Christentum und Frauenemanzipation

Leibl Frauen in der Kirche

Wilhelm Leibl, Frauen in der Kirche

Das weiß Frau ganz einfach: Das Christentum ist eine patriarchale Angelegenheit, die der religiösen Bevormundung wenn nicht gar Unterdrückung von Frauen dient. Eine allzu hohe Meinung können demzufolge manche Feministinnen von ihren Geschlechtsgenossinnen in China nicht haben. Schließlich werden dort vor allem junge Frauen – häufig gegen den Widerstand ihrer Familie – Christinnen. Wie können diese Frauen sich nur freiwillig in den Repressionszusammenhang einer patriarchalen Fremdreligion begeben? Nun, moderne Chinesinnen verhalten sich nicht viel anders als ihre Geschlechtsgenossinnen im römischen Kaiserreich. Glaubt man dem amerikanischen Soziologen Rodney Stark, so ist der Aufstieg des Christentums in der Spätantike im Wesentlichen seiner besonderen Attraktivität für Frauen zu verdanken.[1] China und das alte Rom sind freilich keine Einzelfälle, engagieren sich doch weltweit Frauen weitaus stärker in der Kirche als Männer.

Wenn das Christentum als Protektor eines Patriarchalismus dargestellt wird, übersieht man dessen geschichtliche Emanzipationsleistung. Es ist schließlich das Christentum in Europa und nicht der Islam im Vorderen Orient, der Hinduismus in Indien oder der Konfuzianismus in China gewesen, das in einem patriarchalen Umfeld die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau maßgeblich befördert hat. Gleichermaßen verdanken sich die Menschenrechte nicht etwa einer allgemeinen Vernunft, die sich in der Aufklärung auf sich selbst besonnen hat, sondern dem christlichen Menschenbild. Wer Frauen- bzw. Menschenrechten für einfach selbstverständlich hält, zeigt damit an, dass ihm oder ihr eine intensive Erfahrung außereuropäischer Kulturen fehlt.[2]

Dass es das Christentum gewesen ist, das trotz Patriarchat die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft auf den Weg gebracht hat, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen ist die eschatologische Gleichstellung von Mann und Frau in der christlichen Lehre zu nennen. Das engelgleiche Leben (bios angelikos) in der himmlischen Gemeinschaft mit dem dreieinen Gott kennt keine statusbestimmende Geschlechterdifferenz (vgl. Markus 12,25), im Unterschied zur populärislamischen Tradition, wo männlichen Märtyrern (Schahîds) bekanntlich 72 Jungfrauen im Himmel versprochen werden. Mit der Verheißung eines geschlechtsneutralen ewigen Lebens ist im Christentum ein Potential angelegt, die Gleichstellung der Geschlechter bereits zu irdischen Lebzeiten zu realisieren. Der Ort, an dem die eschatologische Gottesgemeinschaft vorweggenommen wird, ist der eucharistische Gottesdienst, in den Frauen und Männer durch die gleiche Taufe eingeführt werden. Ebenfalls empfangen sie in gleicher Weise das Abendmahl bzw. die heilige Kommunion. Demzufolge kann es keine Geschlechterdiskriminierung für die Gläubigen in einem christlichen Gottesdienst geben. Im Unterschied zu Judentum und Islam findet sich im öffentlichen Kultraum der Kirche keine Geschlechtertrennung, die Frauen als Teilnehmende zweiter Klasse herabstuft. Die neuzeitliche Geschlechtertrennung in den Kirchenbänken ist entweder symmetrisch (Frauen links – Männer rechts) oder bevorzugt gar die Frauen (Frauen vorne – Männer hinten).

Nonne im Frauenkloster beim Lesen

Als weiteren Wegbereiter für die Frauenemanzipation sind die Frauenklöster bzw. Frauenorden zu nennen. In einer patriarchalen Gesellschaft, die ihre Wurzeln in einer Stammeskultur hat, können Töchter prinzipiell nur durch Heirat das Elternhaus verlassen, womit sie wiederum in einen patriarchalisch geführten Haushalt eingegliedert werden. Von daher ist das Wirkungsfeld von Frauen von alters her unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf einen Haushalt beschränkt gewesen. Mit dem kirchlich approbierten Ordensstand wurde im Christentum eine selbstorganisierte gemeinschaftliche Lebensform für Frauen außerhalb patriarchaler Strukturen ermöglicht. Das Ordensgelübde auf die drei evangelischen Räte, Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam, vollzieht die Emanzipation im wahrsten Sinne des Wortes, wird doch die Tochter im rechtlichen Sinne aus der väterlichen Gewalt (= manicipium) ihres Vaters entlassen. Als schließlich beginnend mit dem 17. Jahrhundert die Verpflichtung zu einem Leben in Klausur sukzessive aufgehoben wurde, waren es verschiedene Orden und andere Schwesterngemeinschaften, die Frauen eine erste Berufstätigkeit in der Sozialarbeit, dem Gesundheitswesen oder aber als Lehrerinnen ermöglichten. Von daher lassen sich die Ursprünge eines außerhäuslichen weiblichen Berufslebens in den christlichen Frauenorden festmachen.

Schließlich muss der besondere Bildungsanspruch des Christentums in der Neuzeit genannt werden, der vor allem auf der Wirkung der gedruckten Bibel basiert. Gott spricht durch die Heilige Schrift, die demzufolge gelesen sein will, auch von Frauen. Während es in der Antike es kein organisiertes Unterrichtswesen für Mädchen gegeben hatte und im Mittelalter die Mädchenbildung auf einige Klosterschulen beschränkt war, waren es der Pietismus und der nachtridentinische Reformkatholizismus („Englische Fräulein“), die seit dem 17. Jahrhundert eine Schulbildung für Mädchen ermöglichten. Nicht ohne Grund wurde die erste höhere Mädchenschule (Gynaeceum) in Deutschland 1698 in Halle durch den pietistischen Theologe August Hermann Francke gegründet. Wo es in anderen, nichtchristlichen Kulturen wie in Indien oder China keine Schulbildung für Mädchen gab, war dort die Einführung eines Schulunterrichtes der christlichen Mission zu verdanken. Die erste Mädchenschule auf dem indischen Halbkontinent wurde 1707 vom deutschen Missionar und Francke-Schüler Bartholomäus Ziegenbalg in Tranquebar in Südindien eingerichtet. In China waren es amerikanische Missionarinnen, beginnend mit der Baptistin Henrietta Shuck 1836 in Macao, die im 19. Jahrhunderts die ersten Mädchenschulen in China betrieben.

Missionsschule für Mädchen in Birma

Missionsschule für Mädchen in Birma

Ob in Indonesien, Burma, Vietnam und anderen Ländern Südostasiens oder in Afrika, weltweit geht die Schulbildung für Mädchen auf christliche Missionen zurück. Das Curriculum von Missionsschulen für Mädchen wird sicherlich kaum den Erwartungen einer modernen, emanzipatorischen Unterrichts entsprochen haben.[3] Dennoch kann die positive Wirkung dieser Schulen auf den Öffentlichkeitszugang von Frauen in Asien und Afrika nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Es ist nun freilich ein Leichtes, frauenabwertende Äußerungen beizubringen und auf Praktiken zu verweisen, die eine patriarchale Verfassung des Christentums zu bestätigen scheinen, angefangen vom Diktum des Apostels Paulus, „das Weib schweige in der Gemeinde,“ (1 Kor 14,34) über Thomas Aquins Abwertung der weiblichen Natur gegenüber der männlichen als zeugungsbedingt defizient[4] bis hin zur Diskriminierung von Frauen hinsichtlich ordinierter Amtsträger in der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche. Trotz solcher patriarchaler Vorbehalte hat sich die Frauenemanzipation jedoch innerhalb einer christlichen Kultur und nicht gegen etwa diese vollzogen. Es hat in der christlichen Tradition Leitsätze wie die gottgewollte Schöpfungsgleichheit der Geschlechter gegeben, die letztendlich weibliche Ansprüche auf Gleichberechtigung gesellschaftliche Geltung verschafft haben. Eine Pauschalverurteilung des Christentums als frauenfeindlich ignoriert hingegen die Kulturbedingtheit der Frauenemanzipation in Europa. Die Gleichberechtigung der Geschlechter in der europäischen Kultur des 21. Jahrhunderts scheint ein allzu selbstverständlicher Anspruch sein, als dass man sich dessen Unmöglichkeit in anderen Kulturen wie der islamischen bewusst ist. Die vermeintliche Kulturneutralität des Feminismus ist freilich nichts anderes als eine Variante eines Eurozentrismus, der sich seines eigenen, mitunter schwierigen christlichen Erbes nicht bewusst sein will.

Fußwaschung Nepal

Wo mit aller moralischer Empörung eine angebliche Frauenfeindlichkeit des Christentums angeprangert wird, ist man versucht, solchen Kritikerinnen und Kritikern – wider alle christliche Lehre – eine Wiedergeburt als Frau in einer der abgelegenen Bergregionen Nepals zu wünschen. Dort ist es immer noch Brauch, dass Frauen ihren Männern regelmäßig die Füße waschen und anschließend das Waschwasser trinken.[5] Durch diesen in der hinduistischen Lehre vorgegebenen Ritus verehrt die Ehefrau ihren Mann als Gottheit (devata), was jede Frage nach einer Gleichstellung der Geschlechter „theologisch“ erübrigt. In einer Kultur, in der Frauen es zuhause mit Göttern zu tun haben, greift weder ein Bewusstsein von Geschlechtergleichheit, noch können irgendwelche Frauenrechte geltend gemacht werden. Veränderungen ergeben sich jedoch dort, wo christliche Mission zu Bekehrung eines Haushaltes führt. Ein einfacher Bibelvers aus der Schöpfungsgeschichte revolutioniert das Geschlechterverhältnis und entgötzt den Mann: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 1:27)


[1] Rodney Stark, „Reconstructing the Rise of Christianity: The Role of Women,” Sociology of Religion, Vol. 56, Issue 3, Fall 1995, pp. 229-244 (vgl. http://findarticles.com/p/articles/mi_m0SOR/is_n3_v56/ai_17612365).

[2] Vgl. Artikel 6 der „Kairoer Deklaration für Menschenrechte im Islam“, die 1990 von der Organisation der Islamischen Konferenz verabschiedet wurde. Dort wird die Gleichheit von Frauen und Männern in Bezug auf ihre „Würde“, nicht aber in ihren Rechten festgestellt. Im Konfliktfall hat die Scharia Vorrang gegenüber den Menschenrechten.

[3] Vgl. Sena Yawo Akakpo-Numado, Mädchen- und Frauenbildung in den deutschen Afrika-Kolonien (1884-1914), Bochum 2007 (vgl. http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=979862663).

[4] STh I, q. 91, a. 1, ad 1; In II Sent., d. 21, q. 2, a. 1, ad 2; Ethicorum ad Nicomachum Aristotelis VII, lectio 5.

[5] Vgl. Poonam Gurung, Bungamati. The life world of a Newar Community explored through the natural and social life of water, Bergen 2000, S. 192 (http://www.svf.uib.no/sfu/nsw/publications/bunga.pdf).

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Eine Antwort to “Christentum und Frauenemanzipation”

  1. Oulong Says:

    Daumen hoch für diese Worte – und weil das nicht reicht, die grossen Zehen noch dazu.

    Eine so seltene Stimme in unserem Lande. Was wäre, wenn die Menschen hier begriffen, was sie dem Christentum verdanken: Frauenrechte, Breitenbildung, wissenschaftliches Denken, die Hochschätzung des Einzelnen; einen einzigartigen Rechtsraum der Gleichheit vor dem Gesetz; systematische Krankenpflege, sogar eine Mentalität, die die Arbeit als Arbeit wertschätzt. …
    uns alles so selbstverständlich; wo es aber fehlt, da bleiben die Menschen stecken in Oben-Unten-Gegensätzen und unglaublicher Lethargie.
    Das alles lässt sich nicht aus dem Islam ableiten, nicht aus dem Hinduismus, nicht aus irgendeinem Animismus, auch nicht aus dem Buddhismus.
    Wer weiss noch um die Wurzeln? Längst kämpft man nicht mehr um Frauenrechte, sondern um Frauenprivilegien bei uns, ‚Rechte‘ dem Namen nach.
    Staatsvergottung statt Gottesfurcht: ungeachtet der Trümmerfelder, aus denen die Deutschen im 20igsten Jahrhundert kriechen mussten, bleiben sie bei der bewährten Rezeptur fürs Desaster.

    Wer hört Dich, Onomatologe?

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