„Willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst“ – Hans Joachim Iwands Besinnung zur Weihnachtsgeschichte (Lk 2,8-14) von 1939

15. Dezember 2017

Jules Bastien-Lepage – The Annunciation to the Shepherds (1875, National Gallery of Victoria, Melbourne)

Da war Hans Joachim Iwand schon Pfarrer an der Marienkirche in Dortmund, als er 1939 für das Evangelischen Volksblatts für die Ostmark eine Besinnung zur Weihnachtsgeschichte schrieb. Großartig ist es, wie Iwand in der Verkündigung an die Hirten das Evangelium aufzeigt:

Nun seht, so wie der Glanz Gottes die Hirten in dieser Wundernacht um­fing, so umfängt er jeden, dem das Heil widerfährt: als unbegreifliche, überwältigende, unbegründete Gnade. Darum fürchten wir uns – aber Gott sagt: Fürchtet euch nicht! Warum denn nicht? Darum nicht, und zwar ein­zig und allein darum nicht, weil der Heiland geboren ist, der Retter, der Erlöser der Welt. Die Gegenwart Gottes, die uns umfängt, heißt Vergebung, Erlösung, heißt Freundlichkeit und Menschlichkeit. Das Licht, das die Nacht in den Tag wandelt, ist der helle Schein der großen Barmherzigkeit Gottes, der mitten hineinleuchtet in das Dunkel der Welt. Das allein hilft, das hören und das glauben; denn alles andere, was wir oder andere uns sagen, um unser erschrockenes Herz zu beschwichtigen, hilft da nicht. Wir haben Grund genug, uns zu fürchten, wenn wir auf einmal in die Ge­genwart Gottes gestellt werden. Es gibt nur eines, den Menschen dann frei zu machen von der Furcht, sein Herz und Gewissen froh zu machen, das ist diese Kunde: Der Heiland ist geboren. Darum, willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst. Er, Gott selber, legt seinen eingeborenen Sohn in die armselige Hütte der Welt, damit wir in ihm das allzeit gültige Pfand seiner Liebe hätten. Wenn das geschieht, wenn die Gnade Gottes größer wird als die Furcht, wenn uns dies Kind lehrt, wieder zu Gott Vater zu sa­gen – dann, ja dann ist das Wunder der Heiligen Nacht auch bei uns und an uns geschehen.

Es ist seltsam: was die Hirten lernten in dieser einzigen Nacht, lernt mancher sein Leben lang nicht. Er lernt es nicht, trotz Kirchengehen und Bibellesen. Es muß nämlich noch mehr hinzu­kommen, damit wir das ler­nen. Es muß mit der Geburt des Kindes auch in uns der Mensch geboren werden, der wieder glauben, hoffen und anbeten kann. Wie geschieht das? Wenn wir hören, wie die Hirten hörten, und glauben, was die Hirten glaub­ten: Euch ist heute der Hei­land geboren! Auf das Heute kommt es an und auf das Euch kommt es an. Wie es an einer anderen Stelle heißt: »Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht.« Heute – das heißt: So, wie du bist, so hat dich Gott lieb. Mitten in deine Lage, mitten in deine Not, mitten in deine Bedrängnis sendet er dir den Christus, den Er­löser. Wie mag unser Heute aussehen – das Heute des Kriegsjahres 1939? Gott allein weiß, wie vielfältig sein Gesicht ist. Aber seine Herrlichkeit ist nicht gebunden an Raum und Stätte. Er legt sein Kind in die Hände derer, die heute an unsren Grenzen die Wacht halten, er läßt das »Stille Nacht, Heilige Nacht« erklingen mitten im Kriegsgetümmel, er eint die Herzen derer, die heute getrennt sind, in die­ser Freude und in dieser Gewißheit: Uns ist heute der Heiland geboren. Vom Himmel her kam die Botschaft der Heiligen Nacht; so weit der Himmel reicht, läuft sie auch heute durch die wiete, wüste Welt:

Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volke widerfahren soll.
Denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus der Herr …

Hier der vollständige Text als pdf.

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Jesus Christus – Licht der Welt, wenn du vor unserem Lebenshaus stehst (Offb 3,20)

15. Dezember 2017

Uli Carthäuser / pixelio.de

Jesus Christus –
Licht der Welt.

Wenn du vor unserem Lebenshaus stehst,
erscheint unser Dasein in fahlem Licht,
bedeuten eigene Lebensvorstellungen kein Heil.

Dein Geist führe uns zur Tür des Glaubens,
damit wir uns für dich öffnen:

Unser Leben in dein Licht getaucht
spürt Hoffnung auf,
nimmt Liebe auf,
bleibt von Seiner Treue umhüllt.
Amen.

„Wer würde es wagen, neben ihm eine Ameise zu bemerken“ – Jan Twardowski über Gott und die Welt

14. Dezember 2017
Rossameise

Rossameise (Aufnahme Richard Bartz, Munich)

Die Welt

Gott hat sich verborgen, damit man die Welt sieht
würde er sich zeigen, gäbe es nichts anderes als ihn –
wer würde es wagen, neben ihm eine Ameise zu bemerken
die schöne böse Wespe, die sich emsig tummelt
den grünen Erpel mit den gelben Beinen
den Kiebitz, der seine vier Eier in Kreuzform legt
die Kugelaugen der Libelle, die grünen Bohnen
die Schnecke, die in ihrem Gehäuse den Weg
nach Außen geht und nach Innen
oder unsere Mutter, die bei Tisch vor kurzem noch
den Henkeltopf am drollig langen Ohr hochhob
die Tanne, die keine Zapfen, sondern Schuppen abwirft
all die Leiden auf dieser Erde … und all die Lust
beide tiefste Quellen des Wissens
Geheimnisse, die nicht groß und nicht klein
aber immer anders sind
die Steine, die dem Wanderer die Richtung weisen
die unsichtbare Liebe –
Er verdeckt nichts.

Jan Twardowski

„Ich werde Ihnen nicht mit dem Kaffeelöffel Theologie ins Ohr träufeln“ – Jan Twardowski über seinen Kinderglauben

9. Dezember 2017

Jan Twardowski (1915-2006)

Die Gedichte des polnischen Priesters Jan Twardowski sind Gespräche mit Gott oder Mitmenschen, die dessen Glauben geschöpflich verorten. Hier ein Beispiel:

Eine Klarstellung

Ich bin nicht gekommen, Sie zu bekehren, mein Herr;
im Übrigen sind mir alle alten Predigten entfallen.
Schon lange bin ich ohne jeden Glanz,
wie ein Held in Zeitlupe.
Ich werde Sie nicht langweilen mit Fragen,
wie Sie zum Beispiel zu Merton stehen,
Sie nicht anöden, indem ich auf etwas herumhacke
wie ein Truthahn mit dem roten Punkt auf der Nase.
Ich mache mich nicht schön wie eine Ente im Oktober,
und Tränen zum Eingeständnis aller Schuld
werde ich auch nicht vergießen.
Ich werde Ihnen nicht mit dem Kaffeelöffel
Theologie ins Ohr träufeln.
Ich werde mich einfach neben Sie setzen
und Ihnen mein Geheimnis anvertrauen:
Dass ich, ein Priester, an Gott glaube
wie ein Kind.

Jan Twardowski

„Umkehr ist Freude, Gott recht geben ist Freude“ – Evangelische Metanoia nach Julius Schniewind

6. Dezember 2017
rembrandt-die-rueckkehr-des-verlorenen-sohnes-1669

Rembrandt – Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (1669)

Der Neutestamentler Julius Schniewind (1883-1948) war es, der auf die Missverständlichkeit von „Buße“ aufmerksam gemacht und das Evangelium mit der Umkehr zusammengebracht hat. So heißt es in seinem Vortrag „Evangelische Metanoia“ von 1935:

Wir reden von Metanoia, ausdrücklich und absichtlich nicht von Buße. Das Wort Buße ist nämlich mit Vorstellungen behaftet, die genau an dem vorbeiführen, was die Bibel mit Metanoia meint. Buße heißt in unserer Sprache zunächst soviel wie Strafe. In Süddeutschland ist es noch gebräuchlich, von einer Geldbuße zu reden, wenn man Strafe zahlen muß, und in ganz Deutschland ge­braucht man noch so das Verbum, wenn wir von abbüßen reden: ich mache etwas wieder gut, indem ich es abbüße, indem ich willig die verdiente Strafe trage. Dies Abbüßen und Strafetra­gen hat dann in einer langen Geschichte der Bußdisziplin und der Bußübung in unserer Kirche die uns allen bekannte Form gewonnen: Buße ist Stimmung, Gefühl, Erregt-Sein, Angst; Buße heißt Tränen vergießen – so klingt es weithin durch unser Gesangbuch, so singt es die Arie der Matthäus-Passion, so gestalten es unsere Sitten beim Bußtag, am Karfreitag, am Syl­vester, so bestimmt es unsere Evangelisation. Aber dies alles geht an dem, was die Bibel mit Metanoia meint, noch ganz vorbei. Es kann ja sein, daß es, mehr als man oft denkt, so etwas wie Strafe gibt in unser aller Leben. Aber das Neue Testament ist merkwürdig sparsam im Gebrauch dieses Wortes und ähnlicher Worte; und wenn von Strafe gesprochen wird, so ist gemeint, daß das, was Abfall von Gott heißt, sich bis in die letzten Folgerungen in unserm Leben auswirkt (vgl. Röm 1, 20 ff.). Und es kann wohl sein, daß Umkehr und Buße auch Trauer, ja Tränen bedeutet (vgl. 2. Kor. 7, 9 f.). Aber das ist nur Begleiterscheinung einer bestimmten Wendung auf Gott hin. Die Begleiterscheinung kann völlig fehlen und die Wen­dung doch da sein. Es geht bei der Metanoia um Gott und nicht um Strafe oder Trauer.

Metanoia ist auch weit mehr als „Sinnesänderung“. Diese Übersetzung des griechischen Wor­tes, auf die man sich noch etwas zugute tut, ist einfach falsch. Kein Mensch hat in der Zeit des Neuen Testaments noch an die Etymologie des Wortes Metanoia gedacht, das Wort ist ebenso abgegriffen wie unser Wort Buße. Zudem ist Sinnesänderung etwas viel zu Harmloses, eine Verfälschung der biblischen Metanoia: Wir denken dabei an unsern Sinn, an unsere Psyche; stolz wendet sich der Mensch vom Äußerlichen ab und ändert seinen Sinn. Aber Gott begnügt sich nicht mit unserm Sinn, sondern er fordert die ganze Tat, all unser Tun bis ins kleinste; ja und er fordert auch unsern Sinn, unser innerstes Herz, aber nicht so, daß sich hier ein vortreff­licher, neugesinnter Mensch darstellt, sondern so, daß sich Sinn und Herz wie Tat und Werk zu Gott wenden. Metanoia heißt Wendung zu Gott. […]

Umkehr ist Freude! Bei Jesus ist, nun anders als beim Täufer, der Bußruf schrankenlos Evan­gelium, Freudenwort. Umkehr ist Freude, Gott recht geben ist Freude. Bei den Umkehrenden beginnt die Freude der messianischen Zeit, die Hochzeit, das Freuden-Mahl (Mk. 2, 15 ff.). Es ist Freude, daß von Gott her die Dinge zurecht gebracht werden, die verwirrt und ver­kehrt waren (Lk. 19, 6 ff.). Ja, der Bußruf selbst ist Freude. Die Bergrede, das Bußwort vor allen andern Worten der Bibel, sie ist umschlungen von Freude, sie ist Seligpreisung derer, die nichts haben, die vor Gott arm, niedrig, hungernd sind; die Trauernden und Wartenden werden seliggepriesen. Von da aus erst bekommen all die furchtbaren Worte ihren Klang, die Worte von der Hölle und vom Fluch und von der Schuld: Es gibt ja kein Wort der Spruchreihe von Mt. 5, 21 ff., das nicht den Hörer schrankenlos verurteilte. Zugleich aber klingen all diese Worte aus dem schrankenlosen Ja. Es ist wirklich möglich, daß das Auge ausgerissen wird, daß die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut, daß wirklich vergeben wird, wie der Vater vergibt, daß wirklich Worte geredet werden, die am Jüngsten Gericht bestehen, daß wirklich der Feind gesegnet und nicht verflucht wird: denn die Gotteskindschaft ist jetzt da. Was jeder Jude als ein Postulat, als ein Sein-Sollendes schon kennt, daß jeder einzelne vor Gott steht wie ein Sohn vor dem Vater, es wird hier als Wirklichkeit zugesprochen (Mt. 5, 16. 45. 48). Er, Jesus, der eine Sohn, spricht die Gotteskindschaft zu. Er spricht sie eben denen zu, deren Haß und Argheit nichts verdient hätte als das ewige Feuer, den ewigen Tod (Mt. 5, 45; 7, 11; 5, 21 ff.).

Er spricht den Gewinn des Lebens dem zu, der das Leben verliert (Mt. 16, 25), nein, vielmehr denen, die das Leben verloren haben, deren Leben dem Tod verfallen ist (Mt. 16, 26), für sie aber tritt er ein mit dem Einsatz des eigenen Lebens (Mk. 10, 45). Der selbst vor Gott gering und arm ist (Mt. 11, 29), der selbst ohne Trost, verlassen und hilflos ist (Mk. 14, 32ff.; 15, 34), Er, der Gekreuzigte, er selbst ist der Träger aller Seligpreisungen: der Tröster, der Evan­gelist, der Friedebringer, der eine Sohn. Er selbst ist unsere Umkehr zu Gott.

Hier der vollständige Text als pdf.

 

Das seelsorgerliche Gespräch im Schutzbereich des Namens (Helmut Tacke)

2. Dezember 2017

Abraham als der Empfangende (Wiener Genesis, 6. Jh.)

Im wahrsten Sinne sympathisch ist mir, was seinerzeit Helmut Tacke zur Seelsorge geschrieben hat: „Seelsorge im Namen Gottes eröffnet eine Perspektive, in der grundsätzlich dem um Hilfe ersuchenden Mitmenschen das Wort erteilt wird. Im Schutzbereich des Namens kommt der Seelsorgepartner zu Ehren. Die Struktur der Seelsorge zeigt die Umkehrung dessen, was im Gottesdienst geschieht. Seelsorge ist das Gegenstück der Predigt. Der redende Prediger wird zum hörenden Seelsorger.“ Hier der entsprechende Abschnitt aus seinem Buch „Glaubenshilfe als Lebenshilfe“:

Das seelsorgerliche Gespräch im Schutzbereich des Namens

Von Helmut Tacke

Evangelische Seelsorge geschieht im Namen Gottes. Vom Glanz und dem Schutz dieses Namens ist das Gespräch der Seelsorge von Anfang an umschlossen. Der Name ist die Vor-aussetzung dafür, daß es ohne Angst verläuft. Mitgebracht wird ja nicht nur die Angst des hilfesuchenden Menschen, sondern auch die Angst des Seelsorgers, der sich auf sein Hören und Reden nicht verlassen kann. Die Angst wird relativiert durch die Gegenwart des Namens. Dieser Name ermöglicht Gelassenheit und entkrampft die seelsorgerliche Begegnung. Kein missionarischer Erfolgszwang, kein Bekehrungsmethodismus wird von einer Seelsorge zugelassen, die unter dem Namen Gottes steht. Die Anwesenheit des Namens gibt dem Gespräch uneingeschränkte Freiheit.

Seelsorge im Namen Gottes wird auch Gelegenheit finden, im Gesprächsverlauf diesen Namen auszusprechen. Dann wird erkennbar, daß der Seelsorger nicht im eigenen Namen agiert, sondern die Interessen seines Herrn vertritt. Erkennbar wird zugleich, daß auch der Ge­sprächspartner kein Namenloser ist, denn Gott hat ihn« bei seinem Namen gerufen« (Jes 43,1). Es bedarf keiner künstlichen Transposition vom Weltlichen ins Geistliche, um diesen Namen Gottes ins Gespräch zu bringen. Er will genannt, aber nicht zum Gegenstand theolo­gischer Belehrung gemacht werden. Weil Gott in seinem Namen gegenwärtig ist, bedarf es nicht des Aktes einer seelsorgerlichen Vergegenwärtigung. Wohl aber bedarf die Seelsorge des Namens, denn er verleiht ihr Geistesgegenwart. Wird der Name ausgesprochen, so kom­muniziert er mit den Seelsorgepartnern. Er ist mitbestimmend im Gespräch, ohne es aufzulö­sen oder abzubrechen. Er wird genannt nicht proklamiert. K. H. Miskotte erinnert daran, daß im Alten Testament der Name Gottes nicht »gepredigt« oder »verkündigt« wird, sondern der Name wird »ergriffen, erkannt, erzählt, gefürchtet, gelobt, bekannt, auch wohl gesucht und erwartet«. Dieser Name ist nicht angewiesen auf die Kunst einer seelsorgerlichen Applikation. Er spricht für sich selbst. [77]

Es kann die Schwäche kirchlicher Seelsorge sein, daß sie gern stark sein will an eigener kerygmatischer Aktivität. Seelsorger fungieren oft als Exegeten und Interpreten einer Wirk­lichkeit, die sie für fein halten, so daß sie in der Anstrengung um ihre Vergegenwärtigung dogmatische Monologe führen. Im Namen aber ist Gott selber nahe. Seelsorge im Namen Gottes entlastet das Gespräch vom homiletischen oder katechetischen Lei­stungsdruck, läßt es aber auch nicht zum bloßen Beratungsgespräch im Sinne einer Konflikterhellung bei Assi­stenz von Welterfahrung und Lebenskunst entarten. Ist der Name mit im Gespräch, so gibt er die Freiheit zu einer Sorge um den Men­schen, die keine Grenzen kennt. Zugleich wird dieser Name den Mut zum Glauben wecken.

Evangelische Seelsorge mag sich in ihrer methodischen Durchführung streckenweise nur wenig von ihren säkularen Paralle­len unterscheiden, sie kann aber niemals eine namenlose Seel­sorge sein. Die Gegenwart des Namens Gottes kann sich auf keinen Fall mit einer Praxis verbinden, die den Menschen ma­nipuliert. Im Schutzbereich des Namens gilt dem sorgenden Menschen unerschütterliche Liebe und Geduld. Er hat ein Recht darauf, seine drückende Last abzulegen und auszubreiten.

Seelsorge im Namen Gottes eröffnet eine Perspektive, in der grundsätzlich dem um Hilfe ersuchenden Mitmenschen das Wort erteilt wird. Im Schutzbereich des Namens kommt der Seelsorgepartner zu Ehren. Die Struktur der Seelsorge zeigt die Umkehrung dessen, was im Gottesdienst geschieht. Seelsorge ist das Gegenstück der Predigt. Der redende Prediger wird zum hörenden Seelsorger. So befremdlich dem Predigthörer das Kanzelwort erscheinen mag, so befremdlich kann dem Seelsor­ger die Rede seines Partners klingen. Dann gilt es, sich die­ser befremdlichen Rede auszusetzen. Nichts kann ihre Unterbre­chung oder ihren Abbruch motivieren. Sogar die äußere Vor­aussetzung der Seelsorge ist zumeist konträr zu der des Got­tes­dienstes. Kommen die Menschen zum Prediger, so kommt zu­meist der Seelsorger zu den Menschen. Darin schon gibt sich die spezifisch adressatenorientierte Gestalt der Seelsorge zu er­kennen. Sie verweilt bei dem Menschen. Sie hat kein institu­tionelles Zuhause, sondern ist prinzipiell »unbehaust«, um. dem gefährdeten Menschen desto näher zu sein.

Uhsadel fordert eine Seelsorge, die den Menschen kirchlich in-[79]tegriert und in die Gebor­genheit führte. Die Stunde der Seel­sorge aber könnte eine ganz andere Bewegung notwendig ma­chen. Es könnte die Stunde des »Exodus« sein, die Provokation einer Seelsorge, die diri­gistisch Wege vorschreiben will, auf de­nen die Menschen der kirchlichen Regie unterstellt werden. Demgegenüber muß evangelische Seelsorge sich konsequent am Weg des Evangeli­ums orientieren. Er führt zu dem Armen in vielerlei Gestalt, in die Tiefe des profanen Gelän­des, wo die heimatlosen, ruhelosen und hilflosen Brüder Jesu Christi woh­nen. Dort wird unter dem Schutz des Namens Gottes, der die Stunde der Seelsorge qualifiziert, Trost und Sinnge­bung er­wachsen.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich bestimmte Konsequen­zen, die nicht zuletzt der zer­brechlichen Form des Gesprächs, das in jeder evangelischen Seelsorge das dominierende Ele­ment darstellt, eine erhöhte Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Es ist ein Gespräch unter ungewöhnlichen Voraussetzungen. Von Störungen bedroht, beweist es insgesamt eine Em­pfind­lichkeit, die auf unberechenbaren, spontanen Reaktionen be­ruht. Die Geschichte des seelsorgerlichen Gesprächs ist weit­hin eine Leidensgeschichte. Die grundsätzliche Gleichbe­rech­tigung der Partner wird oft durch ein eingefrorenes Amtsbewußtsein des Seelsorgers unterdrückt. An Offenheit und Flexi­bilität, die nötig sind, um jeder Wendung des Gesprächs gerecht zu werden, ist großer Mangel. Das Gespräch ist bedroht von seiner Entartung zum bloßen Redewechsel. Begründetes Schweigen als konstitutives Gesprächselement weckt allzu leicht eine Nervosität, die keinen Atem hat zum Warten.

Ohne Frage stellt das seelsorgerliche Gespräch an seine Partner hohe Ansprüche. Sie liegen nicht nur in der dialogischen Kunst, alles Reden aus der Stille des Hörens hervorgehen zu lassen und wiederum das eigene Wort für den anderen hörfähig zu machen. Die hohen An­sprüche des seelsorgerlichen Gesprächs betreffen bereits den elementaren, vom Medium Gespräch notwendi­gerweise vorausgesetzten freien Umgang mit dem Wort. Zum Gelingen des Gesprächs bedarf es von vornherein einer gemein­samen Ebene, die der erhofften verbalen Verständigung zur Ba­sis dient. Es bedarf der Fähigkeit zum Ansprechen und Aus­sprechen der eigenen Erfahrungen und Gefühle, die original ar­tikuliert werden müssen, weil es in der Seelsorge keine sche­matisch vorgeformten Ausdruckshilfen, keinen »Beichtspie-[80]gel« und keine Sprachmuster gibt, deren man sich bedienen könnte. Sogar ein biblischer Text ist zu­meist darauf angewie­sen, gesprächsgerecht vermittelt und also nicht nur ausgespro­chen, sondern auch umgesprochen zu werden. Der Wille, das eigene Leid oder das Betroffensein vom Leid des anderen mitzu­teilen, muß die Transformation von überwiegend emotionalen Inhalten in die sprachliche Äußerung vollziehen, – ein Vor­gang, dessen Verwirklichung nur selten gelingt, so daß er auf die Assistenz des schöpferischen Hörens angewiesen ist, weil oft bloße Andeutungen für das Ganze stehen und Unausgespro­chenes entschlüsselt werden muß. Es ist der hohe Anspruch an den Seelsorger, dieses Unaussprechliche zwischen den Worten seines Partners dennoch zu hören und zu verstehen. Anderer­seits besteht für diesen der Anspruch, dem er gerecht werden muß, darin, mit dem Schlüssel des Wortes das Gefängnis seiner seufzenden Gedanken aufzuschließen. Er muß sich äußern, also verbal nach außen bringen, wofür er doch im Grunde keine Worte hat. Ist schon jedes normale Gespräch, dem die Kommu­nikation gelingt, ein kunstvolles Ereignis, so steht die Sonder­form des Seel­sorgegesprächs unter noch größeren Erwartungen. Die Seelsorgepartner kommen einander mit ungewöhnlichen Zumutungen entgegen: um sich durch das Wort zu finden und zu helfen, for­dert jeder den Mut des anderen heraus, den Mut, über Herz und Stimme eine Kommunikation zu schaffen, die als »Notgemeinschaft« unmittelbare Entlastung bringt.

Quelle: Helmut Tacke, Glaubenshilfe als Lebenshilfe. Probleme und Chancen heutiger Seelsorge, Neukirchen-Vluyn 21979, Seiten 77-80.

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„Gottes Wort vertraut sich uns durch den Heiligen Geist an – das ist unser Glaube“ – Von Glaube, Prädestination, Heil und Verdammnis

1. Dezember 2017

Wie lässt sich der rechtfertigende Glaube an das Evangelium Jesu Christi verstehen? Gilt er als frei­willige Glaubensentscheidung, die Menschen sich selbst zuschreiben, wäre schlussend­lich das göttliche Werk der Versöhnung bzw. Erlösung in Jesus Christus vom menschlichen Werk des Glaubens abhängig, um wirklich zu sein. In Luthers Auslegung zum dritten Glaubensartikel aus dem Kleinen Katechismus heißt es hingegen:

„Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuch­tet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben“.

Ich glaube, dass ich nicht glauben kann. Mit diesem Paradoxon wird menschlicher Heilsglaube als göttliches Werk bestimmt. Der Heilige Geist schafft durch das Evangelium den Heilsglauben. Damit ist keine menschliche Heilsentscheidung, sondern ein menschliches Heilsvertrauen angesprochen. Man könnte dabei sagen: Gottes Wort vertraut sich uns durch den Heiligen Geist an – das ist unser Glaube. Das Evangelium schafft das Vertrauen in die göttliche Gerechtigkeit zu unserem Heil.

Daran schließt sich unweigerlich die Frage nach dem freien Willen an. In dem maßgeblichen evangelischen Lehrbekenntnis, dem Augsburger Bekenntnis wird in Artikel 18 festgehalten:

„Vom freien Willen wird so gelehrt, daß der Mensch in gewissem Maße einen freien Willen hat, äußerlich ehrbar zu leben und zu wählen unter den Dingen, die die Ver­nunft begreift. Aber ohne Gnade, Hilfe und Wirkung des Heiligen Geistes kann der Mensch Gott nicht gefallen, Gott nicht von Herzen fürchten oder an ihn glauben oder nicht die angeborenen, bösen Lüste aus dem Herzen werfen, sondern dies geschieht durch den Heiligen Geist, der durch Gottes Wort gegeben wird. Denn so spricht Paulus: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes“ (1. Kor 2,14).“

In zwischenmenschlichen Beziehungen haben Menschen von einem freien Willen auszu­gehen, so dass sie als verantwortlich Handelnde zu behandeln sind (und nicht als willenlose Marionetten). Bezüglich des Heils bei Gott kann es jedoch keine freien „Selbstbestimmungs­willen“ geben. Ist Heil nicht durch menschliche Entscheidung zu erhal­ten, sondern gottge­geben, müsste man von göttlicher Vorbestimmung (Prädestination) spre­chen. Der Gott hat uns durch das Evangelium Jesu Christi im geistwirkten Glauben zum Heil bestimmt. Auf diese Erwählung dürfen wir im Leben und im Sterben vertrauen – mit den Worten Paulus ge­sprochen:

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbe­stimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“ (Röm 8,28-30)

Reflektiert man – ganz menschlich – diese Vorbestimmung außerhalb der unbedingten Heils­zusagen des Evangeliums und damit außerhalb Gottes Wortes auf einen göttli­chen Willen, muss dieser Wille als willkürlich erscheinen. Denn ohne die Gegenwart von Gottes Wort können Menschen sich nur eine abstrakte Wahl vorstellen, als schwebe eine göttliche Hand über der Menschheit und würde nach eigenem Gutdünken Menschen für sich auswählen. Das „Gutsein“ der Erwählten wäre in der Wahrnehmung der Menschen kein moralischer Qualitäts­zustand (als „guter“ Mensch mit guten Werken), sondern wäre – als Vorherbestimmung des menschlichen Lebens zum ewigen Heil durch den irdischen Lebensweg hindurch – nichts anderes als eine Zufalls- oder Willkür­entscheidung Gottes: Die „beguteten“ Menschen sollen grundlos zum Heil bestimmt sein, die ande­ren jedoch nicht. In der Konsequenz dieser göttli­chen „Will­kürlichkeit“ würde sich das menschliche Vertrauen in Gott verlieren. Denn dieser würde ja in willkürlichen Auswahl den Menschen – ob erwählt oder verworfen – keine Ge­rechtigkeit erweisen. Hielt man sich als Christ dennoch an diesen Gott, bestünde für das eige­ne Gewissen eine unüber­windbare (Prädestinations-)Anfechtung.

Aus dieser reflexiven Aporie (Ausweglosigkeit) führt nur ein Weg heraus: Christen haben den Gott beim Wort zu nehmen. In seinem Wort – dem Evangelium Jesu Christi – zeigt sich seine heilschaffende Gerechtigkeit (vgl. Röm 1,16f), nicht aber in einem unerforschlichen göttli­chen Willen bzw. Ratschluss (vgl. Röm 9,11-23). Die Heilszusage in Jesus Christus ist nicht auf einen gött­lichen Willen (oder Unwillen) spekulativ zu hinterfragen. Die Heilszusage kann nicht auf eine wortlose Heilsbestimmung hintergangen werden. Durch ein Hinter­fragen wird vielmehr dem eigenen Misstrauen Vorschub geleistet. Um es mit einer zwischenmensch­lichen Beziehung zu verglei­chen: Wo Worte, bei­spielsweise Liebeserklärungen, auf den „wirkli­chen“ Willen hinterfragt werden („Liebst du mich wirklich?“), können diese Worte nicht län­ger Vertrauen schaffen oder behalten.

Jenseits des Vertrauens in die Zusage der göttlichen Gerechtigkeit in Jesus Christus gibt es für Christen keine Heilsgewissheit. Umgekehrt können Christen anderen Menschen das Heil in Jesus Christus nur zu- aber nicht absprechen, heißt es doch bei Paulus im Römerbrief: „Worin du den andern richtest, ver­dammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.“ (Röm 2,1; vgl. Mt 7,2; bzw. 1Kor 4,5).

Das christliche Zeugnis kann in der Verdammung von anderen keine Geltung finden, sondern allein im Evangelium. Da lässt sich einem Glaubensfremden gegenüber durchaus bezeugen: Außerhalb des Gotteswortes wie auch außerhalb des Glaubens an Jesus Christus sehe ich weder für mich noch für dich Erlösung von den Sünden bzw. Rettung im Jüngsten Gericht. Deshalb ist es für Christen unbedingt geboten, dass ihnen Gottes Wort immer wieder neu als Zusage gegenwärtig ist und dass sie anderen gegenüber dieses Heilswort auf den rechtfertigenden Glauben hin bezeugen.

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Die maßvolle Unterscheidung (discretio)

30. November 2017

Unter dem Begriff „Diskretion“wird im allgemeinen Zurückhaltung bzw. Verschwiegenheit bezüglich anvertrauten Informationen verstanden. Das lateinische discretio steht jedoch für Unterscheidung bzw. Urteilsvermögen. Die monastische Tradition hat die discretio als Tugend hervorgehoben und versteht darunter vor allem das situative Unterscheidungsver­mögen beim Maß-geben und Maß-setzen, das den einzelnen Menschen mit seiner individuellen Bedürfnissen und Veranlagungen berücksichtigt[1]. Benedikt von Nursia hat die discretio als „Mutter der Tugenden (mater virtutum)“ bezeichnet und sie besonders dem Abt eines Klosters anempfohlen[2]. Für die Leitung einer häuslichen Klostergemeinschaft, die auf der Grundlage einer schriftlichen Regel geschieht, ist in der Tat das situative Unterscheidungsvermögen wesentlich. Der Abt hat seinen einzelnen Klosterbrüdern mit deren je eigenen Physis und Psyche gerecht zu werden, ohne die Regelbindung preiszugeben. Wenn beispielsweise in der Benediktus-Regel 39 zwei gekochte Mahlzeiten am Tag als ausreichend angesehen werden, liegt es im Ermessen des Abtes, bei einer härteren Tagesarbeit einzelnen Mönchen „etwas mehr zu geben, wenn es guttut.“[3] Der Abt bedarf eines situativen Unterscheidungsvermögens, dem einem Mönch mit gutem Grund mehr zukommen zu lassen als den anderen. Kann er nämlich die Erhöhung der Tagesration nicht als Ausnahme rechtfertigen, wird er diese Lei­stung anderer Klosterbrüdern kaum verweigern können. Dadurch würde aber die Regel, der zufolge Übersättigung und Unmäßigkeit vermieden werden soll, aufgehoben.

Martin Luther hat aus seiner eigenen monastischen Erfahrung heraus in seiner Schrift Von der weltlichen Obrigkeit (1523) Fürsten angewiesen, gegenüber ihren Untertanen seine solche discretio zu wahren, wenn er schreibt:

„Es ist wie bei einem Hausvater: auch wenn er für sein Gesinde und seine Kinder genau Zeit und Maß für Arbeit und Kost festsetzt, so muss er diese Satzungen doch in seiner Macht behalten: er muss es also ändern oder nachlassen können, wenn der Fall einträte, dass sein Gesinde krank, gefangen, aufgehalten, betrogen oder sonst verhindert würde, und er darf bei Kranken nicht mit der gleichen Strenge verfahren wie bei Gesunden. Das sage ich deshalb, damit man nicht meine, es genüge und sei eine treffliche Sache, wenn man dem geschriebenen Recht oder den juristischen Ratgebern folgt. Es gehört mehr dazu.“[4]

Ähnlich schreibt Luther in seinem Traktat Von den guten Werken (1520):

„Es muss ein Herr auch klug genug sein, um sich’s nicht vorzunehmen, allezeit mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, auch wenn er kostbare, gute Rechte und die allerbeste Sache zu vertreten hätte. Denn vorausgesetzt, dass es den Untertanen nützlich ist, ist es eine viel edlere Tugend, am Rechte Schaden zu dulden, als am Gut oder Leib, da ja weltliche Rechte nur an zeitlichen Gütern hängen. Darum ist’s ganz närrisch, wenn einer sagt: ‚Ich habe ein Recht darauf; darum will ich’s im Sturm holen und festhalten, auch wenn alles Unglück für die andern daraus entspringen sollte.‘ […] Ebenso ist’s auch bei einem Herren, der einen Haufen von Leuten mit sich führt: er darf nicht wandeln und handeln, wie er selber will, sondern wie der Haufe es vermag; er muss mehr auf ihren Bedarf und Nutzen als auf seinen eigenen Willen und Gelüsten Rücksicht nehmen.“[5]

So rät Luther in Sachen Leitung zur Nachsicht: „Die Herren und Frauen sollen „nicht in herrischer Weise über ihre Knechte und Mägde und Arbeitsleute das Regiment führen. Sie sollen es nicht mit allen Dingen so sehr genau nehmen, zuweilen etwas hingehen lassen und um des Friedens willen durch die Finger sehen. Denn es können in keinem Stand alle Dinge allezeit nach der Schnur gehen, solang wir auf Erden in der Unvollkommenheit leben.“[6]

Das Beispiel aus der klösterlichen Hausgemeinschaft lässt sich durchaus auf ein Unternehmen übertragen. Ein Unternehmer wird des Öfteren mit Anfragen nach Ausnahmeregelungen seitens von Mitarbeitern konfrontiert. Es bedarf eines guten Urteilsvermögens, zu entschei­den, ob eine jeweilige Ausnahmeregelung für den einzelnen Mitarbeiter tatsächlich ange­bracht ist. Rigoros sich Ausnahmeregelungen zu verweigern oder pauschal allen Anfragen nach Ausnahmeregelungen stattzugeben sind beides keine angemessenen Lösungen. Das situative Urteilsvermögen ist jedoch nicht nur gegenüber den Ansprüchen von Seiten der Mitarbeiter erforderlich, sondern auch umgekehrt im Hinblick auf die angemessene Beauftra­gung der jeweiligen Mitarbeiter. Welcher Aufgabenumfang bzw. welche Stelle kann dem einzelnen Mitarbeiter im Hinblick auf dessen Fähigkeiten und Belastungs­grenzen übertragen werden, so dass er in seiner Tätigkeit gefordert, aber nicht überfordert ist? In der Manage­mentlehre wird hierbei von einem angemessenen job design gesprochen[7]. Die discretio eines Unternehmers steht also für das Urteilsvermögen hinsichtlich dessen, was seinen Mitarbeitenden innerhalb des Unternehmens zuzumuten ist.

[1] Vgl. Lambert, Art.: discretio, PLdS, Sp. 238f. Hinsichtlich einer philosophischen Ethik bzw. der Rechtslehre kann die discretio mit der Billigkeit (epieikeia/aequitas) verglichen werden. Vgl. Arist. EN V,14; Arist. Rhet. I,13,12-19; Thomas, STh II-II q 120; bzw. Hollerbach, Art.: Billigkeit, StL 1, 809-813.
[2] Regula Benedicti 64,19. Im Anschluß an Johannes Cassian, Collationes patrum, 2,4,4. Vgl. Einleitung zur Regula Benedicti, S. 37f.
[3] Regula Benedicti 39,6.
[4] Calwer Luther-Ausgabe 4, 49f.
[5] Calwer Luther-Ausgabe 3, 195f.
[6] Calwer Luther-Ausgabe 3, 200.
[7] Vgl. Malik, Führen Leisten Leben, 306-324.

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„Wenn der Glaube dem Tod nicht gewachsen ist, wird er zerbrechen“ – Helmut Tacke über Glaube und Anfechtung

28. November 2017

Da war Helmut Tacke schon krankheitsbedingt aus dem aktiven Pfarrdienst ausgeschieden, als er ein Jahr vor seinem Tod in der Mitarbeiterhilfe des CVJM einen kleinen Text über Glaube und Anfechtung veröffentlichte, der es immer noch in sich hat. Nichts mit einer Privatisierung des Glaubens, ist doch nach Tacke der „Regierungsbezirk des Glaubens […] größer als der meiner individuellen Existenz. Der Glau­be macht mich nicht weltentrückt, son­dern weltverant­wortlich. Ich werde durch die Kraft des Glaubens mithineingenommen in die »Leiden dieser Zeit« und in das »Seuf­zen alles Geschaffenen« (Röm 8,19ff).“ Hier der vollständige Text:

Glaube und Anfechtung

Von Helmut Tacke

Vielleicht ist das Wort zu groß für uns. Es erinnert uns an Luthers Glaubenskampf. Da geht es um Abgründe und Zerreißproben, in denen der Glaube sich bewähren muß. Machen wir über­haupt noch die Erfahrung, daß unser Glaube in Anfechtungen geprüft wird, oder sind wir gar der Meinung, daß wahrer Glaube mit Anfechtung nichts zu tun haben dürfe?

Die Bibel selbst hält aber an Begriff und Sache der ›Anfech­tung‹ fest. Unser Glaube hat immer auch mit Widerstand und Kampf zu tun – ob wir wollen oder nicht. Darüber hin­aus bringt das Wort ›Anfechtung‹ zum Ausdruck, daß es um eine Gefährdung des Glaubens geht, die nicht aus uns selbst erwächst, sondern an uns herantritt. Ich kann mich ins Unglück brin­gen, aber nicht in die Anfechtung. Anfech­tungen sind nicht selbstgemacht, sondern wir erlei­den sie. Anfechtung ist die Krisenzeit des Glaubens. Die Glaubenskrise ist wie alle Krisen ein ›Zeitgeschehen‹, eine herausge­nommene, eine qualifizierte Zeit, über die ich nicht be­stimme, sondern die über mich kommt. Darin liegt auch ein Trost. Für die Angefochtenen ist es wich­tig zu wissen, daß die Zeit der Anfechtung nicht bleibt, sondern zu Ende geht. Vor allem die letzte, die eschatologische Glaubenskrise ist begrenzt. Sonst wäre sie nicht durchzustehen (vgl. Mt 24,22).

Das enge Verhältnis, das zwischen Glaube und Anfechtung besteht, kann durch zwei kurze Sätze angesprochen wer­den:

  1. Die Anfechtung fordert den Glauben heraus.
  2. Der Glaube fordert die Anfechtung heraus. [254]

Zum ersten: Vieles kann dem Glauben zur Anfechtung werden: Glück und Unglück, Scheitern und Erfolg, Tiefes und Hohes. ›An und für sich‹ sind die verschiedenen Zu­stände und Erleb­nisse, die auf unser Leben einwirken, nicht eindeutig bestimmbar. Es sind keine ›Werte‹ im Sin­ne absoluter Größen. Aber sobald sie mich in meinem Glauben betreffen, können sie mir zur Anfechtung wer­den. Und dann fordern sie meinen Glauben heraus.

Herausgeforderter Glaube muß sich in Frage stellen las­sen und muß sich Fragen stellen las­sen. »Meine Tränen sind mein Brot geworden Tag und Nacht, da man täglich zu mir sagt: Wo ist denn dein Gott?« (Ps 42,4) Die Frage der anderen, die Frage nach der Gegenwart und Hil­fe Gottes wird dem Glaubenden zur Anfechtung. Der Glaube an den Beistand des Gottes Israels wird angesichts gegentei­liger Erfahrungen herausgefordert. Er muß sich der kriti­schen Frage nach Gott stellen, weil er sich der offenbar gottlosen Lebenswirklichkeit stellen muß. Was die ande­ren den Glaubenden fragen, ist plausibel und berechtigt. Die Antwort des herausgefor­derten Glaubens kann keine selbstsichere und keine leicht-fertige Antwort sein. Es ist das Cre­do eines Verwundeten. Es ist ein Glaube, der sich aus tiefer Angefochtenheit erhebt: »Was bist du so aufge­löst, meine Seele, und stöhnst in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen für das Heil seines Angesichts« (Ps 42,6 [Elberfelder Bibel]).

Das Bild und der Vorgang des ›Herausforderns‹ macht an­schaulich, daß sich der Glaube nicht bei sich selbst verber­gen kann, sondern daß er sich den konkreten Widerfahrnissen des Lebens aussetzen muß. Der Glaube an den in Christus offenbaren Gott ist keine religiöse Provinz, kei­ne unangreifbare Ideologie, sondern ist eine Erkenntnis in Spannung zu anderer Erkenntnis und eine Kraft in der Be­gegnung mit anderen Kräften. Aus diesem Grunde ist der Glaube auch verwundbar, anfechtbar. Eine »feste Burg« (Ps 46) wird nur Gott selbst genannt, nicht unser Glaube.

Angefochtener Glaube spricht nicht von der eigenen Gläubigkeit, sondern von dem, an dem der Glaube hängt. [255] Angefochtener Glaube konzentriert sich auf das Wesentli­che. We­sentlich im Prozeß des Glaubens ist die Bewegung des Sich-Verlassens. Wer sich auf Gott verläßt, der verläßt sich selbst. Solcher Glaube weiß um die Verläßlichkeit der Treue Gottes und um die Fragwürdigkeit alles Eigenen. Angefochtener Glaube verliert darum das primäre Inter­esse am eigenen Ich zugunsten der Freude am Du Gottes. In dieser Krisenzeit des Glau­bens tritt die ›eiserne Ration‹ des Glaubens in Erscheinung und in Kraft: das Vermögen, unterwegs zu sein, unterwegs auf dem Weg von Adam zu Christus.

»Vom Tode, von der Furcht des Todes, hebt alles Erkennen an« (Franz Rosenzweig). Die schwerste Anfechtung ist die Todesanfechtung. Sie fordert den Glauben am stärksten heraus. Wenn der Glaube dem Tod nicht gewachsen ist, wird er zerbrechen. Hält aber der Glaube der Herausforde­rung stand, die der Tod für ihn bedeutet, so hat er Gott er­kannt als den, der die Toten lebendig macht. Auf diese entscheidende Glaubenserfahrung durch die Anfechtung des Todes ist Paulus konzentriert, wenn er den Korinthern von der Todesgefahr berichtet, in die er auf einer seiner Reisen hineingeraten ist: »… daß wir über die Maßen be­drängt waren und über unsere Kraft, so daß wir am Leben verzagten und es bei uns selbst für beschlossen hiel­ten, daß wir sterben müßten. Das geschah aber, damit wir un­ser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt«(2Kor 1,8f).

Die Todesanfechtung fordert den Glauben derart heraus, daß sich unser Vertrauen in keinem Sinne länger auf uns selbst, sondern allein auf Gott richtet, der dem Menschen des Todes die Treue hält. Paulus schreibt, daß gerade so die Trostlosen getröstet werden. In diesem Zusam­men­hang gilt auch die seelsorgerliche Regel, daß nur die in An­fechtung Erfahrenen die Ange­fochtenen trösten können. Was dem angefochtenen Glauben zu glauben bleibt, ist ge­nug zum Leben und zum Sterben. Dem Glauben bleibt die Abwendung von der Selbst-Erfahrung und die Hinwen­dung zur Christus-Erfahrung. Denn unser Leben »ist ver-[256]borgen mit Chri­stus in Gott« (Kol 3,2). Mein Ich ist in Chri­stus »aufgehoben« – im doppelten Sinn dieses Wortes. Der angefochtene Glaube lernt, das loszulassen, was ein unan­gefochtener Glaube gern fest­halten möchte: die Illusion, aus sich selbst leben zu können. An dessen Stelle tritt die Glau­benserfahrung: daß ich »von Christus ergriffen bin« (Phil 3,12).

Die Anfechtung macht den Glauben notwendig. Er wen­det die Not der Gefangenschaft in der eigenen Ich-Ver­schlossenheit. Die Anfechtung macht mich arm vor Gott. Darum entspricht dem angefochtenen Glauben die Ar­mut »im Geist« (Mt 5,3). Die Glaubensanfechtung ist die Kraft eines ›destruktiven‹ Eingriffs, der den sich selbst konstruierenden ›alten‹ Menschen auf­stört und zur Um­kehr bewegt. So wird die scheinbar negative Intention der Anfechtung zu einem Impuls, daß ich mich nicht bei mir selbst, sondern bei Christus suche und finde.

Zum zweiten: Fordert die Anfechtung den Glauben her­aus, so gilt auch das Umgekehrte: daß der Glaube die An­fechtung herausfordert. Weil der Glaube mich nicht nur mit mir selbst befaßt sein läßt, sondern mich auch mit der Welt, in der ich lebe, verbindet – und zwar ›ver­bindlich‹ –, werden mein Interesse und das Maß meiner Betroffenheit erweitert. Der Glaube geht mich an, nicht nur privat, son­dern auch politisch. Der Regierungsbezirk des Glaubens ist größer als der meiner individuellen Existenz. Der Glau­be macht mich nicht weltentrückt, son­dern weltverant­wortlich. Ich werde durch die Kraft des Glaubens mithineingenommen in die »Leiden dieser Zeit« und in das »Seuf­zen alles Geschaffenen« (Röm 8,19ff).

Daraus erwächst meinem Glauben neue und gefährliche Anfechtung. Der Bereich dessen, »was mich unbedingt angeht« (P. Tillich), wird ausgeweitet. Unter der Zustän­digkeit des Glaubens werden fremde Sorgen und Ängste zu meinen eigenen. Die Erlösungsbedürftigkeit dieser Er­de wird mir bewußt, und dieses wachsende Bewußtsein wird mir zur Anfechtung. Der Glaube selbst also fordert diese Anfechtung heraus, denn er gerät zu meiner Welt, so [257] wie sie ist, in Dissonanz. Gerade die Erfüllung, die dem Glauben verheißen ist, wirkt als Widerspruch zur Realität. Die Botschaft, daß die Erde »des Herrn ist« (Ps 24), wird ange­sichts der irdischen Leidensgeschichte zur Anfechtung. Die Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung als Kernstück des christlichen Glaubens muß dem zur An­fechtung werden, der die Spannung im Glauben zu tragen und zu ertragen versucht. Gerade der Verheißungsglaube an die kommende Erlösung ist ein angefochtener Glaube. Er darf sich dieser Anfechtung nicht entledigen. Das gan­ze 8. Kapitel des Römerbriefs möchte uns einüben in das Annehmen die­ser dem Glauben mitgegebenen Anfech­tung. Wir sind gerettet, »doch auf Hoffnung« (Röm 8,24). Weil der Glaube noch nicht zum Schauen wird (2Kor 5,7), gehört die Anfechtung zum Glauben. Und weil Glaube und Anfechtung zusammengehören, dürfen sie nicht voneinander getrennt werden. Glaube ohne Anfechtung wird zur »securitas« (falsche Sicherheit); Anfech­tung ohne Glaube führt zur »desperatio« (Verzweiflung). Ihre Verbun­denheit zu gegenseitiger Herausforderung ist das Geheimnis ihres Zusammenwirkens. »Denn mit der Tiefe unserer Anfechtung wächst auch die Erkenntnis von der Größe der Herrlichkeit und Gnade Gottes!« (Hans Joa­chim Iwand)

Zuerst veröffentlicht in: Mitarbeiterhilfe des CVJM 4, 1987, S. 24-26.

Quelle: Helmut Tacke, Mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Beiträge zu einer bibelorientierten Seelsorge, Neukirchen-Vluyn 1989, S. 253-257.

Hier der Text als pdf.

„Arm ist die Krippe, aber reich ist der Schatz in dieser Krippe“ – eine Weihnachtspredigt über Kolosser 2,3 von Helmut Tacke (London 1985)

27. November 2017

Helmut Tacke (1928-1988)

Über die Weihnachtspredigt Helmut Tackes, gehalten 1985 in London, schreibt Christian Möller zu Recht: „Die Weihnachtspredigt über Kolosser 2,3 scheint mir ein treffliches Beispiel für den seelsorgerlichen Prediger Helmut Tacke zu sein, der um das innere Mitgehen der Gemeinde gleichsam wirbt und dabei der erste Hörer seiner eigenen Predigt ist. Diese Predigt ist ganz und gar dialogisch angelegt, sowohl in äußerer wie noch mehr in innerer Hinsicht. Leidenschaftlich wirbt der Prediger um das Mitgehen und um die innere Zustimmung der Gemeinde zu einer Verborgenheit, die uns zum Heil geschieht. Ganz persönlich spricht Tacke die Menschen an: »Erlauben Sie mir ein persönliches Wort. Als Pastor und als Prediger ist genau dies das Problem meines Berufes. Ich muß predigen von einer Wirklichkeit, die verborgene Wirklichkeit ist.« Er redet den Menschen nicht aus dem Herzen, sondern zum Herzen von einer Wirklichkeit, die gerade um des Menschen willen außerhalb seiner selbst bleiben muß, in Christus. Gerade so kommt Christus den Menschen zugute, wenn er »extra nos pro nobis« zum Heil des Menschen wird.“

In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ (Kolosser 2,3)

Ich möchte versuchen, Sie heute Abend für diesen Satz zu gewinnen. Denn dies ist der Zu­gang zu Weihnachten. So große Dinge dürfen wir von diesem Kind in der Krippe sagen. In Ihm finden wir alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß hier in diesen Worten die Geschichte Jesu Christi so hell, so umfassend und bedeutungsvoll zur Sprache kommt, wie nur selten im Neuen Testament. Jesus steht nicht im Gegensatz zu menschlicher Weisheit und Erkenntnis. Sondern bei Ihm kommt alle Weisheit und Erkenntnis zum Ziel. Es ist sehr bemerkenswert, daß dieses Kind von Bethlehem mit aller ernsthaften Weisheit und Erkenntnis im Bunde steht. Keine Rede davon, daß der Glaube an Jesus, wie einige sagen, blind mache etwa für die Kunst oder für die Wissenschaft. Wenn Weisheit und Erkenntnis, so wie unser Schriftwort davon redet, für alles einsteht, was uns geistig und seelisch bewegt, dann kann man nur sagen, daß Jesus damit nicht konkurriert, sondern damit im Bunde steht. Bei ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Das Jesuskind ist ein reiches Kind. Arm ist die Krippe, aber reich ist der Schatz in dieser Krippe. Ein Schatz, der alle Weisheit und Erkenntnis umfaßt. Meist wird die Armut Jesu betont. Aber heute geht es um seinen Reichtum. Ich habe allen Grund, mich zu einer kühnen Interpretation aufzuschwingen und zu sagen: Alles Denken und Forschen der Menschheit ist christuszentriert. Alle Wissenschaft sammelt sich bei ihm. Die Griechen sagen: Dieses Kind ist zugleich der Kosmokrator, der Mittelpunkt der Welt. Weihnachten, Passion, Ostern und Wiederkunft Christi – das ist die Kette des Lebens. Das ist die welterhaltende und welterlö­sende Kraft. ›Das ewge Licht geht da herein, gibt der Welt einen neuen Schein.‹ Bei ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis versammelt. Diese Schatzkammer ist ohne Gren­zen. Zu Bethlehem wird der geboren, in dem sich alle irdische und überirdische Weisheit erfüllt. Und wer ihn, den Christus der Welt erkennt, der ist auf geheimnisvolle Weise verbun­den mit allen, die gar nicht anders leben können, als auf der Suche nach Weisheit und Er­kenntnis. Ich leide darunter, daß wir Christen unseren Herrn so oft zu einem engen und mora­lischen Kirchenchristus machen. Als sei er gekommen, um eine Sekte zu gründen. Aber in Wirklichkeit ist er ein Weltchristus. Die Kirche ist eigentlich nur dafür da, um das der Welt zu sagen. Das Licht der Welt, das in ihm erschienen ist, hat es nicht nötig, alle anderen Lichter auszulöschen, sondern dieses Licht der Welt verkündet sich mit unseren Lichtern. Z. B.: das Licht der Freude. Unsere Freude ist auch seine Freude. Oder die Sehnsucht. Er verachtet sie nicht, sondern unsere Sehnsucht, unsere Lebenssehnsucht wird aufgenommen von seiner Menschenliebe. Oder der Friede, privat und politisch, Ziel unserer Sehnsucht. Auch unsere Friedenssehnsucht bringt uns zu ihm. Oder die Weisheit und Erkenntnis, daß wir vergänglich sind, daß wir sterben müssen. Auch das führt uns zu ihm. Oder unsere Hoffnung auf das Blei­bende. Daß wir – trotz des Todes, nicht vergehen, sondern bleiben möchten, in Ewigkeit blei­ben möchten, – auch damit sind wir bei ihm in guten Händen. Denn unsere Bleibe ist nicht bei uns, sondern bei ihm.

Alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis. Ich kann nicht ermessen, was das alles umfaßt. Aber mit der Geburt dieses Einen ist alles in Bewegung geraten. Ich liebe das englische Wort ›involved‹, weil es so gut das System der Beziehungen beleuchtet. Also: In diese Christusge­schichte von Bethlehem ist die Geschichte aller Jahrhunderte und aller Generationen »invol­ved«.

›Alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis sind verborgen in ihm.‹ Wieso eigentlich ver­borgen? Liebe Gemeinde, sollten Sie diese Frage haben, und ich hoffe es fest, dann möchte ich mir eine besondere Mühe geben, um Ihnen zu antworten: Wer das Kind in der Krippe ansah wie die Hirten oder später die Weisen aus dem Morgenland, der sah ein Kind, dessen Unterschied zu anderen Kindern höchstens darin zu sehen war, daß dieses Kind kein Bett, sondern eine Futterkrippe hatte. Kein Leinen, sondern Stroh. Ein Armeleute-Kind. Daß in der Krippe von Bethlehem die Schätze der Weisheit und der Erkenntnis lagen, konnte niemand sehen. Darum sagt unser Wort: sie sind verborgen, diese Schätze. Ich glaube, daß der ganze Reichtum dieses Kindes und des späteren Mannes Jesus von Nazareth für menschliche Augen verborgen war. Die ganze Geschichte Gottes auf Erden – sie ist als Heilsgeschichte eine ver­borgene Geschichte.

Erlauben Sie mir ein persönliches Wort. Als Pastor und als Prediger ist genau dies das Prob­lem meines Berufes. Ich muß predigen von einer Wirklichkeit, die verborgene Wirklichkeit ist. Ich muß zum Glauben aufrufen, aber ich kann dem Glauben keine Beweise liefern. Und das ist schwer. Eine Wirklichkeit zu predigen, die noch nicht vor aller Augen ist. Einen Herrn zu predigen, den die anderen für verschollen halten. Eine Erlösung zu predigen, die andere Menschen für unmöglich halten. Aber so ist das eben. Der christliche Glaube hat es zu tun mit einer Wirklichkeit, die noch verborgen ist. Die Erlösung der Welt – noch verborgen. Der Sinn meines Lebens – noch verborgen. Aber verborgen ›in Ihm‹. Vielleicht sollte man den christli­chen Glauben ganz einfach so beschreiben: Wir suchen, wie alle Menschen, nach den verbor­genen Schätzen, der Erkenntnis, aber wir suchen sie bei Ihm. Auch die Christen sind Suchen­de und nicht Habende. Es ist ganz gut, daß diese Schätze noch verborgen sind. Das schließt den Hochmut aus. Weil noch keiner von uns am Ziel ist, sind wir alle unterwegs. Wir mitein­ander. Aber die Weihnachtsbotschaft ruft uns auf seinen Weg. Uns miteinander. Der Sinn unseres Lebens liegt bei Ihm. Die Erlösung der Welt liegt bei ihm.

Im übrigen denke ich, geht es Ihnen wie mir: Die in Christus verborgenen Schätze sind mir lieber als die schillernden religiösen Perlen, die auf der Straße liegen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus, unsrem Herrn.

In Ergänzung das Porträt über Helmut Tacke geschrieben von Christa Lauther und Christian Möller aus: Christian Möller (Hg.), Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Band 3 (Göttingen 1996) als pdf.