Die Erwählung Israels – Eine Lehrpredigt

Ölbaum

Lesung 5. Mose 7,6: Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, 8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

Evangelium Johannes 4,19: Die Frau spricht zu Jesus: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. 21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. 23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. 24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. 25 Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen. 26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin’s, der mit dir redet.

Das Heil kommt von den Juden.“ Diese Worte Jesu sind eine Provokation für die Völker, eine heilsame freilich. Und sie sind immer noch gültig. Aber wie kann das sein, wenn Jesus uns selbst gegenübertritt und wir von ihm als unserem Heiland sprechen? Was hat das mit dem Judentum zu tun?

So lasst uns zunächst einen anderen Weg gehen: Als Nazi-Deutschland unter Adolf Hitler vor siebzig Jahren Europa mit einem verbrecherischen Angriffskrieg überzogen hatte, da prangten auf dem Koppelschloss der deutschen Wehrmacht die Worten: „Gott mit uns.“ Gott sollte auf deutscher Seite sein, wenn es galt andere Völker zu unterjochen. Was für eine Blasphemie, mag man da heute sagen. Als Nachgeborene müssen wir jedenfalls dem Herr Gott froh sein, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hat.

„Gott mit uns“ kann zu einem verführerischen Schlachtruf für Heiden werden. Ein Heide ist und bleibt, wer göttliche Mächte und Gewalten für eigene Zwecke zu vereinnahmen sucht. Die Völker sind von alters her auf der Suche nach Macht und Stärke. Götter dienen dabei als Ermächtigung und Legitimation von eigener Herrschaft und Gewalt. Mit religiösen Kulten und Riten versucht man sich am Göttlichen: Welche Gottheit ist uns zugeneigt, wie können wir diesen oder jene uns günstig stimmen können. Wo ein Gott nicht zu unseren Gunsten wirkt, muss er möglicherweise durch anderen ersetzt werden. Heiden wählen ihre Götter selbst; sie haben zwar ihren Preis, so wie Fussballgötter, aber wehe, wenn der Erfolg fehlt, dann müssen sie aus dem Kultus entlassen werden.

„Gott mit uns“, dieser Ausspruch hat seine Wurzel in dem hebräischen Namen „Immanuel“ aus dem Alten Testament (Jesaja 7,14), „Gott mit uns“ wird dort als Vertrauensnamen einem noch zu gebärenden Sohn zugesprochen. Wenn das Volk Israel sagen kann und soll, „Gott mit uns“, dann allein deswegen, weil es seinen Gott nicht selbst gewählt hat. Vielmehr hat der Herr sein Volk und seinen Gesalbten (vgl. Psalm 2) erwählt, so wie Moses es ausspricht: „Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.“ Wo der Herr erwählt, haben die Erwählten keine andere Wahl mehr. Erwähltes Volk zu sein mag als Bevorzugung gegenüber den anderen erscheinen, aber für Israel ist die Exklusivität zunächst eine Verpflichtung (vgl. Amos 3,2). Sie haben dem zu folgen, der sie erwählt hat. Die eigene Besonderheit bedeutet nichts anders als Gefolgschaft; und das heißt Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gebot, der Torah.

Im den fünf Bücher Mose lesen wir von insgesamt 613 Einzelgeboten, wovon viele uns schwerlich einzuleuchten vermögen – warum soll man beispielsweise keine Krebse essen dürfen (3. Mose 11,9-12). Bei all diesen Geboten geht es für das Volk Israel um die Bewahrung seiner Heiligkeit, entsprechend dem göttlichen Wort: „Ich bin der HERR, der euch aus Ägyptenland geführt hat, dass ich euer Gott sei. Darum sollt ihr heilig sein, denn ich bin heilig.“ (3. Mose 11,45) Wer dem „Heiligen Israels“ (Jes 40,25 u. ö.) zugehörig ist, ist an Ihn gebunden. Israel ist aus der Völkerschaft ausgesondert und hat daher selbst auf eine ganz besondere Weise zu leben. Was andere Völker tun und lassen, das kann und darf nicht zum Maßstab für die eigene Lebensweise werden. Das göttliche Gebot, die Torah, steht für die Identität Israels. Ohne die Einhaltung der Torah gäbe es in unserer Gegenwart kein Gottesvolk mehr.

Aber was ist nun mit den Menschen, die nicht dem Gottesvolk Israel zugehörig sind—ja, was ist eigentlich mit uns? Ist der Gott Israels nicht doch auch unser Gott? Da gibt es in der Tat eine Spur zu uns. Sie fängt mit der Berufung des Stammvaters Abraham an. Ihm gilt der göttliche Zuspruch „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1 Mose 12,3) Die göttliche Erwählung beginnt mit einer Person und zieht doch ihre Kreise. Sie breitet sich immer weiter aus und nimmt dabei außenstehende Menschen hinein. Wer an der Erwählung Israels teilhaben will, muss freilich zu dessen Gott finden. Für die Völker geschieht dies durch den Gesalbten des Herrn, Jesus Christus, von dem der greise Simeon im Tempel spricht: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“ (Lukas 2,29-32; vgl. Jes 42,6; 49,6) Ohne Jesus Christus bleibt der Herr Gott für uns im Dunkeln und die Erwählung Israels ein Rätsel.

„Gott ist überall“ heißt es. Braucht es da auserwählte Orte, um Ihm zu begegnen. Jesus selbst sagt ja der Frau am Brunnen zu, dass die Zeit kommt, wo der himmlische Vater weder auf dem Garizim noch in Jerusalem anzubeten ist. Vielmehr werden die wahren Beter den Vater „in Geist und Wahrheit anbeten.“ (Johannes 4,23) Aber was heißt „in Geist und Wahrheit“ anbeten? Die Wahrheit, in der zu beten ist, ist keine universale, überall auffindbare Wahrheit, des Tages im Sonnenlicht zu sehen und des Nachts in den Sternen abzulesen. Was da die Natur um uns herum auf sichtbare aber auch unsichtbare Weise offenbart, hat keine Verheißung für unser eigenes Leben. Die Natur zeigt sich vielmehr als namenloses Schicksal ohne Hoffnung für uns Menschen. Das, was uns über Biologie und Physik hinausführt, ist eine ganz besondere Geschichte, eben die wahre Geschichte des Herrn mit Israel und seinem Messias.

Dass der Herr Gott Israel erwählt hat, sich in Beziehung zu einem Volk gesetzt hat, zeigt sich in einer dramatische Liebesgeschichte, wo Seine Leidenschaft durchbricht: „Mein Volk ist müde, sich zu mir zu kehren, und wenn man ihnen predigt, so richtet sich keiner auf. Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim, und dich ausliefern, Israel? Wie kann ich dich preisgeben gleich Adma und dich zurichten wie Zebojim? Mein Herz ist andern Sinnes, alle meine Barmherzigkeit ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir und will nicht kommen, zu verheeren.“ (Hosea 11,8-9)

Da wo die Leidenschaft des Herrn durchbricht, kommt Er auch unserem eigenen Leben nahe. Ja, Er ist überall, aber was zählt, ist nicht das Universum, auch keine abstrakte Idee, sondern Seine ganz besondere Geschichte mit Israel und seinem Sohn Jesus Christus. Die Wahrheit, derer unser Gebet bedarf, ist ohne die Rückbindung an Israel nicht zu begreifen. Den Erzählfaden dazu können wir jedoch allerorts aufnehmen. Sein Gesetz, die Torah, und das Evangelium Jesu Christi, beide zusammen ziehen uns gleichsam in Seine Geschichte mit dem Volk Israel hinein. Nicht dort, wo wir herkommen, findet sich die Erfüllung. Und auch nicht unsere eigenen Vorhaben im Leben führen zum endgültigen Heil.

„Das Heil kommt von den Juden“, sagt Jesus, aber dies heißt nicht, dass das Seelenheil den Juden oder dem jüdischen Volk gehört. Die Erwählung weist immer zurück auf den, der Israel erwählt hat. Israel ist erwählt, aber es besitzt die Erwählung nicht (vgl. Matthäus 3,8f). Und wenn wir vom Volk Israel sprechen, das an seinen Herrn gebunden ist, dann ist dieses Volk nicht mit dem jetzigen Staat Israel identisch. Als Christen können wir durchaus kritisch gegenüber dem Staat Israel sein und bleiben dennoch mit dem Volk Israel solidarisch.

„Das Heil kommt von den Juden.“ Es ist die Erwählung Israels und die Sendung Jesu Christi, die das menschliche Leben eben nicht in der Weite der Welt verlaufen lässt. Vielmehr bringt die Erwählung Israels die Völker wieder auf friedvolle Weise zusammen, wie dies der Prophet Jesaja für uns geschaut hat: „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Jes 2,2-4)

Wo sich die Völker gemeinsam auf dem Zion eingefunden haben, wird „Gott mit uns“ nicht länger als heidnischer Schlachtruf missbraucht, der Unheil und Tod über andere Völker bringt. Vielmehr heißt es für alle Völker in unparteiischer Weise. „Der Herr Gott ist mit uns allen, dank Jesus Christus, ihm, dem „Licht der Völker“ (Jesaja 49,6). Amen.

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