„Die Geschichten der Heiligen Schrift wollen uns unterwerfen“ – Die Bibel in Erich Auerbachs „Mimesis“

24. März 2017

Caravaggio – Die Opferung Isaaks

Erich Auerbach (1892-1957) hatte sein Meisterwerk „Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“ von 1942-1945 im türkischen Exil in Instanbul geschrieben, bevor es dann 1946 im Tübinger Francke-Verlag erschien. Dieses Werk hat gerade auch im angloamerikanischen Kontext eine eigene Wirkungsgeschichte entfaltet. Auf theologischer Seite ist es Hans W. Frei (1922-1988) gewesen, der in seinem Werk „The Eclipse of Biblical Narrative. A Study in Eighteenth and Nineteenth Century Hermeneutics“ (Yale University Press 1974) sich auf Auerbach beruft. So schreibt Frei gleich zu Beginn in seinem Vorwort: „My debts in the present work are innumerable. Among authors who have been particularly influential on my thought I want to mention Erich Auerbach, Karl Barth, and Gilbert Ryle. The impact of Auerbach’s classic study, Mimesis: The Representation of Reality in Western Literature, is evident throughout the essay. This great book has inevitably undergone increasingly severe scrutiny as the years have gone by. But to the best of my knowledge no student of the Bible has ever denied the power and aptness of the analysis of biblical passages and early Christian biblical interpre­tations in the first three chapters of Mimesis. And yet the reasons for the remarkable strength of these explorations have remained more or less and exasperatingly unexplored. I have tried in some measure to put his suggestions to use.“ (S. VII)

Gleich im ersten Kapitel vom Mimesis vergleicht Erich Auerbach Homers Odyssee mit Genesis 22, also der Geschichte von der Opferung Isaaks. Er zeigt dabei auf, welchen Wahrheitsanspruch die biblischen Erzählungen haben:

„Das alles ist ganz anders in den biblischen Geschichten. Der sinnliche Zauber ist nicht ihre Absicht, und wenn sie trotzdem auch im Sinnlichen sehr lebensvoll wirken, so geschieht dies, weil die ethischen, religiösen, innerlichen Vorgänge, auf die allein sie es absehen, sich im sinnlichen Material des Lebens konkretisieren. Die religiöse Absicht bedingt aber einen abso­luten Anspruch auf geschichtliche Wahrheit.

Die Geschichte von Abraham und Isaak ist nicht besser bezeugt als die von Odysseus, Penelope und Eurykleia; beides ist Sage. Allein, der biblische Erzähler, der Elohist, mußte an die objektive Wahrheit der Erzählung vom Abra­hamsopfer glauben – das Bestehen der heiligen Ordnungen des Lebens beruhte auf der Wahr­heit dieser und ähnlicher Geschichten. Er mußte mit Leidenschaft an sie glauben – oder aber er mußte, wie manche aufklärerische Interpreten annahmen oder vielleicht auch noch anneh­men, ein bewußter Lügner sein, kein harmloser Lügner wie Homer, der log, um zu gefallen, sondern ein zielbewußter politischer Lügner, der im Interesse eines Herrschaftsanspruchs log. Mir scheint die aufklärerische Ansicht psychologisch absurd, aber selbst wenn wir auch sie in Betracht ziehen, so bleibt doch sein Verhältnis zur Wahrheit seiner Geschichte ein weit leidenschaftlicheres, eindeutiger bestimmtes als dasjenige Homers.

Er mußte genau das schreiben, was sein Glaube an die Wahrheit der Überlieferung, oder, vom aufklärerischen Standpunkt, sein Interesse an der Wahrheit derselben von ihm forderte – in jedem Fall waren seiner freien, erfindenden oder ausmalenden Phantasie enge Schranken gesetzt; seine Tätig­keit mußte sich darauf beschränken, die fromme Überlieferung wirksam zu redigieren. Was er hervorbrachte, zielte also zunächst nicht auf «Wirklichkeit» – wenn ihm auch diese gelang, so war dies doch nur Mittel, nicht Zweck –, sondern auf Wahrheit. Wehe dem, der nicht an sie glaubte!

Man kann sehr wohl historisch kritische Bedenken gegen den Trojanischen Krieg und gegen Odysseus’ Irrfahrten hegen und doch beim Lesen Homers diejenige Wir­kung empfinden, die er beabsichtigte; wer an Abrahams Opfer nicht glaubt, kann von der Erzählung nicht den Gebrauch machen, für den sie geschrieben wurde. Ja, man muß noch weiter gehen. Der Wahrheitsanspruch der Bibel ist nicht nur weit dringender als der Homers, er ist auch tyrannisch; er schließt alle anderen Ansprüche aus. Die Welt der Geschichten der Heiligen Schrift begnügt sich nicht mit dem Anspruch, eine geschichtlich wahre Wirklichkeit zu sein – sie behauptet, die einzige wahre, die zur Alleinherrschaft bestimmte Welt zu sein. Alle anderen Schauplätze, Abläufe und Ordnungen haben keine Berechtigung, von ihr unab­ängig aufzutreten, und es ist verheißen, daß sie alle, die Ge­schichte aller Menschen über­haupt, sich in ihren Rahmen einordnen und sich ihr unterordnen werden.

Die Geschichten der Heiligen Schrift werben nicht, wie die Homers, um unsere Gunst, sie schmeicheln uns nicht, um uns zu gefallen und zu bezaubern – sie wollen uns unterwerfen, und wenn wir es verweigern, so sind wir Rebellen. Man möge nicht einwenden, daß dies zu weit gehe, daß nicht die Geschichte, sondern die religiöse Lehre den Herrschaftsanspruch erhebe; denn die Geschichten sind eben nicht, wie die Homers, bloß erzählte «Wirklichkeit». In ihnen inkar­niert sich Lehre und Verheißung, unscheidbar sind diese letzteren in sie hineingeschmolzen; eben darum sind sie hintergründig und dunkel, sie enthalten zweiten, verborgenen Sinn.

In der Isaakgeschichte ist es nicht allein das Eingreifen Gottes am Anfang und am Schluß, sondern auch dazwischen sowohl das Tatsächliche wie das Psychologische, welches dunkel, nur ange­rührt, hintergründig ist; und darum verlangt es nach grübelnder Vertiefung und Ausdeutung, es ruft sie herbei. Daß Gott auch den Frömmsten aufs schrecklichste versucht, daß unbeding­ter Gehorsam die einzige Haltung vor ihm ist, daß seine Verheißung aber unverrückbar fest­steht, mag auch sein Ratschluß noch so sehr dazu angetan sein, Zweifel und Verzweiflung zu erregen – das sind wohl die wichtigsten in der Isaakge­schichte enthaltenen Lehren – aber durch sie wird der Text so schwer, so inhaltsbeladen, er enthält in sich noch so viel Andeu­tung über Gottes Wesen und über die Haltung des From­men, daß der Gläubige veranlaßt wird, sich immer aufs neue in ihn zu versenken und in allen Einzelheiten die Erleuchtung zu suchen, die in ihnen verborgen sein mag. Und da ja in der Tat so vieles daran dunkel und unausgeführt ist, und da er weiß, daß Gott ein verborgener Gott ist, so findet sein deutendes Bestreben immer neue Nahrung. Die Lehre und das Streben nach Erleuchtung sind unlösbar mit der Sinnlichkeit der Erzählung verbunden – diese ist mehr als bloße «Wirklichkeit» – freilich auch ständig in Gefahr, die eigne Wirklich­keit zu verlieren, wie es alsbald geschah, als die Deutung so überwucherte, daß sich das Wirkliche zersetzte.“

Hier Auerbachs „Die Narbe des Odysseus“ als pdf.

Das wichtigste theologische Werk der jüngeren Zeit – Die Neukirchener Kinder-Bibel

21. März 2017

Welches theologische Werk evangelischerseits ist das wichtigste der letzten 30 Jahre im deutschsprachigen Raum? Richtig – Irmgard Weths Neukirchener Kinder-Bibel, die zum ersten Mal 1988 im Kalenderverlag des Erziehungsvereins Neukirchen-Vluyn erschienen ist. Die Gesamtauflage von fast 800.000 spricht für sich. Aber dann doch die Frage: Warum gerade eine Kinderbibel?

Von Gerhard von Rad stammt der oft zitierte Spruch: „Die legitimste Form theologischen Redens vom Alten Testament ist […] immer noch die Nacherzählung“ (Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, 3. A., München 1961, S. 126). Und genau diese Nacherzählung hat Irmgard Weth meisterlich praktiziert. Im Unterschied zu anderen Kinderbibeln werden keine farbenfroh und reich bebilderte Episoden „kindgerecht“ erzählt, sondern die eine Geschichte vom Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der mit seinem Volk redet und an ihm handelt.

Jeder der 154 Geschichten ist so erzählt, dass die göttliche Verheißung transparent wird und wir auf unseren Glauben an Jesus Christus hin darin heilvoll eingeschlossen sind. Irmgard Weth erzählt Geschehenes im Modus eines literarischen Realismus, wie ihn nicht zuletzt Hans W. Frei in seinem Werk „The Eclipse of Biblical Narrative“ (Yale University Press 1974) seinerzeit neu eingefordert hatte. Der Literalsinn der Bibel wird eben nicht historisch-kritisch „hintergangen“, also könne man besser wissen, wie es wirklich geschehen sei. Und so nimmt diese Kinderbibel nicht nur Kinder, sondern auch die vorlesenden (oder für sich selbst lesenden) Erwachsene für das Erzählgeschehen ein – zu ihrem Heil.

Für Erwachsene hat Irmgard Weth mittlerweile ein eigenes Erzählbuch veröffentlicht: Neukirchener Bibel – Das Alte Testament neu erzählt und kommentiert, Leinen, 716 Seiten, Neukirchener Kalenderverlag 2014, 29,99 Euro.

„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit“ (Jeremia 9,22) – Gerhard von Rad über die Weisheit in Israel

21. März 2017

Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) – Jesus Ben Sirach

Bekanntlich gilt die letzte Monographie Gerhard von Rads der Weisheit in Israel (Neukirchener Verlag). Dazu gibt es auch einen Rundfunkvortrag vom Februar 1970, in dem von Rad seine Einsichten zusammenfasst:

„Die Weisen Israels gingen von der Überzeugung aus: Es ist eine Ord­nung in den Dingen, und darum stießen sie ihre Schüler hinein in den Kampf zwi­schen Sinn­gewinn und Sinnverlust. Nur ein Tor dispen­siert sich zu seinem eigenen Schaden von dem Lauschen auf die das Leben tragenden Ordnungen. Aber mit dem Er­kenntniswillen allein ist es nicht getan. Alles Wissen um die Welt und um den Menschen beginnt mit dem Wissen um Gott. Die Furcht des Herrn, das Wissen um Gott, ist aller Weisheit Anfang. Es ist keineswegs so, daß sich die Welt verweigert, wenn wir die Frage nach Gott und seinem Wal­ten an sie richten. Im Gegenteil: Erst im Lichte dieser Frage wird sie ganz real und geheimnis­voll zugleich. Darin sehe ich die eigentliche Leistung dieser Weisen, daß sie mit hellwacher Vernunft diese von Gott durchwaltete Welt angegangen haben. Von da her, also von dieser Offen­heit für die Welt und zugleich für Gott, versteht man erst eine der tiefsten Einsichten Israels: Wirklich weise ist nur der, der sich nicht weise dünkt. Sich selber weise zu dünken, ist ein sicheres Zeichen der Torheit.“

Hier der Text des Rundfunkvortrags als pdf.

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“ (Martin Luther) – Warum „erzliberal“ und „orthodox“ Geschwister im Herrn sind

16. März 2017

Wie geht das zusammen in Sachen Christsein – erzliberal und zugleich orthodox? Vor einem Antwortversuch muss zunächst geklärt werden, was mit „erzliberal“ bzw. „orthodox“ jeweils gemeint ist. Für mich heißt „orthodox“ im Glauben an den dreieinen Gott der einen heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche verbunden zu sein. Schlüsseltext dazu ist das ökumenische Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel:

Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.

Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater [und dem Sohn] hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche. Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.

Erzliberal“ heißt sich im eigenen Glauben menschlicher Anarchie (= Herrschafts- bzw. Ursprungslosigkeit) verpflichtet zu wissen, d.h. es gibt keine menschliche Autorität, die mir definitiv vorschreiben kann, was ich zu glauben und wie ich mich gottwohlgefällig zu verhalten habe. Jesu eigene Worte begründen diese menschlichen Anarchie in der Kirche: „Ihr wisst, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken sie, und ihre Großen setzen ihre Macht gegen sie ein.Unter euch aber sei es nicht so, sondern: Wer unter euch groß sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,42-45) Eigene Geltungsansprüche auch in Sachen des Glaubens müssen müssen im Hinblick auf andere selbst erlitten werden.

Aber ist das nicht ein Widerspruch: Orthodoxer („rechtgläubiger“) Glaube in und mit der einen heiligen Kirche (una sancta ecclesia), der zugleich sich selbst in evangelischer Freiheit wahrnimmt?

Um diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen, gilt es in die Orthodoxie des Glaubens einzusteigen. Was in der Kirche gemeinschaftlich bekannt wird, ist der dreieinige Gott mit seinem schöpferischen, versöhnenden und heiligenden Werk, das mich in der Gemeinschaft der Kirche zum Heil einschließt. Der christliche Glaube vertraut der göttlichen Wirklichkeit zum eigenen Heil und zur Erlösung seiner Schöpfung. Menschliche Worte und menschliches Handeln in der Kirche bezeugen die göttliche Wirklichkeit in Wort und Sakrament und können daher eo ipso keine eigene Autorität für sich beanspruchen. Gehorsam ist immer nur Glaubensgehorsam gegenüber dem Evangelium Jesu Christi, so es in menschlichem Zeugnis und in menschlicher Verkündigung präsentiert wird.

In der kirchlichen Verkündigung geht nicht um eine Weltanschauung oder um ein Lehrgebäude, sondern um das „Geheimnis des Glaubens“, das im Pascha-Mysterium Christi präsent ist. Mit der Akklamation nach den Einsetzungsworten beim Herrenmahl gesprochen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Was durch ihn und mit ihm und in ihm geschah, ist nicht vergangen, sondern für uns wirklich gegenwärtig. Im Glauben an sein Hingabewort (sein Testament) sind wir in die Gegenwart des dreieinigen Gottes hineingenommen und werden damit zu Teilhabern „an der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium“ (Epheser 3,6). Diese Verheißung gilt dem letztgültigen göttlichen Zukunftsgeschehen, wie es im Glaubensbekenntnis heißt: „Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.“

Wo der christliche Glaube von göttlichem Geschehen eingenommen ist, können sich in der Kirche keine menschlichen Herrschaftsverhältnisse behaupten. Wem in der Kirche das Amt der Wortverkündigung und der Sakramentsverwaltung anvertraut ist, tritt nicht in eigener Person und in eigener Sache der Gemeinde gegenüber. Er kann sich nicht über das hinwegsetzen, worauf er sich in seiner Ordination selbst hat verpflichten lassen, nämlich das anvertraute Amt „nach Gottes Willen in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, zu predigen, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit zu wahren und mich in allen Dingen so zu verhalten, wie es meinem Auftrag entspricht“.

Die Autorität des Evangeliums und das Lehramt der Heiligen Schrift sind sowohl dem Amtsträger wie auch der Gemeinde vorgegeben und ermöglichen herrschaftsfreie Verhältnisse unter den Kirchengliedern. Nur dort, wo sich der Amtsträger an seine Ordinationsverpflichtung hält, kann und darf er Gehör beanspruchen. Er muss sich in seiner Amtsführung und  Verkündigung auf seine Regelbindung hin befragen lassen. Schließlich weiß die Gemeinde (bzw. kann es nachschlagen), woran er sich zu halten hat und wo sie möglicherweise ihm die Zustimmung verweigern muss. Jedem Gemeindeglied steht es darüber hinaus frei, ob es dem „amtlich“ Gesagten seinen Glauben schenken will. Auch als „freisinniger“ Christ, der eine dezidiert heterodoxe Überzeugung in Sachen Heilsgeschehen hat, lässt man in eigener Gewissensfreiheit das orthodox Gesagte als „spielregelkonform“ in der Kirche gelten. „Das muss er halt so sagen, weil er Pfarrer ist …“

Anders verhält es sich jedoch, wenn ein „freisinniger“ Amtsträger unter dem Anspruch einer „kritischen Vernunft“ heterodox predigt. Diese Heterodoxie verweigert sich nämlich dem göttlichen Pascha-Mysterium, da nicht (neuplatonisch) vernunftfähig. An die Stelle des göttlichen Geschehens, von dem man als Amtsträger im Glauben selbst eingenommen ist, treten eigene weltanschauliche Überzeugungen bzw. eine eigene religiöse Ideologie. Statt sich selbst auf den eigenen Gehorsam gegenüber dem „einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1Korinther 8,6) befragen lassen, tritt der Anspruch eigener, höherer intellektueller Einsichten, die der Gemeinde zuzumuten sind bzw. worüber die Gemeinde aufzuklären ist.

Aber genau da beginnt der „freisinnige“ Klerikalismus: Weil man als studierter und konsistorial examinierter Amtsträger die pastorale „höhere Weihe“ ein für alle Mal erhalten habe, besitzet man als Pfarrer in der verfassten Kirche einen „amtsimmunen“ Status. Mit dem Talar als Amtstracht sichtbar der Gemeinde gegenüber gestellt und mit einem öffentlichen Redemonopol ausgestattet beansprucht man im Namen der eigenen Glaubensfreiheit von der Kanzel autoritativ Glaubensinhalte und Glaubensansichten verkünden, für die man keine Rechenschaft bezüglich des vorgegebenen kirchlichen Lehrkonsenses („Ecclesiae magno consensu apud nos docent …“ – CA 1) ablegen kann und muss. Als Pfarrer hat man per se Autorität und weiß es einfach besser als die Gemeinde. An die Stelle der Autorität des Evangeliums tritt der eigene Habitus, der sich mitunter selbst als autoritär erweist.

Das ist ja die Illusion, dass in der evangelischen Kirche alle gleichermaßen die ganz eigenen Glaubensansichten zum Besten geben dürfen – „wir sind so frei …“ – als wäre Kirche eine religiöse Selbsterfahrungsgruppe im Stuhlkreis mit gestalteter Mitte, wo jeder mit seinen Innerlichkeit und Befindlichkeiten für die anderen vernehmbar zu Wort kommen darf. Die Rede vom Priestertum aller Gläubigen dient in den verfassten Landeskirchen allzu häufig zur Verschleierung asymmetrischer Kommunikationsverhältnisse. Einer tritt von Amts wegen der Gemeinde mit der freien, assertorischen Rede gegenüber, sei es im Gottesdienst auf der Kanzel oder aber in gedruckter Form im Gemeindebrief. Wenn es um Glauben in der Gemeinde geht, hat der Pfarrer mit seiner Amtsautorität in der Öffentlichkeit letztlich das Sagen. (Etwas anderes wäre es, wenn ein Pfarrer öffentlich eigene Glaubenszweifel äußern und damit vor den andern sich selbst um den eigenen Amtsanspruch bringen würde.)

Innerhalb einer verfassten Landeskirche kann die „wahre“ Botschaft des Evangeliums nicht über einen herrschaftsfreien Diskurs zur Geltung gebracht werden. Heterodoxie im pastoral monopolisierten Amt bedeutet, dass eigene Glaubensüberzeugungen eines Amtsträgers unter einem autoritativen Geltungsanspruch den anderen Mitchristen unwidersprüchlich auferlegt werden. Damit werden unter scheinbar liberalen Vorzeichen in der Kirche klerikale Machtverhältnisse begründet, die der Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Kirche widersprechen.

Evangelische Freiheit in der Gemeinschaft der Gläubigen nur durch die Orthodoxie der Christus-Verkündigung zu bewahren.

Jürgen Moltmann über Leiden und Theodizee

15. März 2017

Am Ende seines Lexikonartikels „Leiden/Theodizee“ aus dem Praktischen Lexikon der Spiritualität (hg. von Christian Schütz, Freiburg 1988) schreibt Jürgen Moltmann:

„Wer in seinem Schmerz nach Gott schreit, der stimmt bewußt oder unbewußt in den Todes­schrei Jesu Christi ein: ‚Mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ Wer dies erkennt, der spürt sofort, daß Gott nicht jenes uner­forschliche Gegenüber im Himmel ist, sondern in einem sehr persönlichen Sinne der menschliche Christus ist, der mit ihm schreit, und der einfühlende Geist, der in ihm ruft und für ihn rufen wird, wenn er selbst verstummt. Es ist der Trost des gekreuzigten Christus, die Liebe Gottes und die Gemein­schaft des ewigen Geistes in die Ab­gründe unserer Leiden und in unsere Höllen des Bösen zu bringen.“

Hier der vollständige Text des Lexikonartikels als pdf.

Martin-Luther-Kirche ohne Lutherstatue

15. März 2017

Anischt Martin-Luther-Kirche in Vöhringen (Bauplan 1933)

Am 15. Juli 1934 wurde in Vöhringen/Iller das evangelische Kirchengebäude feierlich eingeweiht. Dass das Kirchengebäude durch Beschluss des Kirchenvorstandes „Lutherkirche“ heißen sollte, hängt maßgeblich mit dem Luther-Jubiläum vom November 1933 (450. Geburtstag Martin Luthers) zusammen, wo nationalprotestantische Professoren, nationalsozialistische Politiker und deutsch-christliche Kirchenführer gemeinsam ein völkisches Lutherbild propagiert hatten.

Gipsmodell der Frontansicht der Martin-Luther-Kirche mit der geplanten Lutherstatue

Ein Bauvorhaben kam jedoch nicht zum Abschluss. Über dem Eingangsportal an der Westseite sollte eine zwei Meter hohe Luther-Statue im Mauerwerk verankert werden (ähnlich wie an der Martin-Luther-Kirche in Ulm aus dem Jahr 1928). Der Ulmer Bildhauer (und Holzschnitzer) Gottlieb Kottmann, Vorstand der 1919 gegründeten Ulmer Künstlergilde, hatte dazu ein Gipsmodell der Lutherstatue sowie eine Gipsplatte der Westfront mit der vorgesehenen Statue im Maßstab von 1:50 (datiert auf den 8. Januar 1934) angefertigt.

Gipsmodell einer Lutherstatue für die Martin-Luther-Kirche in Vöhringen

Über den Künstler Gottlieb Kottmann findet sich in einem englischsprachigen Buch folgende Notiz: „Gottlieb Kottmann, an expert woodcarver and a member of the Nazi Brown-Shirted SA, was one of the many Germans enamored by Hitler. In 1933 he presented Hitler with a wood carving of a mare horse with her foal. The mare is a heavily built Belgian work horse. She has a shock of hair over her forehead which uncannily resembles Adolph Hitler. Reputedly, the mare was Hitler.“

Wie heißen die vierzig Tage vor Ostern (Quadragesima) richtig – Fastenzeit oder Passionszeit?

13. März 2017

Kretisches Labyrinth aus 2500 brennenden Teelichtern in der Heilig-Kreuz-Kirche in Frankfurt-Bornheim – Foto Wikipedia/Jürgen Heegmann, Dezember 2011, cc-by-sa

Gemeinhin ist bezüglich der vierzig Tage vor Ostern (Quadragesima) im deutschsprachigen Raum von der Fastenzeit die Rede. Damit scheint der Inhalt vorgeben: „Was fastest Du in diesem Jahr?“ Selbst evangelischerseits gibt es seit 1983 eine Fastenaktion „7 Wochen ohne“ mit immer kreativeren „Fastenvorhaben“. So  heißt 2017 das Motto „Augenblick  mal! – Sieben Wochen ohne Sofort“. Ganz offensichtlich hat sich auch in der evangelischen Kirche die Bezeichnung „Passionszeit“ nicht durchgesetzt. Der kirchlichen Tradition zufolge beginnt ja die eigentliche Passionszeit erst am Sonntag Judika (5. Fastensonntag), also zwei Wochen vor Ostern. Noch in der Lutherischen Agende I von 1955 ist von der Fastenzeit die Rede. Es hat sich gezeigt, dass die Ausdehnung der Passionszeit auf die ganze Quadragesima mit der Perikopenordnung von 1978 liturgisch nicht gefüllt werden kann.

Der Ursprung der Quadragesima liegt in der altkirchlichen Vorbereitung der Gläubigen auf das Osterfest. Es handelt sich dabei um eine Buß- bzw. Besinnungszeit, die durch eigenes Fasten unterstützt wird. In der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanum heißt es daher über den Sinn der Vierzig Tage: „Die vierzigtägige Fastenzeit hat die doppelte Aufgabe, einerseits vor allem durch Tauferinnerung oder Taufvorbereitung, andererseits durch Buße, die Gläubigen, die in dieser Zeit mit größerem Eifer das Wort Gottes hören und dem Gebet obliegen sollen, auf die Feier des Pascha-Mysteriums vorzubereiten.“ (SC 109)

Weder die Bezeichnung „Fastenzeit“ noch „Passionszeit“ treffen die eigentliche Intention der Quadragesima.  Jesu Hingabe für uns Menschen gilt es das ganze Jahr über zu bedenken; „Fastenzeit“ hingegen betont ein menschlicherseits zu erbringendes Werk. Besser wären vorösterliche „Bußzeit“ oder aber „Besinnungszeit“: Unter der Anleitung des Wortes Gottes nehme ich mich als Sünder in meinem (Un-)Verhältnis  zum dreieinigen Gott wie auch zu meinen Mitmenschen wahr. Damit öffne ich mich neu für das göttliche Pascha-Mysterium sowie für die unbedingte Vergebungszusage des Evangeliums in Jesu Namen.

So könnte für die Besinnungszeit zwischen Aschermittwoch und Gründonnerstag täglich je eine Gewissensfrage gestellt werden. Dieser Fragen wiederum beziehen sich wochenweise auf eine bestimmte göttliche Weisung. Eine mögliche Einteilung der Fragegruppen könnte (in Anlehnung an die Hilfe zur Gewissenserforschung aus dem Gotteslob, Nr. 600) sein:

Erste Woche: Gott will, dass wir die Menschen achten, denen wir familiär verbunden sind oder die uns besonders anvertraut sind.
Zweite Woche: Gott will, dass wir ihm vertrauen und uns nicht an fremde Mächte und Ideen binden.
Dritte Woche: Gott will, dass wir Leben achten und Leid abwenden.
Vierte Woche: Gott will, dass wir ihn ehren und ihn anrufen.
Fünfte Woche: Gott will, dass wir in Ehe und Freundschaft einander Respekt, Liebe und Treue erweisen.
Sechste Woche: Gott will, dass wir Eigentum achten und unseren Mitmenschen zugutekommen lassen.
Siebte Woche: Gott will, dass wir zur Wahrheit stehen und niemandem durch Lügen Schaden zufügen.

Aus Jesu Mund kommt die Botschaft für diese Besinnungszeit: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15)

Miao Xiaochun, „The Last Judgment in Cyberspace“ und Michelangelo, „Das Jüngste Gericht“

10. März 2017

Miao Xiaochun – The Last Judgement in Cyberspace – The Front View (2006)
© Miao Xiaochun

Der chinesische Medienkünster Miao Xiachun (hat unter anderem in Kassel studiert) nimmt sich in seinem Projekt „The Last Judgment in Cyberspace“ Michelangelos Fresko „Das Jüngste Gericht“ (1533–1541) aus der Sixtinischen Kapelle an und verwandelt dessen Zweidimensionalität in eine virtuelle 3-D-Realität. Dabei transponierte Miao die szenischen Elemente des Originalgemäldes in den virtuellen Raum und ersetzte die vierhundert männlichen und weiblichen Figuren durch einen 3-D-Klon in Gestalt des Künstlers. Mehrere schwarz-weißer Digitalaufnahme zeigen die freigestellten szenischen Elemente in einer neuen, räumlich transparenten Komposition.

Michelangelo – Jüngstes Gericht, 1534-1541  Rom, Città del Vaticano, Sixtinische Kapelle (Ausschnitt)

In Fortführung dieses Projektes schuf Miao außerdem eine 3-D-Computeranimation The Last Judgment in Cyberspace – Where Will I Go? Auf dem siebenminütigen Video bewegt sich das eigene Leben unaufhaltsam auf das Jüngste Gericht zu. Dazu findet sich die passende Sprechmotette:

Where will I go? — You will go there.
Where can I go? — You can go there.
Where should I go? — You should go there.
Where do I want to go? — You want to go there.
Where may I go? — You may go there.
Where must I go? — You must go there.
Where can I only go? — You can only go there.
Where will I go after all? — You will go there after all.
Where will I really go? — You will really go there.
Where will I go right now? — You will go there right now.
Where will I immediately go? — You will immediately go there.
Where do I have no choice but to go? — You have no choice but to go there.
In the end, where will I go? — In the end, you will go there.

Für eine Einführung in das Werk siehe Wu Hung, Miao Xiaochun’s Last Judgment.

Fadenscheiniger Osterglaube in Miao Xiaochuns „Zero Degree Doubt“ und Caravaggios „Der ungläubige Thomas“

9. März 2017

Miao Xiaochun – Zero Degree Doubt (2013) © Miao Xiaochun

Das könnte doch für Ostern eine Predigt mit Bezug auf Johannes 20,24-29 wert sein – das Bild des chinesischen Medienkünstlers Miao Xiaochun mit dem Titel „Zero Degree Doubt“ von 2013. Dieses Bild (Acryl auf Leinen, 150 x 150 cm) wird auf der Kunstausstellung „Luther und die Avantgarde„. Zeitgenössische Kunst in Wittenberg, Berlin und Kassel vom 19. Mai bis 17. September 2017 in Deutschland zu sehen sein.

Caravaggio – Der ungläubige Thomas

Die Vorlage dazu ist ja ganz offensichtlich Caravaggios Meisterwerk „Der ungläubige Thomas“ (1601/02, Schloss Sanssouci Bildergalerie, Berlin). Da wird hinter 3-D-simulierenden Gitternetzlinien die fingerfertige Berührung in eine Transparenz aufgelöst, die Leiblichkeit und Leben des Auferstandenen nicht länger begreifen können – ein fadenscheiniger Osterglaube also.

„Dem Papst kommt die gesamte Gewalt Christi für seine Kirche auf Erden ohne jede Einschränkung zu“

8. März 2017

Die Papst Benedikt XVI. am 25. Mai 2011 geschenkte Tiara

Wer wissen will, was die römisch-katholische Kirche im Unterschied zu anderen Kirchen ausmacht, muss sie als Rechtsgemeinschaft unter der päpstlichen Primatialgewalt verstehen. Wie diese Rechtsgemeinschaft gefasst ist und was sie für den einzelnen Christ austrägt, ist im Codex Iuris Canonici (CIC) von 1983 definiert. Aufschlussreich ist, was Norbert Lüdecke, katholischer Professor für Kirchenrecht in Bonn, über die päpstliche Primitialgewalt in seinem Lexikonartikel „Papst“ (aus dem Evangelischen Staatslexikon) schreibt:

„Der Papst besitzt die formal so qualifizierte Gewalt in ih­rer ganzen Fülle. Dem Papst kommt die gesamte Gewalt Christi für seine Kirche auf Erden ohne jede Einschrän­kung zu. Die Vollgewalt mit ihren Funktionen der Ge­setzgebung, der Rechtspre­chung und der Verwaltung erstreckt sich auf die Glaubens- und Sitten­lehre wie auf die gesamte kirchliche Rechtsordnung, auf Lehre und Disziplin.

  1. Verkündet der Papst als oberster Hirte und Lehrer aller Gläubigen (ex cathedra) eine offen­barte oder nach seiner Bestimmung eng mit der Offenbarung zusammenhän­gende Glaubens- oder Sittenlehre als endgültig verpflich­tend, kommt ihm Unfehlbarkeit im Lehramt zu. So vorgelegten Dogmen (KKK 88) müssen die Gläubigen unter Strafe vorbehaltlos und unwider­ruflich zustimmen (cc. 750, 1364, 1371 n. 1). Seinen übrigen Lehren und moralischen Urtei­len über menschliche Dinge jedweder Art bzgl. der Grundrechte der Person und des Seelen­heils darf nicht öffentlich widersprochen werden (cc. 752, 1371 n. 1).
  2. Der Papst ist höchster Gesetzgeber. Schranken sind nur das weder änder- noch dispen­sier­bare göttliche Recht (ius divinum) und die anderen lehramtlich festgestell­ten Dog­men. Im Übrigen ist er Herr der Gesetze, kann sie än­dern, aufheben, von ihnen befrei­en (Dispens) oder durch Sonder- oder Ausnahmerechte (Privilegien) ersetzen. Er legt seine Gesetze authentisch aus und ist an sie (nur) mo­ralisch gebunden. Er legt die kirchliche Kompetenzordnung fest. Untergeordnete Gesetzgebung gegen päpstli­che Gesetze ist ungültig (c. 135 § 1).
  3. Der Papst ist oberster Richter (c. 1442). Sein Urteil ist in­appellabel (c. 333 § 3).
  4. Als oberster Inhaber der vollziehenden Gewalt regiert der Papst die gesamte Kirche, fördert ihr Gemeinwohl in höchster Verantwortlichkeit, leitet und überwacht den Vollzug der bestehenden Gesetze. Dazu bedient er sich der römischen Kurie (c. 360). Das kirchliche Leben überwacht er durch Apostolische Gesandte oder andere Beauftragte sowie persönlich, wenn die Diözesanbischö­fe alle fünf Jahre zur Rechen­schaftslegung vor ihm er­scheinen müssen (c. 400). Verwaltungshandeln des Papstes ist nicht rekursfähig (c. 333 § 3).“

Codex Iuris Canonici

Über die Eigenart des Codex Iuris Canonici (CIC) schreibt Lüdecke in seinem diesbezüglichen Lexikonartikel (ebenfalls aus dem Evangelischen Staatslexikon):

„A. Der CIC ist die wichtigste rechtliche Transformation des II. Vatikanischen Konzils. Die vom Initiator gewünschte und vom Erlasser konstatierte Übereinstimmung von Konzil und Codex ist mit der primatialen Promulgation verbindlich beurteilt. Das Konzil kann gegen den CIC nicht angerufen werden.

B. In gewollter Kontinuität zu der neuzeitlich-absolutistische Gesetzgebungstechnik nach­ah­menden erstmaligen Kodifi­kation von 1917 ist der CIC genetisch wie konzeptionell Zeuge und verfeinerter Garant der päpstlichen Zentralge­walt. In der Diktion des zweiten Vatikanums bleibt die Ekklesiologie des ersten bestimmend.

C. Der CIC ist unhintergehbarer Ausdruck des amtlichen Selbstverständ­nisses der römisch-kath. Kirche, als Glaubens- zugleich Rechtsgemeinschaft zu sein.

D. Aufgrund der in kath. Sicht inneren Verbundenheit von Christusbeziehung und Kirch­lich­keit verwirklicht sich Heilsteilhabe durch Rechtsgefolgschaft (cc. 748, 205, 209, 1752). Unter die­sem Vorbehalt und zu diesem Zweck kommen den Gläu­bigen an Pflichten gekoppelte Rechte zur Mitwirkung an der kirchlichen Sendung (cc. 209, 223 § 1) zu. Die Aus­übung der Rechte steht unter hierarchischer Kuratel (c. 223 § 2). Sie sind weder Grund- noch Freiheits­rechte im staatlichen Sinn.

E. Die wahre Gleichheit der Gläubigen meint die gleiche Taufwürde, nicht Gleichberech­ti­gung (c. 208).

F. Das ka­nonische Recht ist konstitutiv staatsanalog-vordemokratisches Recht. Weil auf die Umsetzung des lehrmäßig bestimmten Gemeinwohls, die salus ani­marum, zielend, ist es materiales und zugleich morali­sches, im Gewissen verpflichtendes, auf die ganze Person zugreifendes Recht (cc. 210, 750, 752 f., 1249). Wegen der Letztverantwortung der Hirten für die Ermög­lichung der salus animarum ist es pastorales Recht. Weil es im göttlichen Recht gründet und dessen Schutz vor Missbrauch durch den dominus canonum gläubig dem Heili­gen Geist überlassen wird, ist es geistliches Recht.“

Was eine „korrekte Kanonistik“ (vgl. c. 16 § 1: „Gesetze interpretiert authentisch der Gesetzgeber und derjenige, dem von diesem die Vollmacht zur authentischen Auslegung übertragen worden ist.“) bezüglich des Codex Iuris Canonici zur Darstellung bringen muss, findet sich in Norbert Lüdecke/Georg Bier, Das römisch-katholische Kirchenrecht. Eine Einführung (Stuttgart, Kohlhammer 2012).