Ärmer, lebendiger, frömmer. Kirche am Steuertropf

Pfarrer Hans Löhr, bis 2004 Geschäftsführer beim Evangelischen Münchenprogramm, einem kirchlichen Reformprojekt unter Beteiligung der Unternehmensberatung McKinsey, und nunmehr Gemeindepfarrer im mittelfränkischen Sommersdorf/Thann (Kreis Ansbach) hat im jüngsten Korrespondenzblatt des bayerischen Pfarrervereins einen lesenswerten Artikel in Sachen Kirchensteuer geschrieben.

Ärmer, lebendiger, frömmer. Kirche am Steuertropf

Von Hans Löhr

Die Kirchensteuer prägt die Gestalt un­serer Kirche. Die Immobilien und Ein­richtungen, die große Zahl der haupt- und nebenamtlichen Mitarbeitenden, zahlreiche Aktivitäten in Gemeinden, Diakonie und Mission sind in der gegen­wärtigen Form ohne sie nicht denkbar. Wer sich Kirche in Deutschland nicht anders vorstellen kann als so, wie sie ist, für den ist die Kirchensteuer ein Segen. Doch ist die Finanzierung kirch­lichen Lebens in Geschichte und Gegen­wart durch eine Kirchensteuer wie in Deutschland die große Ausnahme. So steht die Frage im Raum, welche Kirche mit welcher materiellen Basis den Auf­trag ihres Herrn besser erfüllt.

Unsere Landeskirche leidet seit vielen Jahren unter Mitgliederschwund, Tra­ditionsabbruch, sinkender Bedeutung in der Öffentlichkeit und Desorientierung unter ihren Mitarbeitenden. Zahlreiche Untersuchungen und Umfragen belegen diesen Zustand. Alle bisherigen Versu­che, daran etwas grundlegend zu än­dern, sind aus unterschiedlichen Grün­den fehlgeschlagen. Offenbar sind alle Erneuerungsversuche an der Oberfläche geblieben. Die Reform der Kirche in ihrer gegenwärtigen Gestalt muss wohl an der Wurzel beginnen und das ist die materi­elle Basis, das Kirchensteuersystem. Da, wo es am meisten schmerzt, beim Geld, wird die Therapie ansetzen müssen. Die Kirche hängt an der Steuer wie ein Patient am Tropf. Sie scheint ohne sie nicht leben zu können. Aber mit ihr wird sie auch nicht gesund. Die Lage beginnt sich zu verschärfen, da immer weniger von der Nährlösung Kirchensteuer in die Venen tropft. Wie lange wird die Kirche in der uns bekannten Organisationsform das aushalten können? Wie wird sich ihr Zustand verschlechtert haben, wenn, wie prognostiziert, im Jahr 2010 zwan­zig Prozent weniger dieser Nährlösung zur Verfügung stehen mit sinkender Tendenz in den Folgejahren? Oder kann eine Nahrungsumstellung die Wende zum Besseren herbeiführen?

Bei kontinuierlich sinkenden Kirchen­steuereinnahmen werden die Ortsge­meinden, also die Kirche im engeren Sinn, gezwungen sein, immer mehr aus haushaltstechnischer Sicht vermeidbare Ausgaben zu streichen. Weiterhin be­dient werden müssen Verpflichtungen mit vertraglicher Grundlage, Rückzah­lung von Darlehen, Unterhaltskosten von Immobilien und vor allem Personal­ausgaben sowie der Energieverbrauch. Da wird der hohe Anteil von haupt- und nebenamtlichen Kräften in Gemeinden und Verwaltung, in überparochialen Diensten und großen Werken zur drü­ckenden, zur erdrückenden Last.

Der Ausgabenzwang in diesen Berei­chen führt gleichzeitig und zwangsläu­fig zu Ausgabenkürzungen in anderen. Die Proportionen verschieben sich zu Ungunsten von Aktivitäten, die dem Auftrag der Kirche dienen, nämlich Menschen für den Glauben an Jesus Christus zu gewinnen. Hatte die Arbeit für Kinder und Jugendliche traditionell schon unter verhältnismäßig geringer finanzieller Ausstattung gelitten, so kann hier der Rotstift unter den gege­benen Umständen besonders leicht an­gesetzt werden. Dabei wäre das Gegen­teil geboten, nämlich die Anstrengung in diesem Bereich gewaltig zu erhöhen und damit auch die finanziellen Inves­titionen, um die nachwachsende Gene­ration im Glauben und in der Kirche zu beheimaten.

Die gegenwärtigen Ausgabenschwer­punkte in den Haushaltsplänen lassen gut die Prioritäten und Nachrangig­keiten in der Kirche im Ganzen und in den Ortsgemeinden im Besonderen erkennen. Doch eine Kirche, die bei der Glaubensvermittlung zu sparen beginnt, hat keine Zukunft. Sie beschneidet ihre zentrale Lebensäußerung und verfehlt zunehmend ihren Daseinszweck. Um noch einmal auf die Metapher mit der versiegenden Infusion zurückzukom­men: Eine Kirche, die für die Erfüllung ihres Auftrags (Matthäus 28) nicht mehr genug Mittel hat, verhungert langsam in einem sündhaft teuren Krankenbett.

Das klingt paradox. Soll doch gerade die Kirchensteuer für eine ausreichen­de Kapitaldecke sorgen. Sie begünstigt aber die schleichende Auszehrung, da sie die Notwendigkeit zu schmerzvollen Einschnitten verdeckt. Ein rechtzeitiger Umstieg auf alternative Finanzierungs­systeme wird durch sie verhindert. Sie hält die trügerische Hoffnung wach, dass, wie so oft in den letzten Jahren, die an die Lohn- und Einkommenssteuer gekoppelten Einnahmen schon wieder steigen werden, wenn nur erst die Wirt­schaft prosperiert. Erstaunlich, wovon die Kirche sich da abhängig macht. Aber die Konjunktur wird die Kirche nicht aus ihren wachsenden Finanzproble­men retten. Die Politik ist gerade dabei, durch Senkung der direkten Steuern auf den Faktor Arbeit neue Einnahmen über Konsumsteigerung und ein damit erhöhtes Mehrwertsteueraufkommen zu erzielen, das kirchensteuerneutral ist. Zusätzlich drückt die demografische Entwicklung die Kirchensteuereinnah­men nach unten. Der Anteil der in ei­nem steuerpflichtigen Beschäftigungs­verhältnis stehenden Kirchenmitglieder sinkt kontinuierlich. Die Austrittswelle ist aber gerade bei ihnen am höchsten.

Mit den in den nächsten Jahren zu erwartenden, deutlich niedrigeren Kir­chensteuereinnahmen aber lässt sich das kirchliche Leben, wie wir es aus den letzten Jahrzehnten kennen, nicht mehr finanzieren. Es müssen schmerz­hafte Einschnitte erfolgen, aber wo und nach welchen Kriterien?

Bereits vor 15 Jahren war das Fazit der damaligen Studien zur Entwicklung der Evangelischen Kirche, dass sie kleiner, älter und ärmer wird. Damals gab es noch Ansätze, das nicht als Verhäng­nis, sondern als Chance zu einer Neu­orientierung zu begreifen. Aber in einer kirchensteuerfixierten Kirche hatten sie keine Chance. Der bis zum heutigen Tag anhaltenden »Aufbruch«-Rhetorik folgten keine Taten, jedenfalls keine zielführenden, da kein hinreichender finanzieller Leidensdruck zu spüren war. Es bestand und besteht auch keine Einigung darüber, wer mit wem wohin aufbrechen soll. So beschreibt zum Bei­spiel das Leitbild der Evangelisch-Lu­therischen Kirche in Bayern kein Ziel. Es enthält keine Vision, die wie ein Stern, die Richtung angeben könnte, wohin sich alle gemeinsam bewegen sollen. Es leitet nicht, es erschöpft sich in der Aufzählung von Allgemeinplätzen eines säkularen Tugendkatalogs: »offen und deutlich, aufgeschlossen und verlässlich dem Glauben und dem Leben dienen«. Das kann jeder nach eigenem Gutdün­ken interpretieren – und so weiterma­chen wie bisher.

Alle Reformbemühungen auf Landeskir­chen- und EKD-Ebene gehen an einem entscheidenden Punkt an der Kirche der Reformation vorbei: sie stellen die [10] materielle Basis nicht infrage, die doch entscheidenden Einfluss hat, wie in Kir­chen und Gemeinden gelebt, gedacht und geglaubt wird.

Bei einer Studienfahrt in die USA ist mir die lutherische Gemeinde in Hollywood nachhaltig in Erinnerung geblieben. So sehr das professionelle Management in den damals besuchten Großgemeinden in Chicago, Saddleback, Los Angeles und Phoenix unsere Gruppe bayerischer Pfarrerinnen und Pfarrern irritierte, in der kleinen Gemeinde in Hollywood fühlten sich viele wieder daheim: Ein paar »spirituelle« Angebote nach dem Geschmack des Pfarrers für die we­nigen, die seinen Geschmack teilen, deutschstämmige Choräle vergangener Epochen, lyrisch formulierte liturgische Texte zum Ablesen. Nirgends ein Zei­chen von Neubeginn. Diese lutherische »Orchideenzucht« basiert in der Filmme­tropole auf einer großen Stiftung, von der die Gemeinde in ihrer bescheidenen Größe gut lebt. Man verwaltet geschickt das Vermögen. Damit ist man beschäf­tigt. Der Impuls, die Sehnsucht, die Leidenschaft, Menschen für den Glau­ben an Jesus Christus zu erreichen und als Gemeinde zu wachsen, fehlt völlig. Wozu auch. Wer statt ist, muss sich eben nicht mehr anstrengen. Allerdings weiß ich nicht, wie die Situation bei den Hollywood-Lutheranern im Jahre eins nach der Finanzkrise ist.

Solche automatischen Finanzierungs­systeme wie Stiftungen und Steuern, lähmen die Eigeninitiative und Selbst­verantwortung der Mitarbeitenden. Sie verführen dazu, das, was schon immer gemacht wurde, richtig zu machen statt das Richtige zu tun. Eine Ortsgemeinde aber, die dem Auftrag Jesu getreu ar­beitet, muss sich durch ihre Mit-Glieder (am Leib Christi) selbst finanzieren kön­nen. Sie steht dann ihrerseits vor der Herausforderung, ihre Angebote für die Gläubigen so ansprechend zu gestalten, dass sie auch angenommen und finan­ziell mitgetragen werden. Die Erfahrung zeigt, dass Zustimmung und Unterstüt­zung umso größer sind, je stärker die In­halte am Evangelium orientiert sind und je mehr der Glaube der Mitarbeitenden für andere zum Beispiel wird. Eine Kir­chengemeinde wird dann nur noch das tun, was allein sie tun kann und alles andere den Volkshochschulen und ent­sprechenden Einrichtungen überlassen. Sie wird klar erkennbare Prioritäten ha­ben und dadurch auch ein deutliches Profil gewinnen.

Eine Ortsgemeinde, die sich über Spen­den und Mitgliedsbeiträge finanziert, sucht notwendigerweise den direkten Kontakt zu ihren Mitgliedern. Sie wird es gerade nicht allen recht machen wol­len, weil sie sonst nicht ernst genom­men wird. Sie wird sich weniger Immo­bilien und weniger bezahlte Mitarbei­tende leisten können. Sie wird das wett machen durch Erfindungsreichtum und ehrenamtliches Engagement. Sie wird auch nicht mehr in festgelegten Par­ochiegrenzen existieren, sondern sich aus den Menschen zusammensetzen, die sich bewusst für diese profilierte Gemeinde entscheiden und dafür auch längere Anfahrtswege in Kauf nehmen, was ja in zunehmendem Maße bereits geschieht. Durch den Verzicht auf die Kirchensteuer verliert die bisherige Mit­gliederverwaltung in den Gemeinden an Bedeutung zu Gunsten einer aktiven Mitgliedschaftsgestaltung. Diejenigen, die jetzt in den Datenbanken als Mit­glieder auftauchen, werden sich fragen, welche Aktivitäten der Kirchengemein­de ihnen wie viel wert sind und welcher Gemeinde sie künftig, wenn überhaupt, angehören wollen

Eine Ortsgemeinde, die sich selbst fi­nanziert, wird im Gottvertrauen noch einmal besonders herausgefordert. Sie verlässt das Kirchensteuernetz, das eine falsche Sicherheit bietet, und stellt sich der Realität. Sie verzichtet bewusst auf das bisherige Subventionsprinzip, den Venentropf, und kommt, auch was die materielle Basis betrifft, in dieser Welt an. Sie folgt ihrem Herrn in die Inkarna­tion und lässt sich ganz auf die Heraus­forderungen und Härten einer irdischen Existenz ein. Sie teilt mit ihren Mitglie­dern die ökonomischen Unsicherhei­ten. Sie lernt aber auch, sich ganz und gar auf Gott und seine Verheißungen zu verlassen. Eine Kirche, die aus dem Verbund solcher Gemeinden besteht, hat Zukunft. Sie wird ärmer sein, aber auch lebendiger und frömmer. In ihr werden nur noch die dienen, die kei­ne beamtenrechtlichen Absicherungen mehr brauchen, sondern sich zu diesem Dienst berufen fühlen und dazu befä­higt sind.

Hans Löhr, Pfarrer in Sommersdorf.

Korrespondenzblatt 125, Nr. 1 Jan. 2010, S. 9-10.

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