Einladung zum heiligen Spiel. Über die Unterschiede zwischen asiatischem und europäischem Christentum

Chormitglieder einer protestantischen Hauskirche in Beijing

Chormitglieder einer protestantischen Hauskirche in Beijing

Ein deutscher Bischof dürfte da seine helle Freude haben: Die Kirche ist wohlgefüllt mit Jugendlichen und jungen Familien zwischen 15 und 40. Und dabei ist weder der Pfarrer in den Vierzigern besonders charismatisch noch der Gottesdienst mitreißend: Dreißig Minuten echte Moralpredigt angereichert mit alten Kirchenliedern und einem langen Fürbittgebet machen es sicherlich nicht unter die „Top Ten“, zumindest nicht sonntagmorgens um 10 Uhr. Und doch sind derartige Gottesdienste mit einem jungen Publikum keine Seltenheit in Hong Kong.

Was ist nun das Geheimnis einer solchen kirchlichen Anziehungskraft? Ein erster Anhaltspunkt findet sich in den Regalen von Hongkonger Supermärkten, Geldscheinbündel mit dem Aufdruck „Hell Bank“. Diese Scheine mit inflationären Nullen sind kein Spielgeld, sondern zur Verbrennung im Rahmen der traditionellen Ahnenverehrung bestimmt. Das verbrannte Papiergeld kommt dem Geist eines Verstorbenen zugute, eine pyrolytische Überweisung sozusagen. Wo solch ein Geist durch Opfergaben wohlgestellt wird, wirkt sich dessen Zufriedenheit segensreich auf das Leben der Nachgeborenen aus.

Dass Verstorbene in einem „wirklichen“ Beziehungsgefüge zu ihren Nachgeborenen stehen, ist für die meisten Europäer eine unglaubliche Vorstellung. Man sollte jedoch solch eine Ahnenverehrung nicht vorschnell als abergläubisch abtun, verweist sie doch auf eine Wirklichkeitsdimension, die in außereuropäischen Kulturen grundlegend ist. Der jüngst verstorbene amerikanische Missionswissenschaftler Paul Hiebert hat auf dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen als Missionar in Indien bezüglich der westlichen Weltanschauung von einem „Makel der ausgeschlossenen Mitte (flaw of the excluded middle)“ gesprochen. Er verweist damit auf eine Wirklichkeitsdimension, die zwischen einer empirischen Welt und einem transzendenten Jenseits liegt. Diese in anderen Kulturen äußerst virulente Zwischensphäre ist von unsichtbaren Mächten und Geistern bevölkert, die sich jedoch auf die irdischen Lebensverhältnisse wahrnehmbar auswirken. Die Interaktion zwischen der sichtbaren Welt und den unsichtbaren Mächten erfolgt außerhalb eines physikalischen Kausalmechanismus in einem sittlichen Lebenszusammenhang. Man muss sich daher durch richtiges Tun und Verhalten in eine wohlgefällige Beziehung zu ihnen bringen. Wo Menschen auf ethisch angemessener Weise mit derartigen personalen Mächten und Geistern interagieren, wie im Falle der Ahnenverehrung, beeinflusst dies das eigene physische Wohlergehen ganz spürbar.

Europäisches Denken hingegen unterscheidet im Allgemeinen zwischen Immanenz und Transzendenz einerseits, und Natur und Moralität andererseits. Was innerhalb der immanenten Wirklichkeit geschieht, lässt sich naturwissenschaftlich beschrieben und technologisch manipulieren. Das was weder sichtbar noch instrumentell messbar ist, wird entweder als unwirklich angesehen oder aber einem transzendenten und demzufolge interaktionsfreien Jenseits zugeschrieben. Wo auf Erden alles scheinbar ganz natürlich zugeht, kann sich die sittliche Lebensform und das eigene moralische Tun nicht physiologisch auf das eigene Leben auswirken. Der Einfluss von Moralität ist auf das eigene Wohlbefinden bleibt daher auf das Bewusstsein beschränkt. Allenfalls eine postmortale Vergeltung des eigenen Tuns in einem „Jenseits“ scheint im Rahmen einer traditionellen religiösen Lehre vorstellbar.

Außereuropäische Kulturen, die eine moralabhängige unsichtbare Mächtesphäre kennen, haben Wesentliches mit dem biblischen Weltbild gemein. So ist im Neuen Testament wiederholt von Dämonen und bösen Geistern die Rede, die sich auf das irdische Leben unheilvoll auswirken. Demzufolge ermahnt der Apostel Paulus die Gemeinde in Ephesus mit eindringlichen Worten: „Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.“ (Epheser 6,12) Ebenso kennt die Bibel weder „Transzendenz“ bzw. „Jenseits“, noch wird zwischen Natur und Sittlichkeit getrennt. Menschliches Tun und Verhalten wirken sich auf das eigene Wohlergehen aus, entsprechend dem allbekannten Spruch: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ (Sprüche 26,27) Man kann daher mit dem Bibeltheologen Klaus Koch von einer „schicksalwirkende Tatsphäre“ bzw. von einem „Tat-Ergehen-Zusammenhang“ sprechen. Der Tat-Ergehen-Zusammenhang ist nicht auf den einzelnen Täter beschränkt, er kann sehr wohl auch Mitmenschen betreffen, insbesondere Familienmitglieder, deren Leben schicksalhaft mit dem Täter verbunden ist.

Eine mit der Bibel vergleichbare Wirklichkeitserfahrung dürfte ein ganz wesentlicher Grund dafür sein, warum in der Gegenwart das Christentum außerhalb Europas erfolgreich ist. Die in die eigene Muttersprache übersetzte Bibel lässt sich dort ohne hermeneutische Allegorisierungen lesen und deren Botschaft von Heil und Heilung auf das eigene Leben unmittelbar anwenden. Dabei steht weniger eine Weltanschauung oder eine Glaubenslehre als vielmehr eine Wohlergehenslehre (Diätetik) im Vordergrund. Wo Krankheiten geheilt werden oder sich materieller Erfolg einstellt, wird dies in Asien und Afrika als Bestätigung der jeweiligen religiösen Praxis gesehen. Das eigene religiöse Engagement hat sich bezahlt gemacht und wird anderen zur Nachahmung empfohlen. Bekehrungen zum Christentum resultieren daher weniger aus einer intellektueller Überzeugung als vielmehr aus selbst erfahrenen Lebensverbesserungen oder positiven Zeugnissen anderer Menschen.

In einer organisch-moralischem Lebenswirklichkeit, die über die empirische Welt hinausreicht, erweist sich das Christentum auf ganze eigene Weise effektiv: Wo moralisches Fehlverhalten sich auf das eigene Leben auswirkt, hat der universale Sühnetod Christi am Kreuz auf Golgatha eine existentielle Bedeutung: Christus als persönlichen Heiland in der eigenen Bekehrung annehmen heißt von einem selbst empfundenen Schuldverhängnis erlöst zu sein: Das selbst erwirkte Unheil hat sich im Tod Christi bereits ausgewirkt und ist daher nicht mehr zu befürchten. Durch den Glauben an Christus hat man Zugang zu der Über-Macht des einen Gottes, der Himmel und Erde erschaffen hat. Im Bittgebet partizipiert man an der göttlichen Vorsehung, die für die Gott-Zugehörigen Schutz, Heilung und Wohlstand bewirkt. Und schließlich erfahren wiedergeborene Christen eine bisweilen ekstatische Ermächtigung durch den Heiligen Geist sowie weitere göttliche Berufungen („callings“) in Gebet und Bibelstudium, was wiederum eine eigene, selbstgewisse Lebensführung ermöglicht.

Um sich derartigen Wirkungen auf Dauer zu versichern, ist freilich eine gottwohlgefällige Lebensform in der Gemeinschaft einer Kirche unabdingbar, funktioniert doch in einer organisch-moralischen Lebenswirklichkeit kein individualisiertes Christsein. Innerhalb einer Kirchengemeinde, die oft einer Großfamilie ähnelt, erfahren Christen in Hong Kong aus dem berufenen Munde eines Pfarrers (oder auch einer Pfarrerin), wie man sich richtig zu verhalten hat und was man besser zu tun oder zu unterlassen hat. Von daher ist die freiwillige Teilnahme an einem weniger erbaulichen Gottesdienst kein Wunder. Der Gottesdienst muss einem nicht unbedingt etwas geben, wirkt sich doch die pflichterfüllende Teilnahme letztendlich positiv auf das eigene Leben aus.

Die Frage stellt sich nun: Wie sieht es mit der Zukunft des Christentums in Europa und insbesondere in Deutschland aus? Auch wenn die Wiederkehr der Religion ein publizistischer Gemeinplatz zu sein scheint, lässt sich statistisch weiterhin eine Abnahme organisierten religiösen Engagements beziehungsweise wachsende Nichtübereinstimmung mit der traditionellen christlichen Lehre feststellen. Der katholische Theologe Johann Baptist Metz hat dazu in treffender Weise von einer „religionsfreundlichen Gottlosigkeit“ gesprochen. Der tiefere Hintergrund dafür dürfte der Ausfall der unsichtbaren Lebenswirklichkeit bzw. die wissenschaftliche „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) sein. Im Unterschied zu Asien oder Afrika kann in Europa in Ermangelung eines organisch-moralischen Lebenszusammenhangs das eigene religiöse Engagement kaum Wirkung zeigen. Demzufolge bleibt Religion als kognitive Sinnstiftung bzw. Kontingenzbewältigung weitgehend auf passive „Kasualien“ (Ereignisfälle) beschränkt. Die Volkskirche in Deutschland ist demzufolge eine „Kasualien- und Pastorenkirche“ (Isolde Karle), die freilich immer weniger gebraucht wird. Der Sinn fürs Leben kann auf vielfältige Weise auch ohne eine religiöse Sinnagentur Kirche gefunden werden.

Wenn man in einem postchristlichen Europa an den Erfolg des Christentums in der südlichen Hemisphäre anknüpfen wollte, müsste sich der christliche Glaube für die Menschen nicht nur als sinnstiftend sondern vor allem als „lebenswirklich“ erweisen. Damit steht man damit jedoch vor einer schier unlösbaren Aufgabe: Kirchenentfremdete Menschen müssten in einer doppelten Weise rückbekehrt werden, zuerst zu der unsichtbaren organisch-moralischen Lebenswirklichkeit und dann zu Jesus Christus als Heiland und Herrn über alle Mächte. Nur so kann der Christusglaube im eigenen Leben wirken. Es hat zwar in der charismatischen Bewegung mit Krankenheilungen, prophetischer Rede und geistlicher Kampfführung Versuche gegeben, die unsichtbare Lebenswirklichkeit wieder ernst zu nehmen, jedoch sind diese Bekehrungserfolge in Deutschland wenig zukunftsversprechend geblieben. Wo Rückbesinnungen auf eine unsichtbare Wirklichkeit erfolgt sind, stehen diese überwiegend in Zusammenhang mit esoterischen oder exotischen Wohlergehenslehren wie Feng Shui.

Wenn Kirche allgemein wenig Sinn machen kann und das Christentum in Deutschland weitgehend ineffektiv bleiben muss, liegt eine theologische Neubesinnung auf die eigensinnige Wirklichkeit des Gottesdienstes nahe. Der katholische Religionsphilosoph Romano Guardini hat dazu in einer gedankenprovozierenden Weise von Liturgie als von einem „heiligen Spiel“ gesprochen, das demzufolge nichts über sich hinaus zu bezwecken sucht. Konsequenterweise kann dann an Stelle einer „Religionsgemeinschaft“ von Kirche als einer Spielgemeinschaft die Rede sein. Im Zentrum dieses heiligen Spiels steht die erinnernde Vergegenwärtigung des Pascha-Mysteriums, Christi Heilstat in Tod und Auferstehung, wie er es im letzten Abendmahl seinen Jüngern aufgetragen hat: „Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ (Lukas 22,19) In ihrer Eigensinnigkeit produziert die Liturgie keinen Sinn als ein konvertibles Gut, das herausgenommen und veräußert werden kann. Darin gleicht sie eben einem Spiel, das Menschen als Mitspielende in das Geschehen hineinzunehmen sucht. Während Beobachter und Schaulustige außen vor bleiben, wird für Christen das heilige Spiel eine sie übertreffende Wirklichkeit, derer sie in der „Gestaltgemeinschaft mit Christus“ (Richard Schaeffler) teilhaftig werden.

Kirche als liturgische Spielgemeinschaft enthält eine Absage sowohl an subjektive Sinnentwürfe als auch an einen weltanschaulichen Universalanspruch des Christentums. In der Theorie geschieht nichts. Stattdessen wird die Partikularität eines Spiels mit all den damit verbundenen Begrenzungen betont. Regeltreue und Können sind unabdingbar, andernfalls steht das heilige Spiel vor dem Aus. Deshalb müssen Christen als Mitspielende den besonderen Wort-Schatz dieses Spiels erlernt haben und in dessen Sprachregeln eingeführt worden sein, was in der Alten Kirche als „mystagogische Katechese“ (Cyrill von Jerusalem) bezeichnet worden ist. Weiterhin ist eine besondere christliche Lebensform geboten, die Menschen gemeinschaftsfähig mit dem Heiligen hält. Christliche Mission schließlich ist nichts anderes als Außenstehende zum Zuschauen und Mitspielen einladen.

Was soll das alles? Für Christen, die das heilige Spiel unter einem „eschatologischen Vorbehalt“ (Erik Peterson) zu spielen wissen, ist es beileibe keine Traditionspflege, sondern das Spiel des Lebens, das sie selbst mitnimmt. Es muss nichts bewirken, beruht es doch auf der Wirklichkeit dessen, der sich als „das Alpha und das Omega“ (Offenbarung 1,8 ) ausgesprochen hat. Und so spielen sie mit in der Erwartung, dass Gott selbst dieses Spiel entgrenzt und seine Schöpfung in die Paschageschehen einverleibt, entsprechend seiner Zusage, „siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21,5) Derartige Erwartungen sind freilich nur für Mitspielende zu halten; den „Tätern des Wortes“ (Jakobus 1,22) ist die Hoffnung nicht zu verdenken. Hingegen können Theoretiker und „religiös Unmusikalische“ (Max Weber) dem Spiel kaum etwas abgewinnen.

Vielleicht sind ja gerade die mangelnde Effektivität des Christentums und der Verlust eines christlichen Sinnmonopols in Europa eine Einladung Gottes, als seine Kinder das heilige Spiel mit aller Ernsthaftigkeit und Leidenschaft in seiner Geistesgegenwart zu spielen.

Abgedruckt in Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern 63, Nr. 7 (Juli 2008), 200-202.

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