Von einem Betrüger lernen (Lukas 16,1-8)

17. November 2017

Da am kommenden Sonntag Lukas 16,1-8 als Predigtext dran ist, hier meine zeitgenössische Nacherzählung

NAMENSgedächtnis

Teachings_of_Jesus_31_of_40._parable_of_the_unjust_steward._Jan_Luyken_etching._Bowyer_BibleUnd der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. (Lukas 16,8)

Jahrelang hat der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens die Bilanzen geschönt, um die Unrentabilität des Unternehmens zu verbergen. Als doch Verdacht aufkommt, muß er Rechenschaft gegenüber den Kapitaleignern ablegen, die realen Zahlen kommen auf den Tisch. Man einigt sich: Fristlose Entlassung ohne Abfindung, dafür Verzicht auf ein Strafverfahren. Dem Unternehmen soll damit eine schlechte Presse erspart bleiben. Was tun, der entlassene Geschäftsführer wird nirgendwo eine vergleichbare Anstellung finden. Wieder ganz unten als einfacher Außendienstler im Vertrieb anfangen, mit 50 Jahren fehlen die Kraft und Vitalität dazu. Und überhaupt, wie steht er nun in seinem Freundeskreis dar. Kann er sich überhaupt noch auf dem Golfplatz blicken lassen? Im Nachdenken über die Ausweglosigkeit kommt ihm eine waaghalsige Idee. Er ruft einen langjährigen Geschäftspartner an, bietet…

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„Indem wir un­ser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche“ – Hans Joachim Iwands Adventspredigt vom 18. Dezember 1943 über Lukas 1,67-79

14. November 2017

Die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 mit der Marienkirche

Im Benedictus, dem Lobgesang des  Zacharias, ist von der herzlichen Barmherzigkeit unseres Gottes die Rede, „durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1,78f) Hans Joachim Iwand hat darüber am Samstag vor dem 4. Advent, dem 18. Dezember 1943 gepredigt. Da lag die Dortmunder Innenstadt nach dem Bombenangriff vom 23./24. Mai 1943 in Trümmern. Mit folgenden Worten lässt Iwand den „Aufgang aus der Höhe“ zu Wort kommen:

Meine Freunde, wer nicht jemals schon empfunden hat, daß Gott schweigt, der wird auch nie begreifen, daß er redet. Wer nie darüber fast zerbrochen ist, daß Gott sich von seinem Volk entfernt hat; wer nie darauf gewartet hat, daß ein Frühling einbrechen würde über dem Volk Gottes, dem wird auch nie der Tag kommen, da seine Zuge gelöst wird und er loben kann. Es ist eben nicht so, wie viele meinen, daß das Christentum da sei wie eine unveränderliche, sich nie wandelnde Idee; so wie eine Kir­che aus Stein, die eben steht und darauf wartet, daß die Menschen sie fül­len – so ist Gott nie da. Sondern Gott hat seine Zeiten, da er sein Volk be­sucht, da er uns besonders nahe ist – und da er schweigt. Er hat Zeiten, da seine Worte ver­fälscht werden und seine Wahrheit untergeht; da das ganze christliche Leben nichts ande­res ist als ein leerer äußerer Betrieb. Und er hat Zeiten, da von den Enden der Welt her sein Licht aufblüht, da die Menschen, die in den Banden des Todes wandeln, etwas sehen von dem Auf­gang aus der Höhe. Wir können gar nicht genug darum beten, danach schreien, darum ringen, daß Gott sich uns wieder zeigt; daß das Wort sei­nes Evangeliums, der Geburt seines Sohnes, wieder anfängt zu laufen; daß wirklich etwas geschieht in unserem Volk, unter denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes; daß wir selbst, die wir müde sind, auf einmal etwas spüren von der großen Verheißung: »Die auf den Herrn har­ren, kriegen neue Kraft«; daß sich etwas zeigen möchte von dem Licht, das da leuchtet; daß etwas Unbegreifliches ge­schehen mag, daß auf einmal Menschen da sind, die mitten in der Nacht dieser Tage etwas begreifen von diesem Licht, das in die Welt gekommen ist und da vor uns hintritt, damit alle das Licht des Lebens haben. Meint ihr nicht, daß auch für unsere Zeit so etwas kommen muß, daß all unser Leid im letzten Grunde nur en­den kann im Gebet: »O Heiland, reiß den Himmel auf«; daß einer allein uns befreien kann von den Mächten der Tiefe, unter denen unser ganzes Volk leidet – Gott. Calvin sagt: Die Reformation der Kirche ist so ein Gotteswerk, das kann kein Mensch, das ist so ein Wunder wie die Auferstehung der Toten. Wir können im Advent auch sagen: Das ist so ein großes Wunder wie die Geburt des Herrn. Darauf müssen wir warten. Es nützt nichts, daß das einmal geschehen ist. Gottes Worte wollen immer neue Ge­genwart sein, uns neu gesegnet und zu neuen Menschen machen. Was wird denn da gesche­hen, wo Jesus Christus wahrhaft erkannt und geglaubt wird?

Das sagt Zacharias im zweiten Teil seines Lobgesanges, als er den Blick auf sein Kind richtet: Du wirst ein Diener des Höchsten heißen. Du wirst die Vergebung der Sünden verkündigen, und du wirst darin dem Volk die eine Botschaft bringen: daß alle die Vergebung der Sünden und die Barmherzig­keit Gottes haben. Ist denn das so etwas Großes, Vergebung der Sünden? Meine Freunde, wenn wir das eine begriffen, daß dazu Gott Mensch wer­den mußte; daß dazu dieser Mensch über die Erde gehen und sein Leben für uns hergeben mußte, daß die Welt die Vergebung der Sünden empfängt – dann würden wir wissen, daß das das Große ist. Weil sonst niemand die Sünden vergeben kann, darum kannst du nicht froh werden, darum ängstet dich der Tod, darum verzweifelst du – weil am Ende das eine übrig bleibt: meine eigene Schuld; weil zwischen Gott und uns, zwischen dem Kind und dem Vater die letzten Dinge nicht in Ordnung sind.

Wir können viel tun, um darüber hinweg zu kommen. Wir können leichtsinnig sein oder tapfer; wir können leichtsinnig sein, indem wir un­ser Lebensschiff so flach bauen, daß es nicht anstößt an die Klippen und Felsen an der Oberfläche. Aber wir merken irgendwie, wir sind das alles nur darum, weil wir im Letzten getrieben sind von einer ungelösten Frage. Wir können versuchen, fromm zu sein, uns zwingen zu Gebet und Heilig­keit. Wir werden erleben, daß, je mehr wir das versuchen, wir desto stärker spüren, daß damit in unserem Leben etwas ist, das alle unsere Bemühun­gen verdirbt. Wir werden dann erkennen, daß uns nur der verge­ben kann, vor dem wir schuldig sind; daß darum kein Mensch uns vergeben, uns Frieden schenken kann; daß Gott selber uns besuchen muß von seiner Höhe her; daß er selbst uns die Hand aufs Haupt legen muß; daß er selbst uns an sein Herz ziehen muß; daß er selbst uns, wie der großen Sünderin, das Wort der Vergebung zusprechen muß.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

„Unser Urteil ist nichts, wenn es mit dem göttlichen Urteil verglichen wird“ – Martin Luther über die unbegreifliche Gerechtigkeit Gottes (De servo arbitrio)

13. November 2017

Prädestination

Das ist der Preis des Vertrauens in die göttliches Gerechtigkeit als Barmherzigkeit in Jesus Christus, dass dieser Glaube nicht „freiwillig“ rekonstuiert werden kann. Dazu schreibt Martin Luther am Ende der gegen Erasmus gerichteten großen Schrift »Daß der freie Wille nichts sei« (1525):

Ich bekenne freilich von mir: Wenn es irgend geschehen könnte, wollte ich nicht, daß mir der freie Wille gegeben wird, oder daß etwas in meiner Hand gelassen würde, wodurch ich mich um das Heil bemühen könnte, nicht allein deswegen, weil ich in soviel Anfechtungen und Gefahren, gegenüber so vielen anstürmenden Dämonen nicht zu bestehen und jenes nicht festzuhalten vermöchte, da ein Dämon mächtiger ist als alle Menschen und kein ein­ziger Mensch gerettet würde, sondern weil ich, auch wenn keine Gefahren, keine Anfechtungen, keine Dämonen da wären, dennoch gezwungen sein würde, beständig aufs Ungewisse hin mich abzumühen und Lufthiebe zu machen; denn mein Gewissen wird, wenn ich auch ewig leben und Werke tun würde, niemals gewiß und sicher sein, wieviel es tun müßte, um Gott genug zu tun.

Denn bei jedem vollbrachten Werk bliebe der ängstliche Zweifel zurück, ob es Gott gefalle oder ob er etwas darüber hinaus verlange, so wie es die Erfahrung aller Werkgerechten be­weist und ich zu meinem Unglück so viele Jahre hindurch genügend gelernt habe. Aber nun, da Gott mein Heil meinem Willen entzogen und in seinen Willen aufgenommen hat und nicht auf mein Werk oder Laufen hin, sondern aus seiner Gnade und Barmherzigkeit ver­heißen hat, mich zu erretten, bin ich sicher und gewiß, daß er treu ist und mir nicht lügen wird, außerdem mächtig und gewaltig ist, daß keine Dämonen und keine Widerwärtigkeiten imstande sein werden, ihn zu überwältigen oder mich ihm zu entreißen. »Niemand«, sagt er, »wird sie aus meiner Hand reißen, weil der Vater, der sie mir gegeben hat, größer ist als sie alle.« (Joh 10,28f) So ge­schieht es, daß, wenn nicht alle, so doch einige und viele gerettet werden, während durch die Kraft des freien Willens geradezu keiner errettet würde, sondern wir alle miteinander verloren gingen. Da sind wir auch gewiß und sicher, daß wir Gott gefallen, nicht durch das Verdienst unseres Werkes, sondern durch die Huld seiner Barmherzigkeit, die uns verheißen ist, und, wenn wir weniger tun oder böse handeln, daß er es uns nicht zurechnet, sondern väterlich ver­gibt und bessert. Das ist der Ruhm aller Heiligen in ihrem Gott.

Wenn dich aber das erschreckt, daß es schwierig ist, die Gnade und Gerech­tigkeit Gottes zu wahren, der doch die, die es nicht verdient haben, ver­dammt, d. h. solche Gottlose, die in Gottlosigkeit geboren auf keine Weise sich selbst helfen können, daß sie nicht gottlos sind, bleiben und verdammt werden und, da ihre Natur nicht anders kann, sündigen und verloren­gehen müssen, wie Paulus sagt: »Wir waren alle Kinder des Zorns wie die andern« (Eph 2,3), da sie von Gott selbst aus dem durch die Sünde des einen Adam verderbten Samen als solche geschaffen sind, so ist hier Gott zu ehren und zu fürchten als der, der größte Gnade an denen erweist, die er rechtfertigt und errettet, und zwar sind das solche, die es überhaupt nicht ver­dient haben, und man muß schließlich einiges seiner göttlichen Weisheit überlassen, auf daß ge­glaubt werde, es sei gerecht, wo er uns ungerecht zu sein scheint. Wenn nämlich seine Gerechtigkeit derartig wäre, daß der Mensch mit seiner Fas­sungskraft darüber befinden könnte, daß sie gerecht ist, so wäre sie durchaus nicht göttlich und in nichts von der mensch­lichen Gerechtig­keit unterschie­den. Aber da Gott ein einiger und wahrer Gott ist, ferner völlig unbegreiflich und der menschlichen Vernunft unzugänglich, so ist es angemessen, ja viel­mehr notwendig, daß auch seine Gerechtigkeit unbegreiflich ist. So wie auch Paulus es mit den Worten ausruft: »O welch eine Tiefe des Reichtums beider, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes, wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege!« (Röm 11,33)

Sie wären aber nicht unbegreiflich, wenn wir in jeder Hinsicht es fassen könnten, weshalb sie gerecht sind. Was ist der Mensch im Vergleich zu Gott? Wie viel ist es, was unsere Macht vermag im Vergleich zu seiner Macht? Was ist unsere Stärke im Vergleich zu seinen Kräften? Was ist unser Wissen, verglichen mit seiner Weisheit? Was ist unser Wesen im Vergleich zu seinem Wesen? Kurzum, was ist alles Unsrige im Vergleich zu dem Seinigen? Wenn wir also bekennen, auch aufgrund dessen, was die Natur lehrt, daß mensch­liche Macht, Stärke, Weis­heit, Wesen und alles, was zu uns gehört, ganz und gar nichts ist, wenn es mit der göttlichen Macht, Stärke, Weisheit, Wissen und Wesen verglichen wird, wie verkehrt ist es da von uns, daß wir allein Gottes Gerechtigkeit und Gericht anfechten und nur für unser Urteil es in An­spruch nehmen, das göttliche Urteil begreifen, beurteilen und würdigen zu wollen? Weshalb sagen wir nicht auch hier einfach: Unser Urteil ist nichts, wenn es mit dem göttlichen Urteil verglichen wird? Frage die Vernunft selbst um Rat, ob sie nicht überführt dasteht und beken­nen muß, daß sie töricht und verwegen ist, wenn sie nicht Gottes Urteil unbegreiflich sein läßt, da sie zugibt, daß alles andere Göttliche unbegreiflich ist. Freilich, in allem andern ge­stehen wir Gott die göttliche Majestät zu, allein bei seinem Gericht sind wir bereit, sie zu verneinen, und können inzwischen nicht glauben, daß er gerecht sei, obwohl er es uns ver­heißen hat, daß er es sein werde, wenn er seine Herrlichkeit offenbart hat, so daß wir alle es dann sehen und greifen sollen, daß er gerecht gewesen ist und es noch ist.

Ich will ein Beispiel zur Befestigung des Glaubens geben und um jenes nichtswürdige Auge zu ermutigen, das Gott der Ungerechtigkeit für verdäch­tig hält. Siehe, so leitet Gott diese körperliche Welt in äußerlichen Dingen, daß, wenn man das Urteil der menschlichen Vernunft ansieht und ihm folgt, man gezwungen ist zu sagen, entweder daß kein Gott ist, oder daß er unge­recht ist, wie jener sagt: »Ich werde oft von dem Gedanken beunruhigt, daß nach keine Götter gibt.« Denn siehe, wie es den Bösen ganz nach Wunsch, hingegen den Guten sehr elend ergeht; was die Sprichwörter und die Erfahrung, die Mutter der Sprichwörter, bezeugen: »Je größer der Schalk, desto besser das Glück.« »In den Hütten der Gottlosen«, sagt Hiob, »herrscht Überfluß« (Hi 12,6). Und Ps. 73,12 klagt, daß die Sünder in der Welt Überfluß an Reichtum haben. Hör einmal, ob es nicht nach dem Urteil aller sehr unge­recht ist, daß die Bösen mit Glücksgütern gesegnet und die Guten schwer heimgesucht werden? Aber so läßt es der Lauf der Welt offen erkennen. Hier sind auch die höchsten Geister darauf verfallen zu verneinen, daß Gott sei, und zu ersinnen, daß das Glück alles blindlings treibe, wie z. B. die Epikuräer und Plinius. Ferner meint Aristoteles, daß jenes sein erstes Sein, damit es vom Elend befreie, nichts von den Dingen sehe als sich allein, weil er glaubt, es sei ihm sehr beschwerlich, soviele Leiden und soviele Ungerechtigkeiten zu sehen.

Die Propheten aber, welche geglaubt haben, daß Gott sei, sind vielmehr hinsichtlich der Un­gerechtigkeit Gottes versucht worden, wie Jeremia, Hiob, David, Asaph und andere. Was, meinst du, haben Demosthenes und Cicero gedacht, wenn sie alles, was sie vermochten, ausgeführt hatten, und ihnen das so schlecht gelohnt wurde, daß sie elend untergingen? Und dennoch wird diese Ungerechtigkeit Gottes, die höchst wahrscheinlich ist und mit solchen Argumenten vorgetragen wird, denen keine Vernunft oder Licht der Natur widerstehen kann, sehr leicht durch das Licht des Evangeliums und die Kenntnis der Gnade aufgehoben, durch welche wir gelehrt werden, daß die Gottlosen wohl leiblich in Blüte stehen, an der Seele aber zugrunde gerichtet werden. Und es gibt für diese ganze unlösbare Frage diese kurze Lösung in einem Wörtlein, nämlich: Es ist ein Leben nach diesem Leben, in welchem alles, was hier nicht bestraft und belohnt wird, dort bestraft und belohnt wird, da dieses Leben nichts als der Vorläufer oder vielmehr der Anfang des zukünftigen Lebens ist.

Wenn also das Licht des Evangeliums, das allein im Wort und im Glauben kräftig ist, so Großes zuwege bringt, daß diese in allen Jahrhunderten behan­delte und niemals gelöste Frage so leicht beigelegt und geschlichtet wird, was, meinst du, wird wohl dann sein, wenn das Licht des Wortes und des Glau­bens zurücktritt und die Sache selbst und die göttliche Majestät durch sich selbst wird offenbar? Oder glaubst du nicht, daß dann das Licht der Herr­lichkeit die Frage, welche im Licht des Wortes oder der Gnade unlösbar ist, gar sehr leicht lösen kann, da das Licht der Gnade die im Licht der Natur unlösbare Frage so leicht gelöst hat?

Setze mir dreierlei Licht, das Licht der Natur, das Licht der Gnade, das Licht der Herrlichkeit, wie es eine allgemein bekannte und gute Unterscheidung hält. Im Licht der Natur ist es unlös­bar, daß das gerecht ist, wenn der Gute heimgesucht wird und es dem Bösen gutgeht. Aber das löst das Licht der Gnade. Im Lichte der Gnade ist es unlösbar, wie Gott den verdammen mag, der aus irgendwelchen eignen Kräften nicht anders tun kann als sündigen und schuldig werden. Hier sagt das Licht der Natur wie das Licht der Gnade, es sei Schuld nicht des elen­den Menschen, sondern des ungerechten Gottes, denn sie können nicht anders über Gott urtei­len, der den gottlosen Men­schen umsonst ohne Verdienst krönt und einen andern, der viel­leicht weniger oder wenigstens nicht mehr gottlos ist, nicht krönt, sondern verdammt. Aber das Licht der Herrlichkeit sagt etwas anderes und wird zeigen, daß Gott, dessen Gericht eben noch eine unbegreifliche Gerechtigkeit in sich birgt, von höchst gerechter und höchst offen­sichtlicher Gerechtigkeit ist, nur, daß wir inzwischen das glauben sollen, gemahnt und gefes­tigt durch das Beispiel des Lichtes der Gnade, welches ein ähnliches Wunder beim natürlichen Licht vollbringt.

Quelle: Martin Luther, De servo arbitrio (WA 18, 783,17-785,38) in der Übersetzung von Bruno Jordahn, in: Martin Luther, Ausgewählte Werke, hg. v. H.H. Borcherdt und G. Merz, 1. Bd. der Ergänzungsreihe: Daß der freie Wille nichts sei, 3. Aufl. 1954, 243-246.

Hier der Text als pdf.

„Der Tod und die Hölle gaben die Toten heraus, die darin waren …“ – wie die neue Luther-Bibel 2017 alle Verstorbenen in die Hölle schickt

7. November 2017

Hieronymus Bosch – Die Hölle (Ausschnitt aus dem Triptychon „Der Garten der Lüste“, rechte Tafel Innenseite)

Mit der Hölle hat die Luther-Bibel 2017 ihre Schwierigkeiten. Nimmt man für bare Münze, wie dort von ihr die Rede ist, müsste man bei christlichen Beerdigungen als Pfarrer davon sprechen, dass die Verstorbene nun – zumindest vorübergehend – in die Hölle fährt.

Es geht um die Übersetzung des griechischen Wortes hádēs im Neuen Testament. In der neuen Einheitsübersetzung wird es wörterbuchgemäß mit „Unterwelt“ übersetzt. Die Zürcher Bibel von 2007 übersetzt sowohl mit „Unterwelt“ wie auch mit „Totenreich“, während die englischsprachigen Übersetzungen wie RSV, NRSV und NASB von dem „Hades“ sprechen. Die Luther-Bibel 2017 hingegen belässt es weiterhin mit „Hölle“ bzw. kehrt in Offenbarung 20,13f zu dieser Übersetzung zurück, wenn es dort bezüglich des Jüngsten Gerichts heißt: „Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und die Hölle [Luther 56 bzw. 84: „der Tod und sein Reich“] wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl.

Nun hat Martin Luther bei der Übersetzung des Neuen Testaments nicht zwischen hádēs (lat. inferus bzw. infernum) als Unter- bzw. Totenwelt (z.B. in Apg 2,27.31) und géhenna (lat. gehenna) als Strafort (z.B. in Mt 5,29f) unterschieden, sondern beide griechischen Wörter mangels begrifflicher Differenzierungsmöglichkeiten mit „Helle“, also „Hölle“ übersetzt. Dass der hádēs der ewige Ort leiblicher Qualen sein soll, ist freilich dem biblischen Zeugnis nicht zu entnehmen. Man kann zwar in der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19-31) die Unterwelt (hádēs) singulär als Ort der Qual wahrnehmen,  aber die Gleichsetzung mit der leiblichen Hölle ist auch für Luther nicht möglich. So führt er in seiner Predigt über Lukas 16,19-31 vom 22. Juni 1522 dazu aus:

„Also wiederum kann die Hölle an diesem Ort nicht sein die rechte Hölle, die am jüngsten Tage angehen wird. Denn des Reichen Leichnam ist ohn Zweifel nicht in die Hölle, sondern in die Erden begraben. Es muss aber ein Ort sein, da die Seele sein kann und keine Ruhe hat: derselbe kann nicht leiblich sein. Darum achten wir, diese Hölle sei das böse Gewissen, das ohn Glaube und Gottes Wort ist, in welchem die Seele vergraben ist und verfasset bis an jüngsten Tag, da der Mensch mit Leib und Seele in die rechte leibliche Hölle verstoßen wird.“ (WA 10/III, 192, 11-18)

Allgemein wird im Neuen Testament die Unterwelt (hádēs) entsprechend der hebräischen šeōl als strafneutrales, wenn auch gottfernes Totenreich vorgestellt. Wenn gegenwärtig – egal ob in der Kirche oder in der Gesellschaft – von „Hölle“ die Rede ist, sind damit untrennbar Vorstellungen von Strafe bzw. von leiblichen Qualen verbunden. Von daher ist nicht nachvollziehbar, dass nun die Luther-Bibel 2017 entgegen dem ökumenischen Konsens die begriffliche Differenzierung zwischen Totenreich (bzw. Unterwelt) und Hölle zurücknimmt. Folgt man dieser Übersetzung, müsste man verstorbenen Menschen an Stelle einer Totenruhe (bis zum Jüngsten Gericht) generell postmortale Höllenqualen in Aussicht stellen.

Hans Bietenhard hat seinerzeit für das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament einen Artikel zur Topologie von Himmel und Hölle geschrieben, der immer noch lesenswert ist. Hier findet man seinen Text Himmel/Hölle. Hermeneutische Überlegungen als pdf.

Hans G. Ulrich – Wie „Ethik“ zu lernen ist

5. November 2017

hans-g-ulrich

Gestern in Erlangen auf dem Symposion „Die Tradierung der Ethik im Gottesdienst“ anlässlich des 75. Geburtstages von Prof. em. Dr. Hans G. Ulrich ist in vielfältiger Weise zur Sprache gekommen, wie Hans Ulrich in seiner ganz besonderen Weise  Theologiestudierende und Doktoranden hat Ethik lernen lassen. Hierzu findet sich von ihm ein schon etwas älterer Text Wie „Ethik“ zu lernen ist, in dem sich folgende Passage findet:

Was heißt „Ethik“ lernen (inhaltliche Aspekte)?

(1) „Ethik“ lernen heißt nicht nur, zu dieser oder jener Sache Stellung nehmen lernen, heißt nicht nur, sich an diesen oder jenen Konfliktpunkten bewegen zu lernen, sondern es heißt zunächst einmal lernen, sich in den Fragen menschlicher Lebenskunst, in Fragen des mensch­lichen Zusammenlebens „ethisch“ bewegen zu können. Diese Mitte ethischer Arbeit, die all­tägliche und „normale“ Aufgabe ethischer Rechenschaft gilt es in den Blick zu fassen. Christ­liche Ethik kann als Lehre von der „Lebenskunst“ und den „Lebensformen“ verstanden wer­den. „Ethik“ hat nicht nur Argumentationsstrategien (etwa zur Rechtfertigung alltäglichen Handelns) vorzuführen, sondern sie vermag etwas zu zeigen: sie hat einen „Gegenstand“ vorzuführen. Sie hat zu zeigen, wie Menschen leben können. Mit Aristoteles gesagt: Ethik hat das „gute Leben“ zu zeigen, das in der (politischen) Gemeinschaft mit anderen gelebt wird. Christliche Ethik hat zu zeigen, wie Menschen als die Geschöpfe Gottes leben.

Dies bewegt sich auf mehreren Ebenen, auf der Ebene der Moralität, wo es um die universale Geltung geht, und auf der Ebene der Sittlichkeit, wo es um die Geltung von bestimmten Le­bensformen geht. Darin die Fäden zusammenlaufen zu lassen, also Ethik durchaus in einer solchen konzentrischen Weise zu lehren – und „Ethik“ nicht zu reduzieren, etwa auf die Dis­kussion von diesen oder jenen Problem„lösungen“, wird für die didaktische Arbeit entschei­dend sein (oder wieder neu werden) müssen.

(2) Ethik lernen heißt eine „Sprache“ lernen, die Sprache ethischer Rechenschaft lernen.

Die „Sprache der Moral“ oder der ethischen Argumentationen enthält auf allen Ebenen Be­griffe, bei denen oft unklar ist, wohin sie gehören. So wird von „Wer­ten“ geredet, von „Nor­men“, von „Verantwortung“. Und immer ist ein spezifi­sches, oft mit anderen unvereinbares (um mit Wittgenstein zu reden:) „Sprachspiel“ im Gang. Es kommt darauf an, solche Sprach­spiele zu „kennen“, also sich auf Beschreibungen einzulassen (wer hat wie von „Werten“ ge­redet?). Dann aber – vor allem – kommt es darauf an, sich auf die Frage einzulassen, welche „Sprache“ dann wirklich zur Sprache derjenigen „Ethik“ werden kann, die dem christlichen Reden von Gott entspricht.

An dieser Stelle setzt die theologische Arbeit ein. Sie kann nicht darin bestehen, die Suche nach den „Werten“ mit christlichen Wertvorstellungen aufzufüllen, ohne die Rückfrage zu stellen, inwiefern denn Christen überhaupt von „Werten“ zu reden haben. Die theologische Arbeit in der Ethik kann auch nicht darin beste­hen, „Normen“ oder „Maximen“ des Handelns in ihrer Verbindlichkeit festzustel­len, ohne zu fragen, was in der christlichen Lebensform „Handeln“ heißt. „Ethik“ lernen heißt, in diese Arbeit an der moralischen Sprache eintreten. Wie reden Christen von „Verantwortung“, wie reden sie von „guten Werken“, vom „Gewis­sen“, von „Freiheit“, von „Gerechtigkeit“?

Das führt dann auch dazu, sich in der ethischen Theorie, im Diskurs bewegen zu lernen. Man wird die verschiedenen Ebenen der moralischen Sprache zugleich im Blick behalten, nicht die eine gegen die andere abgrenzen. Die Ebene des theoreti­schen und analytischen Diskurses (z.B. die Diskussion über „Verfahrensethik“, oder über „Verantwortungsethik“) thematisiert direkt die Frage, wie ethisch zu reden ist – und diese Rede betrifft dann direkt die Praxis ethischer Rechenschaft und Verständigung. Denn im ethischen Urteil kommen auch die theoretischen Begriffe wie „Verantwortung“ oder „Gewissen“ vor. (Vgl. als biblisches Bei­spiel: Jesus zeigt, wie vom „Nächsten“ zu reden ist, im Gleichnis vom barmherzigen Samari­ter: Lk 10,25-37.)

Hier der vollständige Text als pdf.

Ich schäme mich des Evangeliums vielleicht doch – die unterschwellige Botschaft von chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017

3. November 2017

Es geht ja ganz einfach: In das Suchfeld „Christus“ eingeben und dann das Heft im pdf-Format elektronisch durchsuchen lassen. Das Ergebnis ist entlarvend: Das Wort „Christus“ erscheint in dem 36seitigen Magazin nur ein einziges Mal. Auf die Interviewfrage „Wie kann die Kirche in Zukunft mehr Leute ansprechen?“ antwortet Julian-Christopher Marx: „Jedenfalls nicht mit einer moralisch belehrenden Haltung, die als von oben herab wahrgenommen wird. Und nicht mit einer theologisch verquasten Sprache, die unversehens von bestimmten Glaubenswahrheiten ausgeht: Jesus Christus, der Erlöser, die Sünde, das ewige Leben …“

Ein 31jähriger Sprecher des Arbeitskreises „Christinnen und Christen in der SPD“ in Berlin kann mit Recht kirchliche Verkündigung kritisch hinterfragen. Aber wenn das die einzige Äußerung über Christus in einer kirchlichen Zeitschrift namens „chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017“ ist und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Heinrich Bedford-Strohm wie auch seine Vorvorgängerin und amtierende Reformationsbotschafterin Dr. Margot Käßmann die Herausgeber sind, dann kann mit der Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland etwas nicht stimmen.

Jeder Automobilkonzern, jeder Getränkehersteller, jedes Naturkosmetikunternehmen nimmt sein Firmenjubiläum zum Anlass, die eigene Produkte sowie die eigene Philosophie öffentlichkeitswirksam vorzustellen. Auch der Evangelischen Kirche in Deutschland wäre dies bei einem 500jährigen Jubiläum in der Öffentlichkeit zugestanden worden. Man hätte also in einem evangelischen Magazin erklären können, warum man sich von der Reformation her „evangelisch“ nennt – was eingedeutscht ja nichts anderes „gutbotschaftlich“ heißt – und was die gute Botschaft von Jesus Christus für die Gegenwart besagt. Weiterhin hätte man aktive Mitglieder aus Kirchengemeinden mit deren eigenen Glauben und deren eigenen Hoffnungen vorstellen können, abgerundet mit einem bischöflichen Erbauungswort.

Bei „chrismon spezial“ geht es ja nicht um eine binnenkirchliche Hochglanzbroschüre, die in Kirchengebäuden und Gemeinderäumlichkeiten stapelweise aufliegt (und meist ungelesen in die nächste Altpapiersammlung verschwindet), sondern um eine kirchliche Zeitschrift, die extra zum 31. Oktober 2017 in einer Auflage von 6,7 Millionen mehr als 70 Tages-, Sonntags- und Wochenzeitungen beigelegt worden ist. Das Heft hat also durchaus Chancen, zur Lektüre auf weniger kirchenaffinen Tischen zumindest beim Bildungsbürgertum zu landen. Welche bessere publizistische Möglichkeit gibt es für die evangelische Kirche, die eigene Botschaft, also das Evangelium anlassbezogen zu Wort kommen zu lassen?

Stattdessen versucht sich chrismon spezial als Image-Magazin. So finden sich Reportagen über „Luther in Italien“ (natürlich mit dem Playmobil-Luther illustriert) bzw. über das Pop-Oratorium „Luther“ neben einem Interview mit dem Schauspieler Joachim Król und dessen Lebens- bzw. Religionseinstellung. Und schließlich darf sich Hans Leyendecker als zukünftiger Präsident des evangelischen Kirchentags über Journalismus, Reformation und Ökumene auslassen. All diese Artikel lassen sich in ähnlicher Weise auch in anderen nichtkirchlichen Magazinen und Zeitungen finden.

Dass Journalisten gerne ihr eigenes Ding machen wollen und sich nicht für eine kirchliche PR-Maßnahme vor den Karren spannen lassen wollen, ist verständlich. Aber wenn nun mal die Zeitschrift weitgehend von Kirchensteuermitteln finanziert und im Auftrag der Kirche herausgegeben ist, haben die verantwortlichen Herausgeber dafür Sorge zu tragen, dass die eigene Botschaft zum Tragen kommt. Schließlich hat ja Bedford-Strohm als EKD-Ratsvorsitzender im Juni 2015 selbst dazu aufgerufen, das Reformationsjubiläum als Christusfest zu feiern. Da darf man nicht einer Redaktion auf den Leim gehen, wenn diese einem das eigene Steckenpferd anbietet – in Gestalt eines gemeinsamen Interviews mit dem oben genannten Julian-Christopher Marx und der Studentin Sofie Mörchen zu Thema „Was wünschen sich junge Leute für die Zukunft von der Politik und von ihrer Kirche“.

Nimmt man „chrismon spezial, das evangelische Magazin zum Reformationstag 2017“ als Maßstab kirchenleitenden Handels in der Evangelische Kirche in Deutschland, ergibt sich daraus eine peinliche Botschaft: Man verausgabt sich am eigenen Image, weil man nicht länger Kirche des Worts sein will.

Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“ – so lautet der Leitvers (nach Römer 1,16) zum Psalm 22, der am Gedenktag der Reformation gottesdienstlich intoniert worden ist. Wir in der Kirche haben wohl alle zu lernen, diesen Lebensleitvers mit dem Brustton der Überzeugung anzustimmen.

So hat es Luther nicht gemeint – Warum das Reformationsjubiläum fragwürdig ist

30. Oktober 2017

Hier noch einmal aus aktuellem Anlass meine Kritik am Reformationsjubiläum aus der FAZ vom 15. Dezember 2010

NAMENSgedächtnis

Teuffel - So hat es Luther nicht gemeint (FAZ)In der FAZ  ist von mir im Dezember 2010 ein Artikel zum Reformationsjubiläum unter dem Titel „So hat es Luther nicht gemeint“ veröffentlicht worden.

So hat es Luther nicht gemeint

Der protestantische Gottesdienst ist heute nicht mehr auf Christus ausgerichtet, sondern auf eine triviale Idee von Freiheit. Das Reformationsjubiläum kann abgesagt werden.

Von Jochen Teuffel

Sechs Jahre noch, dann wird das fünfhundertste Jubiläum der Reformation in Deutschland ganz groß gefei­ert werden. Zur Einstimmung darauf wur­de bereits 2008 eine Lutherdekade mit wechselnden Jahresthemen ausgerufen. Das kennt man aus dem Vereinsleben: Wo in Sachen eigener Vergangenheit be­sonders ausgiebig jubiliert wird, ist man in der Gegenwart mit den eigenen Aktivi­täten dank Überalterung und Mitgliederschwund ziemlich am Ende.

Der Abgesang auf die Volkskirche wird als Basso continuo die Lutherdekade be­gleiten, bevor dann am 31. Oktober 2017 in Wittenberg eine Farce zur Aufführung kommt: In einer Stadt, in der Kirche im Verschwinden begriffen ist —…

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Göttlich inspiriertes Lebenserfahrungsbuch – Was Bedford-Strohm sich von der Bibel verspricht

27. Oktober 2017

Was bedeutet uns Christen die Bibel und wie ist sie zu verstehen? Darüber hat der Ratsvorsit­zende der EKD, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm in seinem Vorwort zur revidier­ten Luther-Bibel 2017 Rechenschaft abgelegt (und dabei Widerspruch gefunden). In seiner Predigt zur ökume­nischen Bibeltagung am 9. Februar 2017 in Stuttgart hat er sich noch einmal dieser Frage angenommen.

Für Bedford-Strohm ist die Bibel ein faszinierendes Buch, „das Lebensgeschichten und Erfahrungen mit Gott enthält und ein Buch, das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient.“ Dazu sei es wichtig, die Bibel „kritisch zu analysieren und über Entstehungszeit, Verfasser und Interessengruppen im Hintergrund Bescheid zu wissen.“ Würde sie „wörtlich genommen und ohne kritische Distanz gelesen“, so befürchtet Bedford-Strohm, könnte „die Bibel auch fürchterlich missinterpretiert und für den Aufruf zu Intoleranz oder gar Hass missbraucht werden“.

Bedford-Strohm ist sich durchaus bewusst, dass weder eine religionsgeschichtliche noch eine literarische Lektüre für Christen den „Kern“ der Bibel erschließen können. Stattdessen heißt es:

„Für uns wird alles, was in der Bibel von Israel und seinen Menschen, von Jesus und seinen Jüngern erzählt wird, vor Gott erzählt, wird in eine theologische, geistliche Perspektive gerückt, wird geöffnet für die Transzendenz. Ob es um die Schöpfungs­erzählungen geht oder um die Auferstehung Jesu, die Geschichte des Davidreiches oder die Erzählungen von den ersten christlichen Gemeinden, alles wird in das Licht Gottes getaucht, jeder Schritt, jedes Ereignis, jede Weisheit, jede Verzweiflung wird aufgeschlossen als Teil der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Das ist das Kenn­zeichen, das Kerncharakteristikum der Bibel.“

Fromm und erbaulich mögen diese Worte klingen, aber das wirkliche „Kerncharakteristikum der Bibel“ kommt dabei nicht zur Sprache: Der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus redet und handelt und hat darin uns Menschen auf unseren Glauben an Jesus Christus hin heilvoll eingeschlossen.

Dass das biblische Erzählgeschehen in göttliches Licht getaucht sein soll, kann nicht als „Geschichte Gottes mit uns Menschen“ gelten. Lichtenergie interagiert nicht mit menschli­chen Handlungen. Es scheint so, als ginge Bedford-Strohm – der platonischen Tradition eines Philon von Alexandrien folgend – von zwei verschiedenen Welten aus, einer korporealen, sinnlich wahrnehmbaren Lebenswelt (mundus sensibilis), die vergänglich ist, und einer göttlichen, intelligiblen Welt (mundus intelligibilis), die unvergäng­lich ist. Das „Licht Gottes“ wäre dabei das Spektrum transzendenter, göttlicher Ideen wie Leben und Gerechtigkeit, die Menschen in ihrer Lebenswelt denkerisch erfassen und durch eigenes Handeln zur Geltung bringen können.

Wenn Bedford-Strohm von einer Öffnung biblischen Erzählgeschehens für die Transzendenz spricht, ist daran zu erinnern, dass die Bibel selbst keine „Transzendenz“ kennt. Schließlich ist der Transzendenzbegriff ein platonisch inspiriertes Konzept der mittelalterlichen Scholastik. Per Definition gibt es zwischen einer diesseitigen Welt und einem transzendenten Jenseits – nicht zu verwechseln mit der räumlichen Unterscheidung von Irdischem und Himmlischem – keine vertrauensbildende Interaktionen. In die (göttliche) Transzendenz kann man sich nur denkerisch einfinden.

Was Bedford-Strohm in seiner Bibelpredigt konsequent außer Acht lässt, ist der biblisch bezeugte Anspruch des Wortes Gottes, der auf unseren Gehorsam bzw. Glauben aus ist. An die Stelle des worthaltigen Glaubens tritt die je eigene Deutung. Nach Bedford-Strohm findet sich dieses Deutungsgeschehen bereits in der Bibel und ist darin handlungsanleitend für die gegenwärtige Bedeutung der Bibel:

„Alles Leben, alle Ereignisse, auch alle Schicksalsschläge werden gedeutet und verstanden vor dem Hintergrund einer Gottesgegenwart, die damals genauso wenig beweisbar war wie heute. Und genau dieses Vor-Gott-Stellen der Ereignisse und Erfahrungen sollen wir übernehmen, wir sollen die Bibel nicht nachäffen oder nachplaudern, sondern den Geist dieses Buches nachvollziehen und auf unser Leben übertragen. Mehr nicht, weniger nicht.“

Die Bibel ist das große, ultimative Deutungsbuch menschlichen Lebens coram Deo, das gegenwärtig immer wieder neu auf die eigenen Lebenserfahrungen hin ausgedeutet werden muss, so lässt sich Bedford-Strohms Predigt auf eine These bringen. Und genau da, wo Menschen eine erfahrungsbezogene Deutungshoheit über die Bibel zugeschriebenen wird, können sie eben nicht von Gottes Wort als erlösungsbedürftige Sünder eingenommen werden. Folgerichtig lassen sich auch Gericht, Verdammnis, Sühne, Erlösung und Heiligung nicht länger zur Sprache bringen. Stattdessen gilt nach Bedford-Strohm die Bibel selbst als gottinspiriertes Selbsthilfebuch:

„Die Bibel ist das Buch der Bücher und die Quelle der Humanität, ja die Quelle allen erfüllten Lebens, denn sie kennt den diesseitigen Menschen in allen Aspekten, aber sie reduziert ihn nicht auf’s Diesseits, sondern erschließt die Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen.“

Die Bibel als „Quelle allen erfüllten Lebens“, als „Lebensbuch“, „das ins Leben hineinspricht und dem Leben dient“ – liest man Bedford-Strohms Predigt aufmerksam, mag man sich fragen, ob bei ihm nicht an Stelle des soli Deo gloria eine selbstbezügliche Lebensideologie tritt. Heißt es in Psalm 36 im Gespräch mit dem HERRN „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht“ (V 10), spricht Bedford-Strohm von „Quellen des Lebens, die aus der Ewigkeit kommen“. Selbst da, wo man biblisch nicht anders als von göttlichem Handeln zu reden hat, nämlich bei der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, neutralisiert Bedford-Strohm das Erzählgeschehen als „Sieg des Lebens“. Nein, für Christen kann die Bibel nicht als namenloses „Lebensbuch“ gelten; das „Buch des Lebens“ ist noch immer in göttlicher Hand (Ps 69,29; Phil 4,3). Es enthält keine autogene Lebensideologie, sondern vielmehr die Namen, die für eine Lebensgemeinschaft mit dem dreieinigen Gott vorgesehen sind.

Was Bedford-Strohm mit den Containerbegriffen „Leben“ und „Erfahrung“ in seiner Bibelpredigt zur Sprache bringt, ist als evangelisches Zeugnis mehr als dürftig. Seine Ausführungen sind kaum anschlussfähig an das kirchliche Glaubensbekenntnis, noch können sie das sola scriptura bzw. das allgemeine Lehramt der Heiligen Schrift zur Geltung bringen.

Hier mein Text als pdf.

„Die Hoffnung auf das kommende Gottesreich umgreift das, was Christen jetzt leben und glauben dürfen“ – Hans G. Ulrich über die Rede vom „Reich Gottes“

27. Oktober 2017

Mein theologischer Lehrer Hans G. Ulrich wird am 5. November 75 Jahre alt. Bei ihm habe ich evangelische Ethik in göttlicher Verheißung gelernt, die einem religionistischen Autismus biblisch widerspricht. Ein schöner, feinsinnig geschriebener Text ist sein Aufsatz „Gottes Reich – der widerständige Trost seiner Verheißung“ (2005 erschienen in Ernstpeter Maurer, Grundlinien der Dogmatik), in dem es unter anderem heißt:

Die Hoffnung auf das Reich Gottes ist untrennbar verbunden mit Jesus Christus, mit seiner Verkündigung, seinem Wirken, seinem Leben und seiner Passion. Die Hoffnung auf das Reich Gottes bleibt gewie­sen an Jesus, der als der »König der Juden« stirbt, und an den Jesus Christus, der zur Rechten Gottes sitzt und wiederkommt, um »zu rich­ten die Lebenden und die Toten«, wie es im Apostolischen Glaubens­bekenntnis ausgesprochen ist. Die Hoffnung auf Gottes Reich ist in diese Geschichte Jesu Christi aufgehoben. Sie steht gegen die Erwar­tung und Verzweiflung derer, die ihre Geschichte oder die Geschichte der Menschheit mit dem Reich Gottes verbunden sehen wollen. Mit der Verheißung des Reiches Gottes wird nicht der verborgene Sinn der Geschichte oder gar deren Vollendung, sondern eine andere Ge­schich­te präsent: die Geschichte Gottes mit den Menschen, seinen Geschöp­fen, denen er die Treue hält.

In dem Aufeinandertreffen biblischer Zeugnisse ist der Zusammen­hang von Gottes Ver­heißung und Erfüllung angelegt, in dem sich der christliche Glaube und die christliche Hoff­nung bewegen: die Hoffnung auf Gottes Reich ist getragen von der Erfahrung erfüllter Verhei­ßung in dem gekommenen Christus und von dem Glauben an den auf­erstandenen Herrn, dem König – und umgekehrt: die Verheißung end­gültiger Erfüllung in Gottes Reich trägt den Glauben an den gegenwär­tigen Christus. Hier ist der Jesus Christus im Blick, der sich den Armen und Elenden zugewandt hat, der Krankheiten geheilt und Sünden ver­geben hat.

Nicht die vielleicht bange Frage möglicher Perspektiven auf ein künftiges Gottes-Reich ist hier leitend, sondern die überreiche, das ge­genwärtige Leben verändernde Präsenz erfüllter Verheißungen und die ihnen folgende, darin begründete Hoffnung auf weitergehende Erfül­lung, die Gott selbst herbeiführt. Es geht nicht darum, daß etwa eine Kirche, die Christen oder das Christentum Gottes Wirken weiterfüh­ren, sondern es geht darum, daß sich diese Christen und die Gemeinde Jesu Christi ihrer Berufung würdig zeigen (Eph 4,1). Die Verheißung des kommenden Gottesreiches hat ihre Pointe ja gerade darin, daß nicht irgendein Reich in Aus­sicht steht, sondern daß Gott selbst — in der Einheit mit Christus — regiert. Die Hoffnung richtet sich auf den Gott, der schon bekannt und präsent ist, und auf ein Gottes-Reich, das bereits begonnen hat. Sein Fundament ist gelegt.

So kann der christlichen Gemeinde gesagt werden: »Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herr­lichkeit seines Erbes für die Heiligen ist, und wie überschwenglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wur­de, mit der er in Christus gewirkt hat. Durch sie hat er ihn von den To­ten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.« (Eph 1,18-23)

Die Hoffnung auf das kommende Gottesreich hat ihre Eigenart und Kraft darin, daß sie in Gottes Verheißung begründet ist und daß Gott selbst die Hoffnung auf sein kommendes Reich herbeigeführt hat. Gott hat die menschlichen Hoffnungen auf sich gezogen und an sich gebun­den. Mit der Hoffnung auf Gottes kommendes Reich bleibt der christliche Glaube daran ge­wiesen, daß Gott nicht nur irgendwie im Hintergrund gedacht wird, als der Gott, der schließ­lich alles zu­sammenhält oder zum guten Ende führt. Vielmehr ist Gott mit seinem Wirken und Handeln präsent und kommt uns Menschen und dieser Welt mit seiner künftigen Regentschaft entgegen. So ist es nicht mög­lich, die Hoffnung auf das Gottes-Reich zu bewahren ohne die ganze Geschichte der Verheißungen und ihrer Bekräftigung durch Gott, die im Kommen Jesu Christi greifbar nahegerückt ist. Mit der Hoffnung auf Gottes kommendes Reich ist gegeben, daß unser ganzes gegenwär­tiges menschliches Leben, mit allem, was es trägt und ausmacht, in Gottes regierender Hand ist. So können die Christen singen: »Lobe den Herren, den mächti­gen König der Ehren … Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret … Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar ge­segnet« (EG, 316). Gottes kommendes Reich wird dieses Lob in einer neuen Welt bewahrheiten. Die Hoffnung auf Gottes kommendes Reich ist an diesem Vertrau­en festgemacht, es ist eine erfahrene und begrün­dete Hoffnung (Gerhard Saurer). Mit der Verheißung des kommenden Reiches Gottes findet der Glaube den Gegenhalt, den Trost in Gottes Wirken und Regieren. Dieser Gegenhalt steht allem Vertrösten entge­gen.

Hier der vollständige Text „Gottes Reich – der widerständige Trost seiner Verheißung“ als pdf.

 

Im Machtraum göttlicher Liebe – Noch einmal die Geschichte vom verlorenen (bzw. wiedergefundenen) Sohn

25. Oktober 2017

Rembrandt – Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (1669)

Jedes Mal wenn ich im seelsorgerlichen Gespräch die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählend vorstelle, entdecke ich sie selbst neu.

Ist väterlich-göttliche Liebe für einen selbst wirklich? Am Anfang der Geschichte scheint sie für den jüngeren Sohn nicht erfahrbar zu sein. Er lässt sich ja das Erbe auszahlen, um sich aus dem väterlichen Lebensraum in die Eigenständigkeit zu verabschieden. Solche Selbständig­keit braucht ein eigenes Vermögen. Und Jesus erzählt uns, wie der junge Mann eigensinnig sein Vermögen verspielt, um schließlich in einem hungerleiderischen Dienst­verhältnis am unreinen Schweinetrog kläglich zu enden.

Wo er sich auf sein Unvermögen besinnt und aus dem eigenen Verloren-sein umkehrt, visiert er ja nur ein besseres Dienstverhältnis bei seinem Vater an. Was jedoch bei seiner reumütigen Rückkehr passiert, stellt alles bislang Dagewesene auf den Kopf: In seiner Ankunft wirft sich ihm die väterliche Liebe um den Hals. Dieser Vater hat seinen Sohn wahrlich nie verlorengegeben, auch wenn er ihm nicht nachgeeilt ist. Er wusste wohl selbst, dass der Sohn nur in dessen eigenen Umkehr für seine Liebe empfänglich werden konnte. Hätte er nämlich den Sohn in dessen Unvermögen gestellt, wäre diesem eine väterliche Bevormundung widerfahren. Wo nun aber der Sohn aus seinem Unvermögen selbst umgekehrt ist, überströmt ihn bei der Rückkehr die väterliche Barmherzigkeit. Die Wiedereinkleidung und das Wiedersehensfest stellen den Sohn in den Machtraum göttlicher Liebe, die sein Leben auf das Innerste durchdringt.

Und genau da zeigt sich für den älteren Sohn, dass auch für ihn die väterliche Liebe bislang unwirklich gewesen ist. Wer als Sohn durch eigenen Verdienst sich beim Vater in eine wohlgefällige Stellung bringen will, hat selbst versäumt, was ihm der Vater „alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit“ (Luther) schon längst gewährt hat. So muss nunmehr der ältere der beiden Söhne draußen vor der Tür bleiben und sich selbst der väterlichen Liebe verweigern. Wenn nun der Vater auf ihn mit den Worten „Alles, was mein ist, das ist dein“ zugeht, bleibt am Ende fraglich, ob dessen Liebe für ihn wirklich werden kann.  In der verdienstlichen Selbstgerechtigkeit kann jedenfalls das eigene Leben nicht zur Umkehr in den Machtraum der väterlichen Liebe kommen.