Jesus der Familienfeind

Neue Familie Jesu. Glasbild in St. Marien, Massen

Neue Familie Jesu (nach Mk 3,31-35) – Glasbild in St. Marien, Massen

Wer in China Luthers Auslegung zum vierten Gebot („Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren …) im Großen Katechismus liest, der fühlt sich unweigerlich an den Begriff der konfuzianischen filial piety („kindliche Pietät„) erinnert: „Dass man dem jungen Volk einpräge, ihre Eltern an Gottes statt vor Augen zu halten und so zu denken, ob sie gleich gering, arm, gebrechlich und wunderlich seien, daß sie dennoch Vater und Mutter sind, von Gott gegeben. […] So lerne nun zum ersten, was die an diesem Gebot geforderte Ehre gegen die Eltern heiße: nämlich daß man sie vor allen Dingen herrlich und wert halte als den höchsten Schatz auf Erden.“

Das Problem christlicher Elternverehrung ist jedoch, dass sie keinen Anhalt im Evangelium Christi hat. Aus dem Munde Jesus ist kaum ein positives Wort in Sachen Familie zu finden (vielleicht noch Markus 7,9-13p). Er selbst verleugnet seine eigene Familie (vgl. Markus 3,31-35) und sieht sich als Zerstörer von Familien (vgl. Lukas 12,49-53). Wer ihm nachfolgt, muss sich seiner Familienpflichten entledigen (vgl. Matthäus 8,21-22) bzw. seine eigene Familie verlassen (vgl. Matthäus 19,27-30). Weiterhin befiehlt Jesus seinen Jüngern, niemanden auf der Erde einen Vater zu nennen, gilt doch der Vater im Himmel als der einzige (Matthäus 23,9). Und selbst am Kreuz disqualifizert er seine eigene Mutter durch die beziehungs- und respektlose Gattungsbezeichnung „Weib“ als Anrede (Johannes 19,26; vgl. 2,4). Schließlich beraubt er sie ihrer mütterlichen Beziehung zu ihm, indem er sie mit seinem Lieblingsjünger „vermuttert“. Konsequenterweise wird denn auch Maria in der synoptischen Passionsgeschichte (Markus 15,40.47p, 16,1) nicht als Mutter Jesu, sondern Jakobus‘ und Joses bezeichnet.

Solche Radikalität ist irritierend (und wird natürlich in der Kirche nicht gepredigt), wird jedoch dann verständlich, wenn man die umfassende religiöse Bedeutung von Familienbindungen erkennt. Nicht ohne Grund bezieht sich der Begriff religio in der Antike nicht nur auf „höhere Wesen“, sondern auch auf die eigene Familie. Die Familie ist nicht einfach eine überkommene Sozialform menschlichen Zusammenlebens, sondern die grundlegende Heilssphäre für Menschen, auch im Hinblick auf die eigene Zukunft (vgl. das Problem der fehlenden Nachkommenschaft bei den Patriarchen im Alten Testament). Fortpflanzung dient letztlich der eigenen Lebensverlängerung. Auf diesem Hintergrund wird Jesu Wort über das engelgleiche Leben der Kinder Gottes verständlich: „Die Kinder dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten; welche aber gewürdigt werden, jene Welt zu erlangen und die Auferstehung von den Toten, die werden weder heiraten noch sich heiraten lassen. Denn sie können hinfort auch nicht sterben; denn sie sind den Engeln gleich und Gottes Kinder, weil sie Kinder der Auferstehung sind.“ (Lukas 20,34-36). „Kinder der Auferstehung“ bedürfen keiner Fortpflanzung. Wer dennoch seiner eigenen leiblichen Familie anhängt, verwirkt seine Zukunft als Kind Gottes in dessen Reich.

Würde mit dieser familienfeindlichen Botschaft in China und den anderen Ländern Südostasiens, wo die kindliche Pietät Lebensgrundlage ist, Ernst gemacht, könnte man in Sachen Mission einpacken. Dass heißt jedoch nicht, dass ein westlicher Individualismus heilsversprechender ist, im Gegenteil, müssen doch Bindungen in der Kirche als Leib Christi gelebt werden, die engen Familienbanden mindestens entsprechen.

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