Schöne Aussicht. Eine biblische Bildbesinnung über Hebräer 13,12-14

 Schöne Aussicht Kruzifix Wasserburg

„Schöne Aussicht“ heißt die Stelle auf der Innleiten, wo man auf Wasserburg herabschauen kann. Wer Wasserburg mit seinem mittelalterlichen Stadtbild kennt, kann diese schöne Aussicht nur bestätigen. Wie der Bildstock aus dem Jahr 1660 zeigt, hat sich am dem Stadtbild über all die Jahre hinweg wenig geändert. Das ist es, was Heimat für uns Menschen ausmacht: Ein vertrauter Lebensraum, in dem man sich selbst und andere wieder finden kann. Wäre da nicht das Kruzifix in der Bildmitte, das den vertrauten Anblick frontal verstellt. Warum der gekreuzigte Christus inmitten einer heimatlichen Stadtansicht, ist doch sein Ort ganz woanders, fast 2000 Jahre unserer Gegenwart entrückt?

Eine erste Erklärung mögen die dunklen Wolken sein, die die Stadt bedrohlich umrahmen. Wo es noch keine Blitzableiter geben konnte, war jedes Gewitter stadtbrandgefährlich. So mag das Kruzifix als Schutzzeichen gedacht sein: Das Opfer des Sohnes am Kreuz, das den strafenden Zorn des Vaters abgewendet hat, möge auch in der Gegenwart die eigene Stadt vor einer strafenden Heimsuchung Gottes bewahren.

Solche Gedankengänge sind für uns heute nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Und doch trifft das Kruzifix unsere Wirklichkeit an einem Punkt. Dem Brief an die Hebräer zufolge hat „Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.“(13,12) Draußen vor der Stadt auf Golgota, außerhalb des vertrauten Lebensraumes ist Jesus gekreuzigt worden. Wer ihn begegnen will, muss die Stadt verlassen, mit den Worten des Hebräerbriefes gesprochen: „So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“(13,13-14)

Es ist diese Botschaft, die sich auf dem Bildstock finden lässt: Es gibt keine heile Welt, die sich auf Dauer halten lässt. Die Heimat mit all ihrer Vertrautheit verliert sich mit der Zeit, frühestens durch Wegzug, spätestens jedoch im Alter, wenn Geschwister, Freunde und Bekannte von früher verstorben sind oder wenn Demenz Gedächtnis und Orientierung geraubt hat oder aber die eigene Wohnung nach einem Umzug ins Pflegeheim aufgelöst worden ist. Wie es der Hebräerbrief uns treffend zusagt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt. Was uns vertraut und so naheliegend ist, hält nicht auf alle Ewigkeit. Der Tod zerstört die schöne Aussicht. Es ist das Sichtbare, allzu Begreifliche, was in uns selbst letztendlich zerbricht.

Unter diesem Gesichtspunkt wirkt das Kruzifix als Einladung, die über das Vertraute hinausgeht: „Lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“ Das Vertrauen kann eben nicht dem allzu Vertrauten gelten. Wer demzufolge seine eigene Heimat verlässt, wie einst Abraham, wird auf Hoffnung hin unterwegs sein. Das ist es, was Glauben ausmacht: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1) Und dennoch ist solch ein Glaube, der aus dem Vertrauten herausführt, keine Weltflucht, findet er sich doch selbst beim gekreuzigten Christus ein. Gott hat in dieser Welt einen definitiven Platz eingenommen, wo sich die lebensdramatische Umkehrung vollzieht: Nicht länger ist unser Leben mit all seinen Vereinnahmungen ein schleichender Fortgang in den Tod. Vielmehr wird unser eigenes Dasein von Christus selbst in seinem Tod vereinnahmt und durch seine Auferstehung zum Leben in ihm gebracht. Was wir draußen vor dem Tor, außerhalb des Lebensweltlich-Vertrauten finden, ist die völlige Umkehrung unseres Dasein: Vom Tod zum Leben. Und dieses hinzugewonnene Leben in Christus lässt uns dann unsere doch so vertraute Heimat neu in Blick nehmen, ohne sentimentale Abschiedswehen. Wir haben auf dieser Welt nichts verloren, was nicht bereits in Christus gewonnen ist.

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