Die Taufe gilt. Auch wer keine Kirchensteuer zahlt, kann zur Kirche gehören

Taufe

In Sachen Kirchenaustritt und die Gültigkeit der Taufe in der römisch-katholischen Kirche weiß der Kulturjournalist Alexander Kissler Folgendes in der Süddeutschen zu berichten.

Die Taufe gilt. Auch wer keine Kirchensteuer zahlt, kann zur Kirche gehören

Von Alexander Kissler

Von unvermuteter Seite erhält die De­batte um die Zukunft der Kirchensteuer neue Brisanz. Die deutsche Regelung, wo­nach der Staat die Steuer einzieht‘ und die Kirche bei Zahlungsverweigerung mit Ausschluss oder Exkommunikation droht, wird zunehmend problematisch. Der katholische Kirchenrechtler Hart­mut Zapp ließ sich bekanntlich seinen Austritt aus der Körperschaft, nicht aber der Glaubensgemeinschaft vom Verwal­tungsgericht Freiburg als juristisch zu­lässig bestätigen. In der Schweiz wird die Debatte seit einem entsprechenden Urteil von 2007 geführt. Nun hat sich mit dem Bistum Chur eine bedeutende Diöze­se aus der Deckung gewagt und im Ge­gensatz zur Deutschen Bischofskonfe­renz festgestellt: Wer aus den „staatskir­chenrechtlichen Institutionen“ austritt und erklärt, „dennoch katholisch blei­ben zu wollen“, darf nicht exkommuni­ziert werden.

Die Richtlinien vom 7. Oktober sind die denkbar größte Antithese zur deut­schen- Argumentation. Im Einklang mit den weltkirchlichen Bestimmungen bekräftigt der Churer Bischof Vitus Huonder, ein Favorit des Papstes, ein neuer „Eintrag in das Taufbuch“ dürfe nur vorgenommen werden bei Apostasie, also förmlicher, bewusster Lossagung, bei Hä­resie oder Schisma. Eine Erklärung, die sich nur auf die Steuerpflicht erstreckt, reiche nicht aus. Ganz anders argumen­tieren die deutschen Bischöfe. „Wer“, schrieben sie 2006, „aus welchen Grün­den auch immer den Austritt aus der ka­tholischen Kirche erklärt, zieht sich die Tatstrafe der Exkommunikation zu.“ Schismatiker soll automatisch sein, wer keine Steuern mehr zahlt. Demgegen­über stellt sich das Bistum Chur auf die Seite Roms. Entscheidend für die volle Mitgliedschaft in der Kirche seien die Taufe und die daraus sich ergebende „So­lidaritätspflicht“. Am Status des Chris­ten ändere sich nichts, wenn er zwar die Steuer verweigert, aber auf andere Weise die Kirche unterstützt. Das Bistum Chur will für solche frommen Steuerrebellen einen „Solidaritätsfonds“ auflegen – oh­ne dass der Staat beteiligt wäre.

Verständlich werden diese weitrei­chenden Richtlinien vor dem Hinter- grund eines komplexen Staat-Kirche­Verhältnisses. In der Schweiz ist die ka­tholische Christenheit seit vierzig Jahren nach der Art von protestantischen Lan­deskirchen synodal organisiert. Es exis­tieren etwa die „Römisch-katholische Körperschaft des Kantons Zürich“, die „Römisch-Katholische Landeskirche Uri“ und der „Katholische Konfessions­teil des Kantons St. Gallen“. Insgesamt 24Landeskirchen sind in der „Römisch-Katholischen Zentralkonferenz“ (RKZ) zusammengeschlossen, deren hauptsäch­licher Zweck die Verteilung der kantona­len Kirchensteuer ist. Die eigentlich hier- für vorgesehene Bischofskonferenz wur­de, so der Kirchenjurist Franz Xaver von Weber, zur Bittstellerin der RKZ. Außer­dem sieht von Weber einen „fast völligen Identitätsverlust“ der Kirche voraus, wenn weiterhin „Laien als Kirchenfürs­ten im Straßenanzug“ zur innerkirchli­chen Zerstrittenheit beitrügen.

Der Churer Bischof hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Er hat den Schweizer Sonderweg, ein weltweit ein­zigartiges katholisches Landeskirchen­system nach protestantischem Vorbild, abgemildert. Und er hat kanonisch korrekt das Urteil des Schweizer Bundesge­richts umgesetzt, das im November 2007

Die Richtlinien aus der Schweiz berühren das deutsche Kirchensteuersystem im Kern

einen partiellen Austritt nur aus der Lan­deskirche oder der Kirchgemeinde billig­te. Für einen vollständigen Austritt, hieß es damals, müsse man sich explizit von der römisch-katholischen Kirche als Ganzes lossagen. Wer verhindern will, dass mit den Steuern Zwecke verfolgt werden, die seinem eigenen Bekenntnis zuwiderlaufen, der kann in Chur nun aus der Körperschaft austreten, über den So­lidaritätsfonds direkt das Bistum unter­stützen, der RKZ und den Landeskir­chen eine Nase drehen und doch vollum­fänglich katholisch bleiben.

Trotz dieser helvetischen Besonderhei­ten rühren die Richtlinien am Kern auch des hiesigen Kirchensteuerwesens. Die laut der Bischofskonferenz bewährte „deutsche Rechtstradition“, die die Mit­gliedschaft an die Steuer koppelt, ist of­fenbar eine Vermengung von weltlichem Gut und überweltlichem Heil. Die Bot­schaft aus Chur lautet: Steuer kann, Soli­darität aber muss sein.

Süddeutsche Zeitung, Nr. 235, Dienstag, 13. Oktober 2009, Seite 11.

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