Der NAME, auf den es ankommt – eine Lehrpredigt

chagall dornbusch

Marc Chagall „Mose vor dem brennenden Dornbusch“

Lesung Ex 3,13
Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? 14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt. 15 Und Gott sprach weiter zu Mose: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.

Evangelium Lk 11,1 Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. 2 Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. 3 Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag 4 und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden. Und führe uns nicht in Versuchung.

Ihr kennt die Gretchenfrage „Glaubst Du an Gott?“ Goethe lässt seinen Faust wie folgt darauf antworten:

Nenns Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.

„Name ist Schall und Rauch“ – Das heißt nichts anderes, als dass Namen keine bleibende Bedeutung haben und man sich deshalb nicht an sie binden soll. Da gibt es offensichtlich ein namenloses Geheimnis, das alles zu übersteigen mag. Man mag es fühlen oder erspüren, aber es kann nicht auf einen Begriff gebracht werden. So weicht Faust der Gretchenfrage wortgewandt aus.

„Glaubst Du an Gott?“ Was ist darauf zu antworten? Das wirkliche Problem hinter diese Frage ist nicht der Name. Vielmehr ist es der Begriff „Gott“. Von „Gott“ gibt es einen Plural, „Götter“, so wie es auch vom Begriff „Mensch“ den Plural „Menschen“ gibt. „Gott“ wie „Mensch“ sind beides keine Namen.

Als Moses am Horeb dem Herrn im brennenden Dornbusch begegnet und dieser ihn zum Pharao sendet, ist eine Frage offen: Wie heißt der mit Namen, der Moses sendet? Ohne die Preisgabe Seines Namens sieht sich Moses nicht im Stande, den Auftrag auszuführen.

Sonderbar, warum ist der Name eigentlich so wichtig? Um das zu verstehen, müssen wir noch einmal auf uns Menschen zu sprechen kommen. Kann man dem Menschen vertrauen? Instinktiv mag nun die Rückfrage kommen: Welchem Menschen denn? Kann man dem Menschen an sich oder der Menschheit vertrauen?

Was Menschsein im Allgemeinen bedeuten mag, das können wir uns denken. Aber das, was wir uns über Menschen selbst denken können, schafft kein Vertrauen. Das Vertrauen erwächst vielmehr aus einer Beziehung – man könnte auch sagen – aus einer Beziehungsgeschichte und gilt daher immer nur ganz bestimmten Menschen.

Dem kann ich vertrauen. Wem? Dem Hans, oder der Inge, dem Gunnar, der Irmgard. Unser Vertrauen richtet sich auf bestimmte Menschen aus, die beim Namen genannt werden. Wir alle sind Menschen, und doch hat jeder von uns seinen eigenen ganz besonderen Namen.

Es macht einen grundlegenden Unterschied, ob ich Dich bei Deinem Namen nenne oder ob ich von Dir sage, dass Du Mensch bist. Dein Name besagt, wer Du bist. Dein ganzes Leben, das was Du getan hast, was mit Dir geschehen ist, was Du erreicht hast und was Dir verlorengegangen ist, all das in Deinem Namen zusammengefasst. Gattungsbegriffe wie „Frau“, „Mann“ oder „Mensch“ können Deinem einmaligen Leben nicht gerecht werden. Ruft Dich jemanden beim Namen, dann ist damit Dein ganzes Leben gegenwärtig. Gäbe es keine Namen, dann gäbe es auch kein besonderes Leben. Da wäre alles in der Welt einfach nur natürlich, auf allgemeinen Gesetzen beruhend und damit beliebig austauschbar. Die Natur kennt eben keine Namen.

Der Name, der jemandem eigen ist, ermöglicht Vertrauen, macht er doch ein einmaliges Leben überhaupt erst ansprechbar. Insofern fragt Moses zu Recht nach dem Namen dessen, der ihn aus dem Dornbusch anspricht: Wer bist Du?

Wenn wir „Gott“ sagen, ist dies zunächst ein Gattungsbegriff „Gott“ – „Götter“. Was „Gottsein“ oder „Gottheit“ ausmacht, das können wir uns selbst denken. Aber unsere eigenen Gottesbilder oder Ideen von Gott als einem höchsten Wesen schaffen kein Vertrauen. Einen Gott, den man sich denken kann, den kann man sich schenken. Von dem, was wir uns selbst vorstellen können, ist für unser eigenes Leben nichts zu erwarten. Wir können unseren Glauben nur einem ganz bestimmten Gott schenken, nämlich dem Gott Israels, der zugleich der Vater unseres Herrn Jesus Christus ist. Deshalb kommen wir um dessen Namen nicht herum.

Aber wie lautet nun dieser Name, wenn nicht „Gott“? Vier hebräische Buchstaben stehen im Raum: J, H, W, H, das sogenannte Tetragramm. Aber da die Vokale (Selbstlaute) fehlen, müssen wir stumm bleiben. „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.“ (2. Mose 20,7) So lautet das dritte Gebot. Um einen Missbrauch zu vermeiden, ist es uns verwehrt, Seinen Namen auszusprechen. Da liegt ein Vergleich mit unsern Eltern nahe, die wir aus Gründen des Respektes ebenfalls nicht mit dem Vornamen ansprechen. An die Stelle des Eigennamens treten Ersatznamen (Gattungsbezeichnungen), Vater, Mutter, Papa, Mama, die dennoch von der Vertrautheit zeugen. Ähnlich verhält es sich auch bei dem unaussprechlichen Namen, wo Ersatznamen wie HERR Gott, HERR, Gott oder aber himmlischer Vater an dessen Stelle treten.

Auch wenn wir seinen Namen nicht aussprechen können, so ist der Gott Israels und der Vater Jesu Christi für uns kein anonymes Wesen. Wer wissen will, was Sein Name alles umfasst, der hat den Erzählungen in der Bibel zu folgen, angefangen von der Schöpfung, über die Befreiung Israels aus der Knechtschaft Ägyptens, bis hin zur Sendung und Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus.

Durch die Bibel wird Er uns vertraut, so dass wir Ihn anrufen und zu Ihm beten können. Das lässt sich durchaus mit einer Beziehung zwischen Menschen vergleichen. Die Intensität des Gesprächs hängt davon ab, inwieweit mir der andere mit seinem eigenen Leben vertraut ist. Damit kann ich nämlich den anderen auf ihn selbst ansprechen. Von einer namenlosen Schicksalsmacht haben wir unsere Zukunft nichts Heilvolles zu erwarten, umso mehr aber von dem, der uns in seinem Sohn Jesus Christus nahegekommen ist. Genau diese Intimität ist es, die uns leidenschaftlich beten und loben lässt, so wie es uns in den Psalmen vorgeführt ist. Das Beten erscheint dort gleichsam als ein Eindringen in die Herrliche Intimsphäre.

Der Betende vertraut sich dem Herrn an, hat Er doch seinen Namen durch Jesus Christus unter uns wohnen lassen. Der Name „Jesus“ – hebräisch Jeschua – heißt nichts anders als „Er, der Herr, rettet.“ Zudringlichkeit ist im Namen Jesu erlaubt. Christen, die den Namen des Herrn anrufen, die reden nicht gegen eine Wand—kein hilflos-verzweifeltes Ausprobieren, ob das Schicksal es nicht doch gut mit einem meint. Bei solch einem Namensfremdes Beten bleiben Menschen letztlich in sich selbst gefangen. Wo mir jedoch Sein Name bekannt ist, da berge ich mich mit Leib und Seele in Ihm, indem ich mit Jesus spreche, „Vater! Dein Name werde geheiligt.“ (Lk 11,2)

Da bin ich, Du kennst mich beim Namen (Jes 43,1), ich bin Dir nicht egal, wenn ich jetzt vor Dir mit meinem ganzen Leben stehe. Du hast es bereits in Jesus Christus umarmt. Und doch geschehen Dinge um mich herum, die ich mit Deinem Namen nicht zusammenbringen kann, Leid, Gewalt, Einsamkeit, Verlorenheit, Trauer, Eitelkeit, Tod, Schmerzen. Nimm an, was unsere eigenen Möglichkeiten übersteigt. Wer kann retten, wenn nicht Du. Sende Deinen Geist in dunkle Räume des Todes und der Sünde, um Deines Namens willen. Ja, Dein Reich komme. Das bitte ich Dich durch Jesus Christus, Deinen lieben Sohn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Hier die Predigt als pdf.

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