabiterin, zurückkam vom Moabiterland nach Bethlehem.

Liebe Gemeinde! Das Alte Testament ist das Buch eines Volkes, das hineingerissen worden ist in eine besondere Gottesgeschichte, das Buch eines Volkes, das Gott sich gegriffen hat, in dem er die Nebel der Unwissenheit über Gott, in dem er den Qualm der religiösen Mythen zerrissen und sich selbst als Herrn geoffenbart hat. Es ist für uns also das Buch eines Volkes, das unablässig mit dem Wort Gottes beschäftigt ist; gewiß ungeheuerlich daran versagend, aber dann doch langsam in ein Wissen über Gott und die Menschen hinein­wachsend, das wir in der ganzen Welt vergebens suchen. Das Alte Testament ist für uns das Buch eines Volkes, das sich in diese Offen-[46]barung Gottes und seines Willens keineswegs leicht ergeben hat, sondern das vielmehr in eine chronische Götzendämmerung hinein­geführt wurde, in ein immer tieferes Offenbarwerden der Ohnmacht aller menschlicher Sicherung und alles dessen, was der Mensch von sich aus für göttlich erklärt. Es ist das Buch prophetischer Erleuch­tungen über ungeheure Welt- und Geschichtsgedanken Gottes, die doch im Letzten Gedanken des Friedens und nicht des Leides sind. Aber zugleich werden wir aus diesem Buch inne, daß sich Gott um keinen Preis seine Geschichtspläne aus der Hand winden, daß er sie unter keinen Umständen zu einem geschichtsphilosophischen Gesetz machen läßt, das wir Neunmalge­scheiten begreifen könnten. So ist uns das Alte Testament in gewisser Hinsicht das Buch des Normalvolkes vor Gott, das sich als ein Klümplein weichen Tones in der Hand des allmäch­tigen Gottes erkennen mußte. Ja, es ist das Buch eines Volkes, das für den Herrn Christus und sein Kommen zube­reitet wird. Denn all dieses: diese Gottesgeschichte, dieses Beschäftigtsein mit dem Wort Gottes, diese chronische Götzendämmerung, dieses Gericht über die mytholo­gischen Götteroffenbarungen — das sind ja nur Hinführungen und Einübungen auf das Kom­men Jesu Christi, auf sein Gericht und sein Heil.

Wie hat man eigentlich in einem solchen Volk gelebt, in einem Volk, das unter solchen Gottesgewittern stand? Da waren doch nicht überall Gottesmänner und Propheten; da waren doch auch viele einfache Menschen in ihrem Alltag. Wie haben die eigentlich gelebt? Hinter dieser Frage steht nicht historische Neugier, vielmehr etwas uns Bedrängendes: Wir ahnen, daß auch unser aller Leben vielleicht in ähnlicher Weise in eine gewittrige Gottesgeschichte eingebettet ist, und daß die gegenwärtigen Geschichtsereignisse, die uns erschrecken, viel­leicht auch in irgendeinem Bezug zu dem Kommen Christi in diese Welt stehen. Deshalb fragen wir: Wie lebt man in einem solchen Volk, unter einem solchen Himmel?

Nun, wir sehen hier in eine Familie hinein, in kleine bäuerliche Verhältnisse. »Familie« ist schon zu viel gesagt. Die Männer sind ja tot; es sind ein paar Frauen, »Flüchtlinge« würden wir heute sagen, die wieder in ihre alte Heimat zurückkehren, um da — ganz verarmt — noch einmal von vorne anzufangen. Wie bitter das Ankommen in der alten Heimat war, das spricht die alte Frau selbst aus: »Der Allmächtige hat mich sehr betrübt; voll zog ich aus, aber leer hat mich der Herr wieder heimgebracht. « Aber nun muß natürlich etwas geschehen, daß die bei­den Frauen wieder einen Grund unter die [47] Füße bekommen. Ruth fängt ganz unten an; sie nimmt das Armen­recht in Anspruch und liest auf den Feldern der reichen Bauern ehren. Dabei wird sie mit einem Bauern bekannt, der ein entfernter Verwandter ihres verstorbenen Mannes ist. Nun gab es bekanntlich in Israel ein Gesetz, demzufolge die Brüder eines Verstorbenen sich dessen kinderloser Witwe anzunehmen, sie zur Ehe zu nehmen hatten, um stellvertretend dem Verstorbenen Nachkommenschaft zu erwecken. Boas war zwar kein naher Verwandter; weder er noch auch Ruth haben zunächst an eine solche Möglichkeit gedacht. Aber bei Naemi war der Plan schnell geschmiedet, und — wir müssen es aussprechen — es war ein gefährli­cher Plan, in den die alte Frau die Ruth hineinverwickelt hat. Jene nächtliche Szene auf der Tenne, wie da Ruth sich zu den Füßen des schlafenden Boas niederlegt und sich mit seiner Decke zudeckt, um sich ganz in seinen Schutz zu begeben — das war gewiß auch für die Alten eine recht verfängliche Sache. Und wenn der Erzähler auch in großer Keuschheit kei­nerlei häßlichen Gedanken Raum gibt, so hätte das alles doch auch ganz anders ausgehen können. Aber Boas nimmt, nachdem noch eine juristische Schwierigkeit überwunden ist, die Ruth in Ehren zur Ehe; und der Urenkel aus dieser Verbindung war der König David, der Gesalbte Israels!

Aber unsere Frage: Wie lebt man denn im Alltag in einem solchen Volk? — hat sie eine Antwort gefunden? War denn da überhaupt von den großen Dingen des Glaubens die Rede? Alles war ja so vordergründig erzählt und spielte sich so realistisch ab, wie das eben bei Bauern zu sein pflegt. Wo sind hier also die großen göttlichen Dinge, von denen wir eingangs sprachen? Kein Wetterleuchten davon stört den stillen Horizont dieser Geschichte!

Nun, da ist ja noch das schöne Wort der Ruth. Aber ist dieses Wort bei uns nicht ein bißchen zu berühmt geworden? Was nennt sie alles im Überschwang zusammen: Gott und Volk und Land und Grab will sie mit der Mutter ihres verstorbenen Mannes gemeinsam haben, dürfen doch einmal ganz offen fragen: Ist das wirklich das Wort eines großen Glaubens? War Ruth ein gläubiger Mensch, konnte sie das als Moabiterin überhaupt gewesen sein? Ihr Mann war wohl Israelit; aber es war in jenen Zeiten nicht üblich, daß zwischen Mann und Frau tiefe Glaubensgespräche geführt wurden. Ist dieser Satz der Ruth also nicht viel eher das Wort einer sehr schönen menschlichen Treue? Das Verhalten der Orpa war doch nicht ungläubig oder gar häßlich. Naemi hatte ihr den Rückweg ja selbst angeraten, den [48] Weg in »ihrer Mutter Haus«. Das ist doch auch eine reelle Sache, der Weg in der Mutter Haus. Je mehr wir über den Satz der Ruth und seinen eigentlichen Sinn nachdenken, um so unwägbarer wird er uns. Wir bekommen ihn, wenn wir nach ihm greifen, nicht recht zu fassen. Es ist wohl nur ein winziges Etwas, das bei ihr den Ausschlag gibt; freilich etwas, das im Leben oft zentner­schwer wiegt: Es ist das Geheimnis einer echten menschlichen Verbundenheit, es ist ein wenig Treue. Aber so ist es nun auch nicht gemeint, daß uns der Erzähler mit dieser Szene sagen will: seht diese Ruth an und lernt von ihr; diese Treue ist das Entscheidende im mensch­lichen Leben. So nicht. Und doch stehen wir jetzt ganz dicht vor dem Geheimnis dieser Ge­schichte. Natürlich war dieser Augenblick, dieser Satz für Ruth die alles entscheidende Wen­de, weil sie ja damit in das Volk des lebendigen Gottes eingetreten ist. Natürlich hat Ruth mit diesem Wort die große Grenze zwischen Tod und Leben überschritten. Das hat Boas ganz richtig verstanden als er später zur Ruth sagte: »Der Herr vergelte dir deine Tat, und dein Lohn müsse vollkommen sein bei dem Gott Israels, zu welchem du gekommen bist, daß du unter seinen Flügeln Zuversicht hättest.« Ein bißchen merkwürdig ist das ja zugegangen! Ja, und noch einmal ja: sie hat sie überschritten, die große Grenze zwischen Tod und Leben, — ein wenig überschwenglich und ein wenig ahnungslos. Nicht kraft ihres bergeversetzenden Glaubens, sondern weil Gott sie geführt hat, weil Gott sie für seinen Gesalbten gebraucht hat, ist sie nach Bethlehem gekommen. So ist das also eine Geschichte, die wir mit gutem Grund in der Epiphaniaszeit bedenken.

Diese Geschichte von der Ruth zwingt einen dazu, eine etwas merk­würdige Predigt zu halten. Ich kann ja nicht sagen: seht hin auf diese wahrhaft frommen Menschen, die ihr Vertrauen ganz auf Gott gesetzt haben, und lernt von ihnen! Diese Geschichte ist ja überhaupt eigentüm­lich arm an frommen Worten. Ja, wäre nicht in dieser Hinsicht sogar das Gegenteil zu sagen: Ist es nicht ein wenig erschüt­ternd zu sehen, wie wenig alle diese guten und treuherzigen und auch ein wenig verschlagenen Menschen von dem Eigentlichen, das Gott mit ihnen treibt, wissen und reden. Da sehen wir nun einmal hinein in eine Familie dieses Volkes, das unter den Gewittern einer von Gott geführten Geschichte stand; — ja, wir hören ein paar religiöse Sätze, ein paar fromme Wünsche, aber rührt denn das alles an das Werk Gottes, mit dem er sein Volk seinem Gesalbten zubereitet? Und trotzdem! Führt der Weg der Ruth deswegen weniger nach [49] Bethlehem? Und sind wir vielleicht wesentlich anders nach Bethlehem geführt worden? Nein, deswegen, weil Ruth so wenig von alledem weiß und spricht —deswegen war ihr Leben nicht weniger von Anbeginn dem Gottesvolk und dem Gesalbten Israels zugeordnet. Im Sendschreiben an die Gemeinde Philadelphia ist von denen die Rede, die zu Pfeilern im Tempel Gottes gemacht werden (Off. Joh. 3,12). Dies Wort könnte man wahrlich über das Buch Ruth schreiben. Wer ist denn zu einem Pfeiler in dem Tempel Gottes geworden, wenn nicht sie? Ja, wenn wir auf die äußeren Dinge sehen, auf die Worte, die gesprochen werden, und auf die Motive, die dem Handeln der einzelnen Menschen zugrunde liegen, wo kämen wir da hin! Naemi hat die Ruth erst zurückschicken wollen und sie dann nach der Art alter Frauen noch einmal unter die Haube bringen wollen. Boas war sicher ein frommer Bauer — nichts gegen Boas! —, aber er will die Ruth zur Frau und er will auch den Acker, den die Ruth noch in die Ehe bringt. So ist das eben bei den Menschen. Ja, wie ist das nur gekommen, daß Ruth zum Pfeiler im Tempel Gottes geworden ist? Durch menschliche Treue, gewiß; aber menschliche Berechnung und Eigennutz waren doch auch im Spiel und noch vieles andere mehr. Und wenn wir so noch viel genauer nachrechnen wollten, dann würden wir doch nie auf das Eigentliche, das Werk Gottes stoßen, weil das tief verborgen ist in und hinter alledem, was wir vor Augen sehen. Das ist also die Predigt unserer biblischen Geschichte für uns, daß sie uns lehrt zu scheiden zwischen dem, was Menschen treiben und denken und dem, was die Bibel das Werk Gottes mit uns nennt; und daß wir wissen sollen, daß Gottes Werk unter allen Umständen ans Ziel kommt und nicht an der Unzulänglichkeit dessen hängt oder scheitert, was wir denken oder reden oder handeln.

Wir kommen doch auch eben von Bethlehem her; und es ist uns wieder gesagt worden, daß unser Leben von Gott selbst dem Herrn Christus zugeordnet worden ist; meint Ihr, daß wir des Trostes dieser Geschichte nicht besonders bedürften? Es gibt heute zwei Arten von Anfech­tung, die unseren Glauben besonders quälen: Die eine kommt aus den großen zerstörerischen Ereignissen, die uns erschrecken, weil wir Gottes Hand darin schlechterdings nicht mehr erkennen können. Und davon ist in unseren Predigten schon fast zu viel die Rede. Die andere aber kommt aus dem Gegenteil, nämlich aus der trivialen, inhaltslosen Alltäglich­keit, aus dem Ereignislosen, aus der Unbeweglichkeit unserer Herzen und unseres ganzen Lebenskreises, der wie [50] von den Ringen der Stumpfheit umklammert ist, die wir nicht sprengen können; sie kommt also da her, daß man von dem Werk Gottes bei uns so gar nichts sieht oder spürt — und das ist die Anfech­tung der Engel! Der Prophet Sacharja schildert es uns nämlich einmal, wie eine Schar himmlischer Boten, nachdem sie einen ganzen Tag lang die Erde aufmerksam durchstreift haben, des Abends an das Himmelstor zurückkeh­ren, um Gott dem Herrn Mel­dung zu erstatten (Sach. 1,7ff). Und da bricht aus dem Anführer dieser Engel die verzweifelte Klage heraus: Sie haben die ganze Erde in Ruhe und Frieden vorgefunden; dh. von dem Kom­men des Reiches Gottes war schlechterdings gar nichts zu merken. Aber da erfährt er etwas, das wahrzunehmen auch die Augen der Engel zu blind waren: Gott brennt in Eifer für sein Volk, und alle Vorkeh­rungen für das Kommen seines Reiches sind schon bis ins Kleinste getroffen.

Das ist der Trost, dessen wir heute bedürfen. Was weiß schon unsere christliche Sensations­lust von dem Werk Gottes, mit dem er die Welt seinem Gesalbten zubereitet, wenn das schon den Engeln verborgen war! Was weiß sie davon, daß auch unser ereignisloses Leben hinein- geflochten ist in Gottes Pläne, was weiß sie, wozu er uns brauchen will. Es quält uns, daß sich in unserem Leben so wenig in christli­chem Sinne begibt, die Farblosigkeit und Anonymität unseres Christenstandes. Aber anonymer als die Moabiterin Ruth sind wir ja auch nicht; und sie war nicht zu gering geachtet, zum Pfeiler in seinem Tempel zu werden. Und vor allem wollen wir uns nicht fort­gesetzt belauern und die Christlichkeit unserer Gedanken und Motive überprüfen. Das sahen wir ja: Es ist alles schon von Gott in sein Werk eingerechnet: unser gutgemeinter Überschwang und unsere kurzsichtige Schlauheit. Es ist alles an seinem Ort schon gerechtfertigt, weil unser Leben in einer Tiefe, in die kein Menschen­verstand hinab­leuchtet, an das Leben Christi gebunden ist.

Nachdem wir nun das Zeugnis des Buches Ruth im Ganzen verstanden zu haben glauben, sollten wir jetzt unseren Text noch einmal richtig lesen und darauf achten, wie die ganz vor­dergründigen Dinge an der Oberfläche des Lebens dieser paar Menschen nun doch einen heimlichen und zuweilen auch sichtbaren Bezug haben zu dem in und hinter allem geschehen­den Christuswerk. Achten sollten wir darauf, wie die äußeren Begebenheiten und Erfüllungen, auf die diese Menschen hinarbeiten, nun eben doch heimlich verklammert und getragen und gerechtfertigt sind von diesem Christuswerk, das [51] allem zugrunde liegt. Wir sollten das deshalb bedenken, damit wir weniger erschrecken vor der Vordergründigkeit und Zeitlichkeit alles dessen, was auch unsere Tage ausfüllt, als könne nicht auch dieses Zeitliche und Vorläu­fige von Christus getragen und gesegnet sein, so gesegnet sein, daß es sogar in dieser Zeit schon einen Schein des Ewigen und Endgültigen bekommt.

Laßt mich aus dem vielen, das da zu überdenken wäre, nur eines herausgreifen: Naemi hatte zu den beiden jungen Frauen gesagt: »Der Herr gebe euch, daß ihr Ruhe findet, eine jegliche in ihres Mannes Haus.« Das ist ein schönes und gutes Wort; es meint die Ruhe, die Mann und Frau einander gewähren. Noch schöner aber ist es, daß dies Wort dann durch Gottes Fügung an Ruth in Erfüllung gegangen ist. Gewiß ist diese Ruhe nichts Jenseitiges, sie ist auch nichts Geistliches; aber in aller Zeitlichkeit ist sie nun eben doch eine Erfüllung, die Gott in diesem Leben gewähren will, und deshalb doch schon wie ein Angeld, wie ein kleines irdisches Ab­bild der Ruhe, von der wir wissen, daß sie für das Volk Gottes vorhanden ist. Paulus hat da einen ähnlichen Satz dem Philemon geschrieben; er hat ihm eine Bitte vorgetragen und dann hinzugesetzt: »Ja, lieber Bruder, bringe mein Herz in Jesus Christus zur Ruhe« (Philemon V. 20). Das soll es also geben, so eine Ruhe in Christus, die wir uns gegenseitig in dieser Zeit gewähren dürfen. Das ist nicht die letzte Ruhe in Christus; wie sollten wir die zu vergeben haben, aber eine Ruhe in der Zeit, die doch auch schon etwas von der letzten großen Ruhe in sich hat, schon eine Christusgabe, in der wir mitten auf dem Moorgrund dieser Zeitlichkeit einkehren dürfen.

Wenn wir jetzt zurückblicken auf das, was uns diese alte Geschichte gelehrt hat, so haben wir eigentlich dauernd ein großes Pauluswort umkreist: »Euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott« (Kol. 3,3). Wenn wir dieses Wort von unserer alttestamentlichen Geschichte her ausle­gen, so heißt das: Dieses unser Leben, das Gott so positiv ansieht, daß er es für seine ewigen Zwecke gebrauchen kann, das in seinen Augen etwas so Reelles ist, daß es sich sogar als Pfei­ler im Tempel Gottes verwenden läßt — das ist uns verborgen. Aber es ist da, weil Chri­stus da ist. Ist nicht unser christliches Lamento über die Nichtigkeit unseres Lebens oft ein sehr unchristliches Gerede? Sollte uns nicht vielmehr ein Hochgefühl erfüllen, daß er unser Leben brauchen will — vielleicht sogar zu seiner großen Ernte; so, wie auch die Ruth gleich hat mithelfen dürfen bei der Ernte, die gerade in Israel im Gange war. Amen.

Predigt am 27. Januar 1952 im Universitätsgottesdienst in Heidelberg

Quelle: Gerhard von Rad, Predigten, hg. v. Ursula von Rad, München: Chr. Kaiser, 2. A., 1978, 45-51.

Hier der Text als pdf.

Gerhard von Rad – Predigt über 1. Mose 32,22-31 (Jakobs Kampf am Jabbok)

12. September 2016
Walter Habdank - Jakobs Kampf am Jabbok

Walter Habdank – Jakobs Kampf am Jabbok

Eine meisterliche Predigt von Gerhard von Rad zu Jakobs Kampf am Jabbok, bei der er die Theologie in das Morgenlicht hineinnimmt: „Mitten in der entsetzlichen Anfechtung kann man nicht Theologie treiben, da kann man nur gerettet werden oder verloren gehen, aber danach muß man Theologie treiben, und wehe, wenn man es anders tut als in der unmittelbaren Nähe, sozusagen noch im Bannkreis der schwindenden Schatten solcher Nächte und ihrer Schrecken. Ja, ihr Freunde von der theo­logischen Fakultät, was ist das für eine überhangende Wand, was sind das für Abgründe, an denen wir uns mit unserem bißchen Theologie angesiedelt haben! Aber wenn es schon unsere Aufgabe ist, den Ort zu erkennen, an dem der Mensch Gott begegnet ist, und das Gedächtnis dieser Begegnung zu klären und zu erhalten, wo und wann kann denn das anders geschehen als in diesem ersten morgendlichen Zwielicht?“

Predigt über 1. Mose 32,22-31 (Jakobs Kampf am Jabbok)

Von Gerhard von Rad

Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, nahm sie und führte sie über das Wasser, so daß hinüberkam, was er hatte, und blieb allein.

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, daß er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwor­tete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißest du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst.

Und Jakob nannte die Stätte Pniel; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. Und als er an Pniel vorüberkam, ging ihm die Sonne auf.

Liebe Gemeinde! Diese Geschichte ist ein Prüfstein dafür, ob wir im Alten Testament noch lesen können. Ja, ich meine wirklich nur lesen können, verstehen, was dasteht. Dann käme nämlich ganz von selber die Lust, das auch einmal weiterzuerzählen, davon zu sprechen. Und durch dieses beides: Lesen können und erzählen wollen — wie schnell bekäme dadurch unser Christenstand ein Gesicht! Das böse Wort von den alttestamentlichen Viehhändler- und Zu­hältergeschichten, auf das die N. S.-Schulung eingestimmt war, hört man heute nicht mehr. Aber was ist damit gewonnen? Haben es die Christen in der Vollmacht des Geistes abge­wehrt? Es ist heute politisch nicht opportun, das ist alles. An der Hilflosigkeit, die Bibel zu lesen und zu erzählen, hat sich nichts geändert. Und wenn das auch von unseren Dienern am Wort (wie man so schön sagt) gilt, dann ist etwas todkrank bei uns. Jesaja sagt einmal, Gott werde noch einmal einen Geist des Tiefschlafs ausgießen; dann werde es mit den Gotteswor­ten gehen, wie wenn man einem, der nicht lesen kann, ein Buch in die Hand gibt und ihn zum Lesen auffordert. Aber der wird es zurückgeben und sagen: »Ich verstehe mich nicht auf Geschriebenes.« Das ist eine unheimliche Weissagung.

Ja freilich, solche Geschichten sind nicht wie Fabeln von Gellert, bei denen man schnell mit allem klar kommt; so klar, daß man am Schluß das Verstandene gleichsam mit einer Steck­nadel aufspießen kann. Das hier ist eine Geschichte, in der eine Menge geschieht, aber ist eigentlich nicht sehr erbötig, uns zu sagen, was das alles bedeu­tet. Aber ist das nicht merk­würdig, daß sie uns trotz dieser Dunkel-[92]heit, ja Rätselhaftigkeit fesselt? Der Grund ist völlig klar: Wir wittern, daß sie uns etwas Klärendes über uns, über das Leben, über die Welt und vielleicht sogar über Gott sagen könnte. So sind wir doch alle: wie ein hungriges Tier haben wir immerhin noch einen sehr feinen Sinn, ein ziemlich sicheres Unterscheidungsver­mögen für das, was uns — innerlich hungrig und unausgefüllt, wie wir sind — nähren könnte. Ach, liebe Gemeinde: Lesen können, erzählen kön­nen, das bedeutet noch nicht, alles verstan­den zu haben. Wahr­scheinlich ist das Gegenteil richtig: Das richtige Lesen, das köstliche Lesen weiß sich immer ganz am Anfang des Verstehens, auf der Schwelle einer Tür. Nur eines muß dabei sein, daß ich weiß: in irgendeiner Weise geht mich das an. Ich werde mir beim Lesen selber deutlicher. Als vor einigen Jahren hier ein Film gedreht wurde, bei dem man viele Statisten aus der Bevölkerung einbezog, da sind dann später die Heidelberger in Scharen ins Kino gelaufen, weil sie selber im Film vorkamen!

Liebe Freunde, seid versichert, wir kommen auch in dieser Geschichte vor. Aber nicht als Komparsen, sondern wir sind die Hauptpersonen selber! Dem Mann jedenfalls, der da in der Nacht für seine Familie sorgt, könnten wir uns schon verwandt fühlen. Er ist ein ruheloser Mann. Diese Situation an der Furt ist fast symbo­lisch für sein Leben. Er ist mit seinem Bruder zerfallen, aber noch wichtiger, sein Verhältnis zu Gott ist ungeklärt. Er hat mit Heiligem Spott getrieben, und nun hat er Angst; freilich viel mehr Angst vor dem Bruder als vor Gott. So könnte man noch fortfahren, aber wir wollen uns jetzt zweierlei an dieser Geschichte beson­ders besehen: diese Nacht und diesen Morgen.

Es gibt so etwas wie einen seichten Tagverstand, der redet uns ein, daß die Dinge der Nacht nur sehr mit Vorbehalt ihre eigene, ihre nächtliche Wirklichkeit haben. Der hat etwas unaus­stehlich Recht­haberisches, alles will er sich auf seine platt-verständige Weise zurechtlegen. Wir begegnen diesem Tagverstand in vielen Gestalten, am widerlichsten wohl in der nichtssa­genden, ewig lächelnden Fas­sade unseres öffentlichen Wohllebens, ja auch in den Physiogno­mien unserer politischen Manager. Alles Dunkle wird weggelogen (und keine Lüge ist hierfür zu dumm). Unsere Staatsmänner haben — wenn man den Reportern glauben wollte — viel zu lachen und sich die Hände zu schütteln. Dieser Tagverstand hat etwas kollektiv Anonymes, und auch wir zollen ihm unseren Tribut, denn auch wir halten uns, solange es irgend geht, eine heitere Maske vors Gesicht. [93]

In der Nacht aber wird’s persönlich, und überall, wo es ganz unaus­weichlich persönlich wird, da sind wir auch allein. So liegt der Satz »und blieb allein« wie ein steinerner Block am An­fang unserer Geschichte, an dem man nicht vorbeikommt. Ist es nicht so: Immer, wo es in unserem Leben ums Ganze, ums Letzte geht, da sind wir allein, und da gilt auch keine Maske mehr. Erst in solchen Nächten wird die wahre Wirklichkeit unseres Lebens offenbar, die der konventionierte Tagverstand sich abblendet. Hier erst sind wir echt. So war es auch bei Jakob: Das Entsetzliche kam über ihn, als er allein war, als ihm alle die Suggestionen der Konven­tion, der heite­ren, harmlosen Tagwelt abhanden gekommen waren und er endlich zu dem geworden war, was er freilich auch unter der Maske seines Wohlstandes immer schon war: ein Mensch, ein von allen Seiten verwundbarer, angefochtener Mensch.

Was ist über ihn gekommen? Die Erzählung stellt es so dar, daß man sofort merkt, auch Jakob wußte es nicht. Sie sagt: »Da rang ein Mann mit ihm.« Ja, oft ist es ein Mann, der Mensch, der über den Menschen kommt und der imstande ist, ihn an den Bereich dieses äußersten Entset­zens heranzuführen. Der Mensch als Feind ist furchtbar. Aber es steht ja nicht da, daß das ein Mann von Fleisch und Blut war, der Jakob in dieser Nacht angefallen hat. Wir sagten ja: Er weiß es nicht, was es war. Es war etwas, das in der rationalen Tagdimension und in ihrer ver­ständlich gewordenen Erscheinungs­welt schlechterdings nicht unterzubringen war. Aber das wird nicht nur gelegentlich und nur an den Rändern unseres Lebensraumes sichtbar; das steht mitten in unserem Leben. Nein, es steht nicht ruhig da, sondern es springt uns an; es »ringt« mit uns. Nietzsche sagt: »Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen und gequält.« Ja, in der modernen Dichtung und Malerei stoßen wir auf und ab auf Bekenntnisse des Entsetzens vor diesem Fremden, das in der Welt, die der Mensch als seine eigenste be­trachtet, umgeht. Wer darauf achtet, der sieht auch da, daß man dieses Entsetzliche nicht eigentlich benennen kann. Es ist mehr als das Grausame, als Krankheiten, als bleierne Uner­heblichkeit, auch mehr als Krieg; es ist etwas noch Ungeheuerlicheres. So hat es auch Jakob erfahren; denn »der Mann« gehört nicht der sichtbaren Erschei­nungswelt zu; er ist etwas von draußen Gekommenes, und das macht den Menschen erstarren. An diese Zone des ewigen Eises jenseits der vom Menschen kultivierten Welt führen auch manche Chorgesänge der griechischen Tragödie heran, und in aller Verworrenheit und [94] Formlosigkeit spricht sich etwas von dem Erschrecken über dieses Fremde auch beim modernen Menschen aus.

Aber, dies alles ist nur Vorbereitung, Exposition. Jetzt erst kommt die Sache: es wird gehan­delt und geredet. Darin ist Jakob ganz Mensch; er schlägt zurück. Wie groß auch seine Angst ist, er sucht sich zu behaupten, er schlägt auch auf das Metaphysische mit Fäusten los. Aber nun achtet darauf: die rohe Gewalt des Abweh­rens ist nur das eine. Es wird ja auch gespro­chen und gefragt, und damit kommt in Jakob etwas ganz anderes zum Zug als die einfache Angst: Er muß wissen, was das ist. Hier, erst in dieser geistigen Auseinandersetzung brechen die eigentlichen Rätsel dieser Geschichte voll auf. (Bis hierher war sie ja noch ganz verständ­lich.) Denn das ist doch der Gipfel der Rätsel, daß Jakob dieses Entsetz­liche anspricht und fragt und bittet, daß er es für ansprechbar hält. Ja, das ist das größte Geheimnis der Geschich­te, daß er durch dieses Entsetzliche hindurch, als sei es nur ein dünnes, schwarzes Tuch, Gott selbst anspricht, daß er den, der schon Miene macht, sich von ihm zu lösen, festhält und sagt — vielleicht vor sich selber erschreckend: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.« Wie ist das zu erklären? Gewiß nicht so, daß wir sagen: Dieser Jakob war eben im Grunde seines Wesens doch ein frommer Mensch. Frömmigkeit ist Reichtum. Diese Bitte aber ist doch eher ein Zeugnis letzter mensch­licher Armut. Vielleicht sah er an der leise heraufziehenden Mor­gen­röte, daß die Anfechtung ein Ende haben werde; vielleicht hat ihn die leise Geste des Nachlassens bei seinem Gegenüber ermutigt. Was wird er an ihm wahrgenommen haben? Vielleicht nur etwas, das nicht ganz furchtbar ist, sozusagen nur eine ganz kleine weiche Stel­le. Der muß wohl arm und leer sein, der sich an eine solche winzige Spur von Trost anklam­mert, daß er sich in einem solchen Augenblick sagt: Jetzt ist der Augenblick gekom­men, Gott meine ganze Armut und Leere hinzuhalten. Irgendwie muß er doch gewußt oder geahnt haben, daß ihm Gott gerade jetzt ganz nahe ist. Aber fragen wir lieber nicht zu viel danach, was da an Wissen oder Nicht­wissen, an Ahnen, Glauben oder Verzweiflung in Jakob vorge­gangen sein mag. Wir könnten dabei ja auch auf die Entdeckung stoßen, daß dieses so fromm klingende Wort ein ziemlich unverschämtes war. Was verschlägt das? Unser Herr hat doch einmal gesagt, daß Gott sich auch unser unverschämtes Geilen recht sein läßt, ja, daß es ihm sogar wohlgefällig ist.

Ach, liebe Freunde, wie viele unter uns möchten dies Wort »ich lasse [95] dich nicht, du segnest mich denn« auch aussprechen und warten darauf, ob vielleicht wir ihnen die Zunge dafür lösen können. Denn dieses Fremde und Entsetzliche sitzt in jedem Menschenleben, und wir müssen es, wenn wir nicht einfach zugrunde gehen wollen, wie Jakob machen, es anneh­men. Ja, wenn es so stünde: Hier um uns herum ist der freundlich helle Lebensbereich, und draußen herum, erst im weiten Umkreis lagert das dunkle Unerforschte, dann wollten wir uns schon bereitfinden, es mit Goethe ruhig zu verehren. Aber diese Gebietsbereinigung gibt es nicht. Das Unbegreifliche, das sich unversehens zum Entsetzlichen wandeln kann, ist mitten in unser aller Leben. Es sitzt mit uns zu Tisch und steht vor dem Bett, in dem wir schlafen, und wir müssen ihm standhalten und in seiner Nähe glauben können. Daß uns das doch gelin­gen möge, wie Jakob dieses auf uns zukommende Dunkle anzunehmen, durch es hindurch wie durch eine ganz dünne Hülle den himmlischen Vater anzureden, ihn festzuhalten und seinem nächtlichen Segnen stillzuhalten! Auch wir würden wie Jakob die leise heraufziehende Mor­genröte sehen dürfen. Liebe Gemeinde, glaubt es mir, dieses Wort »ich lasse dich nicht, du segnest mich denn«, ob es nun fromm oder unverschämt gesprochen war, das durch das Ent­setzliche hindurch oder an ihm vorbei, als stünde er dicht dabei, den himmlischen Vater anruft, ist eines der wissendsten Worte, das je über eines Menschen Lippen gegangen ist. Einer der lichtesten Momente! Und daraufhin hat ihm Gott einen anderen Namen gegeben, dh. als den, wie er sich da gezeigt hat, will ihn Gott kennen und annehmen. So gerade soll er Gott wohlgefallen, als der, der Gott seine ganze Armut hingehalten hat, ja, der so arm war, daß ihm nur noch das eine blieb, durch das entsetzliche Dunkel hindurch sich an Gottes Herz zu werfen. Dieser neue Name sagt: »Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.«

Dreimal geht es in dieser Geschichte um ein Benennen, um den Namen. Gott fragt den Jakob nach seinem Namen und gibt ihm einen neuen Namen. Dann stellt Jakob die Gegenfrage und fragt den Unheimlichen nach seinem Namen, und am Schluß gibt Jakob dem Ort einen Namen. Vielleicht klingt das uns fürs erste ein wenig fremd; es geht aber um etwas ganz Einfaches: Es gibt für den Menschen kein Erkennen ohne ein Benennen. Ein von einem Astro­nomen entdeckter Stern ist sozusagen nicht existent, solange er nicht einen Namen hat. Ein neugefundenes Naturgesetz muß formuliert, in Worten formuliert sein, erst dann kann der erkennende Mensch damit arbeiten. Genauso verhält es sich auch mit allen geistigen, ja, [96] mit den metaphysischen Realitäten. Hat Gott den Jakob benannt, so heißt das in der Sprache der Bibel, er hat ihn erkannt und in seine Welt eingeordnet. Er hat ihm in seinen Heilsgedan­ken einen Platz gegeben, und das heißt: nun verliert er ihn nicht aus den Augen, nun hält er ihn fest in seinen Gedanken, in seinen Händen und in seinem Herzen. Das alles nennt die Bibel Gottes Erkennen. So sagt Paulus, er sei von Gott erkannt. »Wenn jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.«

Zurück zu unserer Geschichte. Jetzt ist Jakob am Zug, und jetzt kommt die Stelle, in der wir drin vorkommen, wir von der Universitätsgemeinde, wir akademischen Christen oder, etwas bescheidener wir, die wir der urtümlichen Funktion alles Menschseins dienen, dem Erkennen. Darin ist Jakob ganz und echt Mensch, daß er erkennen und benennen will. Kaum fühlt er sich aufs Notdürftigste wieder auf seinen Beinen stehend, da heißt es:

Und Jakob fragte und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du mich, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst.

Liebe Gemeinde, es ist nicht auszusagen, was sich in diesen paar Worten alles zusammen­drängt. »Sage doch, wie heißt du.« Der ganze herrliche Ansturm des menschlichen Erkennt­niswillens auf das Letzte, auf das Fundament und die Quelle alles unseres Lebens, auf Gott selbst —, und sein immer neues Scheitern. Wir sehen es: Der geheimnisvolle Partner gibt auf diese Frage keine Antwort, er weicht ihr aus, und es ist, als ob er sein Visier wieder herunter­gelassen habe. Jakob sieht auf einmal nichts als das eiserne, starre Gesicht. Ja, davon wäre viel zu sagen, das kennen wir bei all unserem akademischen Forschen und Erkennen, dieses starre, eiserne Gesicht Gottes, wie er sich Schritt um Schritt von einer Geheimniszone in die nächste vor unserem Fragen zurückzieht. Aber all unser menschliches Erkenntnisstreben ist ja nie rein theoretisch kontemplativer Natur. So rein doch nicht. In all unserem Wissenwollen liegt der Wille, der Sache mächtig zu werden. Darin gerade sind wir Jakob, dem es nichts ausmachte, auch nach dem Letzten seine begehrliche Hand auszustrecken. In diesem »Sage doch, wie heißt du?« erkennen wir uns mit all unserem unbändigen Erkenntnis- und Macht­willen wie- der, der Gott nutzen und vor seinen Wagen spannen will. Aber so, wie man eine Naturkraft oder eine wissenschaftliche Gesetzmäßigkeit nutzt, so läßt Gott eben nicht mit sich handeln. Da schließt sich sein Visier, und er weist die Frage ab. »Warum fragst du, wie ich [97] heiße? Und er segnete ihn daselbst.« Wie merkwürdig ist das alles, dieses Sichverwei­gern Gottes und zugleich dieses: »und er segnete ihn daselbst«. Aber so ist es doch allent­halben! Der Gott, den wir in unserem Lebensraum so dringend in den Griff zu bekommen und eindeutig erkennen zu können begehren, verweist die Fragen; aber segnet er uns nicht auf Schritt und Tritt, schenkt uns Freuden von Mal zu Mal, Erfüllungen und auch Erkenntnisse! Ja, Erkenntnisse. Im Schatten seines großen Geheimnisses will er uns auch unsere akademi­sche Arbeit tun lassen, und, liebe Freunde, glaubt es, es tut dieser Arbeit gut, wenn sie um dieses Gegenüber weiß, wenn sie sich für Gott offenhält und seine Gegenwart aushält. Glaubt es, dieses Wissen käme auch unserer Wissenschaft zugut; es würde sie nämlich davor bewah­ren, sich selbst absolut zu setzen. Wie ist sie doch immer in Gefahr, sich in ihrer eigenen Gott­ähnlichkeit zu versteifen und steril zu werden!

Und dann ist es langsam Morgen geworden. Die entsetzliche Anfechtung ist von Jakob gewichen. Sehen wir ihn uns nur einmal an: Es ist ein merkwürdiger Mann, der da im ersten Licht des Morgens steht, der nicht so sehr sieghaft um sich blickt, sichtlich etwas angeschla­gen und vielleicht noch etwas verwirrt. Aber er weiß immerhin, was jetzt zu tun ist. Noch einmal geht es um ein Benennen und Erkennen:

Und er nannte die Stätte Pniel, denn ich habe Gott von Angesicht gesehen und meine Seele ist genesen.

Das ist jetzt Theologie. Hier, genau in diesem morgendlichen Zwielicht hat die Theologie ihren Platz. Mitten in der entsetzlichen Anfechtung kann man nicht Theologie treiben, da kann man nur gerettet werden oder verloren gehen, aber danach muß man Theologie treiben, und wehe, wenn man es anders tut als in der unmittelbaren Nähe, sozusagen noch im Bannkreis der schwindenden Schatten solcher Nächte und ihrer Schrecken. Ja, ihr Freunde von der theo­logischen Fakultät, was ist das für eine überhangende Wand, was sind das für Abgründe, an denen wir uns mit unserem bißchen Theologie angesiedelt haben! Aber wenn es schon unsere Aufgabe ist, den Ort zu erkennen, an dem der Mensch Gott begegnet ist, und das Gedächtnis dieser Begegnung zu klären und zu erhalten, wo und wann kann denn das anders geschehen als in diesem ersten morgendlichen Zwielicht?

Dieser Morgen hat etwas unendlich Tröstliches. »Als Jakob an Pniel vorüberging, ging ihm die Sonne auf.« Das ist alles, was der Erzähler [98] sagt. Nicht, daß Jakob die Sicherheit hätte, von solchen Nächten null endgültig verschont zu sein. Die hat er nicht. Aber was kann ihm noch passieren! Er sagt: »Ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen.« In diesem Wort kommt noch einmal das schreiende Rätsel zum Vorschein. Stimmt das denn, was er da sagt? Er hat gekämpft, zugeschlagen, geschnauft, gestöhnt, er hat versucht zu erken­nen. Hat er Gott von Angesicht gesehen? Oh, er hat recht: Das alles war Gott, ganz direkt und ganz persönlich. Ja, er hat recht: so nah bei Gott, so dicht an Gottes Herzen wie in dieser Nacht war er noch nie. Und darum hat der Morgen, in den der seltsame Mann hineinhinkt, schon einen österlichen Schein. Amen.

Predigt am 31. Januar 1960 im Universitätsgottesdienst in Heidelberg

Quelle: Gerhard von Rad, Predigten, hg. v. Ursula von Rad, München: Chr. Kaiser, 2. A., 1978, 91-98.

Hier der Text als pdf.

 

„Erwählt durch Gott“ – zweite Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wortschatz unseres Glaubens“

11. September 2016
Abraham als der Empfangende (Wiener Genesis, 6. Jh.)

Abraham als der Empfangende (Wiener Genesis, 6. Jh.)

Die Lesungen zur Predigt sind 5Mose 7,6-11 bzw. Lukas 3,7-14.

In der biblischen Urgeschichte wird erzählt, wie uns Menschen die göttliche Schöpfung abhandengekommen ist. Am sechsten Tag der Schöpfung – nachdem die Landtiere und der Mensch geschaffen worden sind – heißt es abschließend: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1Mose 1,31) Das Gottesurteil über seine Schöpfung gilt, aber die Menschen, Mann und Frau, Adam und Eva wollen selbst beurteilen, was gut und böse ist, essen vom Baum der Erkenntnis und verlieren damit vor Gott ihre Unschuld. Und wir als deren Nachfahren folgen ihnen immer noch. Wir meinen ja selbst zu wissen, was für uns gut ist. Jeder soll so leben, wie er es für sich selbst richtig findet. Da leben wir nicht länger im Garten Eden bzw. im Paradies, und doch scheint die Frucht vom Baum der Erkenntnis immer noch unseren Geschmack zu treffen. Das Gute selbst in die Hand nehmen und für sich behalten – so entfremden sich Geschöpfe von ihrem Schöpfer und gehen eigene Weg.

Was uns gemeinsam an göttlicher Güte zugesprochen ist, können wir miteinander teilen. Aber wo Menschen das Gute für sich selbst bestimmen und behalten wollen, suchen sie sich voneinander zu unterscheiden. Wessen Güte sich dem eigenen Urteil verdankt, kann nicht länger freigiebig geteilt werden. So fehlt es an Verbindendem und Gemeinsamen, wenn Menschen mit ihren eigenen Gütern für sich leben wollen. Ruinös ragt der Turm von Babel in den Himmel, aber seine Bauleute sind über den ganzen Erdboden verstreut. Jeder lebt für sich, als Volk, als Familie oder als Individuum. Mit den Urteilen über die anderen grenzt man sich ab, hält den Fremdgeschiedenen auf Distanz. Jede Begegnung, jede zwischenmenschliche Beziehung steht fortan unter einer Vertrauensfrage: „Kann ich dir wirklich vertrauen bei dem, was mich selbst angeht?“ „Lässt Du mich mit meinen Gütern leben?“ Wo zwischenmenschliches Vertrauen verlorengegangen ist, müssen wir alles Gute für uns selbst behalten wollen. Man wird sich selbst zum Nächsten und hält sich am eigenen Grund und Boden und an Abgrenzungen fest. So denken und handeln wir in je eigenen Lebensräumen und können darin keinen Bezug zum Schöpfer finden. Am Ende steht eine gottlose Welt fest. Es scheint, dass auch Gott seine Schöpfung verloren hat.

Nach der Urgeschichte wird nun in 1Mose 12 ein Neuanfang der Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt. Sie beginnt mit einer göttlichen Berufung. Unter all den Völkern auf der Erde ergeht der Ruf an einen Menschen, „Abraham“ sein Name, auf Deutsch „Vater der Völker“. Dieser Abraham lebt in Haran am Nordrand der fruchtbaren mesopotamischen Ebene in der heutigen Türkei nahe an der Grenze zu Syrien. Er scheint ein wohlhabender Viehzüchter mit großen Herden zu sein. Da trifft ihn ein göttlicher Aufruf mitten in seinem eigenen Lebensraum:

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“ (1Mose 12,1-2)

Warum Gott ausgerechnet Abraham – damals noch „Abram“ gerufen – erwählte, wissen wir nicht. Aber was diese Erwählung für das Leben Abrahams bedeutete, wird in den folgenden Kapiteln erzählt. Ohne Widerspruch und ohne Rückfrage bricht Abraham mit seiner Frau und dem Neffen Lot auf. Eine unstete Wanderschaft beginnt. Vor ihm ein unbekanntes Land Kanaan und ein göttliches Versprechen: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose 12,3) Zurück bleiben alle Sicherheiten und Gewohnheiten. Er vertraut dem ihm unbekannten Gott, lässt sich auf dessen Zusage ein und wird darin zum Hoffenden. Im Brief an die Hebräer wird sein Glaube herausgestellt:

Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ (Hebräer 11,8-10)

In Kanaan leben Abraham und seine Nachkommen als Viehnomaden in Zelten. Und als in der dritten Generation eine Hungersnot ausbricht, werden sie nach Ägypten und dessen Kornkammern getrieben. Pharao mit seiner Militärmacht versklavt die Flüchtlinge, zwingt sie zum Frondienst für den Städtebau von Pitom und Ramses. Zum Schluss vergreifen sich die Ägypter an den männlichen Neugeborenen und töten sie. Doch einer der Neugeborenen mit dem Namen Mose entkommt in einem Papyruskorb im Schilf versteckt dem Todesschicksal und wird von der Tochter des Pharao aufgezogen. Er ist von Gott ausersehen, die Israeliten aus der Sklaverei herauszuführen.

Mose vor dem brennenden Dornbusch (Mosaik in San Vitale in Ravenna; 6. Jh.)

Mose vor dem brennenden Dornbusch (Mosaik in San Vitale in Ravenna; 6. Jh.)

Doch der Lebensweg Moses scheint in ganze andere Richtungen zu führen, zunächst in den Palast den Pharaos und damit in die Kultur Ägyptens. Dort, wo er sich zu seinem Volk halten will und einen prügelnden Sklavenaufseher totschlägt, kann er seinem Volk keinen Dienst tun, muss nach Midian fliehen und heiratet in die Sippe des Priesters Jitro ein. Aber der Gott vergisst nicht sein Versprechen, das er dem Stammvater Abraham gegeben hatte. Als Mose eines Tages Jitros Schafe am Berg Horeb auf dem Sinai weidet, kommt es zur lebensentscheidenden Begegnung. Aus dem brennenden Dornbusch trifft ihn die göttliche Stimme:

Mose, Moses, […] ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. […] Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter […]. Ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“ (2Mose 3,4.6-8.10)

Ungläubig wendet Mose ein: „Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?“ (2Mose 3,13) Woher soll ein Niemand nur die Autorität hernehmen, um ein ganzes Volk in die Freiheit zu führen?

Da sagt sich Gott mit seinem eigenen Namen Mose zu: „Ich werde sein, der ich sein werde. […] So sollst du zu den Israeliten sagen: HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.“ (2Mose 3,13-15)

Der Name dieses Gottes – für uns unaussprechliche vier Buchstaben, das sogenannte Tetragramm JHWH – ist Machtname, dessen sich kein Mensch für eigene Zwecke bemächtigen kann. Die Macht dieses Namens zeigt sich in zehn gottgewirkten Plagen, die den mächtigen Pharao schließlich in die Knie zwingen. Nach der Tötung des eigenen Erstgeborenen muss Pharao das Volk Israel unter Moses Führung ziehen lassen. Durch das Schilfmeer hindurch führt der Auszug aus Ägypten in den Sinai. Wo es in der Steinwüste an Lebensmitteln und Wasser fehlt, murrt das Volk und droht Mose den Rückzug nach Ägypten an. Besser als Sklaven leben als in der Wüste zu sterben heißt es. Aber der Gott lässt sein Volk nicht zugrunde gehen, versorgt es mit Wachteln und Manna von Himmel und lässt den Stab des Mose Felsquellen aufschlagen. Schließlich gelangen die Israeliten zum Gottesberg, dem Sinai, wo sie ihrem Befreier, dem Gott mit dem unaussprechlichen Namen JHWH, begegnen:

Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ (2Mose 19-4-6)

Israel ist kein vogelfreies Flüchtlingsheer, das sich einen neuen Lebensraum suchen muss, sondern Gottes auserwähltes Volk. Der Gott will es am Berg Sinai in einen persönlichen Bund hineinnehmen. Dazu verkündet er Israel die zehn Gebote und stellt sich selbst als erstes vor:

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“ (2Mose 20,2-6)

Gott gibt Mose am Gottesberg die Zehn Gebote (Mosaik in der Kirche des Katharinenklosters auf dem Sinai; 6. Jh.).

Gott gibt Mose am Gottesberg die Zehn Gebote (Mosaik in der Kirche des Katharinenklosters auf dem Sinai; 6. Jh.)

Israel ist Gottes besonderes Volk, das er in einen innigen Bund hineingenommen hat. Zehn Gebote gelten diesem Volk, wollen es in dem Bund mit dem lebendigen Gott halten. In der alleinigen Anbetung Gottes, im Loben, im Danken, selbst in der Klage, und im mitmenschlichen Verhalten, im Tun und im Lassen, zeigt es sich, ob Israel seinem Gott die Treue hält. Mit gutem Grund zitiert Jesus selbst als höchstes Gebot:

»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5Mose 6,4-5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ (Markus 12,29-31)

Wer Gottes Weisungen gehorcht, lebt vor Gott auf Rufweite und findet seinen Segen. So lädt Psalm 1 ein:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen /
noch tritt auf den Weg der Sünder
noch sitzt, wo die Spötter sitzen,
sondern hat Lust am Gesetz des HERRN
und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, /
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.

(Psalm 1,1-3)

Wer hingegen selbst entscheiden will, was für ihn gut ist, muss für sich selbst leben und sterben. Das Gottesvolk Israel lebt nicht aus eigener Entscheidung, weiß sich nicht selbst von anderen Völkern zu unterscheiden. Was zählt ist, dass der Gott es ausgesondert und von all den anderen Völkern unterschieden hat – als sein Eigentum, als „Königreich von Priestern“ und als „Licht der Völker“ (Jesaja 49,6). Schließlich steht ja schon Abrahams Erwählung unter der göttlichen Zusage: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose 12,3) Was der Gott zu unserem Heil vorsieht, dürfen wir im Gottesbund mit Israel erkennen.

Gerhard von Rad – Über Exegese und Predigt (und wider „ausgeleiertes christliches Gerede“)

8. September 2016
Grabstein Von Rad in Handschuhsheim

Grabstein Von Rad in Handschuhsheim

Da wäre man selbst gerne dabei gewesen bei von Rads exegetisch-homiletischer Übung für Theologiestudierenden, die dieser gemeinsam mit Günther Bornkamm und Hans von Campenhausen im Wintersemester 1965/66 in Heidelberg veranstaltet hatte. Wider religionistische Ideologieextrakte dient nach von Rad die Exegese dazu, dass Predigten den jeweiligen Text selbst neu zur Ansprache bringen:

Über Exegese und Predigt

Von Gerhard von Rad

Wir haben diese Übung angezeigt, weil wir genau wie Sie um die Schwierigkeiten und Fragen wissen, die heute zwischen den beiden Größen Exegese und Predigt liegen, und auch darum, daß da etwas wie eine Lücke in unserem Vorlesungsangebot besteht. Ob diese Schwierigkei­ten so neuartig sind, wie heute manche meinen, oder ob sie nicht jede Zeit auf ihre Weise zu bestehen hatte, soll hier undiskutiert bleiben. Genug, die Fragen sind da, und wir wollen uns ihnen stellen.

Zwei Sätze stehen für uns fest, darin sind wir drei Ver­anstalter dieser Übung uns einig:

  1. Die Texte der Bibel müssen gepredigt werden — unter allen Umständen und um jeden Preis. Die Menschen, für die wir jeweils verantwortlich sind, brauchen sie dringend zum Leben (und zum Sterben).
  2. Die Texte der Bibel können gepredigt werden. Hier ist Kampfgelände, und vieles muß geklärt werden. Aber hätten wir nicht diese feste Überzeugung, dann wäre diese Übung sinnlos, und wir hätten sie nicht angezeigt.

Darin sind wir drei uns also einig. Alles weitere ist offen. Nun möchte ich Sie freilich warnen: Erwarten Sie sich hier keine Schaukämpfe! Sie müssen mitarbeiten — das ist die conditio sine qua non. Schützenhilfe wird dem, der sich exponiert, dann gern gewährt. Aber es geht nicht, daß Sie sich nur be­rieseln lassen. Das heißt konkret: Sie müssen sich vorbereiten, mit einer formulierten Meinung in die Übung kommen und Stellung nehmen.

Das Geschäft, das wir hier treiben, ist also das der Aus­legung. Beides ist Auslegung: die wissenschaftliche Exegese und die Predigt. Auslegung ist immer Aneignung eines uns über­lieferten geistigen Inhalts. Ohne irgendeine Form von innerer Aneignung ist überhaupt kein Verstehen möglich. Es [8] wäre Illusion zu meinen, wir könnten mit den überlieferten gei­stigen Inhalten umgehen wie ein Gießer mit langen Löffeln —und sie uns so vom Leib halten. Ohne daß sich das Auszulegende uns zuwendet, uns existentiell trifft, ist auch kein Verstehen möglich. Deshalb besteht auch kein grundsätzlicher Unterschied zwischen Exegese und Pre­digt. Auch Predigt ist Auslegung, nur in anderer Sprachform, in anderer Konfrontie­rung. Trotzdem trennen wir die beiden Arbeitsgänge. Darum auch jetzt zuerst ein Wort zur Exegese, dann zur Predigt.

Wenn nun also von der Exegese die Rede sein soll, so muß man wohl heute hier ganz allge­mein mit einem blinden Fleck rechnen, mit einem manchmal kompletten Unvermögen, ja einem Nichtverstehen schon allein der Aufgabe, um die es geht, und dessen, was hier zu aktivieren wäre. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn wir uns miteinander eine halbe Stunde in der Ausstellung „Ars Sacra“ über mittelalterliche Buchkultur umsehen könnten. Der Ein­druck, der sich einem da aufdrängt, ist ja der: Wie kann man ein Buch ehren, feiern, wie unsäglich sich mühen im Abschreiben, im Ausschmücken der Initialen, in Illustrationen, welche Mühsal der Hingabe, der Unterwerfung — ach, einfach: wie wird hier das Buch empfangen und bejaht! Und in der unglaublichen handwerklichen Präzision welche Leben­digkeit, ja Erregung! Ohne Frage steht bei jedem Umgang mit dem Buch etwas Handwerk­liches im Vordergrund, das sauber oder unsauber getan werden kann. Bei dem „Handwerk“ der Auslegung geht es z. B. um Kenntnis und Beherrschung einer fremden Sprache, der geschichtlichen Umwelt, um Konzentration auf die Sache, um den Respekt vor dem Wort und dem Text, aus dem dann ein Unterscheidungsvermögen erwächst zwischen dieser und jener Redeform. Nehmen wir an, es handle sich um eine Geschichte: es gibt ja so viele Möglich­keiten, Gewesenes zu beschwören! Die Sage tut es ganz anders als etwa der deuteronomi­stische Geschichtsschreiber. Und wenn erst Propheten mit Geschichte umgehen, Geschichte prophetisch aufreißen, da vergeht dem auf exakte Historie pochenden Posi­tivisten Hören und Sehen.

Weite Teile der Bibel sind in einer gehobenen Kunstsprache geschrieben. Was bedeutet das? Nichts, wenn wir Poesie für einen rhetorischen Zierrat halten. Viel, wenn wir bedenken, [9] daß die poetische Rede eine ganz spezifische Form ist, Wirklich­keit zu erkennen und auszu­sagen, nur ihr vorbehalten, nicht auswechselbar. Wenn ein geographischer Name auftaucht, darf er nicht Schall bleiben. Manchmal eröffnen sich von da über­raschende Perspektiven.

Glauben Sie, man sieht es einem Text nicht so schnell an, worauf er hinaus will, am wenig­sten den bekannten oder solchen, die scheinbar in einem uns vertrauten religiösen Jar­gon einhergehen. Der größte Feind jeder ordentlichen Aus­legung ist die unkritische Paraphrase, die einfach mit ein wenig anderen Worten den Text wiederholt. Die kritische Paraphrase freilich ist die Krone jeder Auslegung. Weiter kann man nicht kommen, als in wenigen sau­beren Sätzen das verstandene Sinngebäude auszusagen. Das ist das paradoxe Geheimnis alles ordentlichen Auslegens: Je mehr wir uns zunächst im Hintergrund halten, je mehr wir dem Text handwerklich sauber näherzukommen suchen, je weniger wir ihm mit unseren Fragen ins Wort fallen, um so direkter wird er uns ansprechen. Was ist herrlicher, als wenn so ein Text zu reden beginnt, oft ganz anderes als Erwartetes. Aber was tut das? Er redet. Ken­nen Sie nicht die Freude an der Exegese? Nein, Sie kennen sie nicht! Wie wäre sonst dieser augen­blickliche run nach zu­sammenfassenden Darstellungen, nach Inhaltsangaben zu ver­stehen! Die ödeste abgezogene Zusammenfassung gilt heute mehr als die Quelle selbst. Da muß einen das Studium doch mißmutig machen. Übrigens noch eines: Wie uninteressant werden, wenn man in dieser Arbeit steht, die Fragen nach den theologischen Richtungen! Dieses Interesse an den theologi­schen Schulen und Richtungen ist ja ohnehin nur etwas für Schwachsinnige!

Lassen Sie mich meine Gedanken noch ein bißchen weiter­spinnen: Auslegen ist also immer ein Übersetzen. jede Über­setzung ist ja schon eine Auslegung. Nicht ein Wort der alten Sprache deckt sich genau mit dem entsprechenden der unsrigen. Sprache und Geist sind eine Einheit. Wir können nicht übersetzen, als ob Jesaja oder Johannes deutsch ge­sprochen hätten. Das wäre gerade keine treue Übersetzung. Es muß also etwas von dem, was eigentlich nur hebräisch oder griechisch gesagt werden konnte, in die Übersetzung herüber-[10]genommen werden. Diese Fremdheit darf nicht verlorengehen in einem glatten, geläufigen Deutsch. Also muß man in einer guten Übersetzung alle erdenklichen Möglichkeiten unserer Sprache akti­vie­ren, um dem Fremden entgegenzukommen. Identität ist nie zu erreichen.

Eine besondere Schwierigkeit ist der rapide Sprachschwund, der sich bei uns ereignet. Viele merken gar nicht mehr, daß sie sich nur noch schmaler, abgegriffener Sprachklischees bedie­nen, mit denen der ungeheuren Breite und dem Nuancenreichtum des biblischen Sprachschat­zes nicht beizukommen ist. Schleier­macher hat einmal das Problem des Übersetzens sehr spitz formuliert: Es gibt zwei Wege, die der Übersetzer einschlagen kann. „Entweder der Überset­zer läßt den Schriftsteller mög­lichst in Ruhe und bewegt den Leser ihm entgegen; oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen.“[1]  Die erste Mög­lich­keit des Übersetzens voll­zieht die wissenschaftliche Exegese, die zweite die Predigt (wenn auch nicht so, daß dabei der Hörer vom Text in Ruhe gelassen würde!).

Damit sind wir also beim zweiten, bei der Predigt. Erlauben Sie eine kleine Abschweifung auf ein außertheologisches Ge­biet. In der deutschen Dichtung hat sich etwa in der Zeit von 1900 bis 1914 etwas höchst Bedeutsames ereignet. Viele Dichter sahen sich immer mehr außer­stande, die von ihnen ins Auge gefaßten Wirklichkeiten mit der hergebrachten Sprache, also der Goethes oder der Romantiker, auszusprechen. Goethe, die Romantiker und die Spätro­man­tiker (bis heute wirksam) hatten eine geistige Welt, ein tragendes Wertgefüge, in das sie ihre Dichtungen hineinstellten wie in einen großen Horizont. Diese herkömmlichen Begriffe, Werturteile, poetischen Formen trugen nicht mehr, und demgegenüber stand eine ganz neue Welterfahrung auf. Das bisher Banale, poetisch Irrelevante, Neutrale entließ ganz Ungeheu­res, Abgründiges. (Ich kann hier nur das Phänomen beschreiben, nicht seine Gründe, die ins Uferlose führen.) Tatsache ist also: Die damalige Dichtung in führenden Vertretern (und auch gerade Dichtung strebt in ihren Aussagen nach Präzision) fühlte sich von den bisherigen [11] Ausdrucksmöglichkeiten im Stich gelassen, sie waren eigen­tümlich leer geworden, schablo­nen­haft, jedenfalls ganz un­geeignet, die Wirklichkeit zu artikulieren, der sich diese Dichter bedrängend genug konfrontiert sahen. Denn was wird aus der Wirklichkeit, die wir in der Sprache nicht mehr artikulieren können! Alle diese Dichter haben das als etwas Entsetzliches erlebt. Hofmannsthal, der das Erlebnis des Sprachzerfalls und des furchtbaren Zweifels an der Welt sehr früh und vielleicht am klarsten ausgesprochen hat (in seinem Chandosbrief), hat diese Krise nicht überwunden. Er hat weitergedichtet, aber eigentliches Neuland selber nicht mehr erreicht. Er spricht von dem „Anstand des Schweigens“, der übrigbleibe. Andere konn­ten sich nur retten, indem sie versuchten, die neu erfah­rene Wirklichkeit auf ganz neue Weise, oft ‚in großen Wag­nissen, in Sprachexperimenten zu apperzipieren.

Dieses ungeheure Phänomen (es ergriff ja auch die Maler und Musiker) geht uns hier nicht unmittelbar an. Der Prediger ist kein Dichter. Die Sache, die er zur Sprache zu bringen hat, ist eine andere. Die Dichter können ihm in seiner Sache nicht helfen. Aber mittelbar geht es uns doch an. Der Pfarrer muß darum wissen. Die Menschen, an die er sich wendet (gerade die jungen), werden mehr und mehr in diese Zweifel an der Welt hineingezogen. Das bedeutet unter anderem: Der Pre­diger muß allen pseudopoetischen Zierrat abbauen. Er setzt sonst seine eigene Sache einem vernichtenden Verdacht aus. Den Boden, den er bei der kleinbürgerlichen Gemeinde viel­leicht noch halten kann, verliert er bei den Intellektuellen und bei den Arbei­tern. Aber nicht nur das: Wir haben ja auf dem Gebiet des christlichen Wortschatzes einen sehr ähnlichen Zer­setzungs- und Entleerungsprozeß unserer traditionellen christ­lichen Spra­che er­fah­ren. Schon Bonhoeffer sagt, wir müßten im Nachsprechen der großen biblischen Dinge wieder ganz von vorne beginnen. Meine Kommilitonen, welch ein Fortschritt wäre es schon, wenn im Umkreis unserer Theologie diese Er­kenntnis Gemeingut würde, daß die Bibel mit ihrer Sprache (ihren Sprachen!) die Aussagemöglichkeit unserer heutigen Sprache weit transzendiert. Heute, mehr als sechzig Jahre nach dem Chandosbrief, die theologische Sturm­glocke zu läuten, wäre lächerlich. Die Aufgabe, der wir gerecht zu werden [12] haben, ist längst erkannt: Wir müssen die Aussage der Bibel in unserer Sprache genauso konkret (so konkret ad hominem) weitergeben, wie sie in der Bibel gemeint war. Das Aus­weichen in unver­bindliche religiöse Allgemeinheiten ist eine der größten Predigtsünden. Auch damit, daß einer, um sich modern zu geben, in einen flotten Jargon überwechselt, ist gar nichts geholfen.

Es besteht ja ein fundamentaler Unterschied zwischen uns und jenen Dichtern. Die Welt, die jene auszusagen haben unter Grauen und Entzücken, redet nicht (jedenfalls nicht in Wor­ten), ihr Geheimnis muß ihr mit den gewagtesten Experi­menten abgelockt werden. Wir haben den Auftrag, die Worte von Redenden weiterzugeben. Und hier will ich etwas ganz Verwegenes nur andeuten: Es könnte ja sein, daß die Christen durch ihr Wissen um Gott und um die Welt in dem Problem, mit dem sich unsere Dichter herumschlagen, einen helfenden Beitrag leisten. Wir hätten sie davon zu überzeugen, daß Welt und Mensch nur im Gegenüber zu Gott zu verstehen und zu bestehen sind.

Die große Entdeckung, die Sie alle beim Predigen machen müssen, ist die, daß die Texte wirklich selbst reden (Deutero­jesaja muß so etwas wie ein Schnaufen und Stöhnen Gottes erfahren haben, wenn er eine Zeitlang schwieg! Jes. 42,14). Das sind die besten Predigten, denen man die eigene Über­raschung des Predigers anmerkt darüber, daß und wie der Text plötzlich anfing zu reden. Ich habe Predigten gehört, bei denen hatte man das Gefühl, daß der Prediger nur ein wenig zur Seite getreten ist, um den Text reden zu lassen (nun, er hat natür­lich schon noch etwas mehr getan!). Im Kirchenkampf habe ich Predigten gehört, da ist dem Prediger der Text wie ein Sack von der Kanzel gerutscht, weil er so unglaublich aktuell war, daß der Prediger die Kontrolle darüber ganz ver­lor. Das mögen extreme Fälle sein, aber sie sind immer noch besser als ein ausgeleiertes christliches Gerede. Gute Predigten haben etwas von einem geistigen Abenteuer an sich. Ich gebe Ihnen zehn bis zwanzig Anfängerpredigten frei, in denen Sie Eingelerntes weitersagen. Dann haben Sie sich ausgepredigt. Wenn Sie dann nicht die Entdeckung machen, daß jeder Text [13] selber reden will, dann sind Sie verloren. Es geht um jenes Wort, das schärfer ist als ein zweischneidiges Schwert.

Dich, Herr, wir wollen bitten,
du edler Herzog wert,
nach rechter Kinder Sitten:
send uns dein geistlich Schwert,
das schneidt zu beiden Seiten,
ich mein dein göttlich Wort,
damit wir mögen streiten
wider der Höllen Pfort.[2]

Da ich schon beim Gesangbuchzitieren bin, noch ein Wort zum Abschluß: Es ist ein kirchli­ches Geschäft, das wir treiben. Die Art, wie viele junge Theologen sich von der Kirche ab- set­zen, ist mir höchst unbehaglich. Sie ist auch ganz unreali­stisch. Viele gehen gar nicht mehr zur Kirche, erwarten dann aber für sich selbst einen regen Kirchenbesuch! Sagen wir Kirche, so meinen wir auch die verfaßte Kirche. Sicher hat mancher manches gegen unsere Kirchenre­gierung auf dem Herzen. Aber es ist doch so: Wir delegieren die weniger schönen Aufgaben an eine Kirchenregierung, die schließlich auch unserer Anteilnahme und Mitarbeit bedarf. Eine Kritik an der verfaßten Kirche wird erst da glaubwürdig, wo der Kritiker ebenso und noch mehr vor seiner eigenen Türe kehrt.

Damit sei unsere Arbeit also eröffnet. Ich hoffe, daß nun auch Sie, wo es Ihnen notwendig erscheint, freimütig vom Leder ziehen. „Ich habe meine erste Rede getan, lieber Theo­philus.“

Einleitende Bemerkungen zu einer exegetisch-homiletische Übung für Theologiestudenten, die von Rad gemeinsam mit Günther Bornkamm und Hans von Campenhausen im Wintersemester 1965/66 in Heidelberg veranstaltete.

Quelle: Gerhard von Rad, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1973, Seiten 7-13.

[1] Schleiermacher, Sämtliche Werke III, 2, 207 ff.

[2] EKG 203,2 („O König Jesu Christe“).

Hier der Text als pdf.

Ernst Bloch über die Offenbarung des Namens JHWH an Mose

7. September 2016

Ernst Bloch im Juli 1970, Foto: Manfred Grohe

Da mögen die religionsgeschichtlichen Urteile nicht länger wissenschaftlich haltbar sein. Und doch ist es immer noch lesenswert, was Ernst Bloch im amerikanischen Exil in seinem Magnum Opus „Das Prinzip der Hoffnung“ (1938-1947) über JHWH als Exodus-Gott geschrieben hatte:

Moses oder das Bewußtsein der Utopie in der Religion, der Religion in der Utopie

Von Ernst Bloch

Viel hat sich in der Schrift angehäuft, das preßt und sich ducken läßt. Aber genau das ist das Hinzugefügte, das einem unzufriedenen, dauernd schöpferischen Glauben Aufgelegte. Die Kinder Israel selber warfen ein Joch ab, und sie folgten dem nach, der zum Pharao sagte: »Laß mein Volk ziehen.« Das Gesetz womit die ersten Rabbiner um 450 V. Chr., nach der Rückkehr aus dem persischen Exil, ein Volk absonderten und zusammenhielten, gehört nicht zum Mosesimpuls. Noch weniger gehört der hoch thronende Herrgott dazu, dessen Kult die Israeliten in Kanaan übernommen hatten und der Baal ist. Es ist der gleiche Baal, dessen Religion, nach dem Rezept jeder Herrenklasse, dem Volk erhalten bleiben muß. Samt der Trivialität und phrasenhaften Herkömmlichkeit, womit die Freunde Hiobs, diese Urbilder aller Opiumpfaffen, ihre Art Gottvertrauen spenden. Der Exodusgott ist anders beschaffen, hat bei den Propheten seine Herren- und Opiumfeindschaft bewährt. Er ist vor allem aber nicht statisch beschaffen, wie alle heidnischen Götter bisher. Denn der Jahwe Mosis gibt von sich, gleich am Anfang, eine Definition, eine immer wieder atemraubende, die jede Statik sinnlos macht: «Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde« (2. Mos. 3,14). Zum Unter­schied von den Gesetzes- und den Baal-Interpolationen ist es hier gleichgültig, wie spät eine solche hochmessianische Definition in den ursprünglichen Text eingesetzt worden ist. Denn so kompliziert sie sprachlich wie gedanklich dreinsieht, sie entspringt ihrem Sinn nach kei­nem Priesterkodex, sondern dem ursprünglichen Exodusgeist selbst. Eh’je ascher eh’je, Ich werde sein, der ich sein werde, ist ein Name, der trotz seiner Mehrdeutigkeit und Interpoliert­heit die Intention Mosis verrät, nicht überdeckt. Mehrdeutig ist die Selbstbezeichnung Jahwes, weil das dem eh’je zugrunde liegende Verb haja sowohl Sein wie Werden bedeuten kann, interpoliert ist sie, weil erst späte Theologie ein solches Rätselwort an Stelle des Wortes Jahwe setzen konnte, das auszusprechen verboten worden war. Trotzdem ist die Zufügung hier autochthon, nämlich Auslegung einer realen Intention, der gleichen, die den Lokalgott des Sinai ins Futurum Kanaan, als in seine ferne Heimat, sich bewegen ließ. Um die Einzig­artigkeit dieser Stelle zu ermessen, vergleiche man eine andere Interpretation, vielmehr den späten Kommentar zu einem anderen Gottesnamen, dem Apollos. Plutarch überliefert (De EI apud Delphos, Moralia III), daß über dem Tor des delphischen Apollotempels das Zeichen EI eingemeißelt war; er versucht an den zwei Buchstaben zahlenmystische Deutung, kommt aber zuletzt zu dem Ergebnis, das EI bedeute grammatisch und metaphysisch das gleiche, nämlich: Du bist, im Sinne zeitlos unveränderlicher Gottexistenz. Eh’je ascher eh’je dagegen stellt bereits an die Schwelle der Jahwe-Erscheinung einen Gott vom Ende der Tage, mit Futurum als Seinsbeschaffenheit …

Der vollständige Text findet sich hier als pdf.

»Stark und biegsam wie Bambuswälder« – Tobias Brandner zur Situation der Christen in China

4. September 2016
Tobias Brandner

Tobias Brandner

Tobias Brandner lebt und arbeitet seit 1996 im Auftrag der Mission 21 in Hongkong als Gefangenenseelsorger und Universitätslehrer. Er hat über die Jahre hinweg einen profunden Einblick in die chinesische Kultur und in das Leben von Christen in China gewonnen. In einem gut geführten Interview mit Thomas Seiterich in der akutellen Ausgabe von Publik-Forum kommt dies zur Sprache:

»Stark und biegsam wie Bambuswälder«

Nirgendwo wächst die Zahl der engagierten Christen so dynamisch wie in China. Das provo­ziert die Kommunisten. Ein Gespräch mit dem reformierten Theologen Tobias Brandner in Hongkong

Publik-Forum: Wirtschaft, Staat und Gesell­schaft der Volksrepublik China entwickeln sich rasch. Welche Chancen bieten sich dabei für das Christentum?

Tobias Brandner: Während der letzten dreißig Jahre wuchs das Christentum in China jährlich um zehn Prozent. Die Zahl der Christen hat sich vervielfacht, trotz der Repression durch die KP und den atheisti­schen Staat. Und Chinas Kirchen wachsen rapide weiter. 1949, bei Maos Revolution, gab es eine Million Christen. Heute sind es über siebzig Millionen. So eine Dynamik ist einzigartig weltweit. Die jährliche Wachstumsrate der Kirchen entspricht dem jährlichen Wirtschaftswachstum.

Das Christentum ist gegen den Wind ge­wachsen, trotz der harten Repression.

Brandner: Ja, dies ist erstaunlich. Nach drei­ßig Mao-Jahren mit Unterdrückung und Christen­verfolgung war 1982 die Zahl der Christen in China auf drei Millionen ange­stiegen. Eine große Zunahme trotz schärfs­tem Gegenwind. Seither wachsen die Christen schneller als die Bevölkerung. Zehn Jahre Kulturrevolution (1970-1980), das bedeutete: Der Besitz einer Bibel war verboten; die Christen wurden drangsaliert; viele getötet; sämtliche Kirchen waren be­schlagnahmt. Und dennoch wuchsen im Untergrund die Kirchen; sie überlebten nicht nur — sie nahmen zu.

Unterscheidet sich die Lage bei Protestanten und Katholiken?

Brandner: Die evangelischen Kirchen wach­sen deutlich rascher als die katholische. Der Grund liegt im unterschiedlichen Profil: Anstößig sind nicht die Protestanten mit ihren unauffälligen Gemeinden und Hauskirchen, sondern die Katholiken, weil sie infolge ihrer Treue und Loyalität zum Papst im fernen Rom von der antireligiösen Propaganda leichter als landfremdes, unpa­triotisches Pack anzuprangern sind.

Wie unterscheiden sich die Profile der Kon­fessionen in China?

Brandner: Die Katholiken leiden unter der Wachstumsbremse, dass sie bei der Eucha­ristie auf ihre zölibatären Priester angewie­sen sind — von denen gibt es nur wenige. Der Protestan­tismus in China ist flexibler und selbstbestimmter. Seine Kirchen hän­gen nicht von Priestern ab, die für die Poli­zei leicht identifizierbar sind. Sie sind häu­fig von Laien geleitet und dyna­misch; nichts ist für die Ewigkeit gebaut. Diese biegsame Bambusstruktur macht sie weni­ger auffällig und greifbar für staatliche Re­pression. Die Katholiken dagegen leben zu­meist in festen Pfarreistrukturen. Diese sind vom Staat leicht störbar.

Wann im Leben wird man in China Christ?

Brandner: Die meisten meiner Theologiestudierenden sind Späteinsteiger. Das ist für China typisch: In dem schnell wachsen­den Christentum finden viele Menschen als Erwachsene zur Kirche. Sie tun dies aufgrund einer Entscheidung. Bei den Pro­testanten kann man dann häufig noch nach einer kurzen Ausbildung Pastor oder Gemeindeleiterin werden, das sind dann die Second Career Pastors. Die meisten evan­gelischen Geistlichen in China haben — wie Paulus oder Petrus – bereits ein Berufsle­ben hinter sich. Anders ist die Lage bei den Katholiken, denn der Weg ins Priesteramt setzt Ehelosigkeit und eine langjährige Ausbildung voraus. Diese hohen Hürden schließen die Späteinsteiger de facto aus.

Was ist das Besondere an den Christen in China?

Brandner: Diese gut siebzig Millionen Menschen, die fünf Prozent der Bevölkerung ausma­chen, sind keine lauen Gewohnheits-, sondern bewusste Entscheidungschristen. Viele erlebten wegen ihres Glauben schon Nachteile oder Bedrängnis — dennoch bleiben sie dabei. Hiervon können viele der Laien und Geistlichen beredt erzählen. Christsein setzt im kommunistischen China einen bewussten Akt der Dissidenz voraus. Aufstiegschancen und Vorteile in der roten, autoritär-kapitalistischen Gesellschaft gibt es für die Christen nicht. Wer mitmacht, macht trotzdem mit. Ein Christ im Westen ist zumeist ein Christ und zugleich noch vieles andere. In China dagegen bedeutet der Glaube ein klares Identitätsmerkmal. Chinas Christen sind in der Kirche aktiv und politisch sturmerprobt. Solch einen Schatz an engagiertem, gegen den atheistischen Staat bewährtem Christentum haben die Kirchen auf der Erde in dieser großen Zahl nur einmal — in China.

Doch die Christen sind nur fünf Prozent.

Brandner: In der chinesischen Gesellschaft, die unter Sinnleere und einem entfesselten Materialismus leidet, bedeuten fünf Prozent Christen, die Werte wie Nächstenliebe leben und unbeirrbar den herrschaftskritischen Ein-Gott-Glauben leben, eine Macht. Da nichtchristliche Chinesen den Partei- und Staatschef ähnlich wie einen Gott oder Kaiser verehren, sind die Christen für die Herrscher in Peking unangenehm.

Wie geht die Entwicklung weiter?

Brandner: Es ist spannend, denn aktuell ist das Kirchenwachstum dabei, das Wachstum und die Mitgliederzahl der herrschenden KP zu überholen. Das sorgt für nervöse Unruhe in den Abteilungen der Parteileitung, deren Aufgabe es ist, Christen zu überwachen: Wird nicht von der KP autoritär eingegriffen, überflügelt die Zahl der Christen die Anzahl der kommunis­ti­schen Parteimitglieder. Es dämmert den Überwachern der Christen, dass die KP von geringe­rer motivationaler Qualität ist als das chinesische Christentum. Denn der KP tritt man in der Regel bei auf der Suche nach Profit und Aufstieg. Christ dagegen wird man in China aus Glaubensüberzeugung.

Und die geistige Auseinandersetze zwischen Christen und Kommunisten?

Brandner: Zum Wettbewerb der Zahl tritt der geistige Kampf. Der rote Mythos erscheint vielen Chinesen knapp siebzig Jahre nach der Revolution leer und ver­braucht. Der Daseins­kampf ist hart. Armut und Verelendung auf dem Land sind be­drückend. Die Einsamkeit im Alter und die Enge in den staatlich befohlenen Ein-Kind-Familien sind weit verbreitet. Kon­sum tröstet nur wenig. — Die Christen da­gegen verfügen über große Erzählungen, die in China völlig unverbraucht sind und leuchten: Zum Beispiel das Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder die Bergpre­digt in einer erkalteten Welt des Egoismus. Barmherzigkeit und Nächstenliebe wurden in der Kulturrevolution gezielt zerstört.

Gibt es Beispiele für ähnliche Entwicklun­gen des Christentums wie China?

Brandner: Ja, Südkorea. Auch dort wurde die christliche Mission zeitweise unterdrückt. Aus eigener Kraft — wie in China — wuchsen die koreanischen Kirchen zu einer großen Kraft in der Gesellschaft. Rund dreißig Pro­zent der Koreaner sind Christen. Umge­rechnet auf China wären dies 400 Millionen Christen. In Zukunft könnte China zu dem Land mit den meisten Christen werden. Li­beral im westlichen Sinne wird die Mehr­zahl dieser Christen nicht sein, sondern eher konservativ. Dies würde dann vermutlich im weltweiten Gespräch unter den Kirchen neue Fragen und Fronten aufwerfen.

Wir sprachen von Wachstum, von Zahlen und Macht — doch wie sieht Mission in Chi­na konkret aus?

Brandner: Nehmen wir als Beispiel die südchinesische 10-Millionen-Stadt Wenzhou. Der britische Historiker Niall Ferguson nennt sie »das chinesische Jerusalem«, da es so viele christliche Unternehmer in der Boomtown Wenzhou gebe. Tatsächlich bildet Wenzhou einen christlichen Hotspot, denn etwa 15 Prozent der Bürger be­kennen sich als Christen. Die Entrepreneurs, die Unternehmer aus Wenzhou, sind als Schuh- und Konsumwarenprodu­zenten in ganz China unterwegs. Und nach den Verhandlungen holen viele dieser Unter­nehmer die Bibel heraus und werben bei ihren Geschäftspartnern für den Glauben. Ich finde diese Mission der Geschäftsrei­senden faszinierend. Denn ganz ähnlich wurde das junge Christentum in seinen ersten Jahrhunderten im Imperium Romanum verbreitet.

Die neu errichtete Sanjiang-Kirche in Wenzhou wurde im Mai 2014 von der Provinzregierung wegen Verstoßes gegen die Baugenehmigung abgerissen.

Die neu errichtete Sanjiang-Kirche in Wenzhou wurde im Mai 2014 von der Provinzregierung wegen Verstoßes gegen die Baugenehmigung abgerissen.

Und wie reagiert der Staat?

Brandner: Als Ziao Ba Lung, ein Provinzkaiser, der KP-Chef der Provinz Zhejiang, sich über die Kreuze und Kirchen ärgerte, startete er 2013 eine Kampagne gegen Christen. Viele Kreuze wurden demontiert, manche Kirchen abgerissen. Doch es han­delt sich um dosierte Gewalt, denn Chris­ten werden nicht verletzt oder getötet. Die KP hat aus Fehlern gelernt. Sie strebt Kon­trolle durch Einschüchterung an.

Sie sind reformierter Theologe. Wie sieht das Leben in den evangelischen Gemeinden aus?

Brandner: Die Kirche ist kongregationalistisch, das bedeutet, das Gewicht liegt stark bei den Gemeinden. Die Gemeinde ist »It Za Rén«, die »Familie Gottes«. In einer rasenden Wettbe­werbswelt ist die Wärme der Gemeinde für die Leute wichtig. Die Gemeinden sind nach außen eher unpoli­tisch, doch was sie an Nächstenliebe leben, ist in China höchst politisch. Jesus ist »Je­su Gó«, »der ältere Bruder«. Die vom Staat mit Zwang durchgeführte Ein-Kind-Poli­tik verletzte den starken, familiären Ge­meinsinn der Chinesen. Da es in der politischen Realität keinen älteren Bruder ge­ben darf, wird Jesus zum geliebten »älteren Bruder«.

Wer leitet die evangelischen Gemeinden?

Brandner: Meist ältere Mütter und Omas. Es sind wunderbare Frauen, in der Regel über fünf­zig, Chinesinnen mit Lebenser­fahrung und Warmherzigkeit. Oft sorgen sie für das Enkel­kind, während die Eltern in einer fernen Stadt das Geld verdienen. Diese Frauen geben den Glauben weiter. Als Gemeindeleiterin haben sie meist eini­ge freiwillige Mitarbeiterinnen. Die Predi­ger­innen haben einen dreimonatigen bis dreijährigen theologischen Crashkurs ab­solviert. Die Seelsorge- und Besuchsarbeit wird zu neun Zehnteln von Frauen geleis­tet. Auf diese Weise wächst die »Familie Je­su«, die Gemeinde. Drei Viertel aller evan­gelischen Gemeindeglieder sind Frauen.

Tobias Brandner, geboren 1965 in der Schweiz, arbeitet als reformierter Pfarrer und Gefängnisseelsorger seit 1996 in Hongkong. Er ist Pro­fessor für Kirchengeschichte und Missionswissenschaft am Chung Chi College.

Das Gespräch führte Thomas Seiterich.

Quelle: Publik-Forum, Nr. 16, 26. August 2016, 30f.