„Von Anfang an“ – erste Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wortschatz unseres Glaubens“

28. August 2016

Altarbibel (Luther 84)

In evangelischen Kirchengebäuden liegt auf dem Altar gewöhnlich eine aufgeschlagene Bibel. Sie soll die Gegenwart des Wortes Gottes symbolisieren. Aber damit ist noch nicht gesagt, wie Gottes Wort aus der Bibel zur Sprache kommt. In einer achtteiligen Predigtreihe möchte ich durch das Alte und Neue Testament führen und das jeweilige Erzählgeschehen für unser Christsein erschließen. Anregung hierzu ist die kleine Schrift Lesslie Newbigins „A Walk Through the Bible“. Hier die erste Predigt mit dem Titel „Von Anfang an“. Als Lesungen liegen 1Mose 1,1-4a.26-28.31a; 2,1-4a sowie Johannes 1,1-5.9-13 der Predigt zugrunde.

„Buch der Bücher“ – so wird die Bibel zu Recht bezeichnet. Genauer gesagt geht das deutsche Wort „Bibel“ auf die griechische Pluralform „Biblia“ zurück, meint also „Bücher“ und zwar die 39 (bzw. 46) Bücher des Alten Testaments sowie die 27 Bücher des Neuen Testaments, somit eine eigene Bibliothek. Sie enthält all diejenige Schriften, die in einem christlichen Gottesdienst unter dem Anspruch „Wort Gottes“ laut vorgelesen werden und damit in der Kirche als „Heilige Schrift“ gelten.

Über Jahrhunderte hinweg war die Bibel das eine „Bücherbuch“, das Menschen in Europa präsent gewesen ist, zunächst durch Lesungen im Gottesdienst, später dann auch in gedruckten Bibelausgaben. Dort finden sich zwischen zwei Buchdeckeln die biblischen Bücher in eine zeitbestimmte Reihenfolge angeordnet, angefangen von den alttestamentlichen Geschichtsbüchern, den Lehrbüchern sowie den Prophetenbüchern hin zu den neutestamentlichen Geschichtsbüchern, den Briefen und schließlich dem prophetischen Buch der Offenbarung, alles zusammen auf 1400 Buchseiten gedruckt. Ganz entscheidend war hierfür, dass Martin Luther die hebräische Buchsammlung des Alten Testaments sowie die griechischsprachige Buchsammlung des Neuen Testaments in ein eingängiges Deutsch übersetzt hatte, so dass 1534 seine Bibelübersetzung zum ersten Mal bei Hans Lufft in Wittenberg komplett im Druck erschien. Als dann Carl Hildebrand Freiherr von Canstein 1710 in Halle sein Vermögen in eine eigene Bibelanstalt mit einem „stehenden Satz“ investierte, ließ sich fortan die Luther-Bibel kostengünstig als „Handbuch“ im Oktavformat in hohen Auflagen drucken. Somit konnten auch weniger vermögende Menschen die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments in der eigenen Hand halten und zur eigenen Erbauung lesen.

lutherbibel 1534

Anfang der Luther-Bibel von 1534

Wie liest sich eigentlich die Bibel als Gottes Wort an uns Menschen? Mitunter scheint es, als wäre die Bibel eine Spruchsammlung oder Anthologie für unser Leben, aus der wir Bibelverse auswählen sollen, die uns persönlich zusagen. So handhaben wir es ja bei den biblischen Tauf-, Konfirmations- und Trausprüchen. In der Tat finden sich ganz starke Worte in der Bibel, die dem eigenen Leben zuzusprechen sind, man höre nur aus dem Hohelied der Liebe:

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz,
wie ein Siegel auf deinen Arm.
Denn Liebe ist stark wie der Tod
und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.
Ihre Glut ist feurig
und eine Flamme des HERRN,
sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen
und Ströme sie nicht ertränken können.
Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte,
so könnte das alles nicht genügen.

(Hohelied 8,6-7)

Und dennoch können einzelne Bibelverse für sich gelesen nicht die ganze Botschaft enthalten. Ja, es gibt in der Bibel das Buch der Sprüche und auch das Buch der Weisheit. Aber diese Bücher sind im biblischen Kanon anderen gegenüber nachgeordnet. Die Bibel hat mehr zu bieten als Weisheiten und Weisungen für ein gelingendes Leben. Sie lädt uns vielmehr in ein Geschehen ein, das unermesslich größer ist als unser eigenes Leben. Wir sollen uns mit unserem eigenen Leben in die Bücher der Bibel hineinlesen, damit wir bei deren Geschehen mit dabei sind. Wo wir beim Lesen den roten Faden des Erzählgeschehens aufnehmen, finden wir uns selbst wieder in der Gegenwart Gottes, wird das Geschehen auch für uns verbindlich. Der katholische Bibelübersetzer Fridolin Stier (1902-1981) hat über solch „eindringliches“ Bibellesen Folgendes geschrieben:

„Wenn ich das Buch öffne, betrete ich geheiligte Stätten. Sinai und Zion, der Berg, darauf der Herr geredet, der Hügel, auf dem er gelitten, die Felsenkammer, daraus er sich lebend erhoben, sie nähern sich mir. Ich erfahre wundersame Gegenwart des zeit- und räumlich Fernen … Wenn ich das Buch öffne, wandelt sich mir, durch all mein entfernendes Wissen hin, das Dort in ein wahres Da, das Damals in ein wirkliches Jetzt. […] Ich bin am Ort, da er redet. Auch wenn er sehr still ist an der Stätte, auch wenn er mir schweigt in den Worten, die ich höre, so weiß ich doch: der Redende ist da. – Ich halte mich hörend ihm hin. Ich muss warten.“[1]

Wer in der biblischen Geschichte entscheidend handelt, sind nicht Menschen, sondern der eine Gott, der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Gott hat getan, bevor Menschen zu tun bekommen. Schauen wir uns die Abfolge der biblischen Bücher im Alten und Neuen Testament an, geht göttliches Geschehen jeweils menschlichen Weisungen voraus.

Die Bibel enthält Gottes Geschichte mit den Menschen – seine Taten, seine Weisungen und seine Verheißungen. Das Besondere daran ist, dass diese allumfassende Geschichte als Geschichte eines Volks, nämlich Israel, und im Besonderen als Geschichte eines Menschen aus diesem Volk, nämlich Jesus Christus, erzählt wird. Wir Deutsche – wie auch andere Völker – kommen in der Bibel nicht namentlich vor, obwohl wir von dem, was damals in Israel und Palästina geschehen ist, genauso mitbetroffen sind.

Die Gottesgeschichte wird aus dem Blickwinkel des einen Volkes Israel erzählt – ein Volk, das dieser Gott zu Beginn der Geschichte auserwählt hat. Es ist ihm Träger seiner Verhei­ßung. Das auserwählte Volk ist nicht über alle Zweifel erhaben. Es wird vielmehr in Mitleidenschaft gezogen, kann seiner Berufung irrewerden, muss viel aushalten und immer wieder Unheil ertragen. So wird in der Bibel die Geschichte einer fordernden, erlittenen, bewährenden und erlösenden Erwählung erzählt. Und bei all dem was geschieht behält dieser Gott das erste und letzte Wort.

Genesis 1 Hebräisch

So lasst uns nun dem ersten Wort der Bibel, also dem göttlichen Anfangswort zuwenden. In der hebräischen Bibel ist das erste Buch Mose mit dem ersten Bibelwort überschrieben: „Bereschit“ – auf Deutsch „am Anfang“. „Am Anfang schuf der Gott Himmel und Erde“ heißt es kurz und bündig. Die Bibel erzählt keinen Schöpfungsmythos, kein Machtkampf zwischen Göttern, bei dem die irdische Schöpfung als göttliches Abfallprodukt erscheint. Stattdessen lesen wir in Psalm 33:

Der Himmel ist durch das Wort des HERRN gemacht
und all sein Heer durch den Hauch seines Mundes. […]
Denn wenn er spricht, so geschieht’s;
wenn er gebietet, so steht’s da.

(Psalm 33,6.9)

Der Gott spricht wirklich, ruft seine Schöpfung wörtlich ins Leben. Am Anfang steht keine autogene All-Werdung, wo sich die Natur natürlich vervielfältigt als physikalische Kosmogonie und als biologische Evolution. Weder Ursprung noch Urknall werden beleuchtet; vielmehr werden uns Himmel und Erde mit allen Gestirnen, mit allen Lebewesen zu Land, zu Wasser und in der Luft als herrliche Wirklichkeit Gottes vorgestellt. Als Bibelleser betreiben wir keine Ursachenforschung, sind weder Weltraumforscher noch Naturwissenschaftler, sondern göttliche Geschöpfe, Ebenbilder unseres Schöpfers. Noch einmal Fridolin Stier:

„Das All ist nicht allein, das All ist nicht – alles. Es ist jemand bei ihm und über ihm: sein Schöpfer. Der Mensch ist nicht allein in der Einöde des Alls, des dunklen Welturgrundes letzte Ausgeburt: er hat ein DU. – Darum steht die Menschheit in ihrer Geschichte nicht allein: sie führt kein Selbstgespräch, sie spielt kein Monodrama. – Es ist einer da, der sie ruft und ihre Antwort will; es ist der andere da, der in all ihrem Handeln mit im Spiele ist. – Er selber hat dieses Drama veranstaltet und eröffnet mit dem Worte: „Lasset uns Adam (Menschen) machen, nach unserem Bilde, uns ähnlich.““[2]

In sechs göttlichen Werktagen wird uns die Schöpfung erzählt. Weltall, Erde, Natur und Leben zeigen sich darin als göttliche Anordnung und finden schlussendlich Gottes Wohlgefallen: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1Mose 1,31). Wir sollen uns selbst in unserem Lebensraum als göttliche Geschöpfe wiederfinden, damit wir wissen, wem wir unseren Gehorsam und unser Vertrauen schuldig sind. Kein Ort tut sich in dieser Welt auf, den wir für selbst besitzen. Kein Raum schließt sich, in dem wir nicht unseren Gott als Schöpfer anrufen können und sollen. Sechs erzählte Tage führen uns in das große Gotteslob der Schöpfung, die göttliche Bestimmung unseres Menschseins. So heißt es im reformierten Westminster-Katechismus (von 1647): „Die vornehmste und höchste Bestimmung des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und ihn vollkommen zu genießen in alle Ewigkeit.“

Das Leben der Geschöpfe läuft auf den siebten Tag zu, den besonderen Ruhetag, an dem der Gott selbst von allen seinen Werken ruhte. In diese Gottesruhe sind wir eingeladen. Der Kirchenvater Augustinus hat dies in seinen Bekenntnissen (Confessiones) eindringlich zur Gebetssprache gebracht:

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.
Denn auf dich hin hast du uns geschaffen.“[3]

Doch wie sieht es zwischen Gott und der Menschheit wirklich aus? Keiner vermag zu sagen: „Alles in bester Ordnung“. So vieles was zwischen, durch und an Menschen geschieht – ob böswillig, fahrlässig oder mit besten Absichten – widerspricht der Schöpfungsgüte. Wäre alles Geschehen ganz natürlich – auch die Brutalität, der Verrat, die Gewalt, die Heimtücke, der Krieg wie auch der Tod – könnte niemand diese Schöpfung wirklich gutheißen. In der Natur sind „gut“ und „böse“ faktisch gleichgültig. Nur menschliches Handeln in Wort und Tat kann die gütige Anordnung der göttlichen Schöpfung fundamental in Frage stellen. So wird nun im Anschluss an die Schöpfung in 1Mose 3 der Sündenfall der ersten Menschen im Garten Eden erzählt. Man mag von der Plastizität der Geschichte – die Nacktheit, eine sprechende Schlange, die Frucht vom Baum der Erkenntnis – in das Reich der Mythen gestoßen sein. Aber in dieser Erzählung wird uns anschaulich erklärt, wie es um den Menschen in Gottes Schöpfung geschehen ist, wie er sich selbst in ihr verloren hat.

Lucas Cranach d.Ä. – Adam und Eva (1526)

Vom Baum der Erkenntnis haben Mann und Frau gegessen und sind damit vor ihrem Schöpfer bloßgestellt. Als der Mensch für sich selbst herausfinden will, was für ihn gut zu sein hat, kommt es zwischen ihm und Gott zum Vertrauensbruch. Die vermeintliche Freiheit zu tun und zu lassen, was unserem eigenen Urteil gefällt, wird uns Menschen zum Fluch. Wo der Gottesgarten – das Paradies – uns verschlossen ist, müssen wir uns im Leben fortan selbst behaupten. Da dringt der Brudermord in die Mitmenschlichkeit ein; da werden himmelsstür­mende Turmbauer sprachverwirrt auf der ganzen Erde verstreut leben müssen. Das Unheil nimmt seinen Lauf – neben dem vorübergehenden Lebensglück.

Nein, es wird sich keine Menschheitsgeschichte ergeben, bei der wir in einen Zustand glückseliger Unschuld fortschreiten oder zurückkehren. Das eigene Leben wie auch das Zusammenleben auf unserer Erde werden wir auf Dauer nicht heil hinbekommen – weder durch naturwissenschaftliche Forschung, technische Entwicklungen noch durch moralische Erziehung. All die Menschheitsträume und Fortschrittsideologien entlarven sich im Tod als Hirngespinste. Gottes Urteil steht: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (1Mose 8,21) Menschlicherseits kann für das Leben nichts Gutes herauskommen; es bleibt bei der eigenen Vergänglichkeit. Davon schreibt der Prediger:

Es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub.“ (Prediger 3,19f)

Aber dennoch ist der Gott mit uns Menschen nicht fertig. „Adam, wo bist du – Mensch, wo bist du?“ Der göttliche Ruf aus dem Garten Eden hallt bis heute nach. Der Gott sucht seine ungläubigen Geschöpfe. Er sucht uns, obwohl wir uns ihm verschlossen zeigen – mit unserem Selbstvertrauen wie auch mit unserer Lebensangst. Er sucht uns, die immer noch glauben, wir wüssten am besten, was für uns gut ist. Er sucht uns, weil er mit uns, seinen Geschöpfen nicht fertig ist, weil er uns nicht unserer Sünde und unserem Tod überlässt.

Die Bibel erzählt von Gottes Menschensuche, wie er sich selbst in unsere Welt hineinbegibt, wie er alles von sich mit Zorn und Liebe in diese Suche hinlegt, wie sein Sohn am Kreuz unsere Verlorenheit auf sich nimmt und wie Jesu Todesschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlas­sen!“ unsere Gottesverweigerung schlussendlich doch einholt.

Der Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt uns nicht los, bis er uns als seine Kinder zurückgewonnen hat.

[1] Wort Gottes oder Heilige Schrift, in: Bibel im Jahr ’77. Gott hat Zeit für uns, hg. vom Katholischen Bibelwerk eV Stuttgart, Nürnberg 1976, 37.
[2] Geschichte Gottes mit den Menschen, hrsg. v. Eleonore Beck und Martha Sonntag, Stuttgart 2011, 14.
[3] Bekenntnisse II,4.

Hier die Predigt als pdf.

Gebet im Alter

26. August 2016
Rembrandt - Alter Mann im Gebet

Rembrandt – Alter Mann im Gebet

Jesus Christus,
Du Heiland, mein Lebensmeister,
Dir vertraue ich mich an.
Was du für mich im Alter,
ja auch im Sterben vorsiehst,
weiß ich nicht zu begreifen.
Vieles macht mir Angst.
Guter Hirte, führe mich hinaus
aus meiner Verzagtheit,
auch aus hoffnungsloser Gewohnheit.
Schaffe mir Raum beim Vater,
wo ich mich im Glauben an dich
wie ein kleines Kind bergen kann.
Amen.

Ein Segen zum Schuljahresanfang (im Schulgottesdienst)

24. August 2016

Schulanfang

Der Herr sei mit euch im neuen Schuljahr.
Er bewahre euch vor Langeweile im Unterricht
und lasse euch das lernen, was euch weiterbringt.
Er schenke euch gerechte Noten
und Anerkennung bei euren Lehrerinnen und Lehrern,
wie auch in eurer Klasse.
Er behüte euch auf eurem Schulweg,
beschütze eure Familien vor Unheil
und gewähre euch Frieden.
So segne euch der dreieinige Gott,
+ der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

Alexander Deeg – Kein gemeinschaftlicher Talareinzug der Ordinierten im Gottesdienst

17. August 2016

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Da hat Alexander Deeg, Professor für praktische Theologie in Leipzig mit theologischen Wurzeln in Erlangen ein feines Gespür, was sich in der evangelischen Kirche schickt. In seinem Vortrag „Von Pfarrern und Priestern in der evangelischen Kirche“ auf der Mitgliederversammlung des Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins in der Evang.-Luth. Kirche in Rothenburg o.T. hat er sich nämlich für eine Abschaffung der Amtskreuze von „leitenden Geistlichen“ in den evangelischen Kirchen ausgesprochen. Aber nicht nur das. Auch gegen den gemeinschaftlichen Einzug von Ordinierten bei Ordinationen und anderen Festgottesdiensten spricht er sich aus (und spricht mir dabei aus der Seele):

„Wenn eine Ordination gefeiert oder eine Kollegin im Amt eingeführt wird, dann ist es Tradition und gute Sitte, dass dazu auch die anderen Amtskolleginnen und -kollegen eingeladen werden. Aber wer kam eigentlich auf die Idee, dass man dann am besten einen langen Zug in schwarzem Talar gehüllter Ordi­nierter vor den Augen der Gemein­de vorführen sollte, für die Sonderplätze in einer ansonsten oftmals brechend vollen Kirche reserviert werden, obwohl die allermeisten der Herren und Damen im schwar­zen Talar liturgisch keine Funktion in diesem Gottesdienst haben?

Talar

Der schwarze Talar wird hier zu dem, was er lutherischem Ver­ständnis nach nicht sein sollte und nicht sein darf. Er wird zur Amtstracht anstatt ein funktio­nal liturgisches Kleidungsstück zu sein! Natürlich: Symbole lassen sich unterschiedlich deuten. Was die einen als Symbol der Geborgen­heit in der Gemeinschaft der Ordi­nierten interpretieren mögen, kann für die anderen – scharf formuliert – zum Symbol der Trennung im Leib Christi zwischen denen, die darin wichtiger sind, und denen, die eben auch noch dazugehören, werden. Freilich gibt es zwischen die­sen beiden Polen auch noch eine Menge anderer möglicher Asso­ziationen und Interpretationen: Ist ja interessant, so mag jemand denken, wer bei uns im Dekanat/ Kirchenkreis so alles Pfarrer und Pfarrerin ist! Schau‘ mal an, mag ein anderer denken, es gibt ja wirk­lich immer mehr Pfarrerinnen. Wie schön! Oder: Dem Pfarrer XY hat der Talar das letzte Mal aber auch noch besser gepasst. Hat ganz schön zugelegt! Oder: Wieso ei­gentlich tragen evangelische Pfar­rer und Pfarrerinnen immer noch dieses trübsinnig schwarze Kleid … Was wird die Gemeinde denken, wenn all die Schwarzen kommen und einziehen? Die so formulierte Frage zeigt freilich genau das Problem, denn sie macht den Un­terschied zwischen »der Gemein­de« und den Pfarrern gerade auf, um den es doch reformatorisch nicht gehen darf. Alle sind Priester, manche sind Pfarrer.

Umgekehrte Zeichen müssten wir m.E. setzen. Wer liturgisch aktiv ist, zeigt dies durch den Talar und macht damit auch deutlich, dass es nicht um die eigene Individualität geht, sondern um den Auftrag, der mit der Ordi­nation einhergeht. Diejenigen, die keine liturgische Funktion haben, müssten sich dann aber bewusst als Pfarrerinnen und Pfarrer einrei­hen in die Gemeinde, in die Bänke, in denen die Mit-Priesterinnen und Mit-Priester sitzen. Würde dadurch die Verbundenheit der Ordinierten, die immer wieder als Argument an­geführt wird, weniger sichtbar? Ich meine: nein – und endlich einmal würde erkennbar, wie wir Gemein­de und Kirche verstehen. Wenn dann der/die Dekan/in, Oberkirchenrat/rätin die mitten in der Gemeinde sitzenden Pfarrerinnen und Pfarrer z.B. im Kontext der Begrüßung bittet, einmal kurz aufzustehen, würde die Gemeinschaft der Ordinierten und die Gemeinschaft aller Priester im Leib Christi sichtbar.“

In Ergänzung dazu der Link zu Klaus Raschzoks höchst instruktiven Artikel über die Geschichte des evangelischen Talars.

Sudeep Chakravarti – Highway 39. Reportagen aus Indiens aufständischem Nordosten

17. August 2016

Highway 39

Da ich familiär mit Nordostindien und insbesondere mit Nagaland verbunden bin, bin ich bei Sudeeps Chakravartis Reportage über Indiens Nordosten hellhörig geworden. Entlang des Highways 39 von Numaligarh am südlichen Ufer des Brahmaputra in Assam bis nach Moreh in Manipur führt er in die komplexe Realität eines weitgehend unbekannten bewaffneten Konflikts zwischen indigenen Ethnien, der indischen Zentralregierung und rivalisierenden Rebellenbewegungen ein. Chakravarti – selbst in Kalkutta geboren – nimmt Partei für die einheimische Bevölkerung und verschweigt nicht die grausamen neokolonialen Verbrechen, die der indische Staat vor allem in den 50iger und 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter den Naga begangen hat – weitgehend unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit.

Der Autor gibt selbst Rechenschaft darüber, warum er dieses Buch geschrieben hat:

Ein englischsprachiger Auszug aus seinem Buch findet sich hier: „Sticky rice and fried pork in Hebron: Lunch and conversation in a Naga rebel camp„.

Eine kurze Einführung in die gegenwärtige politische Situation Nordostindiens hat Chakravarti unter dem Titel „Rebellische Region“ letztes Jahr in den „welt-sichten“ veröffentlicht.

Aktuelle englischsprachige Online-Artikel von Chakrvarti über Nordostindien sind hier aufgelistet.

Max Thurian – Das Eucharistische Gedächtnis: Lob- und Bittopfer

13. August 2016

Thurian - Eucharistie

Man muss als Evangelischer dem 1996 verstorbenen Taize-Bruder Max Thurian nicht in allem zustimmen, was dieser in Sachen „anabatisches“ Eucharistieverständnis gesagt hat, insbesondere, wenn er schreibt, die Eucharistie sei auch „die liturgische Darstellung durch die Kirche dieses Opfers des Sohnes vor dem Vater, damit er seines Volkes gedenke und ihm den durch dieses einzigartige Opfer erlangten Segen spende“. Kritisches hat seinerzeit schon Peter Brunner in seinem Geleitwort zu Thurians Buch „Eucharistie. Einheit am Tisch des Herrn?“ (Mainz-Stuttgart 1963) anzumerken gewusst. Und doch sind seine alttestamentlich bestimment Ausführungen zum eucharistischen Gedächtnis aus dem Begleitband zur Lima-Erklärung „Ökumenische Perspektiven von Taufe, Eucharistie und Amt“ (Paderborn-Frankfurt 1983) lesenswert. Sein Text „Das Eucharistische Gedächtnis: Lob- und Bittopfer“ findet sich hier als pdf.

Martin Luther – Bekenntnis der Artikel des Glaubens wider die Feinde des Evangeliums und allerlei Ketzereien (Vom Abendmahl. Bekenntnis, 3. Teil)

8. August 2016

Vom Abendmahl Bekenntnis

Luthers »Bekenntnis der Artikel des Glaubens wider die Feinde des Evangeliums und allerlei Ketzereien« ist ein Sonderdruck des dritten Teils der Schrift „Vom Abendmahl. Bekenntnis“ (1528). Er wurde von Wenzelaus Link veranlasst. In diesem Bekenntnis fasst Luther – weitgehend unpolemisch –  zusammen, was „alle rechten Christen“ glauben und „uns“ die heilige Schrift lehrt. Der von Oswald Bayer bearbeitete Text findet sich hier.

Fridolin Stier – „Geh, verlass die Heimat“. Vom Auszug aus der Begrifflichkeit

6. August 2016

Abraham Nachkommenverheißung

Auf den beiden letzten Seiten seiner Aufzeichnungen „Vielleicht ist irgendwo Tag“ verbindet Fridolin Stier die Berufung Abrahams und dessen Auszug aus Haran mit einem menschlichen Sprachexerzitium weg von der begrifflichen Eigenwelt hin zum lebensentscheidenden Angesprochen-Sein:

Über die Namen der Dinge hinaus,
über die Sprache hinaus,
über die Wissenschaft hinaus,
über die Begriffe hinaus –
in die FREMDE,

wie Abraham, dem geheißen war: «Zieh fort aus deiner Heimat, fort aus deiner Stadt, fort aus dem Haus deines Vaters, fort …, und geh in das Land, das ich dich schauen lassen will …»

Geh, verlaß die Heimat, die Welt, darin du geboren bist, darin du dich eingerichtet hast – das Haus voll von den Namen der Dinge, die um dich sind, laß alles, was dir die Sprache über sie vorspricht, laß auch alles, was dir die Wissenschaft über sie zu wissen gibt, laß auch die Begriffe, mit denen du nach den Dingen greifst –

laß dieses Haus hinter dir, geh! Dann wirst du, vielleicht wirst du dann dem Anderen begegnen, für das du weder Namen noch Wissen noch Begriffe hast, dem ur- und ingründig Wirklichen und Wirkenden begegnen. Du wirst «schauen» …

Und wenn du dann in das Land Chaldäa, in das Haus deines Vaters und deiner Mutter und deiner Brüder zurückkehrst, du wirst zurückkehren,

dann werden dich die Namen an das Namenlose,
die Sprache an das Unaussprechliche,
das Wissen an das Unwißbare,
die Begriffe an das Unbegreifliche erinnern,
dann wird noch ein anderes in deinem Hause wohnen – das Andere, das Fremde, das – Mysterium.

Dann ist kein Ding mehr, was es dir zuvor gewesen, ein jedes, eins um das andere, wird dir einen Namen sagen, den du nicht nachsprechen kannst.

Und dann wird dir, vielleicht wird dir dann aus allem und jedem, das um dich ist, das Unnennbare erscheinen,

und du wirst jene Stimme hören, die du noch nie gehört, sehr nah und gewaltig wirst du sie rufen hören:

ICH BIN DA!

Fridolin Stier – „Gott aber will den Geber“. Von der Versuchung Abrahams

5. August 2016
chagall-abraham

Marc Chagall – Die Opferung Isaaks (Ausschnitt)

Fridolin Stiers Büchlein „Geschichte Gottes mit dem Menschen„, das zuerst 1959 bei Patmos erschienen ist, wurde 2011 von Stiers Schülerinnen Eleonore Beck und Martha Sonntag im Verlag Katholisches Bibelwerk neu herausgegeben. In Stiers Nacherzählung der „Heiligen Geschichte“, in die von Stier selbst übersetzte Bibelzitate eingefügt sind, findet sich auch eine eindrückliche Homilie zu Abrahams Versuchung in Genesis 22:

Als das Unwahrscheinliche doch wahr geworden, Isaak, der Erbsohn, geboren und schon zum Knaben herange­wachsen war, sollte sich der Bewährte an einer furchtba­ren, alles Wahrgewor­dene wieder in Frage stellenden For­derung noch einmal bewähren müssen. Gott fordert von ihm das Leben seines Sohnes:

Nimm doch deinen Sohn, den einzigen, den du lieb hast, Isaak, geh in das Land Moria und bringe ihn dort auf einem Berg, den ich dir nennen werde, als Brand­opfer dar!“ (Gen 22,2)

In der Frühe steht Abraham auf, sattelt den Esel und spal­tet das Holz. Er gehorcht unverzüg­lich. Man bricht auf, zwei Knechte, der Esel mit den Scheiten auf dem Rücken, der Vater, das Kind. Wieder wandert Abraham. Es be­gann in Charan mit dem Verzicht auf die Heimat, es ging in das Land, das ihm verheißen war, und hinaus ging es wieder, hinab nach Ägypten, in neue Gefahr; weite, schwere Wege ist er gegangen, aber Gott war mit ihm, bewährter Bürge seines Worts; es waren doch Wege ins Volle. Dieser aber, der Opfergang auf den Berg, führt ins Leere. Was gilt sein Wort? Da ist der Strick, mit dem er das Kind fesseln wird, da das Messer, es mit eigener Hand ihm hinzuschlachten, das Holz, das Kohlenbecken … Drei Tage wandert Abraham, der Gastgeber Gottes (Gen 18,1-16); sein Vertrauter (Gen 18,17); der kühne Fürspre­cher für Sodoma und Gomorrha, die sündigen Städte (Gen 18,22-33) – Abraham, der „Freund Gottes“ (Jdt 8,19). Was für eines Gottes! Sein Antlitz verfinstert, furchtbar vom Vertrauten zum Fremden gewandelt, ver­zerrt zur Götzenfratze des Molochs, des Menschenopfer heischenden Gottes der Kanaanäer und Phönizier … Drei Tage, zwei Nächte, am Himmel, nicht zu zählen, die gleichen Sterne wie in jener Nacht der Verheißung. Wie­der, wie am Anfang des Abrahamweges, widerspricht der Befehl der Verheißung. Die letzte Strecke den Berg hin­an, hinauf zur Opferstätte, gehen die beiden allein, der Vater mit dem Schlachtmesser und dem Feuerbecken in der Hand, der Sohn mit den Scheiten auf dem Rücken.

Vater! – Ja, da bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Da ist das Feuer und das Holz, wo aber ist das Lamm zum Brandopfer …? So gehn sie selbander dahin. Und sie kommen an den Ort, den Gott ihm genannt hatte. Dort baut Abraham den Altar, schichtet das Holz, fesselt sei­nen Sohn Isaak und legt ihn auf den Altar, oben hin, auf das Holz.“ (Gen 22,7-9)

Schonungslos wird hier erzählt, mit marternder Genau­igkeit, mit großer Kunst die Spannung bis zur Qual ge­steigert. Doch ist diese schriftstellerische Wirkung nur ein Nebeneffekt der Absicht, zu zeigen, wie sich Abraham vollkommen bewährte, mit jedem Schritt, jedem Hand­griff, jedem Wort, in jedem Akt der letzten, ungeheuerli­chen Probe. Bis hin zu dem Augen­blick, da er, schon aus­holend zum Todesstoß, den Boten Jahwes rufen hört:

Strecke deine Hand nicht aus gegen den Knaben und tu ihm nichts! Denn nun weiß ich, daß du ein Gott Fürch­tender bist, da du deinen Sohn, deinen einzigen, mir nichtverweigerst.“ (Gen 22,12)

Das ist es, was Gott will, nicht das Leben Isaaks, nicht das ersatzweise geopferte Leben des Schafbocks, der sich mit den Hörnern im Busch verfangen hatte. Nur der Götze (wie alle Nachäffer Gottes, auch der absolute, machtherrliche, sich selbst vergötzende Staat) will die Gabe, das Kind, das Tier—den geschlachteten Isaak. Gott aber will den Geber — und die Gabe nur, wenn sich in ihr der Geber gibt, sein ganzes Selbst, sein ganzes Herz. Und das ist mehr als Fleisch und Blut auf Schlachtaltären. Sich selber verlassend, im bloßen Verlaß auf Gottes Wort, verzich­tend auf alle im Leben Isaaks liegende Gewähr der verhei­ßenen Volks­vaterschaft errang er die Gewährung:

Bei mir selber habe ich geschworen …, weil du solches getan …, segne ich dich und mehre ich deinen Samen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Ufer des Meeres … dafür, daß du meinem Ruf gehorchtest.“ (Gen 22,15-18)

Auf Abrahams Tat gründet die geschichtliche Existenz der „Söhne Abrahams“, Israels, des Volkes Gottes.

 

Der Gottessohn als Schlüsselfigur zum ewigen Leben

3. August 2016

Schloss-Schlüssel2

Der Gottessohn hat sich selbst mit seinem Leben und Sterben in das Schloss des Todes gefügt, um uns die Himmelstür zum ewigen Leben zu erschließen. So kann man Christus als Schlüsselfigur des Heils vorstellen. Schließlich sagt dieser dem Seher Johannes zu: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offb 1,17f) Aber die Schlüsselfigur gilt mehr als nur ein Schlüsselbesitzer. Christus selbst ist der Schlüssel, der sich dem Kreuzestod gefügt hat und damit in das lichtlose Verlies des Todes eingedrungen ist. Seine Lebenshingabe hat den Machtraum des Todes und der Sünde auf die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott hin aufgeschlossen. „Verschlungen ist der Tod in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!“ (1Kor 15,54-57 Zürcher)


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