Fromm werden in 30 Tagen

Fit werden in 30 Tagen

Dass man nach Aufklärung, Kolonialmission, päpstlicher Unfehlbarkeit, Kirchensteuer, Darwin, Freud und wie sie alle heißen, nach Internet und virtual reality, also heute nicht mehr guten Gewissens fromm bzw. gottesfürchtig sein kann, ist häufig zu hören. Irrtum, sage ich, vieles scheinbar Unmögliche lässt sich erlernen, zum Beispiel der Handstandüberschlag, das Klavierspiel oder der Umgang mit Computern. Es braucht dazu nur die jeweils passende Anleitung. Mittels eines Diätplanes kann man schlank werden, durch Krafttraining lässt sich ein muskulöser Körperbau zulegen, warum also nicht auch mittels eines ansprechenden Übungsprogramms gottesfürchtig werden, zu (fast) allem Ja und Amen sagen, was die christliche Tradition vorgibt?

Der Programmklassiker für die Einübung in die Gottesfurcht – und wohl der Urtyp aller Trainingsprogramme und Diätpläne – sind die „Geistlichen Übungen“ (exercitia spiritualia) des Ignatius von Loyola aus dem Jahr 1535. In einem kompakten Vier-Wochen-Programm soll der „Exerzitant“ über eine Selbstbesinnung und die Meditation von Jesu Leben, Tod und Auferstehung zu einer Lebensentscheidung (Nachfolge Jesu innerhalb der Kirche) gegenüber Gott geführt werden. Im Rahmen eines Artikels ist es natürlich nicht möglich, ein derartiges Programm ausführlich zu entfalten, das zudem nicht für jeden einzelnen zugeschnitten sein kann. So müssen vorläufig einige wenige Anregungen genügen. Suchen Sie sich gleich zu Beginn Ihren Trainer, indem Sie bei einer Pfarrei oder einem Pfarramt nach einer geeigneten „Seelenführer“ (Psychagogen) fragen. Derjenige muss Ihnen bei Ihren geistlichen Übungen jederzeit zur Verfügung stehen und auf Ihre Fragen eine Antwort geben können. Der methodische Grundsatz lautet nämlich: Erst tun, dann fragen. Die Gottesfurcht „theoretisch“ einsichtig zu machen, gelingt nicht. Das Autofahren haben Sie schließlich auch nicht in einem Trockenkurs gelernt. Ich versichere Ihnen aber schon jetzt: Nachbeten tut nicht weh, es birgt keinerlei gesundheitliche Risiken, im Gegensatz zu manchen Sportarten. Gut, die Praxis des Nachbetens wirft Fragen auf. Sie werden daher bei Ihrem Trainer immer solange nachfragen, bis Sie „Fragwürdiges“ einfach stehen lassen können! Eine Aussicht sei vorweg genannt: Mit der Zeit erledigen sich unvermeidliche Widersprüche von selbst.

Besuchen Sie regelmäßig den sonntäglichen Gemeindegottesdienst oder die Messe und beten Sie dabei das Vaterunser sowie das Glaubensbekenntnis nach. Was das Credo Ihnen persönlich sagt, kann Ihnen sowieso niemand anderes sagen. Sprechen Sie vor jeder Mahlzeit ein kurzes Tischgebet. Lesen Sie morgens nach dem Aufstehen oder abends vor dem Zubettgehen jeweils einen Psalm oder ein Kapitel aus einer biblischen Schrift. Die Bibel ist schließlich ohne Zweifel irrtumslos. Wenn Sie singen können, dann singen Sie einfach geistliche Lieder aus dem „Gotteslob“ oder dem „Evangelischen Gesangbuch“, die Ihnen gefallen. Beten Sie untertags das sogenannte Jesusgebet „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ mit Ihrem Atemrythmus, wobei die erste Hälfte beim Einatmen, die zweite Hälfte beim Ausatmen innerlich gesprochen wird. Besorgen Sie sich die Reproduktion einer Christus-Ikone und nehmen Sie sie mehrmals täglich in Ihrer Blick. Sprechen Sie den Segen Gottes über Menschen aus, die Ihnen wichtig sind. Tun Sie einmal am Tag für einen Ihrer Mitmenschen irgendein gutes Werk. Und wie gesagt, für Fragen gibt es ja Ihren Trainer.

Wem nun diese Anregungen zum Frommwerden zu vage, zu umfangreich oder gar zu unsicher erscheinen, wer nach dem Ultimativen oder nach etwas Handfestem sucht, für denjenigen lässt sich statt dessen eine einzige Anweisung zur Gottesfurcht formulieren: Halten Sie in Ihrer linken Faust einen Kieselstein bis an Ihr Lebensende fest umschlossen. Mehr nicht, einfach nur festhalten. Verwundert? Ich will Ihnen das schon erklären. Um diese „absurde“ Anweisung auszuführen, also durchhalten zu können, werden Sie von selbst die Bedeutung der Gottesfurcht finden müssen, lebenslang – garantiert. Auch auf diese Anweisung hin keine Zeit oder kein Interesse, andere Dinge wichtiger? In Ordnung, ich akzeptiere Ihre Entscheidung. Ich hätte mir sowieso keine Werbeprämie oder Erfolgshonorar verdienen können, allenfalls einen Gotteslohn. Aber die eine Entschuldigung gilt nun nicht mehr: Dass es nicht geht, mit der Gottesfurcht, heutzutage. Sie wollen (oder können?) diese ja nur nicht erfahren.

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