Die Illusion der Religionen

Religionen

Wer einmal die eurozentristische Gutenberggalaxie verlassen hat, wird entdecken, dass es keine Religionen gibt. Religionen sind nichts anderes als eine Erfindung eines liberalprotestantischen Gelehrtentums des 18. bzw. 19. Jahrhunderts in Europa, wie Ernst Feil in seinem mehrbändigen Werk Religio. Die Geschichte eines neuzeitlichen Grundbegriffs (Göttingen 1986-) gezeigt hat. Als Basisbegriff passt „Religion“ nicht, wenn es um außereuropäische Kulturen geht. Jonathan Z. Smith hat daher Recht, wenn er in der Einleitung zu seinem Buch Imagining Religion. From Babylon to Jonestown (The Chicago University Press, 1982, XI) schreibt:

„While there is a staggering amount of data, phenomena, of human experiences and expressions that might be characterized in one culture or another, by one criterion or another, as religion – there is no data for religion. Religion is solely the creation of the scholar’s study. It is created for the scholar’s analytic purposes by his imaginative acts of comparison and generalization. Religion has no existence apart from the academy.“

Auf englischsprachiger Seite war es Wilfred Cantwell Smith mit seinem Werk The Meaning and End of Religion: A New Approach to the Religious Traditions of Mankind. (New York, 1963), der als erster vorgeschlagen hatte, auf den Religionsbegriff gänzlich zu verzichten. Mittlerweile sind ihm einige „Religionswissenschaftler“ gefolgt, die „Religion“ als einen ideologiebesetzten Begriff ansehen, so z.B. Russell T. McCutcheon in seinem Artikel „Religion“ für das New Dictionary of the History of Ideas, hrsg. von Maryanne Cline Horwitz, Vol. 5, (New York: Charles Scribner’s Sons, 2004, pp. 2048-2051) sowie Tomoko Masuzawa, The Invention of World Religions, or How the Idea of European Hegemony Came to be Expressed in the Language of Pluralism and Diversity (The University of Chicago Press, 2005). Besonders aufschlußreich ist das Buch The Ideology of Religious Studies (New York: Oxford University Press, 1999), das Timothy Fitzgerald auf dem Hintergrund seiner eigenen Studien in Indien und Japan geschrieben hat. Wer eine Zusammenfassung lesen will, der sei auf seinen Artikel „Religious Studies as Cultural Studies“ verwiesen, der zuerst in DISKUS, Vol. 3, No. 1, pp. 35-47 erschienen und in What is Religious Studies?, hrsg. von Steven J. Sutcliffe (London: Equinox, 2008) wiederabgedruckt wird.

Dass „Religion“ ein kulturspezifischer Begriff ist, mögen unsere Weltanschauer und Weltversteher, die an ihren Schreibtischen weiterhin dem Raumfahrtprogramm in der eurozentristischen Gutenberggalaxie frönen, natürlich nicht glauben, erliegen sie doch einem Biblizismus (= Büchergläubigkeit): Religionen gibt es einfach weltweit, weil in Büchern darüber geschrieben steht.

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