Romano Guardini – Liturgie als Spiel

Guardini

Einer der besten Texte in Sachen Liturgie ist immer noch Romano Guardinis „Vom Geist der Liturgie“. Darin enthalten ist ein Kapitel „Liturgie als Spiel“:

Liturgie als Spiel

Von Romano Guardini

Ernste Naturen, die ganz auf Erkenntnis der Wahrheit angelegt sind, die in allem die sittliche Aufgabe sehen, überall den Zweck suchen, empfinden leicht in der Liturgie eine eigentümliche Schwierig­keit. Ihnen erscheint die Liturgie leicht als etwas Zweckloses, als ein überflüssiges Gepränge, als nutz­los verwickeltes, gekünsteltes Wesen. Sie stoßen sich daran, daß die Liturgie mit solch peinlicher Genauig­keit Vorschriften darüber gibt, was jetzt zu gesche­hen hat, was nachher, über rechts und links, laut und leise. Wozu das alles? Das Wesentliche in der heiligen Messe, Opferhandlung und göttliches Mahl, kann so schlicht vollzogen werden — wozu das große Auf­gebot eines levitierten Amtes? Die notwendigen Weihungen könnten durch wenige Worte so einfach vor sich gehen, die Sakramente so schlicht gespendet werden — wozu all die Gebete und Gebräuche? Die Liturgie kommt ihnen leicht wie Spielerei und Thea­ter vor.

Die Frage ist ernst zu nehmen. Sie stellt sich nicht jedem; sobald sie aber auftritt, ist sie das Zeichen einer auf das Wesentliche gerichteten Geistesart.

Sie scheint mit der Frage des Zweckes überhaupt zusammenzuhängen. Zweck im eigentlichen Sinne nennen wir jenes ordnende Etwas, das Dinge oder Handlungen anderen unterstellt, so daß eins auf das andere hinzielt, eins um des andern willen da ist. Das Untergeordnete, das Mittel, hat nur insoweit Bedeu­tung, als es geeignet ist, dem Übergeordneten, dem Zweck, zu dienen. Der Handelnde weilt seelisch nicht in ihm; es ist ihm nur Durchgang zum andern, nur Weg; in jenem erst ist Ziel und Ruhe. Unter diesem Gesichtswinkel hat jedes Mittel sich darüber auszu­weisen, ob und inwiefern es geeignet sei, den Zweck hervorzubringen. Solche Prüfung wird von dem Be­streben geleitet, alles auszuschalten, was nicht zur Sache gehört, nebensächlich, überflüssig ist. Es herrscht der wirtschaftliche Grundsatz, mit dem geringsten Aufwand an Kraft, Zeit und Sachen möglichst voll­kommen den Zweck zu erreichen. Eine gewisse Un­rast, rücksichtslose Anspannung und knappe Sachlich­keit kennzeichnen den entsprechenden Seelenzustand.

Diese Geistesart ist recht und für die Gesamtheit des Lebens notwendig. Sie gibt ihm Ernst und feste Richtung. Sie wird auch der Wirklichkeit insofern gerecht, als tatsächlich alles irgendwie unter den Ge­sichtspunkt des Zweckes fällt. Viele Verhältnisse können weitgehend vom Gesichtspunkt des Zweckes aus begründet werden, so z. B. das wirtschaftliche Tun; alle wenigstens zum Teil und unter irgendeiner Rücksicht. Aber keine Erscheinung fällt ganz unter diesen Begriff, und von vielen wiederum nur ein kleines Stück. Genauer gesagt: Das, was den Dingen, den Vorgängen ihr Recht auf Dasein gibt und die Rechtfertigung für ihre Eigenart, ist für manche nicht allein, für andere nicht einmal in erster Linie ihre Zweckhaftigkeit. Haben Blätter und Blüten einen Zweck? Gewiß; sie sind Lebenswerkzeuge der Pflan­ze; aber des Zweckes wegen müssen sie nicht diese oder jene Gestalt oder Farbe oder diesen bestimmten Duft haben. Wozu überhaupt die Vergeudung von Formen, Farben, Düften in der Natur? Wozu die Mannigfaltigkeit der Arten? Es ginge auch einfacher. Die ganze Natur könnte von Lebewesen erfüllt sein, und deren Fortkommen könnte auf eine viel raschere, „zweckmäßigere“ Weise erzielt werden. Die wahl­lose Anwendung des Zweckgedankens auf die Natur ist durchaus nicht unbedenklich. Um ganz gründlich zu fragen: Welchen Zweck soll es haben, daß dieses oder jenes Pflanzenwesen, dieses oder jenes Tier über­haupt vorhanden ist? Etwa den, daß sich jenes an­dere von ihm ernähre? Doch gewiß nicht! Legen wir nur den Maßstab der äußeren Zweckmäßigkeit an, so ist vieles in der Natur nur zum Teil, und kein Ding in der Natur ganz und durchaus zweckmäßig, besser: zweckhaft. Vieles ist, so betrachtet, zwecklos. In einem technischen Gebilde, einer Maschine oder Brücke, ist alles zweckhaft; ebenso in einem kaufmännischen Betriebe, im Beamtenwesen eines Staates – und selbst für diese Erscheinungen reicht der Begriff des Zweckes nicht aus, um die Frage voll zu beantworten, woher ihr Recht auf Dasein stamme.

Wollen wir dem ganzen Ding gerecht werden, so müssen wir den Gesichtswinkel weiter stellen. Der Begriff des Zweckes legt den Schwerpunkt eines Dinges aus ihm hinaus; faßt es als Durchgang für eine weitergehende Bewegung, nämlich die auf das Ziel hin. Jedes Ding ist aber auch — und manche sind es fast ganz — etwas in sich Ruhendes, sich selbst Zweck, soweit man den Begriff in dieser weiteren Bedeutung überhaupt anwenden kann. Besser paßt der Begriff des Sinnes. Solche Dinge haben keinen Zweck in der strengen Bedeutung des Wortes; aber sie haben einen Sinn. Und dieser Sinn wird nicht dadurch erfüllt, daß sie eine außerhalb ihrer selbst liegende Wirkung her­vorbringen, zum Bestand oder zur Veränderung von etwas Fremdem beitragen, sondern ihr Sinn liegt darin, das zu sein, was sie sind. Am strengen Wort­begriff gemessen, sind sie zwecklos, aber doch sinn­voll.

Zweck und Sinn sind die beiden Formen der Tat­sache, daß ein Daseiendes Grund und Recht zum eigenen Sein und Wesen hat. Unter der Rücksicht des Zweckes fügt sich ein Ding in eine Ordnung ein, die über es hinausgreift; unter der Rücksicht des Sinnes ruht es in sich selbst.

Was ist nun der Sinn des Seienden? Daß es sei und ein Abbild sei des unendlichen Gottes. Und welches ist der Sinn des Lebendigen? Daß es lebe, sein inneres Leben herausbringe und blühe als natürliche Offen­barung des lebendigen Gottes.

Das gilt für die Natur. Es gilt auch für das Leben des Geistes. Hat die Wissenschaft einen Zweck im eigentlichen Begriff des Wortes? Nein. Der Pragma­tismus will ihr einen unterschieben. Er will ihren Zweck darin sehen, daß sie den Menschen fördere, ihn sittlich besser mache. Aber das heißt die unab­hängige Würde der Erkenntnis verkennen. Sie hat keinen Zweck, sie hat einen Sinn, und der ruht in ihr selbst: die Wahrheit. Die gesetzgeberische Tätigkeit hat einen Zweck; sie will im Staatsleben eine genau bestimmte Wirkung hervorbringen. Die Rechtswis­senschaft hingegen hat keinen; sie will nur in den Fragen des Rechts die Wahrheit erkennen. So ist alle wahre Wissenschaft. Ihrem Wesen nach ist sie Wahr­heitserkenntnis, Wahrheitsdienst. Hat die Kunst einen Zweck? Auch sie nicht; man müßte denn mei­nen, sie sei dafür da, daß der Künstler von ihr essen und sich kleiden könne. Oder, wie die Aufklärung dachte, um anschauliche Beispiele für Verstandesein­sichten zu bieten und Tugenden zu lehren. Das Kunstwerk hat keinen Zweck, wohl aber einen Sinn, nämlich den, „ut sit“, daß es da sei, daß in ihm das Wesen der Dinge und das innere Leben der Künstler-Menschenseele wahrhaftige, lautere Gestalt gewinne. Es soll „splendor veritatis“ sein, der Wahrheit Schön­heitsglanz.

Wenn das Leben die straffe Ordnung der Zwecke verliert, wird es zu spielerischer Schöngeisterei. Wenn es aber in das starre Gefüge einer bloß zweckhaften Weltansicht eingezwängt wird, dann stirbt es. Beides gehört zusammen. Der Zweck ist das Ziel des Strebens, Arbeitens, Ordnens; der Sinn ist der Inhalt des Daseins, des blühenden, reifenden Lebens. Das sind die beiden Pole des Seins: Zweck und Sinn, Streben und Wachsen, Arbeiten und Hervorbringen, Ordnen und Schaffen.

Auch das Leben der Weltkirche ist nach diesen beiden Richtungen gebaut. In ihm ist einmal das gewaltige Gefüge der Zwecke, wie es im kanonischen Recht, in der Verfassung und Verwaltung der Kirche verkörpert ist. Darin ist alles Mittel, auf den einen Zweck hingeordnet, das große Triebwerk der kirch­lichen Verwaltung in Gang zu halten. Ausschlag­gebend ist der Gesichtspunkt, ob die betreffende Ein­richtung oder Bestimmung dem Gesamtzweck diene, cb sie ihn mit möglichst geringem Aufwand an Kraft und Zeit erreiche. Der Geist der Sachlichkeit soll in dieser weiten Arbeitsordnung alles bestimmen.

Die Kirche hat aber auch eine andere Seite. Ihr Leben umfaßt ein Gebiet, in dem es vom Zweck im besondern Sinn frei ist. Und das ist die Liturgie. Gewiß enthält auch diese einen Einschlag von Zwecken, gleichsam das Gerüste, das sie trägt. So haben z. B. die Sakramente die Aufgabe, bestimmte reli­giöse Wirkungen auszuüben. Diese lassen sich aber, entsprechende Verhältnisse vorausgesetzt, auch in sehr vereinfachter Form erreichen. Die Notspendung der Sakramente bietet das Bild einer liturgischen Handlung, die auf ihren Zweck beschränkt ist. Wohl kann man sagen, die Liturgie, jede Handlung und jedes Gebet in ihr habe den Zweck, geistlich zu er­ziehen. Allein sie hat keinen vorbedachten und ge­wollten pädagogischen Plan. Um den Unterschied zu spüren, vergleiche man etwa den Ablauf einer Woche des Kirchenjahres mit den geistlichen Übungen des hl. Ignatius. In diesen ist alles bewußt ausgewogen und auf eine bestimmte Wirkung eingestellt; jede Übung, jedes Gebet, ja selbst die Art der Ruhestun­den zielt auf die Willensumkehr. Nicht so die Litur­gie. Es ist bezeichnend genug, daß die Liturgie in den geistlichen Übungen keine Stelle hat. Auch sie will bilden, aber nicht durch zielbewußt geordnete erziehende Einwirkung, sondern sie schafft eine recht-gebaute geistliche Umgebung, damit die Seele sich dar­in auslebe. Es ist ein Unterschied wie zwischen einer Palästra, in der jedes Gerät und jede Übung berech­net ist, und dem offenen Wald und Feld. Dort be­wußte Ausbildung, hier Leben in der Natur, inneres Wachsen mit ihr und in ihr. Die Liturgie schafft eine weite Welt voll reichen geistlichen Lebens und läßt die Seele sich darin bewegen und entfalten. Diese Fülle von Gebeten, Gedanken, Handlungen, diese ganze Ordnung von Zeiten usw. wird unverständlich, wenn man sie am Maßstab der sachlichen, gespannten Zweckmäßigkeit mißt. Die Liturgie hat keinen „Zweck“, kann wenigstens vom Gesichtspunkt des Zweckes allein aus nicht begriffen werden. Sie ist kein Mittel, das angewandt wird, um eine bestimmte Wirkung zu erreichen, sondern — bis zu einem ge­wissen Grade mindestens — Selbstzweck. Sie ist nicht Durchgang zu einem außerhalb liegenden Ziel, son­dern eine in sich ruhende Welt des Lebens. Das ist wichtig. Übersieht man das, dann müht man sich ab, in der Liturgie allerlei erzieherische Absichten zu fin­den, die wohl irgendwie hineingelegt werden mögen, aber nicht wesentlich sind.

Genau genommen, kann die Liturgie schon deshalb keinen „Zweck“ haben, weil sie ja eigentlich gar nicht um des Menschen, sondern um Gottes willen da ist. In der Liturgie sieht der Mensch nicht auf sich selbst, sondern auf Gott; auf Gott ist der Blick gerichtet. In ihr soll der Mensch nicht sich erziehen, sondern auf Gottes Herrlichkeit schauen. Der Sinn der Liturgie ist der, daß die Seele vor Gott sei, sich vor ihm ausströme, daß sie in seinem Leben, in der heiligen Welt gött­licher Wirklichkeiten, Wahrheiten, Geheimnisse und Zeichen lebe, und zwar ihr wahres, eigentliches, wirk­liches Leben habe.

Es gibt zwei sehr tiefe Stellen in der Heiligen Schrift, die in dieser Frage das befreiende Wort sprechen. Die eine steht in der Schilderung vom Ge­sicht Ezechiels (Ez. 1,4ff., bes. Vers 12, 17, 20, 24, und 10,9ff.). Wie sind diese flammenden Cheru­bim, die „gerade vor sich hingingen, wohin der Geist sie trieb … und sich nicht umwendeten im Gehen … hin- und zurückgingen wie das Leuchten des Blit­zes … gingen … und standen … und sich vom Boden erhoben … deren Flügelrauschen zu verneh­men war wie das Rauschen vieler Wasser … und die, wenn sie standen, die Flügel wieder sinken ließen …“ — wie sind sie „zwecklos“! Wie geradezu entmutigend für einen Eiferer vernünftiger Zweckmäßigkeit! Sie sind „nur“ reine Bewegung, macht­volle, herrliche, die sich auswirkt, wie der Geist sie führt; die nichts will, als. eben das innere Wesen des Geistes ausdrücken, die innere Glut und Gewalt äußerlich offenbaren: das ist ein lebendiges Bild der Liturgie.

Und in der andern Stelle (Spr. 8,30-31) spricht die ewige Weis­heit und sagt: „Ich war bei ihm, alles ordnend, und zwar in Entzücken Tag um Tag, spielend vor ihm allzeit, spielend auf dem Erdkreis …“ Das ist das entscheidende Wort!

Es ist das Entzücken des ewigen Vaters, daß die Weisheit, der Sohn, aller Wahrheit vollkommene Fülle, in unaussprechlicher Schöne diesen unendlichen Inhalt vor ihm ausströmt, ohne allen „Zweck“ – denn was sollte er „bezwecken“? — aber voll end­gültigen Sinnes, in bloßer, lauterer Lebensseligkeit: er „spielt“ vor ihm.

Und das ist das Leben der höchsten Wesen, der Engel, daß sie ohne Zweck, wie der Geist sie treibt, in geheimnisvollem Sinn vor Gott sich bewegen, ein Spiel vor ihm sind und ein lebendiges Lied.

Auch im Bereich des Irdischen gibt es zwei Erschei­nungen, die nach der gleichen Richtung weisen: das ist das Spiel des Kindes und das Schaffen des Künstlers.

Im Spiel will das Kind nicht etwas erreichen. Es kennt keinen Zweck. Es will nichts, als seine jungen Kräfte auswirken, sein Leben in der zweckfreien Form der Bewegungen, Worte, Handlungen ausströ­men und dadurch wachsen, immer voller es selbst werden. Zweckfrei, aber voll tiefen Sinnes; und der Sinn ist kein anderer, als daß eben dies junge Leben sich ungehemmt in Gedanken und Worten und Be­wegungen und Handlungen offenbare, seines Wesens mächtig werde, daß es einfach da sei. Und weil es nichts Besonderes will, weil es sich ungebrochen und ungezwungen ausströmt, deshalb wird der Ausdruck auch harmonisch, wird die Form klar und schön: sein Gehaben wird von selbst Reigen und Bild, Reim, Wohllaut und Lied. Das ist Spiel: zweckfrei sich ausströmendes, von der eigenen Fülle Besitz er­greifendes Leben, sinnvoll eben in seinem reinen Da­sein. Und es ist schön, wenn man es ruhig gewähren läßt, wenn kein pädagogischer Aufkläricht Absichten hineinträgt und es unnatürlich macht.

Sowie dann das Leben voranschreitet, kommen auch die Kämpfe; es fühlt sich zwiespältig und häß­lich. Der Mensch stellt sich vor Augen, was er will, was er soll, und sucht es in seinem Leben und Sein zu verwirklichen. Dabei erfährt er aber, wieviel dem widersteht, und merkt, daß er so gar selten ist, was er sein sollte und wollte.

Diesen Widerspruch zwischen dem, was er möchte, und dem, was er wirklich ist, sucht er deshalb in einer andern Ordnung zu überwinden, im unwirklichen Bereich der Vorstellung, in der Kunst. In der Kunst sucht er die Einheit zu schaffen zwischen dem, was er will, und dem, was er hat; zwischen dem, was er soll, und was er ist; zwischen Seele drinnen und Natur draußen; zwischen Körper und Geist. Das sind die Gestalten der Kunst. Sie haben also keinen Zweck der Belehrung, sie wollen nicht bestimmte Wahr­heiten oder bestimmte Tugenden beibringen. Nie hat ein wirklicher Künstler das beabsichtigt. In der Kunst will der Künstler nichts, als jene innere Spannung überwinden, das höhere Leben, nach dem er verlangt und das er in der Wirklichkeit immer nur annähe­rungsweise erreicht, in der Welt der Vorstellung zum Ausdruck bringen. Der Künstler will nichts, als sein Wesen und Sehnen ausschaffen, der innern Wahrheit äußere Gestalt geben. Und der Beschauer soll vor dem Kunstwerke nichts wollen, als daß er in ihm sich aufhalte, atme, frei sich bewege, des eigenen Wesensbesten sich bewußt werde, die Erfüllung der innersten Sehnsucht ahne. Nicht aber soll er über­legen und „vernünftig“ denken und Belehrung und gute Ermahnung suchen.

Noch Höheres leistet nun die Liturgie. In ihr wird dem Menschen Gelegenheit geboten, daß er, von der Gnade getragen, seinen eigensten Wesenssinn ver­wirkliche, daß er ganz so sei, wie er seiner göttlichen Bestimmung gemäß sein sollte und möchte: ein „Kind Gottes“. In der Liturgie soll er vor Gott „sich seiner Jugend erfreuen“. Das ist etwas ganz Übernatür­liches, gewiß, aber eben deshalb zugleich der innersten Natur entsprechend. Und weil dies Leben höher ist als das, wozu die gewöhnliche Wirklichkeit Gelegen­heit und Ausdrucksform gibt, so nimmt es sich die entsprechenden Weisen und Gestalten aus jenem Be­reich, in dem es sie allein findet, nämlich aus der Kunst. Es spricht in Maß und Melodie; es bewegt sich in feierlicher, gebundener Gebärde; es kleidet sich in Farben und Gewänder, die nicht dem gewöhnlichen Leben angehören; es vollzieht sich in Räumen und Zeiten, die nach erhabeneren Gesetzen gegliedert und aufgebaut sind. Es wird im höheren Sinn ein Kindesleben, in dem alles Bild ist, Reigen und Lied.

Das ist die wunderbare Tatsache, die in der Litur­gie gegeben ist: Kunst und Wirklichkeit ist eins im übernatürlichen Kindsein vor Gott. Was sonst nur im Reich des Unwirklichen, in der künstlerischen Vor­stellung gegeben ist, nämlich die Formen der Kunst als Ausdruck vollbewußten Menschenlebens, das ist hier Wirklichkeit. Sie sind die Daseins- und Aus­drucksgestalten eines wirklichen, freilich übernatürlichen Lebens. Doch auch dieses hat mit dem des Kin­des und dem der Kunst das eine gemein: es ist frei vom Zweck, dafür aber voll tiefsten Sinnes. Es ist keine Arbeit, sondern Spiel.

Vor Gott ein Spiel zu treiben, ein Werk der Kunst — nicht zu schaffen, sondern zu sein, das ist das innerste Wesen der Liturgie. Daher auch die er­habene Mischung von tiefem Ernst und göttlicher Heiterkeit in ihr. Daß sie so streng und sorgfältig in tausend Vorschriften bestimmt, wie Worte, Bewegun­gen, Farben, Gewänder, Geräte beschaffen sein sollen, solches versteht nur, wer die Kunst und das Spiel ernst zu nehmen vermag. Hast du schon einmal ge­sehen, mit welchem Ernst Kinder die Regeln für ihre Spiele aufstellen, wie der Reigen zu gehen hat, wie alle die Hände halten müssen, was dies Stäbchen be­deutet und jener Baum? Das ist nur für den töricht, der ihren Sinn nicht ahnt und immer nur in angeb­baren Zwecken die Rechtfertigung einer Handlung zu sehen vermag. Und hast du schon einmal gelesen oder selbst erfahren, mit welch bitterem Ernst der Künstler im Frondienst der Kunst steht? Wie er unter dem „Worte“ leidet? Welch anspruchsvolle Herrin die Form ist? Und alles für etwas, das keinen Zweck hat! Nein, mit den Zwecken hat die Kunst nichts zu tun. Denn im Ernst, glaubt einer wirklich, ein Künstler würde die tausend Aufregungen und all die heiße Not des Schaffens auf sich nehmen, wenn er mit seinem Werke nichts wollte, als dem Beschauer eine Lehre geben, die er geradesogut in ein paar mühelosen Sätzen aussprechen könnte, oder in ein paar Beispielen aus der Geschichte, oder mit einigen gut getroffenen Lichtbildern? O nein! Künstler sein heißt, um den Ausdruck des verborgenen Lebens ringen, auf daß es, ausgesprochen, da sein könne. Sonst nichts. Aber wahrhaftig viel! Es ist ein Abbild des göttlichen Schaffens, von dem es heißt, daß es die Dinge gemacht hat, ut sint.

Das gleiche tut die Liturgie. Auch sie hat sich mit unendlicher Sorgfalt, mit all dem Ernst des Kindes und der strengen Gewissenhaftigkeit des großen Künstlers gemüht, in tausend Formen dem heiligen, gottgeborenen Leben der Seele Ausdruck zu schaffen, zu keinem andern Zweck, als daß sie darin sein und leben könne. Mit ernsten Gesetzen hat sie das heilige Spiel geregelt, das die Seele vor Gott treibt. Ja, wenn wir an den letzten Grund dieses Geheimnisses rühren wollen: der Heilige Geist, der Geist der Glut und der heiligen Zucht, „der da Macht hat über das Wort“, ist es, welcher das Spiel geordnet hat, das die ewige Weisheit in der Kirche, ihrem Reich auf Erden, vor dem himmlischen Vater vollbringt. „Und ihre Wonne ist es“, solchermaßen „unter den Menschen­kindern zu sein“.

Nur der versteht Liturgie, der hieran keinen An­stoß nimmt. Jeder Rationalismus hat sich zuerst gegen sie gewandt. Liturgie üben heißt, getragen von der Gnade, geführt von der Kirche, zu einem lebendigen Kunstwerk werden vor Gott, mit keinem andern Zweck, als eben vor Gott zu sein und zu leben; heißt, das Wort des Herrn erfüllen und „werden wie die Kinder“; einmal verzichten auf das Erwachsensein, das überall zweckhaft handeln will, und sich entschließen, zu spielen, so wie David tat, als er vor der Bundeslade tanzte. Freilich kann es dabei geschehen, daß allzu kluge Leute, die vor lauter Erwachsensein die Freiheit und Jugend des Geistes verloren haben, dies nicht verstehen und darüber spotten. Aber auch David mußte es sich gefallen lassen, daß Michol über ihn lachte.

Auch darin besteht also die Aufgabe der Erziehung zur Liturgie, daß die Seele lerne, nicht überall Zwecke zu sehen, nicht allzu zweckbewußt, allzu klug und „erwachsen“ sein zu wollen, sondern sich dazu verstehe, einfachhin zu leben. Sie muß die Rastlosigkeit der zweckgetriebenen Tätigkeit wenigstens im Gebet aufgeben lernen; muß lernen, für Gott Zeit zu verschwenden, Worte und Gedanken und Gebärden für das heilige Spiel zu haben, ohne immer gleich zu fragen: Wozu und warum? Nicht immer etwas tun, etwas erreichen, etwas Nützliches zustande bringen wollen, sondern lernen, in Freiheit und Schönheit und heiliger Heiterkeit vor Gott das gottgeordnete Spiel der Liturgie zu treiben.

Schließlich wird ja auch davon das ewige Leben die Erfüllung sein. Und wer dies nicht versteht, wird es ihm dann eingehen, daß die himmlische Vollendung ein „ewiger Lobgesang“ ist? Wird er nicht zu den betriebsamen Leuten gehören, die eine solche Ewigkeit nutzlos und langweilig finden?

Quelle: Romano Guardini, Vom Geist der Liturgie (1919), 2. A., Freiburg: Herder 1991, S. 89-105.

Hier der Text als pdf.

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