„Da stirbt nun Jona drei Tage und Nächte im Walfisch …“ – Luthers geistliche Ausdeutung des Jonabuchs

29. März 2017

Jan Brueghel der Ältere – Jonas entsteigt dem Walfisch (1595) – Öl auf Holz

Es heißt ja, dass Martin Luther sich in seiner Schriftlauslegung allein auf den Literalsinn bezogen hat. Am Ende seiner Auslegung zum Jonabuch von 1526 betreibt Luther jedoch explizit Schriftallegorese, wenn er sich an einer dreifachen geistlichen Ausdeutung versucht. So schreibt er unter anderem:

„Da stirbt nun Jona drei Tage und Nächte im Walfisch. Das ist, der Sünder liegt in solchem Schrecken und Todesnöten und ringt mit dem Tode, bis er ganz verzweifelt. Denn innerhalb von drei Tagen kann man wohl spüren, ob einer tot sei. Und wer den dritten Tag im Tod erreicht, — da ist keine Hoffnung mehr. Selbst wenn er nicht ganze drei Tage läge, das meint, wenn er mehr als eine ganze Nacht und einen Tag liegt, dann ist er dahin. Denn derselbe kann wohl eine Stunde des vorigen Tages und eine Stunde des folgenden Tages erreichen. Solche drei Tage sind nicht lang in diesem geistli­chen Sterben. Denn es ist schnell geschehen, daß ihn Tod und Angst ins Verzweifeln treiben. Danach kommt das lebendige Gotteswort, das Evangelium der Gnade, und spricht zum Fische, das ist, es gebietet dem Tode, daß er den Menschen lebendig lasse. Da fängt der Glaube an und der Mensch wird sowohl von Sünden als auch vom Tode ledig und los und lebt somit in Gnade und Gerechtigkeit mit Christus. Da lernt nun Jona das Stücklein singen: »Ich will mit Dank opfern« usw. und schilt diejenigen, die sich auf Eitelkeit verlassen und die Gnade nicht achten. Denn solche Leute erfahren, daß Werk- und Gesetzesleben ganz unnützige Dinge seien und allein Gottes Gnade helfen muß. Und so werden dann Leute daraus, die in der Welt großen Nutzen schaffen; denn sie können recht lehren, beraten und regieren, weil sie es nicht alleine aus den Büchern oder Worten, sondern aus dem Geist und eigener Erfahrung haben. Was sie lehren, das schneidet dann und ist kräftig, wie es Jona hier mit seiner Predigt zu Ninive andeutet.“

Hier der Text aller drei geistlichen Ausdeutungen als pdf.

 

Predigt über die Versuchung Abrahams bzw. über das Opfer Isaaks (1.Mose/Genesis 22,1-19)

28. März 2017

Da am kommenden Sonntag Judika 1Mose 22,1-13 als Predigttext vorgesehen ist, noch einmal die Predigt dazu.

NAMENSgedächtnis

Rembrandt Abraham Isaak

Kann ich dir wirklich vertrauen? Was wäre, wenn der Gott diese Frage einem von uns stellen würde? Da mag man vielleicht überrascht sein, gehen wir doch in Sachen Gottvertrauen in der Regel von uns selbst aus. Können wir Gott wirklich vertrauen? Aber eigentlich ist die Vertrauensfrage für den Gott selbst entscheidend. Denn bevor wir Geschöpfe uns auf die Gottessuche begeben, hat der Gott Israels, der HERR, schon längst Menschen für sich selbst erwählt. Am Anfang fällt seine Wahl auf Abraham, gefolgt vom Volk Israel. Und schließlich gilt in Jesus Christus seine Wahl auch uns. Damit stellt sich die göttliche Vertrauensfrage von selbst: Kann der HERR Gott eigentlich uns vertrauen?

Zwei Dinge sprechen sich in dieser Vertrauensfrage aus: Menschen, die der Gott auserwählt hat, sind diesem nicht gleichgültig. Sie sind kein Spielzeug seines Willens, einmal in die eigene Hand genommen, und dann nach kurzem Gebrauch achtlos zur Seite gelegt. Ihr seid…

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Abraham oder eine höhere Trauer (von Leszek Kolakowski)

28. März 2017

Albrecht Altdorfer – Die Opferung Isaaks (Holzschnitt um 1520-1525)

Vielleicht lässt sich ja die Opferung Isaaks bzw. Abrahams Versuchung (1Mose/Genesis 22,1-19) auch ohne einen tödlichen Ernst verstehen. Leszek Kolakowski jedenfalls erzählt die Geschichte als gewagte Parodie:

Abraham oder eine höhere Trauer

Von Leszek Kolakowski

Die Geschichte von Abraham und Isaak wurde von Sören Kierkegaard und seinen Nach­folgern philosophisch als das Problem der Furcht interpretiert: Abraham soll den Sohn auf Befehl Gottes opfern. Aber woher nimmt er die Gewißheit, daß es ein Befehl Gottes ist und nicht eine Versuchung des Teufels, eine Täuschung oder Wahnsinn? Woher die Sicherheit, daß er den Befehl richtig verstand? Mit anderen Worten, die Interpreta­tion der Angelegenheit Isaaks unter existenzialistischem Aspekt geht von der Auffassung aus, daß die endgültige Entscheidung in der Hand Abrahams liege, daß Abra­ham nicht die Möglichkeit habe, sich völlige Gewißheit über die Quelle des Befehls und über dessen Inhalt zu verschaffen, und er von der Furcht geschüttelt werde, er könne das Leben des Sohnes vielleicht umsonst opfern. Abraham steht also für menschliche Furcht angesichts einer Situation, in welcher ein Zwang zur Wahl unter großen Werten besteht und es an äußeren Gründen fehlt, diese Wahl zu treffen.

Ich gestehe, daß ich Lust habe, das Problem Isaak in einer bedeutend einfacheren Weise zu lösen, in einer Weise nämlich, die eher auf Abrahams Vergangenheit Bezug nimmt. Ich setze voraus, daß Abraham nicht an dem göttlichen Ursprung des Befehls zweifeln konnte. Er ver­fügte über absolut zuverlässige Mittel zur Ver­ständigung mit seinem Schöpfer, wie sie uns heute unbe­kannt sind, er verkehrte häufig mit ihm und stand so­gar in einem gewissen Vertrauensverhältnis zu seinem Vorgesetzten. Ich ziehe auch das bekannte Versprechen in Betracht, das ihm sein Herr gegeben hatte: das Ver­sprechen, aus ihm ein großes, besonders gesegnetes Volk zu machen, das in der Welt eine außergewöhnliche Stel­lung einnehmen würde. Er knüpfte nur eine Bedingung daran: absoluten Gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Wenn Abraham nicht sicher gewesen wäre, daß wirklich Gott zu ihm sprach, so wäre Gottes Absicht sinnlos ge­wesen: Er wollte nämlich die Treue des Untergebenen erproben, mußte also Mittel finden, um in diesem die untrügliche Überzeugung zu wecken, daß er eben einen sol­chen Befehl vom Vorgesetzten erhalten habe. Im um­gekehrten Falle wäre das Ziel des Unter­nehmens nicht zu erreichen gewesen — statt darüber nachzudenken, ob er den Befehl ausfüh­ren solle, hätte Abraham darüber nachdenken müssen, ob er überhaupt einen Befehl er­halten habe.

Mit anderen Worten: Abraham trägt die Verantwor­tung für die Staatsraison. Das zukünftige Schicksal des Volkes und die Größe des Staates hängen von der ge­treuen Erfüllung aller Befehle der Obrigkeit ab. Aber die Obrigkeit verlangt von ihm, daß er das eigene Kind opfert. Abraham hatte zwar die Natur eines Gefreiten und war es gewöhnt, sich genau an die Instruk­tionen von oben zu halten — er war jedoch nicht ohne Mitge­fühl für das Los der Familie. Als Gott ihm befahl, den Sohn dem Feuer zu opfern, hatte er es nicht für notwen­dig erachtet, den Befehl zu begründen. Es ist nicht Art von Vorgesetzten, dem Untergebenen den Befehl zu er­läutern. Das Wesen des Befehls besteht darin, daß er ausgeführt werden muß, weil er ein Befehl ist, und nicht deswegen, weil er vernünftig, erfolgversprechend, durch­dacht ist; es ist keineswegs erforderlich, daß der Gehor­chende den Sinn des Befehls versteht — sonst kommt es unweigerlich zu Anarchie und Chaos. Ein Untergebe­ner, der nach dem Sinn des erhaltenen Befehls fragt, sät Unordnung, entlarvt sich als unfruchtbarer Räso­neur. Er ist im Grunde ein Besserwisser, ein Feind der Obrigkeit, der gesellschaftlichen Ordnung und des Sy­stems.

Aber wenn der Befehl verlangt, daß du den ei­genen Sohn töten sollst?

Der Konflikt Abrahams ist der übliche Konflikt des Soldaten: Abraham wußte, daß er sich in einer un­natürlichen Situation befand. Einen Beweis dafür liefert die Tatsache, daß er, als er sich der Opferstelle näherte, dem Diener befahl, zurückzubleiben, daß er vorgab, mit dem Sohn Gebete verrichten zu wollen, und daß er sich bemühte, das grausame Geschäft unbeo­bachtet zu voll­bringen. Selbst dem Sohn verriet er das Ziel des Aus­flugs nicht. Er wollte vermeiden, daß der Sohn erkann­te, Opfer des Vaters zu sein.

Als sie an Ort und Stelle angelangt waren, begann Abraham umständlich, den Stoß aufzu­schichten. Das verlangte einige Geschicklichkeit, denn die Balken fielen auseinander, und Abraham mußte mehrmals von vorne anfangen. Isaak beteiligte sich nicht an diesen Verrich­tungen, betrachtete ängstlich den Vater, stellte schüchtern einige Fragen, erhielt aber nur brummige und unwillige Antworten.

Schließlich ließ sich die Sache nicht länger hinziehen. Abraham wollte den Sohn nicht über sein eigenes Schick­sal aufklären, solches war im Befehl nicht einbegriffen. Er konnte also dem Kind den Schrecken ersparen. Mit einem blitzartigen Schlag von hinten, einem erprobten Schlag, bei dem niemand Zeit hat, einen Gedanken zu fassen, wollte er es töten.

Aber das gelang nicht. Isaak kletterte auf den Stoß, wo der Vater ihn irgendeine Kleinigkeit in Ordnung zu bringen geheißen hatte. In diesem Augenblick hob der Vater das schwere, bron­zene Schwert, mit dem er sonst die Ochsen zu töten pflegte. Im selben Augenblick er­tönte aber auch der Schrei des Engels: »Halt ein!« Gleich darauf ein Schrei des Entsetzens: Isaak hatte sich umge­dreht, erblickte den mit erhobener Waffe, mit einem Blick brutaler Entschlos­senheit, mit zusammen gekniffenen Lippen wie erstarrt dastehenden Vater und fiel in Ohn­macht.

Gott lächelte gutmütig und klopfte Abraham auf die Schulter.

»Du benimmst dich, wie es sich gehört«, sagte er an­erkennend, »jetzt weiß ich, daß du auf meinen Befehl auch den eigenen Sohn nicht schonst!« Dann wiederholte er das alte Verspre­chen, sein Volk zu vermehren und ihm bei der Vernichtung seiner Feinde beizustehen: »Denn du hörtest meine Stimme.«

Damit ist die Geschichte zu Ende. Freilich hätte sie auch anders aufhören können. Hätte Isaak nämlich nicht im letzten Augenblick den Kopf gewendet, wäre ihm das Geschehen überhaupt verborgen geblieben. Einen Moment später wäre er vom Stoß heruntergeklet­tert und hätte den Vater, das Schwert schon in der Schei­de, ruhig dastehen sehen. Solcherart hätte sich die ganze Geschichte außerhalb des Bewußtseins von Isaak abge­spielt, nur zwischen Abraham und Gott. Sie hätte als Illustration für eine bestimmte Art von Erziehung die­nen können. Aber Isaak sah: Abraham war zufrieden, weil er sich Gottes Anerkennung verdient, die Bestäti­gung für den kommenden großen Staat erhalten und den Sohn schließlich nicht geopfert hatte. Alles fand ein gutes Ende, und in der Familie wurde viel gelacht. Isaak verwand seinen Schock aller­dings nie: seit dieser Zeit schwankte er auf den Beinen, und ihm wurde übel beim Anblick des Vaters. Aber er lebte lange und hatte viel Erfolg.

Die Moral: Irgendein verweichlichter Intellektueller, ein hysterischer und weinerlicher Mensch wird vielleicht sagen, es sei vom Standpunkt der Moral ganz gleich, ob Abraham seinen Sohn tötete oder ob er nur das Schwert erhob, um ihn zu töten, und ihn jemand davon abhielt. Wir jedoch sind mit Abraham der entgegengesetzten Meinung — wir, die richtigen Männer. Wir achten das Resultat und wissen, daß es ganz gleich ist, ob er töten wollte oder nicht. Immerhin hat er ja nicht getötet. Des­wegen lachen wir bis zum Umfallen über den herrlichen Spaß Gottes. Schließlich seht ihr selbst, daß er ein Pfundskerl ist.

Hier der Text als pdf.

Auf dem Weg zur Entscheidungsgemeinde – Thomas Frings Buch Aus, Amen – Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein

27. März 2017

Als Thomas Frings im Februar 2016 sein Amt als katholischer Pfarrer in der Pfarrei Heilig-Kreuz Münster niederlegte und (vorübergehend?) ins Kloster ging,  erklärte er die Gründe für diesen Schritt in einer öffentlichen Stellungnahme „?Kurskorrektur!„. Das Medienecho war groß, so beispielsweise in DIE WELT und in Christ&WELT/DIE ZEIT. Jetzt hat er in seinem Buch Aus, Amen – Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein noch einmal seinen pastoralen Werdegang und seine Kritik an der Volkskirche entfaltet. Er beschreibt sehr anschaulich und erfahrungsbezogen und weiß dabei Polemik und Beschuldigungen zu vermieden.

Für ihn klaffen Anspruch und Wirklichkeit der Volkskirche immer weiter auseinander. Der Abbauprozess schreitet unaufhaltsam fort und zugleich verdünnen sich das commitment  sowie die Partizipationsfähigkeit der Gläubigen an den Sakramenten. Das Schlüsselbeispiel für ihn ist die Kasualie Erstkommunion. Man spürt bei Frings die Leidenschaft für das Evangelium Jesu Christi. Weil er die Sakramente evangeliumsgemäß ernst nimmt, kann und will er sich nicht in die Rolle eines religiösen Dienstleisters zurücknehmen. Einen zukunftsfähigen Weg sieht er im Modell von „Entscheidungsgemeinden“ an Stelle der territorial gefassten Parochien/Pfarrgemeinden. Hierzu schreibt er:

„Eine Entscheidungs­gemeinde wäre eine Gemeinde, die nicht gegründet wird in bekannten und klar umrissenen Strukturen. Wäre nicht eine, die sich umsieht und es dann ähnlich der Nachbargemeinde macht. Würde nicht noch einmal dasselbe anbieten. Es wäre eine Gemeinde im Werden! Was wachsen könnte, erwächst aus den gestellten Fragen, aus der Sehnsucht. Entscheidend wäre, dass die Antworten nicht vorgegeben, sondern gesucht werden. Das hieße auch, mögliche Antworten werden von de­nen gegeben, die sie gefunden haben und dann auch von ih­nen umgesetzt. […]

Diese Gemeinde steht auf dem Fun­dament der Heiligen Schrift und wer sie sieht, der sieht als ihren Hintergrund den Gott Jesu Christi und die große Ge­meinschaft der katholischen Kirche. Der erste Kontakt und Zuspruch ist bedingungslos. Daraus muss auch keine »Mitgliedschaft« entstehen. Getrost darf man wieder gehen, so wie viele Menschen es nach der Begegnung mit Jesus auch ge­tan haben. Im Evangelium folgen noch lange nicht alle Men­schen Jesus nach, denen er begegnet. Nicht einmal »viele« und schon gar nicht viele, denen er hilft, schließen sich ihm an. Letztlich ist es nur eine kleine Gruppe. Doch alle bekommen seinen Zuspruch. Erst wenn sie ihm folgen wollen, werden sie auch mit seinem besonderen Anspruch konfrontiert. Der Weg der Entscheidungsgemeinde ist keine pastorale Kapitulation und nur etwas für Glaubenslahme. Es ist der Weg, den Jesus selbst gegangen ist und vorgezeichnet hat.

Wer diesen Weg mitgehen und Sakramente empfangen möchte, also selbst Kirche sein und Christus nachfolgen will, der wird mit dem Anspruch des Evangeliums konfrontiert, aber erst dann. Von Kirche etwas wollen wird beantwortet mit Zuspruch, Kirche sein wollen mit Anspruch. Eine lebens­dienliche Religiosität und Pastoral, die aus den Fragen und Bedürfnissen der Menschen wächst. Alltagstaugliche Rituale für die unterschiedlichen Menschen. Traditionen werden nur dann weitergeführt, wenn sie Relevanz für das Leben der Menschen haben. Respekt aus Sicht der Gemeinde davor, wenn Menschen nicht voll mitmachen, und Respekt aus Sicht der Menschen davor, dass nicht jeder alles gleichermaßen be­kommt. Gemeinde ist informativ am Anfang und möchte mit jedem Schritt weiter hinein auch formativ werden für das Le­ben der Menschen. So werden die Getauften auch zu Zeugen.

Jesus ist in seinem Handeln dabei das ideale Vorbild für das Selbstverständnis einer solchen Gemeinde. Mit offenen Augen und Armen ging er durch seine Zeit und Welt und scheute den Kontakt mit niemandem. Wer Heilung brauchte, Hunger hat­te, Hilfe benötigte, der bekam seinen Zuspruch, ohne Wenn und Aber. Der Bedingungslosigkeit seiner Liebe folgt manch­mal die Einladung der Nachfolge. Das hat nichts zu tun mit Beliebigkeit, sondern Entschiedenheit. Nicht mit Indifferenz, sondern Differenz. Wer nicht will, der muss auch nicht. Wer will, der soll auch wirklich wollen. Die Entscheidung formuliert einen Anspruch. Anspruch auf beiden Seiten.“

Was Thomas Frings abgeht ist jeglicher Glaubensheroismus. Er weiß selbst um seine eigenen Zweifel und Anfechtungen, die ihn sympathisch und demütig machen. So endet sein Buch mit besonderen Seligpreisungen:

»Selig sind die Suchenden«

Selig sind die Suchenden, denn sie werden es nicht alleine tun.
Selig sind die Besserwisser, denn sie werden überrascht werden.
Selig sind die Zweifelnden, denn sie werden aufmerksam leben.
Selig sind die Geduldigen, denn ihre Mühe wird belohnt werden.
Selig sind die Kerzen entzünden, denn sie werden dabei an andere Menschen denken.
Selig sind die Stillen, denn ihre Stille wird sich auf andere über­tragen.
Selig sind die Fernstehenden, denn sie werden nicht übersehen werden.
Selig sind die Anspruchsvollen, denn sie werden auf den Anspruch Jesu treffen.
Selig sind die Neugierigen, denn sie werden neue Wege ausfindig machen.
Selig sind die Durstigen, denn sie finden Wasser auch für andere.
Selig sind die Praktiker, denn sie werden Theorien zum Leben erwecken.
Selig sind die Aufmerksamen, denn sie werden an Wegkreuzen ein Gebet sprechen.
Selig sind die Eltern, die ihre Kinder segnen, denn sie werden selbst gesegnet.
Selig sind die Hörenden, denn sie werden etwas läuten hören.
Selig sind die sich bekreuzigen, denn sie werden Gott in sich und der Welt entdecken.
Selig sind die Betenden, denn sie nehmen die Welt mit ins Gebet.
Selig sind die Dankbaren, denn sie sind die aufmerksamer Lebenden.
Selig sind die vor dem Essen beten, denn es wird ihnen besser schmecken.

Frings Buch ist auch für evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer eine Lektüre wert.

Als könne die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi als gesellschaftliches Wertereservoir dienen …

27. März 2017

„Christliche Werte“ verdanken sich nicht der Bibel, sondern einer gesellschaftlichen Basar-Ethik

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift CA – Confessio Augustana 1/2017 habe ich zur Frage „Wozu ist das Christentum gut?“ unter anderem Folgendes geschrieben:

Aufklärung, Wohlfahrtsstaat und Pluralisierung der Lebensgestaltung scheinen dem Christentum in einer spätmodernen bürgerlichen Gesell­schaft keine besondere gesellschaftliche Relevanz zuzuerkennen. Allenfalls christliche Werte stehen noch im Raum. Für das Zeugnis des Evangeliums bzw. für die Glaubwürdigkeit des Christseins ist es jedoch kontraproduktiv, wenn man kirchlicherseits in und für die Gesell­schaft christliche Werte geltend machen will. Wer von christ­lichen Werten spricht, ist sich in der Regel nicht bewusst, dass sich die Rede von gesellschaft­lichen bzw. sittlichen Werten einer Wertephilosophie aus dem 19. Jahrhundert verdankt. Weder in der Bibel noch bei den Kirchenvätern oder Reforma­toren ist von irgendwelchen ethischen Werten die Rede, mit gutem Grund. Der Wertbegriff hat sei­nen Ursprung in der Ökonomie und steht letztlich für eine Basar-Ethik: Da sich die Dinge unterschiedlich bewerten lassen, muss man um gesell­schaftliche Werte feilschen.

Gottes Gebot als persönliche Verpflichtung

Was für Christen gilt, sind weder subjektive noch kollektive Wertschätzungen, sondern gött­liche Gebote. Mit dem Propheten Micha gesprochen: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8) Christen brauchen sich nicht auf gesellschaft­liche Werte­diskussionen einlassen. Da man für abstrakte Werte nicht persönlich einstehen kann, ist die Rede von christlichen Werten letztendlich unverantwortlich. Anders verhält es sich hingegen mit Tugenden, die personengebunden sind. Christen wissen für sich selbst, dass die von ihnen gelebten Tugenden auch der Gesellschaft zugutekommen.

Sobald man jedoch von besonderen christlichen Werten in der Gesellschaft spricht, werden sowohl das Evangelium wie auch die Kirche funktionalisiert. Als könne die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi als gesellschaftliches Wertereservoir dienen, als habe die Gemeinschaft der Gläubigen für eine bürgerliche Gesellschaft als Wertevermittler tätig zu sein. Die Rede von christlichen Werten ist für Christen auf Dauer irreführend. Sie lässt diese sich mit einer scheinbar christlichen Gesellschaft identifizieren, deren „Christlichkeit“ unauf­hörlich abnimmt. Man beklagt einen „Werteverlust“, orakelt über einen gesellschaft­lichen Niedergang und redet in all dem sich selbst die Verheißung des Evangeliums aus: „Wir war­ten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2Petr 3,13).

Christen sind Fremdbürger

Die Ermahnungen im Neuen Testament gelten nicht etwa Menschen, die an Nationalstaaten, nachfolgende Generationen und irdisches Eigentum glau­ben, sondern den „Fremdlingen und Pilgern“ (1Petr 2,11), deren Lebensgeschick durch die Taufe mit dem Tod und der Auferstehung Christi verbunden ist. „Wir haben hier keine blei­bende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr 13,14) So kann der Apostel Paulus die Gemeinde auf das himmlische Bürgerrecht (Phil 3,20) hin herausfordern:

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Römer 12,1-2)

Christen sind Fremdbürger, so lautet der Titel eines höchst anregenden Buchs von Stanley Hauerwas und William Willimon, das letztes Jahr auf Deutsch bei Fontis (Basel) erschienen ist. Der Untertitel ist eine richtungsweisende Ansage: „Wie wir wieder werden, wer wir sind: Abenteurer der Nachfolge in einer nachchristlichen Gesellschaft“. Christen haben nichts zu verlieren, was nicht schon längst in Christus gewonnen ist.

Mein kompletter Artikel „Wozu ist das Christentum gut?“ findet sich hier als pdf.

Ungenießbar! – „Wer mein Fleisch isst …“ Predigt zu Johannes 6,55-65

26. März 2017

„Abendmahl“ heißt das großflächige Bild (1,60 mal 2 Meter), das der Maler Harald Duwe (1926-1984) 1977/78 gemalt hatte. Es ist seit 1981 als ständige Leihgabe der Familie Fincke an die Evangelische Akademie Tutzing im Foyer des dortigen Schlosses aufgehängt.

Zwölf Männern gruppieren sich um einen gedeckten Tisch. Auf den ersten Blick scheint es ein gemeinsames Abendessen zu sein – mit Weingläsern, Besteck, Brot und einer größeren Schüssel. Bis auf zwei blicken alle auf den Tisch – skeptisch, neugierig, angewidert, ratlos. Das Bild ist überwiegend in Grau und Braun gehalten und wirkt dadurch wie ein altes vergilbtes Familienfoto.

Der Titel „Abendmahl“ verweist auf das letzte gemeinsame Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, obwohl die dargestellten Männer in kein biblisches Jüngerbild passen. Auf dem Bild finden sich nämlich der Künstler selbst mit elf Freunden bzw. Kollegen der Fachhochschule Kiel. Hartmut Duwe steht hinter dem mittigen, unbesetzten Stuhl mit einer Gabel in der Hand, die sich auf die Schüssel hin zu bewegen scheint. Und auch der Auftraggeber des Bildes, Karl Fincke (mit Brille) steht hinter dem Rücken des Künstlers und zeigt mit einer Handgeste – die einen Kreis beschließenden Zeigefinger und Daumen – seine Zustimmung an.

Der leere Stuhl am Tisch ist es, der diesem Tafelbild eine ungeahnte und erschreckende Wendung gibt. Jesu Wort in unserem Ohr: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch.  Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ (Johannes 6,53-56)

Der genauere Blick auf die Tafel enthüllt ein schreckliches Geschehen: In ziemlicher Unordnung finden sich auf dem Tisch Gläser, Schüsseln, Teller. Darin die zerstückelten Teile eines Leichnams: die rechte Hand sowie der linke Fuß mit den Wundmalen, ein mit anatomischer Akribie gemaltes Herz. In der Schüssel scheint das Haupt Christi zu liegen. Offensichtlich eine Anspielung auf das Haupt Johannes des Täufers (vgl. Markus 6,24). Dazwischen Brot und Wein, eine geöffnete Ölsardinenbüchse mit zwei langen Kreuzesnägel; und selbst die beiden letzten Buchstaben des Kreuzestitels »RI«, Rex Iudaeorum (König der Juden) tauchen auf. Kein Zweifel, der zuvor auf dem nunmehr leeren Stuhl saß hat sich selbst zum Verzehr preisgegeben.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Nein, keine gotteslästerliche, perverse Phantasie eines Künstlers zeigt sich. Hartmut Duwe hat mit seinem Bild „Abendmahl“ vielmehr in drastischer Weise Jesus selbst beim Wort genommen. In Jesu Worte sieht der Künstler selbst den Bezug zu unserer Gegenwart, wenn er schreibt:

Abendmahl zu Jesu Gedächtnis, nicht als Weltflucht. Er begegnet in allen leidenden Menschen, in den Opfern des Machtkampfes, in den Opfern von Ideologien. Und wir haben diese Opfer durch Fahrlässigkeit erst ermöglicht. […] Hätten wir nicht unsere Bedenken, unser Gewissen (christliche Ethik) zugeschüttet, wie sähe dann unsere Welt aus! […] Wir müssen beim Abend¬mahl der Menschen gedenken, die heute verraten, geopfert werden. Die drastische Darstellungsweise soll diese wichtigen Aussagen des christlichen Glaubens bewußt machen. Ich wollte kein Erbauungsbild machen, sondern Betroffenheit hervorrufen. In seinem Opfer für uns erschließt uns Gott eine neue Weise menschlicher Existenz. Durch Ihn erklärt sich Gott mit diesem Leben identisch. Das Abendmahl führt uns in die Nachfolge ein. Brot ist sein Fleisch und Wein ist sein Blut des neuen Testaments. Das sollte betroffen machen. Dürfen wir uns als Christi Nachfolger sehen?“

Wir mögen dies zu tiefst abstoßend und widerlich finden, wie ja auch Jesu Zuhörer, gar seine eigenen Jünger, wenn es bei Johannes heißt: „Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte. Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß? […] Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Johannes 6,59-61.66-69)

Du hast Worte des ewigen Lebens, die uns in Fleisch und Blut übergehen – Worte, die verstö­ren, kaum auszuhalten sind, wider unser eigenes Empfinden sind. Wie können uns diese unglaublichen Worte das Heil bringen?

„Christi Leib für dich gegeben“, „Christi Blut für dich vergossen“ – Zusprüche bei unserer Abendmahlsfeier, die ja manchem unter uns aufstoßen. Tun wir Jesus wirklich leiblich essen? Da klingt nach einem abstrusen Kannibalismus, also nach Menschenfresserei (Anthropophagie) und hat immer wieder für Unwillen gesorgt. Und für Juden kommt noch der todeswürdige Verstoß gegen die Tora hinzu, heißt es doch in 3Mose 17:

Und wer vom Haus Israel oder von den Fremdlingen unter euch irgendwelches Blut isst, gegen den will ich mein Antlitz kehren und will ihn aus seinem Volk ausrotten. Denn des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist. Darum habe ich den Israeliten gesagt: Keiner unter euch soll Blut essen, auch kein Fremdling, der unter euch wohnt.“ (vv 10-12)

Im Blut ist das Leben selbst. Es muss zur Sühne auf dem Altar vergossen und damit zu Gott zurückgebracht werden. Es darf niemals selbst genossen werden. Und jetzt sagt uns Jesus: „Mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

An diesen Worten scheiden sich die Geister, auch schon in der Zeit der Reformation. Da waren sich Martin Luther und Ulrich Zwingli, der Schweizer Reformator in Sachen der evangelischen Lehre in fast allen Dingen einig. Und doch mussten sie nach einem Streit­gespräch in Marburg 1529 in einem gemeinsamen Schlusskommuniqué festhalten: „Da wir uns aber zu dieser Zeit nicht geeinigt haben, ob der wahre Leib und das wahre Blut Christi leiblich in Brot und Wein seien, so soll doch ein Teil den anderen gegenüber christliche Liebe, sofern eines jeden Gewissen es immer ertragen kann, erzeigen.“ (Marburger Artikel, Artikel 15)

Im übertragenen Sinne ließe sich das ja verstehen: Brot und Wein symbolisieren Jesu Gegenwart unter uns, sind also als Zeichen zu verstehen, die man sich im eigenen Glauben und nicht etwa durch den eigenen Mund verinnerlicht. Aber leiblich gegenwärtig für den eigenen Verzehr für Gläubige wie auch für Ungläubige (manducatio oralis seu impiorum), so wie dies Martin Luther unerbittlich in seinem Kleinen Katechismus bekannt hat – „Was ist das Sakrament des Altars? Es ist der wahre Leib und Blut unsers Herrn Jesus Christus, unter dem Brot und Wein uns Christen zu essen und zu trinken von Christus selbst eingesetzt.“ – das bleibt für viele undenkbar.

Lasst mich doch noch einmal versuchen Jesu Worte wörtlich zur Geltung zu bringen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Harald Duwe, der Maler des Abendmahlbildes, ist sechs Jahre nach Fertigstellung des Bildes tödlich verunglückt – am Freitag, den 15. Juni 1984 auf der Rückfahrt von der Hochschule in Kiel nach Großensee, seinem Wohnort in der Nähe von Hamburg. Auf der B 404 zwischen Segeberg und Schwarzenbek in Höhe von Tremsbüttel kommt er von Fahrspur ab und reißt den Fahrer des entgegenkommenden Wagens mit in den Tod. Tragischer Tod mit 52 Lebensjahren auf der Höhe der eigenen Schaffenskraft mag es „nachruflich“ heißen. Wir Menschen aus Fleisch und Blut sterben nicht in Gedanken, sondern wirklich an unserem eigenen Leib, mitunter auf erschreckende Weise. Die Gewalt des Todes trifft uns ins eigene Fleisch. Da helfen keine eigenen Gedanken und auch kein Glauben an ein unbestimmtes Weiterleben weiter. Der Tod nimmt sich unser mit Haut und Haar an, lässt unserem sterblichen Leib keine Chance – Aus, Amen.

Zu schnell verabschiedet man sich in Sachen Christentum in ein Jenseits, wo sich alles Verlorene und Vergebliche scheinbar geistig und seelisch zurechtdenken lässt. Aber Jesu Worte lassen keine Ausflüchte zu, sie sind zudringlich für unser eigenes Leben: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. […] Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.

Im Unterschied zu Lebensmittel, die wir aufessen, deren Energie wir unserem eigenen Körper zuführen, verheißt uns Jesus in seinem Fleisch und Blut etwas ganz anderes – eine bleibende, leibliche Lebensverbindung: „Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Das ist ja gerade das Entscheidende: Wir können Leib und Blut Jesu nicht aufessen und verdauen. Denn dann wäre ja Jesus uns nicht länger gegenwärtig. Beim Abendmahl mit Brot und Wein sagt sich Jesus Christus uns leibhaftig zu: Er verbindet sich mit unserem Leib, nimmt auch unser Leben in Leib und Blut für das ewige Leben bei Gott an. Die göttliche Lebensgemeinschaft ist eben keine Kopfgeburt, die uns in Fleisch und Blut der Vergänglichkeit überlässt.

Kommunion – ihr kennt das Wort, denkt vielleicht an den besonderen Gottesdienst für Neunjährige in der katholischen Kirche, wo diese zum ersten Mal die Hostie empfangen. Aber Kommunion heißt leibliche Gemeinschaft und Teilhabe, so wenn Paulus an die Korinther schreibt: „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ (1Kor 10,16) Das Abendmahl macht uns zu Teilhabern am göttlichen Leben. Nicht in euren eigenen Gedanken seid ihr wirklich bei Gott, sondern am Tisch des Herrn, mit euren eigenen Händen dürft ihr begreifen, in eurem eigenen Mund dürft ihr es schmecken: Jesus Christus mit Leib und Seele für uns hingegeben.

Auf dem Bild „Abendmahl“ schaut der Künstler Harald Duwe dieser Wahrheit ins Auge, führt uns in drastischer Weise an das Geheimnis des Glaubens heran: Christus liefert sich mit Fleisch und Blut uns Menschen aus, damit wir in Fleisch und Blut zum ewigen Leben bei Gott bestimmt sind.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Literatur: Alexandra Axtmann, Säkularisierte Abendmahlsdarstellungen als Skandal an Beispielen von Harald Duwe und Matthias Koeppel, in: Kunst und Politik. Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft, Bd. 14: Kirche und Kunst. Kunstpolitik und Kunstförderung der Kirchen nach 1945, herausgegeben von Regine Hess, Martin Papenbrock und Norbert Schneider, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht unipress 2012, S. 27-41.

Doktor Luthers Gespräch mit dem Teufel, Wartburg, 1521 (von Leszek Kolakowski)

25. März 2017

Erhard Schoen – Teufel mit Luther als Sackpfeife (um 1535)

Leszek Kolakowski (1927-2009), der wohl bekannteste polnische Philosoph des 20. Jahrhunderts, hatte trotz kommunistischer Sozialisation immer auch ein Faible für Religionsphilosophie und ein feines Gespür für Ironie gehabt. Nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Polens 1966 und dem Lehrverbot 1968 emigrierte er ins Ausland. Im Frühjahr 1970 erhielt er, unter anderem auf Anregung von Jürgen Habermas, eine Berufung auf den Adorno-Lehrstuhl in Frankfurt a. M. Da die Fachschaft des dortigen Philosophischen Seminars ihm „mangelnde marxistische Linientreue“ vorwarf, nahm er aber stattdessen einen Ruf als Forschungsprofessor am All Souls College in Oxford an, dem er bis zu seinem Tod 2009 angehörte. Sein schlussendliches Urteil über den Marxismus hat immer noch Gültigkeit: „Die Selbstvergötterung des Menschen, welcher der Marxismus philosophischen Ausdruck verlieh, endet wie alle individuellen und kollektiven Versuche der Selbstvergötterung. Sie erweist sich als der farcenhafte Aspekt der menschlichen Unzulänglichkeit.“ In seinem Werk „Gespräche mit dem Teufel. Acht Diskurse über das Böse“ lässt er Luther auf der Wartburg ein Streitgespräch mit dem Teufel führen. Da fehlt zwar Jesus Christus, aber dennoch ist dieses Streitgespräch lesenswert, so wenn Kolakowski Luther sagen lässt:

„Was willst du, räudiges Schwein? Wozu bist du hergekommen? Mich zu erschrecken? Ich fürchte dich nicht, du kümmerst mich so wenig wie der Kuhdreck an der fürstlichen Scheune. Oder willst du mich etwa versuchen? Zur Sünde verlocken, mir Zoten ins Ohr flüstern, meine Begehrlichkeit aufstacheln? Du würdest mich wohl am liebsten so zurichten, daß ich dem Knecht eins in die Schnauze gebe, mich wie ein Ferkel besaufe, die Dienstmagd notzüchtige, wie? Und wenn ich dies alles wirklich tun sollte? Nun denkst du gewiß, du hättest mich end­lich unter deinen zottigen Pranken, hättest mir die Kette um den Hals geschlungen und heidi, hinunter zur Hölle! Hoppla, nicht so flink, du bist kein Habicht, ich kein Küken. Sündi­gen kann ich auch ohne dich, alles, wozu ich Lust habe, tu’ ich auch ohne deine Verführungs­kün­ste, du dreckige Bestie, ich kann gewiß auch ohne dich sündigen, was tust du dann? Unser Herrgott wird solcher Lappalien wegen nicht einmal den kleinen Finger rühren. Jaaa, wenn du mich in Verzweiflung stürzen würdest, mich an Gott zweifeln ließest, mit Furcht fülltest, mir Schaden zufügtest – gewiß, ich geb’s zu, dann wäre es dein Spiel, dann hättest du mich wie das Schnitzel in der Pfanne. Versucht nur, du Maulwurf, sieh nur zu, ob du mich, den Doktor Luther, soweit bringen kannst, daß mich Verzweiflung überkommt, daß ich Furcht empfinde oder in Schande falle. Gott ist eine starke Festung, und ich, ich hocke friedlich in ihren Mau­ern, da kannst du machen, was du willst. Die Sünden? Daß ich nicht lache! Nichts als ein Jux für mich, ein Jux auch für Gott, beide lachen wir uns schief und krumm. Ich lebe in Gott, ste­he mit beiden Beinen in ihm, du bringst mich nicht vom Fleck, du nicht, verstanden? Nun, wie steht’s? Hau ab, hast wohl nichts zu tun, wie? Du verlierst Zeit, mach schon, geh zu den Schwachen, der Doktor Luther ist nichts für dich, du hast die Fährte verloren, hau ab, sag’ ich!“

Der vollständige Text findet sich hier als pdf.

„Die Geschichten der Heiligen Schrift wollen uns unterwerfen“ – Die Bibel in Erich Auerbachs „Mimesis“

24. März 2017

Caravaggio – Die Opferung Isaaks

Erich Auerbach (1892-1957) hatte sein Meisterwerk „Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“ von 1942-1945 im türkischen Exil in Instanbul geschrieben, bevor es dann 1946 im Tübinger Francke-Verlag erschien. Dieses Werk hat gerade auch im angloamerikanischen Kontext eine eigene Wirkungsgeschichte entfaltet. Auf theologischer Seite ist es Hans W. Frei (1922-1988) gewesen, der in seinem Werk „The Eclipse of Biblical Narrative. A Study in Eighteenth and Nineteenth Century Hermeneutics“ (Yale University Press 1974) sich auf Auerbach beruft. So schreibt Frei gleich zu Beginn in seinem Vorwort: „My debts in the present work are innumerable. Among authors who have been particularly influential on my thought I want to mention Erich Auerbach, Karl Barth, and Gilbert Ryle. The impact of Auerbach’s classic study, Mimesis: The Representation of Reality in Western Literature, is evident throughout the essay. This great book has inevitably undergone increasingly severe scrutiny as the years have gone by. But to the best of my knowledge no student of the Bible has ever denied the power and aptness of the analysis of biblical passages and early Christian biblical interpre­tations in the first three chapters of Mimesis. And yet the reasons for the remarkable strength of these explorations have remained more or less and exasperatingly unexplored. I have tried in some measure to put his suggestions to use.“ (S. VII)

Gleich im ersten Kapitel vom Mimesis vergleicht Erich Auerbach Homers Odyssee mit Genesis 22, also der Geschichte von der Opferung Isaaks. Er zeigt dabei auf, welchen Wahrheitsanspruch die biblischen Erzählungen haben:

„Das alles ist ganz anders in den biblischen Geschichten. Der sinnliche Zauber ist nicht ihre Absicht, und wenn sie trotzdem auch im Sinnlichen sehr lebensvoll wirken, so geschieht dies, weil die ethischen, religiösen, innerlichen Vorgänge, auf die allein sie es absehen, sich im sinnlichen Material des Lebens konkretisieren. Die religiöse Absicht bedingt aber einen abso­luten Anspruch auf geschichtliche Wahrheit.

Die Geschichte von Abraham und Isaak ist nicht besser bezeugt als die von Odysseus, Penelope und Eurykleia; beides ist Sage. Allein, der biblische Erzähler, der Elohist, mußte an die objektive Wahrheit der Erzählung vom Abra­hamsopfer glauben – das Bestehen der heiligen Ordnungen des Lebens beruhte auf der Wahr­heit dieser und ähnlicher Geschichten. Er mußte mit Leidenschaft an sie glauben – oder aber er mußte, wie manche aufklärerische Interpreten annahmen oder vielleicht auch noch anneh­men, ein bewußter Lügner sein, kein harmloser Lügner wie Homer, der log, um zu gefallen, sondern ein zielbewußter politischer Lügner, der im Interesse eines Herrschaftsanspruchs log. Mir scheint die aufklärerische Ansicht psychologisch absurd, aber selbst wenn wir auch sie in Betracht ziehen, so bleibt doch sein Verhältnis zur Wahrheit seiner Geschichte ein weit leidenschaftlicheres, eindeutiger bestimmtes als dasjenige Homers.

Er mußte genau das schreiben, was sein Glaube an die Wahrheit der Überlieferung, oder, vom aufklärerischen Standpunkt, sein Interesse an der Wahrheit derselben von ihm forderte – in jedem Fall waren seiner freien, erfindenden oder ausmalenden Phantasie enge Schranken gesetzt; seine Tätig­keit mußte sich darauf beschränken, die fromme Überlieferung wirksam zu redigieren. Was er hervorbrachte, zielte also zunächst nicht auf «Wirklichkeit» – wenn ihm auch diese gelang, so war dies doch nur Mittel, nicht Zweck –, sondern auf Wahrheit. Wehe dem, der nicht an sie glaubte!

Man kann sehr wohl historisch kritische Bedenken gegen den Trojanischen Krieg und gegen Odysseus’ Irrfahrten hegen und doch beim Lesen Homers diejenige Wir­kung empfinden, die er beabsichtigte; wer an Abrahams Opfer nicht glaubt, kann von der Erzählung nicht den Gebrauch machen, für den sie geschrieben wurde. Ja, man muß noch weiter gehen. Der Wahrheitsanspruch der Bibel ist nicht nur weit dringender als der Homers, er ist auch tyrannisch; er schließt alle anderen Ansprüche aus. Die Welt der Geschichten der Heiligen Schrift begnügt sich nicht mit dem Anspruch, eine geschichtlich wahre Wirklichkeit zu sein – sie behauptet, die einzige wahre, die zur Alleinherrschaft bestimmte Welt zu sein. Alle anderen Schauplätze, Abläufe und Ordnungen haben keine Berechtigung, von ihr unab­ängig aufzutreten, und es ist verheißen, daß sie alle, die Ge­schichte aller Menschen über­haupt, sich in ihren Rahmen einordnen und sich ihr unterordnen werden.

Die Geschichten der Heiligen Schrift werben nicht, wie die Homers, um unsere Gunst, sie schmeicheln uns nicht, um uns zu gefallen und zu bezaubern – sie wollen uns unterwerfen, und wenn wir es verweigern, so sind wir Rebellen. Man möge nicht einwenden, daß dies zu weit gehe, daß nicht die Geschichte, sondern die religiöse Lehre den Herrschaftsanspruch erhebe; denn die Geschichten sind eben nicht, wie die Homers, bloß erzählte «Wirklichkeit». In ihnen inkar­niert sich Lehre und Verheißung, unscheidbar sind diese letzteren in sie hineingeschmolzen; eben darum sind sie hintergründig und dunkel, sie enthalten zweiten, verborgenen Sinn.

In der Isaakgeschichte ist es nicht allein das Eingreifen Gottes am Anfang und am Schluß, sondern auch dazwischen sowohl das Tatsächliche wie das Psychologische, welches dunkel, nur ange­rührt, hintergründig ist; und darum verlangt es nach grübelnder Vertiefung und Ausdeutung, es ruft sie herbei. Daß Gott auch den Frömmsten aufs schrecklichste versucht, daß unbeding­ter Gehorsam die einzige Haltung vor ihm ist, daß seine Verheißung aber unverrückbar fest­steht, mag auch sein Ratschluß noch so sehr dazu angetan sein, Zweifel und Verzweiflung zu erregen – das sind wohl die wichtigsten in der Isaakge­schichte enthaltenen Lehren – aber durch sie wird der Text so schwer, so inhaltsbeladen, er enthält in sich noch so viel Andeu­tung über Gottes Wesen und über die Haltung des From­men, daß der Gläubige veranlaßt wird, sich immer aufs neue in ihn zu versenken und in allen Einzelheiten die Erleuchtung zu suchen, die in ihnen verborgen sein mag. Und da ja in der Tat so vieles daran dunkel und unausgeführt ist, und da er weiß, daß Gott ein verborgener Gott ist, so findet sein deutendes Bestreben immer neue Nahrung. Die Lehre und das Streben nach Erleuchtung sind unlösbar mit der Sinnlichkeit der Erzählung verbunden – diese ist mehr als bloße «Wirklichkeit» – freilich auch ständig in Gefahr, die eigne Wirklich­keit zu verlieren, wie es alsbald geschah, als die Deutung so überwucherte, daß sich das Wirkliche zersetzte.“

Hier Auerbachs „Die Narbe des Odysseus“ als pdf.

Das wichtigste theologische Werk der jüngeren Zeit – Die Neukirchener Kinder-Bibel

21. März 2017

Welches theologische Werk evangelischerseits ist das wichtigste der letzten 30 Jahre im deutschsprachigen Raum? Richtig – Irmgard Weths Neukirchener Kinder-Bibel, die zum ersten Mal 1988 im Kalenderverlag des Erziehungsvereins Neukirchen-Vluyn erschienen ist. Die Gesamtauflage von fast 800.000 spricht für sich. Aber dann doch die Frage: Warum gerade eine Kinderbibel?

Von Gerhard von Rad stammt der oft zitierte Spruch: „Die legitimste Form theologischen Redens vom Alten Testament ist […] immer noch die Nacherzählung“ (Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, 3. A., München 1961, S. 126). Und genau diese Nacherzählung hat Irmgard Weth meisterlich praktiziert. Im Unterschied zu anderen Kinderbibeln werden keine farbenfroh und reich bebilderte Episoden „kindgerecht“ erzählt, sondern die eine Geschichte vom Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der mit seinem Volk redet und an ihm handelt.

Jeder der 154 Geschichten ist so erzählt, dass die göttliche Verheißung transparent wird und wir auf unseren Glauben an Jesus Christus hin darin heilvoll eingeschlossen sind. Irmgard Weth erzählt Geschehenes im Modus eines literarischen Realismus, wie ihn nicht zuletzt Hans W. Frei in seinem Werk „The Eclipse of Biblical Narrative“ (Yale University Press 1974) seinerzeit neu eingefordert hatte. Der Literalsinn der Bibel wird eben nicht historisch-kritisch „hintergangen“, also könne man besser wissen, wie es wirklich geschehen sei. Und so nimmt diese Kinderbibel nicht nur Kinder, sondern auch die vorlesenden (oder für sich selbst lesenden) Erwachsene für das Erzählgeschehen ein – zu ihrem Heil.

Für Erwachsene hat Irmgard Weth mittlerweile ein eigenes Erzählbuch veröffentlicht: Neukirchener Bibel – Das Alte Testament neu erzählt und kommentiert, Leinen, 716 Seiten, Neukirchener Kalenderverlag 2014, 29,99 Euro.

„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit“ (Jeremia 9,22) – Gerhard von Rad über die Weisheit in Israel

21. März 2017

Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) – Jesus Ben Sirach

Bekanntlich gilt die letzte Monographie Gerhard von Rads der Weisheit in Israel (Neukirchener Verlag). Dazu gibt es auch einen Rundfunkvortrag vom Februar 1970, in dem von Rad seine Einsichten zusammenfasst:

„Die Weisen Israels gingen von der Überzeugung aus: Es ist eine Ord­nung in den Dingen, und darum stießen sie ihre Schüler hinein in den Kampf zwi­schen Sinn­gewinn und Sinnverlust. Nur ein Tor dispen­siert sich zu seinem eigenen Schaden von dem Lauschen auf die das Leben tragenden Ordnungen. Aber mit dem Er­kenntniswillen allein ist es nicht getan. Alles Wissen um die Welt und um den Menschen beginnt mit dem Wissen um Gott. Die Furcht des Herrn, das Wissen um Gott, ist aller Weisheit Anfang. Es ist keineswegs so, daß sich die Welt verweigert, wenn wir die Frage nach Gott und seinem Wal­ten an sie richten. Im Gegenteil: Erst im Lichte dieser Frage wird sie ganz real und geheimnis­voll zugleich. Darin sehe ich die eigentliche Leistung dieser Weisen, daß sie mit hellwacher Vernunft diese von Gott durchwaltete Welt angegangen haben. Von da her, also von dieser Offen­heit für die Welt und zugleich für Gott, versteht man erst eine der tiefsten Einsichten Israels: Wirklich weise ist nur der, der sich nicht weise dünkt. Sich selber weise zu dünken, ist ein sicheres Zeichen der Torheit.“

Hier der Text des Rundfunkvortrags als pdf.