Free-lance Evangelisten unter den Chin in Birma

Chin

Schon Paulus hatte seine Schwierigkeiten mit den „Überaposteln“, die die Gemeinde in Korinth tüchtig aufgemischt haben (vgl. 2 Korinther 11,5 bzw. 12,11). In der altkirchlichen Didache um die erste nachchristliche Jahrhundertwende werden im elften Kapitel klare Spielregeln für Wanderaposteln aufgestellt: Keine Geldforderungen, nicht länger als drei Tage am selben Ort, andernfalls disqualifiziert man sich als Lügenprophet. Bekanntlich hat auch Luther seine liebe Not mit schwärmerischen Propheten während der Reformationszeit gehabt.

Solche Phänomene sind jedoch nicht auf die Vergangenheit beschränkt. Selbstberufene Evangelisten, die wortgewaltig mit Bußrufen Gemeinden aufmischen, gibt es unter den Chins, einem der Bergstämme im westlichen Birma. Mit ihren Visionen und Reden stechen sie die örtlichen Pfarrer um ein Leichtes aus. Wer schließlich ortsansässig ist, kann einer Beobachtung durch die Gemeinde nicht entkommen. Auf Dauer werden da keine bleibende Wunderwerke in dessen Leben zu beobachten sein. Ganz anders jedoch die Wanderapostel, die sich eben einer alltäglichen und damit relativierenden Beobachtung entziehen. Ein bescheidener Lebenswandel ohne sichtbaren Besitz gibt ihnen eine besondere Glaubwürdigkeit, die zugleich das Spenderherz erweicht. Fasten kommt immer gut, ist es doch religiöse Reinigung, die dem Betreffenden ein besonderes Gottesgehör verschafft. Und dann noch die Sünder zur Buße aufrufen: Das zieht, hat doch jeder seine selbst eingestandenen Schwächen.

So nicht gleich die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Christi wortgewaltig beschworen wird, zielt die Buße auf nichts anderes denn auf segensreiche Lebensverbesserung. Wer richtig büßt, kann mehr von Gott erwarten. Existieren irgendwelche atmosphärische Störungen aufgrund eigener Verfehlungen, wirkt sich das negativ auf das eigene Wohlergehen aus. Die Trennung von Natur und Moral ist ein abendländisches Konzept, das in anderen Kulturen nicht gilt. Wer etwas angestellt hat, dem geht es eben auch richtig schlecht im Leben. Gottes Geist ist bei denen, die in seinem Sinne handeln, andernfalls wird man entgeistert, wie das ja bekanntlich dem israelitischen König Saul widerfahren ist (vgl. 1 Sam 16,4).

Das enthusiastische Wanderapostolat wird nicht nur in Birma von den Erwartungen der Menschen genährt, dass es im eigenen irdischen Leben auf einmal ganz anders werden kann. Diese Heilssehnsucht erkennt im Wanderapostel solch ein Gegenbild zum eigenen Leben, dem man sich bereitwillig anvertraut. Auf Dauer kann das freilich nicht gut gehen. Die eigene Lebensrealität macht da nicht mit. Dem alten Adam ist eben doch nicht so einfach zu entkommen.

Interessanterweise ist das altkirchliche Wanderapostolat letztendlich in die disziplinierte Form des Mönchtum überführt worden. Da geht dann alles in einer Gemeinschaft nach einer Regel und unter Gehorsam vor, im Unterschied zu den free-lance Evangelisten, die sich auf ihre eigene Berufung berufen und damit letztendlich Herr über sich selbst sind.

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