Charles A. Feys „Liberty Bell“ und das göttliche Lebensglück

22. Januar 2018

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Als am 8. Juli 1776 in Philadelphia zum ersten Mal in der Öffentlichkeit die amerika­nische Unabhängigkeitserklärung verlesen wurde, läutete die Liberty Bell, also die Freiheits­glocke. Ihr Name geht zurück auf deren Inschrift, nämlich Worte aus dem 3. Buch Mose (Levitikus 25,10): „Proclaim LIBERTY Throughout all the Land unto all the Inhabitants ThereofIhr sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin woh­nen.“ Im Kontext der Tora bezieht sich diese Freiheitsausrufung auf das 50. Jahr, das sogenannte Jobel­jahr („Jubiläum“), in dem im alten Israel Menschen aus der Schuldknecht zu entlassen und die ursprünglichen Landbesitzverhältnisse wiederherzustellen sind. Als wäre es ein Omen für die gesellschaftliche Entwicklung in den USA, entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahr­hunderts an der Liberty Bell ein tiefer Riss. Als sie am 23. Februar 1846 zum Geburtstag George Washingtons noch einmal angeschlagen wurde, vergrößerte sich der Riss so weit, dass die Glocke klanglich am Ende war. Fortan blieb sie stumm und wurde in der amerikanischen Öffentlichkeit zum ikonischen Symbol der amerikanischen Unabhängigkeitsgeschichte stilisiert.

50 Jahre später kam es zur klanglichen Wiederauferstehung der Liberty Bell, und zwar in den Saloons von San Francisco. Das hatte mit einer Geburtsgeschichte hier in Vöhringen/Iller zu tun: Am 2. Februar 1862 – Mariä Lichtmess –, also vor mehr als 155 Jahren wurde Augus­tinus Josephus Fey in der „Alten Schule“ neben der Marienkirche als jüngstes von 15 Kindern des Lehrers Karl Fey und seiner Frau Maria geboren. Nachdem er in die USA ausgewandert war und sich dort in Charles August Fey umbenannt hatte, entwickelte er 1898 in San Francis­co den Archetyp aller Spiel­automaten (bzw. Slot Machines) – drei Walzen mit je fünf Glücks­symbolen – Hufeisen, Diamant, Spaten, Herz und eine Freiheitsglocke (Liberty Bell) – auf zehn Positionen, die sich unabhän­gig voneinander drehen, sobald man einem Metallhebel nach unten zieht. Nacheinander – also mit einer spannungssteigernden Zeitverzögerung – kommen dann drei Glückssymbole im Sichtfenster nebeneinander zu stehen. Feys „einarmiger Bandit“ ist eine handwerkliche Meisterleistung, besitzt er doch einen funk­tionierenden automatischen Auszahlmechanismus, bei dem die gewonnenen geldwerten Messingmarken („trade token“) in eine Schale ausgespuckt werden.

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Der Klang der metallenen Wertmarken sowie der Einbau eines Glöckchens in den Mechanis­mus inspirierte Charles Fey zu der Namensgebung „Liberty Bell“, die sich als Emblem – mit Riss – und dem entsprechenden Schriftzug auf dem Gehäuse seines Spielautomaten findet.

Was für ein Versprechen – Gewinn der eigenen (finanziellen) Freiheit an einem Spiel­auto­maten! Hirnforschung wie auch Lebenserfahrungen sprechen da eine gegenteilige Sprache: Im Zusammenspiel von Spielautomat und Spieler hat nämlich der Automat den Spieler im Griff. Geld erregt das Belohnungssystem im Gehirn.[1] Je höher der Betrag, der auf dem Spiel steht, desto stärker die Erregung im sogenannten Nucleus accumbens. Der ausgeschüttete Botenstoff Dopa­min generiert Verlangen mit Belohnungserwartung und ist damit ein Motiva­tor auf einen möglichen Gewinn hin weiterzuspielen.

Auf der anderer Seite macht sich in Sache Geld ein zweiter Hirnbereich, nämlich die soge­nannte Inselrinde, die Insula, bemerkbar. Sie ist maßgeblich an der Schmerzwahrnehmung beteiligt. Gera­de beim Verlust von Geld wird die Insel aktiv. So versucht jeder Mensch instinktiv, dieses unangenehme Gefühl bzw. diesen Schmerz zu vermeiden. Droht ein Verlust, wird außerdem die Amygdala, auch „Mandelkern“ genannt, aktiviert. Das ist der Bereich im Gehirn, der für die emotionale Einordnung von Situationen verantwortlich ist. Schon die Möglichkeit etwas zu verlieren hat eine starke Erregung zur Folge und damit einen großen Einfluss auf die anstehende Entscheidung.

Da der Verlust von Geld im Ab­gang nicht hingenom­men sein will, spielt man auf schlecht Glück weiter und vergrößert damit seinen Verlust – Teufels­kreis der Spielsucht. Beim Glücksspiel wird eben nicht Freiheit gewonnen, sondern verspielt. Mecha­nisch ist der Spieler in der Illusion gehalten, er sei bei einem Spielautomat selbst am Drücker, sitze am längeren Hebel und hätte damit den ein­armigen Banditen im Griff.

Aber es sind nicht nur Spielhallen, wo Geldvorstellungen Menschen seelisch gefan­gen neh­men. Auch in Unternehmen können Geldzahlen das Sagen haben, nämlich dann wenn Anteils­eigner, Investoren, Aktionäre und die Geschäftsführung auf Zahlenvorgaben fixiert sind. Zah­len dürfen durchaus Kontrollinstrument für die Führung eines Unternehmens sein. Wo jedoch „zukunftsvorgebliche“ Zah­len zur alles bestimmende Wirklich­keit in Unternehmen geworden sind, werden die dort beschäftigten Menschen see­lisch und körperlich in Mitleidenschaft gezogen.

Wenn wir auf eigene Zahlwerke schauen, seien es Lohn- und Gehaltsabrechnungen, Bank- oder Wertpapierdepotkontoauszüge, sind die schwarz auf weiß stehenden Zahlen und Ziffern für uns kein Heilsgut. Egal wie viele und wie hohe Ziffern vor dem Kom­ma zu stehen kommen – kein Leben wird damit heil. Abstrakte Zahlfolgen kennen weder Fülle noch Voll­kommenheit, da ja immer noch „eins“ in das Unendliche hinzugezählt werden kann. Wo man ihnen Glauben schenkt, ist man versucht, Zahlen und Ziffern heillos vermehren zu wollen und wird schlimmstenfalls zum Zocker.

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Das kann es nicht gewesen sein – unser Leben ein zahlenwertiges, vergängliches Glücksspiel. Wer jen­seits inflationärer Zahlen das Heil und den Lebenssinn sucht, hat an einem anderen Leben Anteil zu nehmen. Davon ist im Prolog des ersten Briefs des Johannes die Rede:

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.“ (1Joh 1,1-4)

Wirklichkeit unseres Lebensglücks ist unzählige Anteilnahme, Anteilnahme am Leben Jesu. Seine Hingabe, seine Liebe, sein Wort wollen auf uns einwirken, uns im Innersten berühren, und zwar so, dass ihnen nichts hinzuzufügen ist. Die Fülle des Lebens ist nicht äußeren Umständen, Zufällen oder einem eigenen Geldvermögen abzugewinnen. Was Men­schen für sich zahlenwertig zu gewinnen meinen, ist das, worin sie sich selbst verlieren. Ganz anders erweist sich die gemeinschaftliche Teilhabe (Koinonia) am göttlichen Leben im Glau­ben an die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dazu heißt es in Psalm 36:

HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes /
und dein Recht wie die große Tiefe.
HERR, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
(vv 6-10)

[1] Vgl. dazu Corinna Bürger/Bernd Weber, Neurofinance – Geldverarbeitung im Gehirn, in: Martin Reimann/Bernd Weber (Hrsg.), Neuroökonomie. Grundlagen – Methoden – Anwendungen, Wiesbaden: Gabler 2011, 219-279.

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„Die VELKD ist eine Konstruktion in einem gedachten Raum“ – Hans Joachim Iwand

21. Januar 2018

Da hat Hans Joachim Iwand schon 1946 scharfsinnig erkannt, dass die „Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD“ nicht im Dienst des Lutherischen Bekenntnisses gegründet wurde, sondern ein klerikales Machterhaltungsprojekt einer bürokratischen Amtskirche gewesen ist. Lesenswert ist immer noch, was er damals in der Zeitschrift Evangelische Theologie geschrieben hatte:

7. Die Blindheit gegenüber der Gefahr des Eindringens spezifisch heidnischer Ideen in die kirchliche Verkündigung resultiert aus der Isolierung des 1. Artikels und dem Gedanken der Uroffenbarung, woraus sich dann die verhängnisvolle Vertauschung des Gesetzes und des Volkstumsnomos ergab, wie auch aus der modern lutherischen Lehre von der Kenosis, die die Heiligung so begrenzte und verinnerlichte, daß die Welt ihrer „Eigengesetzlichkeit“ überlas­sen wurde.

8. Die Schwäche gegenüber dem modernen Staat, die das Luthertum seit mehr als hundert Jahren trotz aller „Renitenz“ an den Tag gelegt hat, beruht auf der Eliminierung der Gemeinde als Subjekt der Lehrentscheidung und Kirchenordnung, unerachtet der durch das Wort gesetz­ten Autorität des Amtes der Verkündigung. Der neulutherische Amtsbegriff, der zu einer „be­hördlichen“ Angelegenheit geworden war, hat sich so verhängnisvoll ausgewirkt, daß der Wi­derstand innerhalb der Kirche sich weithin nur gegen das „Amt“ durchsetzen konnte. […]

12. Die VELKD ist eine Konstruktion in einem gedachten Raum. Hier wird keine der uns heute bedrängenden Fragen, sei es theologischer, christlich, ethischer, sozialer oder staats­rechtlicher Natur neu angefaßt und entschieden. Ob sie kommt oder nicht, ist „praktisch“ egal. Sie ist lediglich eine Umgruppierung „im kirchlichen Raum“. Solche otia sind uns heute ver­wehrt und haben schon genug Mühe und Zeit gekostet. Es wird für die echten Lutheraner der Tag kommen, da die Kirche, die ihrem Bekenntnis wirklich gemäß ist, in echten, praktischen Entscheidungen wachsen wird, wir sind darum ausgerufen, gerade von unserem Bekenntnis her, diesen Sturm an uns vorübergehen zu lassen. Das ist nicht die Reformation an Haupt und Gliedern, die die furchtbaren Ereignisse, die über uns gekommen sind, von uns verlangen.

13. Es ist ein Missbrauch des Wortes Bekenntnis, wenn die „Gründung der VELKD“ als vom Bekenntnis geboten gefordert wird, wenn es not sein wird, zu bekennen, wird dann niemand sich gerufen wissen (1. Kor. 14,8).

14. Erwünscht schiene mir eine stille und bescheidene Aufbauarbeit, Zusammenarbeit der lutherischen Kirchen zu gemeinsamer Behebung ihrer Schwäche, Kräftigung des Gemeinde­lebens, Reorganisation der weithin irregegangenen theologischen Arbeit, Umarbeitung der Verfassungen unter besonderer Betonung des synodalen Elementes und stärkerer Beteiligung der Laien am Kirchenregiment. […]

21. Ich bestreite, daß die Erfahrungen und Erkenntnisse der bekennenden Kirche unter den Begriff des „Kampferlebnisses“ zu bringen sind, denn dieser Kampf hatte ja nie stattgefunden und hat ja da nicht stattgefunden, wo kein Widerstand vom Evangelium kraft der reinen Lehre erfolgte. Der Kampf war nur die Begleitmusik dessen, daß hier das Wort Gottes in klarer Leh­re auf dem Plan war.

22. Wenn wir die Einigkeit der Kirche in jenen Jahren als Episode hinstellen und den Kampf „nur“ als Abwehr gegenüber den heute verschwundenen „Irrlehren“ bagatellisieren, dann hatte uns tatsächlich Adolf Hitler, aber nicht das Bekenntnis zu Jesus Christus geeint. Dann wäre dies alles eine mehr oder weniger menschliche Angelegenheit gewesen, aber nie eine Sache des Heils und der Rettung Gottes.

23. Geeint hat uns das Bekenntnis zu dem Namen Jesu Christi. Es wird weiterhin das Zeichen für die wachsende Einheit der Kirche in der Welt bleiben.

Hier Iwands vollständiger Text Lutherische Kirche? als pdf.

Gebet zur göttlichen Berührung unseres Lebens

21. Januar 2018

Himmlischer Vater,
Deine Güte Licht in der Dunkelheit,
Deine Liebe Wärme in der Seelenkälte,
Deine Barmherzigkeit löst Sündenstarre.
So bitten wir Dich:
Dein Geist öffne unsere Lebenstür,
damit Dein Sohn in unser Herz einziehe
und uns im Innersten göttlich berühre.
Er, unser Heiland in Ewigkeit.
Amen.

Wenn Zahlen uns die alles bestimmende Wirklichkeit sind – Zur Ethik der Zahlen

18. Januar 2018

Zahlen sind uns alltäglich gegenwärtig, vorrangig im beruflichen Leben. In Unternehmen dienen sie – neben technischen Berechnungen und organisatorischen Nummerierungen – als erfolgsbezogenes Steuerungs- bzw. Kontrollinstrument, wenn es gemeinhin heißt: „Die Zahlen müssen stimmen.“ Die Komplexität interaktiver Prozesse wird auf Zahlen hin reduziert und damit über das jeweilige Unternehmen bzw. die Unternehmenseinheit hinaus miteinander vergleichbar gemacht. So eröffnen Zahlen mit ihrer jeweiligen Differenzqualität betriebswirtschaftliche Handlungsspielräume mit Erfolgskontrolle. Was in unterscheidbarer Weise zugekommen oder abgegangen ist, lässt sich absolut als Ordinalzahlen quantifizieren oder aber als Prozentzahlen relativieren. Und Zahlenwerte in einer Statistik parallel gestellt können dann miteinander verglichen und in Gestalt von Kardinalzahlen tabellarisch in ein Ranking überführt werden.

Im Wirtschaftsleben kommen wir um Zahlen nicht herum. Rationalisierungen und Effizienzsteigerungen sind immer auch zahlengestützt. Und dennoch stellt sich die Frage, in wie weit sie bestimmend sein dürfen. Wenn hinter Zahlen nicht länger wertzuschätzende Güter stehen, werden sie selbst zur alles bestimmenden Wirklichkeit. Es entsteht ein zahlengetriebenes Handeln, das sich selbst nur noch zahlenwertig darzustellen und sich darin mit anderen Zahlengefügen zu vergleichen weiß. Die allumfassende Relativität der Zahlen lässt nichts gelten, was auf sich selbst beruhen kann. Zahlen sind in ihrer komparativen Eigendynamik nicht satisfaktionsfähig; ihnen fehlt die Genugtuung.

So geht unter einer Diktatur der Zahlen das unternehmerische Gemeingut mit der nicht verrechenbaren, solidarischen Anteilnahme (communio) der Mitarbeitenden verloren. Die betriebliche Kooperation ist stattdessen identifikationsfrei unter eigenökonomische Vorteilserwartungen gestellt. Man handelt letztlich selbst berechnend. Menschliche Wertschätzung kann dabei – mangels Abzählbarkeit – nicht wirklich zählen. Haben die Zahlen ein Unterneh­men erst im Griff, werden die dort beschäftigten Menschen seelisch und körperlich in Mitleidenschaft gezogen.

In letzter Konsequenz einer ökonomischen Arithmetik muss man über die eigenen betrieblichen Wertschöpfungsmöglichkeiten hinausgehen und zukunftsspekulative Entscheidungen z. B. im Bereich Mergers & Acquisitions treffen. Wo antizipativ auf die Zukunft mit Zahlen gewettet wird, gibt es zu jedem Gewinner immer auch die Reihe der Verlierer. Spekulationsgewinne, die über die reale Wertschöpfung hinausgehen, müssen durch Verluste anderer gegenfinanziert werden. Und irgendwann hat man sich dann selbst unter die Zukunftsverlierer einzureihen …

Zahlen bzw. Zahlengefüge sind kein unternehmerischer Selbstzweck. Und dennoch können sie bei Entscheidungsträgern eine eigene „Gläubigkeit“ gewinnen. Dabei ist konkreten Zahlen nichts Bleibendes abzugewinnen; per se sind sie immer defizitär: Es wäre ja auch noch mehr drin gewesen. Auf das Unendliche hin gibt es ja immer „Mehr“-Zahlen. „Mehr“-Zahlen in die Form des Geldes als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium (Luhmann) gebracht haben eine eigene Suggestionskraft – mit mehr Geld könne man sich mehr leisten, hätte ein höheres Vermögen mit mehr Wahlmöglichkeiten. Aber in einen zahlenwertigen Spekulationsökonomie, die auf ein quantifizierbares Vermögen aus, will ja das eigene Geld nicht konsumiert, also aufgebraucht sein, sondern weiter akkumuliert, also vermehrt werden.

Ist die prospektive „Mehr“-Zahl des Geldes die alles bestimmende Wirklichkeit, verschreibt man sich mit dem eigenen Leben einer hoffnungslosen Spekulation. Die Zahlen selbst enthalten mir nämlich die Anteilnahme am Gemeingut sowie am Mitmenschlichen vor. Was ein Leben in seiner Fülle wirklich ausmacht, ist das Empfangen-Dürfen, das eben nicht zahlenwertig für sich selbst zu gewinnen ist. Im Bild der überfließenden Quelle, die in ihrer Fülle eben nicht auszuschöpfen ist, wird dies für uns vorstellbar.

Im Wirtschaften und Haushalten werden wir um Zahlen und damit um ein sachgerechtes Accounting nicht herumkommen. Die Zahllosigkeit (anarithmon) kann nur eschatologisch, also endzeitlich erhofft werden, wenn „der Gott sei alles in allem“ (1Korinther 15,28). Für die Gegenwart gilt jedoch die ethische Herausforderung, die der Kirchenvater Augustin einst mit dem der antiken Güterlehre abgewonnen Unterscheidung von Gebrauchen (uti) und Genießen (frui) gestellt hat [vgl. Henry Chadwick, Frui – uti, in: Cornelius Mayer (Hg.), Augustinus-Lexikon, Vol. 3 (2004), Sp. 70-75; bzw. Oliver O’Donovan, Usus and Fruitio in Augustine, De Doctrina Christiana I, JThS NF 33 (1982), S. 361-397].

In seiner De doctrina christiana schreibt Augustin in Sachen Gebrauchs- und Genussdinge: „Genießen (frui) bedeutet nämlich, aus Liebe irgendeiner Sache um ihrer selbst willen anzuhängen; gebrauchen (uti) aber bedeutet, alles, was sich für den Gebrauch anbietet, auf das Erlangen dessen zu beziehen, was du liebst — wenn es sich dabei überhaupt um eine Sache handelt, die geliebt werden soll.“ (I,4) Den so definierten Gliedern des Schemas zufolge sind die Dinge (res) entweder auf Genuss oder Gebrauch ausgerichtet. Allein die um ihrer selbst willen zu erstrebenden Genussgüter des „frui“ machen den Menschen dauerhaft glücklich. Alle anderen sind als vorläufige Gebrauchsdinge (res utendae) nichts als Mittel zum Zweck. So hat es ja der Apostel für die Gemeinde in Korinth  vorgesehen: „Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, […] die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ (1Korinther 7,29-31)

Zahlenwerke dürfen nur als Gebrauchsdinge gelten. Damit sie nicht doch zum Selbstzweck werden, braucht es eine Ethik der Zahlen. Diese führt nicht einfach abstrakte Gerechtigkeitsdiskurse fort oder „lästert“ menschliche Gier. Vielmehr hat sie zu zeigen, wie man mit Zahlen in Wirtschaft, Staat und Privatleben so umzugehen ist, damit sie uns Menschen nicht fälschlicherweise zu Heilsgütern werden. Eine solche Ethik muss erst noch geschrieben werden. Sie hätte einiges „Konservatives“ zu sagen in Sachen Sparen, Haushalten, Wachsen, Verlieren-Können, Prämieren, Belohnen, Freigebigkeit, Großzügigkeit, Spenden wie auch Stiften.

Hier der Text als pdf.

„Identitätspolitik ist nichts anderes als amerikanischer Evangelikalismus, angewen­det auf die kulturelle Sphäre“ Mark Lillas Abrechnung mit der US-amerikanischen Linken

16. Januar 2018

Ich halte Mark Lillas Erklärung, wie es zu einer narzisstischen Identitätspolitik bei der US-amerikanischen Linken gekommen ist und seine Kritik an ihr für sehr aufschlussreich. Sein diesbezügliches Buch The Once and Future Liberal: After Identity Politics vom August 2017 ist noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Aber was er jüngst in dem Interview mit der ZEIT „Die wollen deine Seele“ von sich gegeben hat, spricht für sich:

„Wichtig war jene Umbruchphase, als weiße Amerikaner in die Vorstädte zogen. Dadurch lösten sich traditionelle Bindungen, während die Menschen gleichzeitig wohlhaben­der und individualistischer wurden. Aus dieser neuen suburbanen Welt heraus ist einerseits die mit Reagan verbundene neoliberale Ideologie entstanden, also ökonomischer Individua­lismus – andererseits aber auch ein starker kultureller Individualismus. Man wollte sich selbst definieren dürfen – seine Identität. Frauen wollten sich von tra­ditionellen Familienmodellen befreien. Man war plötzlich auf Sinnsuche. Als diese Sinnsuche dann mit politischen Fragen verknüpft wurde, begann die Identitätspolitik. Man wollte gleich­zeitig etwas in der Welt bewegen und sich eine Identität zulegen. […]

Identitätspolitik ist nichts anderes als amerikanischer Evangelikalismus, angewen­det auf die kulturelle Sphäre. Wenn europäische linke Bewegungen sich radikalisieren, wer­den sie gewalttätig, sie bekämpfen den Staat, wie die RAF. Wenn linke amerikanische Gruppen sich radikalisieren, werden sie zu evangelikalen Sekten. Sie bekämpfen nicht den Staat – die wollen deine Seele. Die wollen, dass du niederkniest und deine Sünden beichtest. Das ist, was Identitätspolitik letztlich will. Nicht eine Änderung der Machtverhältnisse. In der Politik sollte man die Messlatte für Einigkeit nie höher legen, als es sein muss. Wenn ich Sie überzeugen kann, Demokraten zu wählen, nur indem ich sage: „Dein Kind ist krank, und du kannst deine Arztrechnungen nicht mehr bezahlen. Republikaner interessiert das aber nicht!“ – dann ist das alles, worüber ich sprechen muss. Identitätspolitik heißt aber, bei jemandem an die Tür zu klopfen und zu sagen: „Hallo, ich komme von der Demokratischen Partei, aber bevor ich Ihnen von unserem Wahlprogramm erzähle, muss ich Ihnen erst drei Strafzettel ausstellen. Einen für Ihre weißen Privilegien, einen für Rassismus und einen für Homophobie. Bitte wählen Sie uns am Dienstag!““

Wohin gehst Du, lutherische Kirche? Mein Zukunftstraum.(Vortragsmanuskript)

15. Januar 2018

Malte Detjes Überlegungen zur Zukunft der lutherischen Kirche sind lesenswert

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(Hier stelle ich mein Manuskript zu Verfügung. Der Vortrag wurde vor der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in der Nordkirche im Dezember 2017 gehalten. Man möge diesen Kontext bei der Einordnung der Gedanken berücksichtigen. Ich habe nicht unähnliche Gedanken bereits an anderer Stelle vorgetragen. Es handelt sich nur um eine Manuskript. Eine überarbeitete Fassung wird bald publiziert werden. Viel Freude beim Lesen!)

500 Jahre Reformation

10 Jahre Reformationsfeierlichkeiten sind vorbei. Die große Reformationsdekade liegt hinter uns. Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit erging, aber ich fand dieses Jubiläum in Summe ausgesprochen langweilig. Noch langweiliger fand ich nur Kommentare zum Reformationsjubiläum, die diese Langeweile monierten. Ich habe kaum einen dieser Kommentare zu Ende gelesen.

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Um also nicht in die gleiche Falle zu tappen, mache ich damit an dieser Stelle Schluss, was das Reformationsjubiläum angeht. Nur so viel: Vor knapp 1,5 Jahren saßen wir im Kreis der Vikare der Nordkirche…

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Gemeinsam auf dem Teppich bleiben – warum unser Glaube das „Wir“ braucht

15. Januar 2018

Jeder hat seinen eigenen Glauben – wie wahr, und doch nicht die letzte Wahrheit. Andernfalls könnte man sich die Gemeinschaft der Glaubenden und damit auch die Kirchengemeinde schenken. Wer den eigenen Glauben für sich behalten will, tut schwer daran, diesen Glauben sich selbst zu erhalten. Dem privaten Glauben fehlt nämlich die Resonanz – der Rückhalt im Glauben der anderen. Ein stummer Glaube ist die Ansammlung eigener Gedanken, die sich mit der Zeit von selbst erübrigen.

So wirbt der Apostel Paulus für das „Wir“ des Glaubens: „In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan, in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor. In der Hingabe zögern wir nicht, im Geist brennen wir, dem Herrn dienen wir. In der Hoffnung freuen wir uns, in der Bedrängnis üben wir Geduld, am Gebet halten wir fest.“ (Römer 12,10-12 Zürcher Bibel) Im Glauben an Christus haben wir gemeinsam Hoffnung und sind im Gebet miteinander verbunden.

Um es mit einem Bild zu veranschaulichen: Mitgeteilter Glaube ist wie ein Faden, der in einen gemeinsamen Teppich eingewebt oder eingeknüpft worden ist. Da mag mein Glaube mir selbst nicht besonders fest erscheinen. Aber wenn ein (noch so) dünner Glaubensfaden im gemeinsamen Glaubensteppich anknüpft, bestärkt er den Glauben anderer und wird umgekehrt von deren Glauben aufrecht gehalten. So verdichtet und vergewissert sich unser Glaube in Gottesdiensten, im Gebet füreinander sowie in Gesprächen. Selbst Zweifel lässt sich in der Gemeinschaft des Glaubens heilsam zur Sprache bringen.

Das „Wir“ in der Kirche mag manchem vereinnahmend klingen. Wenn jedoch Worte und Blicke des Glaubens andere Menschen miteinbeziehen, werden diese damit nicht auf die eigene Seite gezogen. Der Glaubensteppich ist groß genug, dass in der Gemeinschaft auch gegenseitig Abstand gewahrt werden kann. Nur so kann ja der Teppich ein filigranes und farbenreiches Glaubensmuster erhalten.

In der Kirchengemeinde bleiben wir im Glauben an Jesus Christus gemeinsam auf dem Teppich. Schließlich hält sich unser Glaube nicht an einem fliegenden Teppich aus 1001 Nacht fest. „Ein anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist: Jesus Christus“ heißt es beim Apostel Paulus (1Korinther 3,11). Unser Glaubensteppich mit all seiner Vielfalt gründet auf dem, was Jesus Christus mit seinem Leben, seinem Sterben und seiner Auferstehung für unser Heil gewirkt hat. Und es ist der Heilige Geist, der uns über uns selbst hinaushebt und unserem Glauben Flügel verleiht – damit wir mit unserem Leben in der Gemeinschaft des dreieinen Gottes ankommen.

„In der Hoffnung freuen wir uns, in der Bedrängnis üben wir Geduld, am Gebet halten wir fest“ – Wie die Zürcher Bibel Römer 12,9-16 als Wirklichkeitszusage übersetzt

13. Januar 2018

Christus der Weinstock (Joh 15,1-8)

Das sind ja die Entdeckungen, die eine andere Übersetzung bescheren können. „Klassisch“ wird nach Martin Luther Römer 12,9-13 imperativisch im Sinne der Paränese übersetzt, so beispielsweise in Vers 11: „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.“ Nun handelt es sich jedoch im griechischen Text (bzw. in der lateinischen Vulgata) um eine Partizipialreihung, wo weder Person noch Modus bestimmt sind. Wenn der definite Bezug im Kontext gesucht wird, kommt man schließlich zu Römer 12,5f mit einer finiten Verbform: „so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist„. In der Zürcher Bibel von 2007 wird – meiner Ansicht nach zurecht – die Partizipialreihung indikativisch mit einem „Wir“ übersetzt:

9 Die Liebe sei ohne Heuchelei!
Das Böse wollen wir verabscheuen,
dem Guten hangen wir an.
10 In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan,
in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor.
11 In der Hingabe zögern wir nicht,
im Geist brennen wir,
dem Herrn dienen wir.
12 In der Hoffnung freuen wir uns,
in der Bedrängnis üben wir Geduld,
am Gebet halten wir fest.
13 Um die Nöte der Heiligen kümmern wir uns,
von der Gastfreundschaft lassen wir nicht ab.

In der Gemeinschaft des einen Leibs in Christus werden die Gnadengaben uns allen wirklich (das „Geistbrennen“ in Vers 11 kann ja nicht befohlen werden). Der Geist vereinnahmt uns, so dass ein Gemeinschaftsleben eben nicht erst „individualethisch“ verwirklicht werden muss.

„Man macht unserer Kirche ja den Vorwurf, daß wir eben das Kirchenvolk in die Kirche hineintaufen und es dauernd zum Objekt machen“ – Landesbischof Martin Haug gegen den staatlichen Einzug der Kirchensteuer

11. Januar 2018

Das hat es im Nachkriegsdeutschland tatsächlich gegeben, ein Landesbischof, der sich deutlich gegen den staatlichen Einzug der Kirchensteuer gestellt hat – Martin Haug, der von 1948-1962 als württembergischer Landesbischof amtierte. Dankenswerterweise hat Pfarrer i.R. Helmut Sigloch (von 1959-1962 persönlicher Mitarbeiter von Haug) mit seinem Büchlein „Macht die Gemeinde stark. Landesbischof Martin Haug“ darauf aufmerksam gemacht. So sei aus zwei Stellungnahmen des Bischofs auf den Sitzungen des Evangelischen Landestages 1950 und 1954 zitiert:

» … und das ist mir das allerwichtigste: Ich bitte um eine Entscheidung, die das bewußte, persönliche Christentum, die bewußte, persönliche und aktive Mitglied­schaft der Kirche stärkt und nicht schwächt, die die Aktivität fördert und nicht die Passivität. Der Unterschied, ob ich einen Kirchensteuer-Zettel bekomme und einen Dauerauftrag gebe oder jährlich einmal zahle — oder ob es mir abgezogen wird, ist selbstverständlich relativ. Aber es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ich selbst auch nur einen Finger dazu regen muß oder ob das auch wieder aufhört. Man macht unserer Kirche ja den Vorwurf, daß wir eben das Kirchenvolk in die Kirche hineintaufen und es dauernd zum Objekt machen. Machen Sie bitte auch in finanziellen Dingen unsere Kirchenglieder je länger je mehr, was an uns liegt, zum Subjekt auf die Gefahr hin, daß vielleicht nicht wenige — ich bekomme ja viele Drohungen — wenn wir ernst machen die Kirche verlassen. Ich würde das sehr schwer nehmen und nehme es in jedem einzelnen Fall schwer. Aber ich würde das leichter nehmen, als daß wir sie auf diesem Weg allein festhalten. […] Wie kommen wir weiter auf dem Wege, auf den uns Gott gestellt hat, von der Staatskirche zur lebendigen Gemeinde? Wir sind auf diesem Wege. Wir sind noch nicht die lebendige Gemeinde und nicht die lebendige Kirche. Wenn wir uns das einbilden sollten, dann würden uns die Kirchensteuerproteste täglich daran erinnern, aber wir sind auf dem Wege und wir sollen auf diesem Weg bleiben und vorwärts gehen und nicht zurück. In diesem Sinne bitte ich, uns zu helfen in dieser Geldfrage, die nicht unsere größte Sorge ist. Es ist die Sorge, daß Gottes Reich unter uns Menschen werde«.

Auch als 1954 der staatliche Einzug der Kirchensteuer im Lohnsteuerabzugsverfahren praktisch entschieden war, hielt Martin Haug dagegen:

»Es ist im Oberkirchenrat niemand, der nicht die Volkskirche bejaht. Aber wir sind der Meinung, die Volkskirche in der heutigen Zeit ist etwas anderes, als die in der Zeit des Herzog Christoph. Die Volkskirche hat heute eine ganz große missionarische und diakonische Aufgabe an unserem Volk. Es ist die Verpflichtung, unser ganzes Volk, jedermann, den wir erreichen können und der nicht durch Anschluß an die katholische Kirche oder an irgendeine ganz andere Religions­oder Weltanschauungsgemeinschaft sozusagen sich schon von uns verabschiedet hat, also jedermann vor die Frage zu stellen, ob er sich nicht mit uns um Christus scharen will. Das können wir nicht mehr machen mit ein paar Pfarrern und mit einem Oberkirchenrat und ein paar Dekanatämtern, sondern das machen wir nur, wenn wir viele, viele Glieder unserer Volkskirche, die auf Jesus Christus getauft sind, zu bewußten Christen erziehen, wenn wir sie auf ihre Kirchenzugehörigkeit ansprechen, die gegeben ist damit, daß sie als Kinder getauft sind und, liebe Brüder, es ist eine schwere Verantwortung, heute die Kindertaufe zu vertreten. Ich vertrete sie. Aber ich vertrete sie mit dem, was dazu gehört, mit der Verpflichtung, dieses Getauftsein ernst zu nehmen und die Glieder der Volkskirche, diese Glieder, die als Kinder getauften Volkskirchenglieder, auf ihre Kirchenzugehörigkeit unmittelbar fortgesetzt anzu­sprechen. Sie mögen selbst zur Kirche stehen, wie sie wollen; ich nehme sie als Glieder der Kirche. Es geht mir dabei nicht um die Kirchensteuer in erster Linie. Das ist das Furchtbare, daß uns dies jetzt vorgeworfen wird, wie wenn wir meinten, mit der Kirchensteuer diese Lage retten zu können. Es geht mir darum, daß ich in unmittelbarer Verbindung mit den Gliedern der Kirche bleibe auch in dieser Frage, daß die Bitte um die Entrichtung des Beitrags zu der Kirche an die, die zur Volkskirche gehören, von der Kirche selbst an den Mann und die Frau herangetragen wird, und daß der Kirchensteuerpflichtige, wenn er etwas zu bemerken hat dazu, mit der Kirche in Berührung kommt.

Sehen Sie, ich komme sonst auch nicht durch bei meinem anderen Dienst; einmal werde ich vor die Arbeiter gestellt, das andere Mal vor Bauern, das dritte Mal vor Fabrikanten. Da lade ich Glieder der evangelischen Kirche ein und nehme sie als Glieder der evangelischen Kirche. Es könnte nämlich sonst dahin kommen, daß wir wohl einmal das Geld haben, aber nicht die Menschen, die mit diesem Geld dem Evangelium dienen. Und mit dieser Erziehung zu einem bewußten, persönlichen, aktiven Christentum hat auch unser Kirchensteuersystem etwas zu tun, das seit 1924 in der Württ. Landeskirche, jetzt genau 30 Jahre lang, besteht. Und um dieses auch geht es mir. Es ist schwierig, auf einem Gebiet das aufzugeben und auf den anderen Gebieten es vorwärtszutreiben. Und ich möchte bitten, daß der ganze Krampf retten wollten, und daß Sie mit mir helfen, daß möglichst viele mit uns die Dinge in diesen Zusammenhängen sehen.

Es ist nun freilich eine ganz gewaltige Erschwerung, daß wir mit diesem Aspekt allein dastehen unter den westdeutschen Landeskirchen und ich bin der letzte, der sich als württembergischer Christ deshalb irgendwie aufspielen wollte. Das ist mir gründlich vergangen. Das wird niemand weniger tun als der württembergische Landesbischof. Aber ich komme nicht darum herum, daß es mir nicht wohl dabei ist, daß die übrigen westdeutschen Landeskirchen zunächst im Jahr 1948 gesagt haben, der Währungsschnitt zwinge sie zu dieser ‚Notmaßnahme‘ des Lohnsteuerabzugs, und daß er heute nicht mehr als Notmaßnahme bezeichnet wird, sondern als die eigentlich für eine Volkskirche normale Lösung. Hievon bin ich noch nicht überzeugt. Ich weiß auch, daß die Lage in anderen Landeskirchen nicht ganz so einfach ist, wie das gelegentlich aussieht, übrigens einschließlich der katholischen Kirche in Württemberg. Ich habe die Entstehung der neuen Lösung ganz bewußt und persönlich miterlebt.

Volkskirche heute braucht Erziehung zum bewußten Christentum oder wenn man das nicht will, Abschied von der Volkskirche. Um die Arbeit geht’s, nicht ums Geld. Ich suche Euch und nicht das Eure. Das glaube ich mit gutem Herzen sagen zu können, freilich auch das Eurige dazu. Jawohl! Und ich würde wünschen, daß unsere Kirchen­pfleger und unsere Pfarrer und unser Oberkirchenrat auch vom Landeskirchentag einmal wieder den Mut gestärkt bekommen, so als Kirche vor ihre Glieder zu treten. Denn sonst kommen wir aus dem Nebel dieses bloßen Mitläufertums auch im 20. Jahrhundert nicht heraus. Und sonst kriegen die Freikirchen und die Neu­apostolischen eine neue Waffe gegen uns in die Hand, weil das nicht Volkskirche ist, sondern so ein bißchen allgemeine Volksbeeinflussung durch einen kirchlichen Apparat, wobei man bei den Amtsträgern voraussetzt, daß sie zur Sache stehen.

Glauben Sie nicht, daß ich nun Ihre Entscheidung hinterher korrigieren will. Aber ich möchte das Zerrbild korrigieren, das vom Landesbischof und von der württem­bergischen Kirchenleitung entworfen worden ist in den Debatten um die Kirchen­steuer im Land draußen. Es geht uns um etwas ganz anderes, als um die Erhaltung dieses etwas beschwerlichen Systems, von dem wir gar nicht überzeugt sind, daß es schon des Rätsels Lösung wäre. Aber es ist vielleicht der Start zu einer Weiter­entwicklung im Sinne der richtigen Autonomie der Kirche bis in ihre Ordnung hinein, während das andere vielleicht ein Schrittlein zurück ist. Ich habe noch nie gesagt, das eine sei die gläubige und das andere die ungläubige Lösung. Ich widerspreche auch dem, soweit das hier gesagt worden ist. Aber es gibt eine Kirchenleitung, die auch die Dinge der Ordnung in diesem Zusammenhang sieht, und zu der möchte ich gehören. Deshalb bitte ich, daß Sie das Ihrige tun, daß die Debatte um die Kirchen­steuer, die nun also weitergeht, weil wir die Entscheidung vertagt haben, ein bißchen in diese Linie kommt und aus der bloßen Frage, wie das Geld am besten eingeht, herauskommt, und daß ganz klar ist, es wäre auch gar nichts damit geschafft gewesen, wenn wir 100-prozentig beschlossen hätten, wir bleiben beim alten System und nicht miteinander auf allen Sparten sozusagen, in allen Gebieten die Kirchenzugehörigkeit ernst nehmen. Daß wir also einfach damit Schluß machen, daß jemand lebenslang völlig in der Unentschiedenheit bleiben kann, ob er nun eigentlich zur Kirche gehören will oder nicht.«

Quelle: Helmut Sigloch, Macht die Gemeinde stark. Landesbischof Martin Haug, Nürtingen: denkhaus Verlag 2017, S. 10-13.

„Der Götzendienst überschattet das ganze Leben“- Hans Joachim Iwands Predigt über das Erste Gebot (2. Mose/Exodus 20,2-3) im Juni 1942

11. Januar 2018

„Lichtdom“ beim Reichsparteitag der NSDAP 1936 in Nürnberg

Dass das erste Gebot eine eminent politische Bedeutung hat, zeigt Hans Joachim Iwand in seiner Predigt am 13. Juni 1942 im Wochenschlussgottesdienst in der St.-Marien-Kirche in Dortmund. So führt er aus:

Es hat in der Tat niemals an Verführern gefehlt, Gott und die Götzen in ein und demselben Tempel unterzubringen, sie ein und derselben Anbetung teilhaft werden zu lassen. Nein, wahrhaftig, an diesen Versuchern hat es nicht gefehlt und wird es nicht fehlen. Schon Aaron, dieser typische Vertreter des geschmeidigen Christen­tums, versteht diese Sprache zu reden: das Volk sei nun einmal böse, darum müsse man ihm solch ein Zeichen geben, in dem es Gott erlebt. Und während der eine, Mose, im heiligen Zorn die Tafeln des Gesetzes zerbricht, gibt sein priesterlicher Bruder dem Tanz ums goldene Kalb die religiöse Weihe! Ist dieser Stier, dies geheimnisvoll aufregende Lied der Lebenskraft, nicht viel passen­der, die Religiosität des Volkes zu entflammen, ihm neuen Mut und Enthusiasmus einzuhauchen — als jene Worte, die Mose aus der Wolke heimbringt? Das ist die sehr beredte, an uns gestellte Frage: Religion oder Offenbarung des lebendigen Gottes — Volksreligion oder Gehorsam gegen den leben­digen Gott! Volk und Kir­che stehen sich hier leidenschaftlich gegenüber, aber Mose nennt das, was das Volk unter Aarons Leitung tut, «Sünde» und vollzieht die Entscheidung «Her zu mir, wer zum Herrn gehört!». Da ist auf einmal das erste Gebot wieder da, da als Entschei­dung, als Prü­fung, als Ernüchterung in diesem Taumel der Begeisterung. Und im­mer wieder wird es so sein: Mose contra Aaron, Elias gegen die Baalspfaffen — einer gegen die vielen, aber doch der eine mit Gott, der eine, der mit Gott das Feld behauptet: denn «wenn sie auch wider dich streiten, sollen sie dennoch nicht wider dich siegen. Denn ich bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dich errette» (Jer 1,19).

Darum geht es im Gottesdienst der Kirche: was bestimmt diesen Gottesdienst? Was heißt überhaupt: Gottesdienst, heißt das, daß hier irgendein mehr oder weniger bestimmtes reli­giöses Gefühl der Menschen zur Darstellung kommt — oder heißt es, daß hier Menschen unter Gottes Wort, unter sein geschriebenes und vergebendes Wort treten? Ist die Wurzel des Gottesdienstes die Religion, also etwas, das mit dem Menschen, seinem Gefühl und seiner Weltdeutung gegeben ist — oder heißt es, daß Gott sich hier offenbart, daß Er redet und wir hören, Er gebietet und wir aufgerufen sind zu gehorchen? Religion — was kann das alles bedeuten? Wandeln sich nicht die Religionen? Und mit ihnen die Zeichen und Symbole? Ste­hen nicht viele Religionen und damit auch viele Götzen neben­einander, arische, indoger­mani­sche, romanische und was man nur will? Und dazwischen soll dann auch der christliche Gott stehen? In diesem Göttertempel? Dieser Gott will eben wieder frei werden, frei aus der Ver­mischung und Gleichmachung mit all den Göttern um ihn her, gehört werden als der, der als der eine „Ich“ zum Men­schen sagt: «Du» — du sollst! Er will vernommen werden in seiner Gnade: Ich bin dein — dein Gott! Und darum auch wieder in sei­nem: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir! Wollten wir das hören? Wollten wir uns neu entscheiden: Her zu mir, wer zum Herrn gehört? Haben wir uns entschieden für Mose gegen Aaron? Für den, der sein Gesetz offenbarte gegen den Tanz um das gol­dene Kalb? Oder meinen wir, beide auf einem Altar nebeneinander unterbringen zu können, auf demselben Altar, wo das Bild des Gekreuzigten steht, wo die Schrift als Wort Gottes liegt, solch ein Götterbild — und wenn es geschehen wäre? Darum der Kampf in der Kirche. Darum — mit demselben Recht und in demselben Sinn, wie Jesus im Tempel die Krämer vertrieb; denn dieser Gott will nicht, daß die Menschen mit ihm feilschen — er will allein, daß sie ihn hören! Und darum geht es auch allein, daß die Kirche, klein oder groß, hell oder zerbrochen, in alter oder neuer Form — wie­der das werde, wozu sie da ist: der Tempel Gottes, der Ort, da seine — nicht der fremden Götter Ehre wohnt. Das sollten wir wissen, wir, die wir in ihr leben — das sollte aber auch die Welt da draußen wissen; denn gerade um sie geht es, darum, daß unser Gottesdienst wirklich wieder Gott groß werden lasse, daß mitten in ihr Gott wohne, der sie lieb hat, so lieb, wie die Götzen gerade sich an ihr versündigen. Es liegt eine furchtbare Nemesis über die­sem Götzen­dienst der Menschen, eine Nemesis, die wenige durchschauen. Denn das erste Gebot bleibt das erste Gebot — und wer dem ersten Gebot widerstrebt, wird alle anderen auflösen müssen: es ist nicht gleich für die Menschheit, wen sie anbetet, der Götzendienst überschattet das ganze Leben und die geistige Sünde gegen Gott wird offenbar in der Krankheit am Körper des ganzen Volkes.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.