Christ sein – eine Lehrpredigt

Keine-Panik!-Ich-bin-Christ

Lesung: Röm 14:7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. 8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. 9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Evangelium: Joh 3,16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.


Ich bin Christ. Andernfalls stünde ich ja nicht hier auf der Kanzel einer evangelischen Kirche. Aber was heißt das „ich bin Christ“? Wir können verschiedene Dinge über uns selbst aussagen, so zum Beispiel „Ich bin Autofahrer“, womit mein eigenes Können angesprochen ist, „ich bin Schwabe“, was die ethnische Herkunft ausspricht, „ich bin Pfarrer“, was meine berufliche Tätigkeit bezeichnet, oder aber „ich bin Ehemann“, was für meinen familiären Status steht. Die Aussage „ich bin Christ“ hingegen hat mit meiner Identität zu tun. Es geht dabei um einen lebensumfassenden Anspruch, der mir nicht angeboren ist. Auch wenn wir uns dessen selten bewusst sind, so sind Christen im Grunde sonderbare Menschen. Denn wer sagt „ich bin Christ“, bekennt mit dem Apostel Paulus, dass er mit seinem Leben und Sterben zu Jesus Christus gehört: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“

Die ausgesprochene Zugehörigkeit zur Person Jesu Christi macht das eigene Christsein aus. Christ ist man nicht aufgrund einer religiösen Weltanschauung, christlicher Eltern oder einer Volkskirche. Wenn ich sage, ich bin Christ, zeige ich auf das Leben einer anderen Person—Jesus Christus. Das ist eine außergewöhnliche, wenn nicht gar befremdliche Angelegenheit: Da soll mein ganzes Leben von jemand anderem abhängen. Gut, wir wissen, dass wir mit unserem eigenen Leben immer wieder auf andere angewiesen sind. Das wird bereits in unserer Geburt deutlich: Wir verdanken unser eigenes Leben nicht uns selbst, sondern unseren Eltern. Und es sind ja in der Regel unsere eigenen Eltern oder Großeltern gewesen, die uns auf unserem Lebensweg behilflich gewesen sind. Weiterhin gibt es auch Menschen, die uns zum Vorbild geworden sind, wo wir uns sagen: ich möchte ähnlich leben so wie sie oder er und das gleiche erreichen. Aber dass man als Christ sagen kann, „meine Leben hängt letztendlich von Jesus Christus ab und ist allein auf ihn ausgerichtet“, scheint ungeheuerlich zu sein. Dies bedarf also einer Klärung.

Wenn es um unseren eigenen Ursprung geht, sind wir, wie bereits gesagt, auf unsere eigenen Eltern verwiesen. Mit ihnen verbindet uns ein Lebensfaden. Allerdings kann dieser Lebensfaden uns auf Dauer nicht tragen. Vielmehr nimmt das Leben der Eltern das vorweg, was auch auf uns zukommen wird. Wir leben in einer Schicksalsgemeinschaft mit ihnen, gleichsam in einer unüberwindbaren Felswand, wo es keinen Aufstieg zum Gipfel des Lebens geben kann. In der Rückbindung an unsere Eltern oder an andere Menschen gibt es keinen dauerhaften Weg zum Leben: Wo immer sich Menschen mit ihrem Leben an andere Menschen binden, versagt auf Dauer das Leben. Aber auch dann, wo Menschen ungebunden bleiben, sozusagen unverbindlich leben, bleibt der Gipfel des Lebens unerreichbar. Kein Mensch kann sich von selbst aus dem Abgrund herausziehen.

Auf diesem Hintergrund gewinnt das Zeugnis des Apostels Paulus seine Bedeutung: „Dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“ (Röm 14,9) Ein Christ vertraut sich mit seinem Leben Jesus Christus an, hat doch dieser den Abgrund unseres eigenen Lebens überwunden. Was Jesus Christus durch seinen eigenen Tod eingeholt und in seiner Auferstehung überwunden hat, eröffnet uns ein Leben, das im Tod nicht verloren geht. Dazu ist es jedoch lebensentscheidend, ob wir Menschen das anerkennen können, was Jesus getan hat. Im Evangelium spricht dies Jesus selbst aus: „Denn also hat der Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16)

Christsein heißt Jesus Christus Glauben schenken in dem was er für uns getan hat. Andernfalls können wir eine Beziehung zu ihm nicht begreifen. Denn darum geht in unserem Leben: Sich in einer Seilschaft zu befinden, die gleichsam zum Gipfel des Lebens führt, unser Leben dauerhaft an Christus gebunden, der mit seinem Sterben und seiner Auferstehung die Todeskluft überwunden hat. Wo unser Leben an Christus gebunden ist, hängt es nicht an einem seidenen Faden.

Nun ist ja immer wieder von einem menschlichen Weiterleben nach dem Tod die Rede, wie auch immer man sich dies vorstellen mag. Aber solch ein Leben nach dem Tode hat mit dem ewigen Leben wenig zu tun. Im Gegenteil: Die Hoffnung auf ein unendliches Leben kommt der Versuchung durch die Schlange im Garten Eden gefährlich nahe. Hätten wir Menschen vom Baum des Lebens gegessen und damit Unsterblichkeit erreicht, dann hätten sich damit die Worte der Schlage bewahrheitet, die da lauten: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ (Gen 3,4f) Wer selbst wie ein Gott wäre, der könnte letztendlich ohne Todesfurcht seine eigenen Wege auf alle Unendlichkeit hin gehen. Aber genau das ist es, was menschliche Sünde ausmacht: außerhalb der Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater und Schöpfers leben und damit mit dem eigenen Leben fremdgehen. Der Sünder lebt aus sich selbst und auf sich selbst. Sünde macht Menschen im Grunde einsam.

Das Heil, um das es für Christen geht, ist nicht Eigenständigkeit, Selbstverwirklichung oder Unsterblichkeit, sondern vielmehr ein Leben in Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott. Wo ich mich Jesus zugehörig weiß, gilt für mein Leben das göttliche Heilsversprechen, oder wie der Apostel Paulus es ausspricht: „Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“(Röm 10,9)

Christen gehören zu Christus. Das mag für manche nicht besonders verheißungsvoll klingen, scheint doch solch eine Zugehörigkeit mein Leben und meine eigene Freiheit einzuschränken. Die Frage ist jedoch: Als was gehören wir zu Jesus Christus. Ein Knechtsein käme in der Tat dem Verlust von Freiheit gleich. Aber zur Knechtung von Menschen ist Jesus nicht gesandt worden. Vielmehr gilt mit den Worten des Apostel Paulus: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. […] So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“ (Gal 4,4-5.7)

Wenn Du zu Christus gehörst, bist Du kein Knecht, sondern ein Kind Gottes (vgl. Joh 1,12; Röm 8,14-17), das als Erbe gilt. Da ist ein göttliches Vermögen in dieser Erbschaft, die dich von anderen Ansprüchen auf dein eigenes Leben freimacht. Wer Christus zugehört, ist letztendlich von anderen Menschen nicht abhängig. Wir mögen in unserem Leben ganz bestimmten Menschen zugewiesen sein, so zum Beispiel unseren Ehepartnern, aber wir sind dabei nicht abhängig von ihnen. Denn kein Mensch kann mir das gegeben, was mir als Kind Gottes schon längst zugesagt ist. Vielmehr leben wir mit Mitschwestern und Mitbrüdern in der Kirche als einer göttlichen Erbengemeinschaft, die durch den Tod Christi bewirkt worden ist. Der Gipfel des Lebens kennt keine einsame Aussichten, sondern füllt sich mit Gemeinschaft.

Wo die Knechtschaft der Vergänglichkeit und die Hinfälligkeit unseres irdischen Lebens überwunden sind, zeigt sich die herrliche Freiheit der Kinder Gottes (Röm 8,21). „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Gal 5,1). Die Freiheit der Kinder Gottes zeigt sich selbst dort, wo wir in der Bibel von dem lesen, was wir als Christen tun sollen und was wir zu lassen haben. Es handelt sich dabei nicht um ein überkommenes Moralgesetz, dem man um seiner selbst willen zu folgen hat. Vielmehr geht es um Lebensweisungen, die uns in Beziehung mit Christus halten, ähnlich wie die Regel eines Spiels, die uns im Spielgeschehen halten. Wer auf einem Fußballfeld als Feldspieler mit der Hand zum Ball geht, kann ja nicht länger mitspielen, zerstört er doch die Spielgemeinschaft. Und wer beispielsweise in seiner nur auf seinen eigenen ökonomischen Vorteil aus ist und alles für sich behalten will, der verschließt seine Hände vor dem, was Christus ihm zu geben hat. Die Zugehörigkeit zu Christus ist etwas ganz besonderes, die nicht durch eine Anpassung an das, was um uns herum Gang und Gäbe ist, verwirkt oder preisgegeben werden darf. Von daher fordert uns der Apostel Paulus heraus: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Röm 12,2). Mit unserem eigenen Leben sollen wir anderen Menschen um uns herum zeigen, dass wir zu Jesus Christus gehören.

Menschen, die zu Christus gehören, die können und sollen dies ihren Mitmenschen mit Wort und Tat bezeugen. Christus selbst will, dass wir andere in die Beziehung zu ihm einladen. Wer zu Christus, dem Gekreuzigten und Auferstanden gehört, mit seinem Leben an ihn gebunden ist, wird nicht verloren gehen. Von daher haben Christen eine Lebenszuversicht und Hoffnung, die ihnen niemand nehmen kann: Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Wer oder was soll uns da noch das Kreuz brechen?

Und so können wir schlussendlich unsere Zuversicht in Christus mit dem Apostel Paulus bekennen: „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? […] Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Röm 8,35.38-39)

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