Diakonie auf Abwegen?

Es gibt kritische Stimmen innerhalb der Kirchengemeinden hinsichtlich den überregionalen diakonischen Einrichtungen in Bayern. Hierzu ein Artikel von Pfarrer Hans Löhr aus dem Gemeindebrief der evangelischen Kirchengemeinden Sommersdorf und Thann:

Diakonie auf Abwegen? Umsatz in Bayern: 1 Milliarde Kirche als Feigenblatt

Von Hans Löhr

Die beiden Kirchenvorstände der Kirchengemeinde Sommersdorf und Thann hatten vor Weihnachten beschlossen, dass im Jahr 2010 keine Sammlungen und Kollekten für die überregionale Diakonie durchgeführt werden. Stattdessen soll für den Diakonieverein Sommersdorf-Thann gesammelt werden, der mit seinen Einnahmen die ökumenische Sozialstation Bechhofen mit Sitz in Herrieden unterstützt.

Selbstbedienungsladen für Geschäftsleitung

Hintergrund waren die Vorkommnisse in Rummelsberg, wo ein Mitglied der Geschäftsleitung 450.000 Euro Abfindung kassiert hat und der damalige Rektor sich zu seinem Gehalt zusätzlich 2000 Euro im Monat hat genehmigen lassen.

Wie inzwischen weiter bekannt geworden ist, hatte der Rektor noch eine einmalige Bonuszahlung von 10.000 Euro erhalten und jenes Vorstandsmitglied 1000 Euro Zulage zu seinem Monatsgehalt. Gleichzeitig mussten Mitarbeiter mit Zeitarbeitsverträgen am unteren Ende der Lohnskala für weniger Geld länger arbeiten.

Nach Auffassung der Kirchenvorstände lässt sich ein solches Geschäftsgebaren, auch wenn es nach den geltenden Bestimmungen in Rummelsberg legal gewesen war, mit Maßstäben, die in der Kirche gelten sollen, nicht vereinbaren. Erst recht ist es nicht mehr vertretbar, dass für eine solche Einrichtung der Diakonie in unseren Gemeinden gesammelt wird und Kollekten erhoben werden.

Der Regionalbischof des Kirchenkreises Ansbach-Würzburg, Christian Schmidt, hat eine Aufhebung des Kirchenvorstandsbeschlusses verlangt. Der Landesbischof nennt diesen Beschluss „völlig falsch“, aber die Abfindung von 450.000 Euro „nötig, um den Vertrag mit dem Geschäftsführer auflösen zu können“. Dekan Stiegler und die Mehrheit der Pfarrerinnen und Pfarrer des Pfarrkapitel Ansbach teilten den Kirchenvorständen des Dekanatsbezirks in einem Brief mit, dass sie es „richtig finden, die Sammlungen durchzuführen“.

Kirchenvorstände wollen Zeichen setzen

Dessen ungeachtet bleiben die beiden Kirchenvorstände bei ihrem einstimmigen Beschluss und werden im Jahr 2010 nur für die regionale Sozialstation Sammlungen durchführen. Sie wollen damit ein Zeichen setzen, dass Einrichtungen der Kirche sich mit anderen Maßstäben messen lassen müssen als sonstige Konzerne und Institutionen.

Für sie ist es eine Frage der Glaubwürdigkeit unserer Kirche, wie mit Geld, das teilweise aus Sammlungen, Kollekten und Kirchensteuermitteln stammt, umgegangen wird. Insbesondere möchten sie den Sammlerinnen unserer Gemeinden nicht zumuten, angesichts solcher Missstände für die überregionale Diakonie zu sammeln. Nicht der Kirchenvorstandsbeschluss ist „völlig falsch“, sondern das Geschäftsgebaren in Rummelsberg.

Diakonie auf Abwegen

Die Vorkommnisse in den Rummelsberger Anstalten werfen die Frage auf, ob der Weg, den die Diakonie insgesamt in den letzten Jahrzehnten gegangen ist, der Richtung entspricht, die die Bibel aufzeigt.

Diakonie war neben der Verkündigung immer eine Lebensäußerung der einzelnen christlichen Gemeinde. Sie konnte in dem Umfang geschehen, wie dafür Menschen (Mitarbeitende) und Spenden zur Verfügung standen. Dieser „Dienst der Liebe“ hatte die Gemeinden geerdet. So blieb der Glaube jahrhundertelang an die Lebenswirklichkeit der Menschen gebunden.

Umsatz in Bayern: 1 Milliarde

Heute ist ein Großteil diakonischer Aktivitäten aus den Kirchengemeinden ausgewandert und wird von großen Sozialkonzernen wie Rummelsberg organisiert. Allein in Bayern werden in den etwa 3.500 Einrichtungen und von über 40.000 Mitarbeitenden der Diakonie jährlich über eine Milliarde Euro umgesetzt.

Kirche als Feigenblatt

Nur noch ein Bruchteil (10 Prozent) der Einnahmen sind Eigenmittel oder werden durch Spenden aus den Gemeinden und Kirchensteuereinnahmen aufgebracht. Der große Rest kommt von den Sozialleistungsträgern oder sind öffentliche Zuschüsse.

Das legt die Vermutung nahe, dass die Kirche nur noch ein Feigenblatt ist für Sozialkonzerne, die sich längst verselbstständigt haben und nach eigenen Gesetzen ihren Betrieb organisieren. Deshalb muss darüber nachgedacht werden, ob Gemeinden generell nur noch die örtliche und regionale Diakonie unterstützen sollten, die sie selbst finanzieren und kontrollieren können.

Wie viel Diakonie vor Ort dann noch möglich sein wird, entscheiden die Gemeindeglieder mit den Beiträgen, die sie dafür zu geben bereit sind.

Gemeindebrief der evangelischen Kirchengemeinden Sommersdorf und Thann mit Burgoberbach, Februar bis April 2010, Seiten 16 und 17.

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2 Antworten to “Diakonie auf Abwegen?”

  1. Aus Protest: Keine Spenden für Diakonisches Werk « ONOMATOlogie Says:

    […] By jochenteuffel Der Streit um die Diakoniesammlung in Sommersdorf und Thann (Siehe Diakonie auf Abwegen) geht weiter. Hier der neueste […]

  2. Diakonie-Info Says:

    Vielen Dank für diesen Artikel 🙂 Wir sind so frei, und haben ihn einfach mal von unserem Blog aus verlinkt:

    http://www.diakonie-info.tumblr.com

    Schöne Grüße,

    Euer Diakonie-Info Team

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