40 Thesen über die Heilige Schrift

  1. Die historisch-kritische Bibelexegese, wie sie seit 200 Jahren im universitären Kontext praktiziert wird, ist weder eine wissenschaftliche noch eine kirchlich legitime Schriftauslegung.
  2. Der Anspruch „historisch-kritisch“ gegenüber dem überkommenen Literalsinn (sensus litteralis seu historicus) der Heiligen Schrift zu sein, resultiert in eigensinnigen Fiktionen.
  3. Die vermeintliche Plausibilität dieser Methode verdankt sich einer ideologischen Vergangenheitsvergessenheit, für die der Kollektivsingular „die Geschichte“ steht.
  4. Zeit- und namensgebundenes Geschehen hat – im Gegensatz zu materiellen Dinge – keine Beständigkeit und ist daher unwiederbringlich vergangen.
  5. Vergangenes kann nachträglich weder in Erfahrung gebracht noch als geschehenes Geschehen vorgestellt oder gedacht werden.
  6. Ein vorgestelltes Vergangenheitsgeschehen ist kein wirklich vergangenes Geschehen, sondern eine ahistorische Vorstellung der Gegenwart.
  7. Um vergangenes Geschehen sich zu vergegenwärtigen, ist man entweder auf die eigene Erinnerung als Beteiligter oder aber auf das Fremdzeugnis einer Erzählung angewiesen.
  8. Wo die zeitliche Distanz zum vergangenen Geschehen keine personalen Erinnerungen zulässt, geschieht die Vergegenwärtigung von Vergangenem durch schriftliche Überlieferungen.
  9. Wo Vergangenes weder erinnert noch überliefert worden ist, hat es keine eigene Wirklichkeit mehr. Die Wirklichkeit von Vergangenem ist von überlieferten Geschichten bzw. Historien abhängig.
  10. Überlieferte Historien bezeugen Handlungen und Ereignisse aus der Vergangenheit, die unserer eigenen Erinnerung nicht zugegen sind (gesta res, ab aetatis nostrae memoria remota).
  11. Die Historie ist ein Erzählgenus (genus narrationis), bei dem die jeweilige Erzählung im Unterschied zur argumentativen Fiktion (ficta res, quae tamen fieri potuit) bzw. zur Fabel (in qua nec verae nec veri similes res continentur) unter dem Anspruch des tatsächlichen Geschehenseins steht (historia est narratio rei gestae, per quam ea, quae in praeterito facta sunt, dinoscuntur).
  12. Im Unterschied zu naturwissenschaftlichen Tatsachen, die experimental-reproduktiv bewiesen werden können, müssen historische Tatsachen aufgrund ihrer Erzählabhängigkeit geglaubt werden (fides historica).
  13. Der Kollektivsingular „die Geschichte“ ist im 18. Jahrhundert aufgekommen und wurde im 19. Jahrhundert zum ideologischen Leitbegriff bürgerlicher Sinnorientierung potenziert.
  14. „Geschichte an sich“ ist eine gedachte Idee, die keine Wirklichkeit hat. Sie dient als imaginative Projektionsfläche für argumentative Fiktionen der Gegenwart, die diese als vermeintlich „historisch“ erscheinen lassen.
  15. Die Emergenz der Geschichtsidee verdankt sich wesentlich der Erfindung des Buchdrucks, hat doch dieser zur Vorstellung ubiquitärer Historien außerhalb eines sequentiell und damit zugleich auch örtlich organisierten Traditionsprozess von Lektüre und Abschrift geführt („Gutenberg-Galaxis“ – McLuhan).
  16. Geschichte als hypostatisch gedachter Geschehenszusammenhang lässt die Vergangenheit der Vergangenheit und damit auch die Traditionsvermitteltheit von Geschehen vergessen.
  17. Die Idee einer erzählungslosen bzw. vergänglichkeitsresistenten Universalgeschichte erlaubt es scheinbar, vergangenes Geschehen gegen traditionale Geschichten zu differenzieren und eröffnet damit eine pseudo-historische Kritik gegenüber der Tradition („Geschichte als kritisierte Tradition“ – Rüsen).
  18. Historische Forschung bzw. Kritik – „zeigen, wie es eigentlich gewesen“ ist (Ranke) – basiert auf einem auktorialen Lesen-Schreiben-Hyperzyklus und bedarf dazu des Mediums akademischer Zeitschriften, wie sie Anfang des 18. Jahrhunderts in Europa entstanden sind.
  19. Die historische Forschung mit ihrer publizistischen Neuigkeitslogik („information is a difference, which makes a difference“ – Bateson) führt zu einem Meinungspluralismus außerhalb der gemeinschaftlich verantworteten christlichen Lehre (doctrina christiana).
  20. Die historisch-kritische Exegese sucht die Schrift als historisch gewordene Erzählliteratur zu dekonstruieren.
  21. Um auktoriale bzw. intentionale Differenzierungen innerhalb der überlieferten biblischen Bücher vornehmen zu können, muss die historisch-kritische Exegese verschiedenartige Textagenten – Autoren, Redaktoren, Editoren, Fortschreiber, Ergänzer, Kompilatoren, Glossatoren oder diesbezügliche Kollektive – fingieren.
  22. Die Argumente der historischen Kritik sind poietische Möglichkeitsersinnungen der Gegenwart und können daher trotz aller Plausibilität im Hinblick auf die Vergangenheit nicht zu historischen Fakten werden.
  23. Das, was geschehen kann oder geschehen konnte, das Argument also, entscheidet nicht darüber, was tatsächlich geschehen ist. Das tatsächlich Vergangene lässt sich nicht argumentativ rekonstruieren.
  24. Der korrekte Verbmodus des Arguments im Hinblick auf die Vergangenheit ist nicht der Indikativ, sondern der coniunctivus potentialis, „so könnte es gewesen sein“.
  25. Exegetische Argumente können per se nicht für eine überlieferte Historie „kritisch“ werden. Die biblische Geschichte lässt sich argumentativ weder auflösen noch „historisch-kritisch“ klären.
  26. Was außerhalb des biblischen Kanons von der historisch-kritischen Exegese hinsichtlich der Genese des biblischen Erzählgeschehens geltend gemacht wird, ist in weiten Teilen eine moderne literarische Fiktion.
  27. Wo historisch-kritische Argumente selbst zur literarischen Forschungstradition werden, können sie als vermeintliche „historische Tatsachen“ verklärt werden, womit sich die historische Kritik in der eigenen Tradition scheinbar selbst bewahrheitet.
  28. Da die Argumente der historisch-kritischen Exegese als auktoriale Texte publiziert sind, können argumentative Entstellungen traditionaler Geschichten textreferentiell identifiziert werden.
  29. Aufgabe einer wahrhaft kritisch-historischen Exegese ist es, argumentative Entstellungen und imaginative Verfremdungen gegenüber der biblischen sacra historia quellenkritisch auszusondern, so wie dies seinerzeit Albert Schweitzer mit seiner „Geschichte der Leben-Jesu –Forschung“ getan hat.
  30. Die prophetischen und apostolischen Schriften des Alten und Neuen Testaments sind für die Kirche die einzige Regel und Richtschnur, nach der in gleicher Weise alle Lehre und Lehrer gerichtet und beurteilt werden müssen (Konkordienformel, Epitome, Von dem summarischen Begriff).
  31. Eine kanonische Schriftauslegung, wie sie in der Kirche zu gelten hat, folgt dem überkommenen Literalsinn und erschließt darin den Namen.
  32. Die „Geschichte an sich“ ist kein Referenzrahmen kanonischer Schriftauslegung. Gilt es einen chronologisierten Geschehenszusammenhang außerhalb von Überlieferungen anzusprechen, so ist der biblisch adäquate Begriff hierfür die „Weltzeit“ (haolam/ho aiōn/saeculum).
  33. Um das bezeugte Erzählgeschehen in seiner Tatsächlichkeit und damit die Heilige Schrift als kanonische sacra historia gelten zu lassen, bedarf es einer fides historica sowie eines Autoritätsglaubens, der in der je eigenen Schriftlektüre kein blinder Glaube ist.
  34. Eine kanonische Schriftauslegung kommt einer intratextuellen Lektüre gleich, bei der die Schrift aus sich selbst auf das Wort des dreieinigen Gottes hin interpretiert wird (sacra scriptura ipsius se interpres).
  35. Die Schriften des Alten und Neuen Testamentes kanonisch gelesen bezeugen in klarer, unfehlbarer und genügsamer Weise den Namen und das wirksame Wort (verbum efficax) des dreieinigen Gottes und deren Rezeption im Volk Israel und in der Kirche.
  36. Die Schriften des Alten und Neuen Testamentes sind durch den Heiligen Geist inspiriert. Um den lebensumfassenden Anspruch des göttlichen Wortes bei der je eigenen Schriftlektüre (auctoritas scripturae) zu erfahren, bedarf es des internen Zeugnisses des Heiligen Geistes (testimonium Spiritus sancti internum).
  37. Der Anspruch einer historisch-kritischen Schriftauslegung, ursprüngliche Werks- bzw. Autorenintentionen herauszuarbeiten, führt zu einer methodischen Auflösung des kanonischen Literalsinns und damit zum Ungehorsam gegenüber dem Anspruch des in der Schrift bezeugten Herrnwortes.
  38. Wird der in der kanonischen Schriftlektüre vernommene Literalsinn preisgegeben, tritt an dessen Stelle ein allegorischer Imaginativsinn (sensus imaginosus), der eigene Lebenswünsche und Ideen außerhalb der Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott zu bedienen sucht.
  39. Der kanonische Literalsinn, der die Faktizität des biblischen Erzählgeschehens gelten lässt, ist ein promissorischer (sensus promissivus).
  40. Wo die Bibel auf kanonische Weise auf das Pascha-Mysterium Jesu Christi hin gelesen wird, birgt ihr Erzählgeschehen eine Namensbezogene Verheißung sowohl für das eigene Leben als auch für die Welt, die über einen natürlichen bzw. kulturellen Lebenszusammenhang hinausgeht.
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Eine Antwort to “40 Thesen über die Heilige Schrift”

  1. Christof Meißner Says:

    Lieber Jochen, Danke für diese 40 Thesen! Grüße, Christof

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