Religionismus und die Kirche

„Das sieht doch gar nicht so schlimm aus“, mögen da manche Kirchenleitungen zu sich selbst sagen, „wir sind also doch noch im Geschäft.“ Wenn es zur Gretchenfrage kommt, „Wie hältst Du’s mit der Religion“, sind immerhin 70 % der Deutschen religiös. Das Dumme ist nur, dass die Religiösität, die jüngst der „Religionsmonitor“ aus dem Hause Bertelsmann ermittelt hat, weder mit Kirche, noch mit Jesus, der Sünde, dem Kreuz oder dem Heiligen Geist irgendetwas zu tun hat. Soll sie ja auch nicht, werden da Religionsauguren einwenden, geht es doch um Religion im Allgemeinen, die eben nicht an eine christliche Lehre gebunden ist. Also muss man nachlegen: Eine allgemein menschliche Religiösität ist irrelevant, wenn es um Islam, Allah, Brahman, Karma, Dao, Ahnenverehrung oder sonst noch was geht. Wer glaubt, dass es Religion gibt, die man noch dazu messen kann, sitzt einem liturgielosen neuprotestantischen Neuplatonismus auf.

Religion als unsichtbares Allgemeingut, das sich in verschiedenen „Religionen“ wie „Christentum“, „Islam“ oder „Buddhismus“ ausformt, wird als europäischer Ideologiebegriff erst im 18. Jahrhundert greifbar, wie uns Ernst Feil mit seiner vierbändigen Begriffsgeschichte Religio gezeigt hat. In der Antike ist „religio“ ein weltanschauungsfreier Tugendbegriff, der eine geschuldete Verehrung sowohl gegenüber Göttern als auch gegenüber Familienmitgliedern bezeichnet. Folgerichtig kennt die kirchliche Lehre kein Leitbegriff „Religion“. Weder findet sich im hebräischen bzw. griechischen Urtext der Bibel ein Synonym zum modernen Religionsbegriff, noch taucht das Wort „Religion“ in Luthers Bibelübersetzung auf. Solch biblische Religionslosigkeit müsste eigentlich zu denken geben, wenn gegenwärtig ganz selbstverständlich von einer „christlichen Religion“ die Rede ist.

Um der Erfindung der „Religion“ auf den Grund zu gehen, darf noch einmal Goethes Faust herhalten, in diesem Falle die faustische Antwort auf die Gretchenfrage: „Nenns Glück! Herz! Liebe! Gott! / Ich habe keinen Namen / Dafür! Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch, / Umnebelnd Himmelsglut.“ Dass Namen „Schall und Rauch“ sind, steht der Bibel kategorial entgegen, so wenn es beispielsweise in den Sprüchen Salomos heißt: „Der Name des HERRN ist eine feste Burg; der Gerechte läuft dorthin und wird beschirmt.“ Weder in der Bibel noch in außereuropäischen Kulturen werden schallflüchtige Namen gegen ewige Ideen differenziert. Solch eine Unterscheidung verdankt sich der platonischen Zwei-Welten-Lehre, derzufolge Namen nur als arbiträre, austauschbare Bezeichnungen für Unsichtbar-Wesentliches gelten. In Goethes Faust ist es daher nicht der HERR, „der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs“, sondern die neuplatonische Idee des unendlich Einen (to hen), die die eigene Namenslosigkeit verkündet.

Wenn nun im platonischen Ideenhimmel das Eine ganz oben angesetzt wird, ergibt sich die Universalidee einer menschlicher Religion von selbst: In der Kontemplation des namenlosen (All-)Einen kommt das religiöse Subjekt zu sich selbst. Folgerichtig lässt denn auch Bertelsmanns „Religionsmonitor“ den unbedarften Bundesbürger fragen: „Wie oft mache ich die Erfahrung mit allem Eins zu sein?“ Solch innerliche Einung (henosis) mit dem unendlich Einen ist weder an Sprache, Ort, Ritus oder Gemeinschaft gebunden. Man kann also Sonntag morgens auch zuhause oder in der freien Natur vollkommen religiös sein. Wirklich religiöse Menschen sind in ihrer Innerlichkeit eben nicht an Neunuhrdreißig-Gottesdienste gebunden und müssen sich auch nicht von kirchlichen Autoritäten in Sachen eigener Lebensführung gängeln lassen.

Der Soziologe Joachim Matthes hat zurecht darauf hingewiesen, dass „Religion“ als protestantischer Oppositionsbegriff zu „Kirche“ eingeführt worden ist. In außereuropäischen Kulturen gibt es jedenfalls keinen genuinen Begriff, der das ausdrückt, was Europäer gemeinhin unter Religion verstehen. „Weltreligionen“ wie „Buddhismus“, „Taoismus“ oder „Hinduismus“ sind vielmehr Erfindungen einer protestantischen „Gelehrtenreligion“ des 19. Jahrhunderts, die den Universalspruch ihrer eigenen Ideologie folgerichtig in andere Kulturen projiziert hat. Aufschlussreich ist dazu der folgende Kommentar einer indischstämmigen Frau im Anschluss an ein Tonbandinterview, das Matthes im Rahmen eines Forschungsprojektes ‚Religion und Modernisierung in Singapur’ durchgeführt hat:

Bitte beachten Sie, dass Sie mich gebeten haben, Ihnen zu erzählen, wie ich mich selbst als Hindu sehe: Ich habe nach bestem Wissen darauf geantwortet. Aber bitte, verstehen Sie das alles nicht so, als hätte ich Ihnen etwas über meine „Religion“ gesagt. Ich habe hier in Singapur eine westliche Schulausbildung erhalten und glaube, ich weiß ziemlich gut, wie Sie als Bewohner der westlichen Hemisphäre über Mensch und Gott und „Religion“ denken. Ich habe also so zu Ihnen gesprochen, as sei der Hinduismus meine „Religion“, damit Sie verstehen können, was ich meine. Wenn Sie selbst Hindu wären, hätte ich in ganz anderer Weise mit Ihnen geredet, und ich bin sicher, wir hätten beide gelacht bei dem Gedanken, dass „Hinduismus“ eine „Religion“ sein könnte oder dass so etwas wie „Hinduismus“ überhaupt existiert. Bitte vergessen Sie das nicht, wenn Sie all das Zeug analysieren, das Sie auf Ihren Tonbändern haben.[1]

Solch Hinweise aus anderen Kulturen scheinen in Europa kaum zu greifen, ist doch der Religionismus eine allzuselbstverständliche Ideologie, publizistisch gefestigt in Feuilletons und akademisch gepflegt in Theologie und Religionswissenschaften. Von daher geben sich Kirchenleitungen der Illusion hin, dass eine Renaissance der Religion (die gar die philosophischen Weihen von Jürgen Habermas erhalten hat) sich für die Kirche in Deutschland positiv auswirken könne. Solch religionsfrommen Wunschdenken steht nicht zuletzt die empirische Kirchenstatistik gnadenlos entgegen: die Mitgliedszahlen schrumpfen weiter.

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat sich gründlich geirrt, als er 1944 vom Berliner Gefängnis Tegel aus „eine völlig religionslose Zeit“ angekündigt hatte. Nichtsdestotrotz ist seine Forderung nach der „nicht-religiösen Interpretation biblischer Begriffe“ jenseits von Metaphysik und Innerlichkeit heute mehr denn je geboten. Es geht für die Kirche darum, die göttlichen Wirklichkeiten beim NAMEN zu nennen. An Stelle einer innerlichen Wesensschau steht die hörbare Anrufung des „Namen des HERRN“, das Einverleibtsein in Christus, auf dessen Namen man getauft ist, und nicht zuletzt Gehorsam gegenüber dem einen Wort, das für Leib und Seele mehr verheißt als sich menschliche Religion vorzustellen vermag. Solch christliche Ernsthaftigkeit und Regeltreue, die dem Bertelsmannschen Religionsmonitor entgeht, lässt sich in Deutschland in afrikanischen oder chinesischen Migrantenkirchen finden. Eine religionsversessene Kirche hingegen, die auf die Botschaft des kleinsten gemeinsamen Nenner des allgemein zumutbar Bedeutsamen setzt, wird zurecht von niemanden ernstgenommen. Mit ihrer NAMENStreuen Leiblichkeit hat Kirche mit einem disziplinierten Mannschaftssport mehr zu tun, als uns allen lieb ist. Von daher lässt sich in Sachen „Heiliges Spiel“ (Romano Guardini) eher von Felix Magath in Wolfsburg lernen als von Religionisten auf einem theologischen Lehrstuhl in München.


[1] J. Matthes, Reflexionen auf den Begriff „Religion“, in: Ders., Das Eigene und das Fremde. Gesammelte Aufsätze zu Gesellschaft, Kultur und Religion, hg. v. R. Schloz, Würzburg 2005, 195-208, 195.

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