Shlomo Sand, Die Erfindung des jüdischen Volkes

Erfindung jüdischen Volkes

Das Buch von SHLOMO SAND: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand. Propyläen Verlag, Berlin 2010. 498 Seiten, 24,95 Euro, kommt heute am Mittwoch, dem 14. April, in den Buchhandel. In der Verlagsankündigung steht dazu Folgendes:

Gibt es ein jüdisches Volk? Nein, sagt der israelische Historiker Shlomo Sand und stellt damit den Gründungsmythos Israels radikal in Frage. Vertreibung durch die Römer? Exodus? Rückkehr nach 2000 Jahren ins Land der Väter? Alles Erfindungen europäischer Zionisten im 19. Jahrhundert, schreibt Sand in seinem aufsehenerregenden Buch, das in Israel und Frankreich zum Bestseller wurde und heftige Kontroversen ausgelöst hat. Sand gehört einer Gruppe israelischer Historiker an, die sich kritisch mit der Geschichte Israels und des Zionismus befassen. Nicht das Existenzrecht Israels stellen sie in Frage, sondern den auf Legenden beruhenden Alleinanspruch auf das Gelobte Land. Das Judentum, so Sand, ist eine religiöse, keine ethnische Gemeinschaft. Wenn überhaupt, sind eher die Palästinenser als die aus Europa eingewanderten Juden ethnische Nachkommen der biblischen Israeliten. Bei aller Provokation stellt Sands Buch eine fundierte Auseinandersetzung mit der 3000-jährigen Geschichte des Judentums dar. Doch weil der Autor als engagierter Vorkämpfer für eine offenere Politik Israels gegenüber seinen arabischen Nachbarn auftritt, ist es vor allem als Streitschrift wahrgenommen worden. Gerade in Deutschland wird das Buch für Aufsehen und breite Diskussionen sorgen.

Der nachstehende Text ist die Buchbesprechung von Klaus Bringmann in der Süddeutschen Zeitung:

Es ist nicht das Land der Väter. „Die Erfindung des jüdischen Volkes“. Der Historiker Shlomo Sand attackiert den Gründungsmythos Israels

Von Klaus Bringmann

Im Jahr 1971 erschien der Bestseller „Bar Kochba. Archäologen auf den Spuren des letzten Fürsten Israels” von Yigael Yadin in deutscher Übersetzung. Das Buch handelt von der Bergung der Hinterlassenschaft jüdischer Flüchtlinge, die gegen Ende des Bar Kochba-Aufstandes (132 –135 nach Christus) Zuflucht in Höhlen am Toten Meer gesucht hatten und dort, von römischen Truppen eingeschlossen, umgekommen waren. Der Autor spricht von den Emotionen, mit denen die Ausgräber ihrer Tätigkeit nachgingen: „Da waren unsere Gefühle eine Mischung aus Spannung und Ehrfurcht, aber auch aus Erstaunen und Stolz, dass wir, nach einer Diaspora von 1800 Jahren, Bürger des wiedergeborenen Staates Israel waren. Hier waren wir in Zelten, die die israelischen Streitkräfte errichtet hatten, und gingen Tag um Tag durch die Ruinen eines römischen Lagers, das den Tod unserer Voreltern verschuldete. Von den Römern sind heute nur noch Steinhaufen in der Wüste übrig, aber wir, die Nachfahren der Belagerten, kamen zurück, das kostbare Eigentum unserer Vorfahren zu bergen.”

In Kurzform ist dies der Gründungsmythos des modernen Israel. Dieser Mythos besagt, dass die Juden nach Niederschlagung der großen Aufstände gegen die römische Herrschaft aus dem Heiligen Land vertrieben und gezwungen wurden, in der Diaspora zu leben, bis die Nachfahren der Vertriebenen das Land der Väter wieder in Besitz nahmen und Israel neu gründeten. Unter diesem Blickwinkel wurde die Archäologie in Israel zu einer patriotischen Wissenschaft.

So beschrieb Yigael Yadin in dem damaligen Buch, wie er 1960 vor einem prominenten Zuhörerkreis im Hause des israelischen Staatspräsidenten die sensationelle Entdeckung der Briefe Bar Kochbas bekannt gab: „Ein Bildschirm war im Hause des Präsidenten Ben Zvi aufgestellt worden, und als ich an der Reihe war, meinen Vortrag zu halten, erschien auf dem Bildschirm die Farbphotographie eines Teils eines Dokumentes, und ich las die erste Zeile: ‚Shimeon Bar Kosiba, Fürst über Israel‘. Dann wandte ich mich an unser Staatsoberhaupt und sagte: ‚Exzellenz, ich habe die Ehre, Ihnen sagen zu können, dass wir fünfzehn Schreiben entdeckt haben, die von dem letzten Präsidenten des Alten Israel (sic!) vor 1800 Jahren geschrieben oder diktiert wurden‘.” Bei diesen Worten erfasste ein Begeisterungstaumel die illustre Runde, und dann wurde die Neuigkeit von den Medien in die Öffentlichkeit getragen. Sie wurde als Bekräftigung der Kontinuitätsthese aufgenommen, dass die Juden die Nachfahren der Vertriebenen sind und dass der heutige Staat das Alte Israel auf dessen Territorium fortsetzt.

Gegen diese Rechtfertigung der Gegenwart aus der Vergangenheit wendet sich der israelische Historiker Shlomo Sand. Sand, Professor für Geschichte an der Universität von Tel Aviv, tritt jetzt mit der deutschen Übersetzung eines Buches an die Öffentlichkeit, das den Titel „Die Erfindung des jüdischen Volkes” trägt. Über Sands Thesen wurde in Israel, Frankreich und in der angelsächsischen Welt bereits heftig debattiert.

Shlomo Sand vertritt die Auffassung, dass das heutige Israel, das sich gemäß dem zionistischen Geschichtsbild als Staat aller Juden, seiner aktuellen und potentiellen Bürger, also auch der Juden der Diaspora, versteht, in einen Widerspruch zur demographischen und politischen Realität geraten sei. Denn 25 Prozent der nominellen Staatsbürger bestünden aus Bürgern zweiter Klasse – arabischen Palästinensern und Angehörigen anderer Nationalitäten, denen gemäß der Vorschrift des Religionsgesetzes als Abkömmlingen nichtjüdischer Mütter die Anerkennung als Juden verweigert wird. Als Ausweg aus dem Dilemma, das, so Sand, auch den Charakter des Staates Israel als einer egalitären Demokratie in Frage stellt, schwebt ihm als beste, aber angesichts der verfahrenen Situation nicht realisierbare Lösung ein Israel als gemeinsamer demokratischer Staat der israelischen Juden und der palästinensischen Araber zwischen Jordan und Mittelmeer vor. Als zweitbeste Lösung sieht er die Verwirklichung dieses Konzepts auf dem Territorium des völkerrechtlich anerkannten Staates Israel an.

Dies hätte die Aufgabe des jüdischen Staatscharakters zur Voraussetzung, die Ersetzung des potentiellen Bürgerrechts für alle Juden durch ein Asylrecht für Verfolgte, sowie die Beseitigung aller Diskriminierungen, denen die nichtjüdischen Bürger Israels unterliegen. Shlomo Sand glaubt an eine prinzipielle Vereinbarkeit der staatsbürgerlichen Gleichheit mit der Koexistenz der zwei verschiedenen „Ethnien”, und da er den zionistischen Nationalismus für das massivste Hindernis auf dem Weg zum gemeinsamen demokratischen Staat hält, nimmt er allein diesen mitsamt seiner Herleitung aus der älteren Geschichte aufs Korn. So liest sich das Buch als ein historisches Werk und zugleich als Generalangriff auf das zionistische Nationalbewusstsein in therapeutischer Absicht.

Die Vorstellung, dass es sich bei den heutigen Juden um eine Abstammungsgemeinschaft aus dem alten Stamm der Judäer handele, wird in Sands Buch zu Recht verworfen. Die Anfänge der jüdischen Diaspora lagen schon in vorhellenistischer Zeit, und nach Eroberung des Perserreiches durch Alexander den Großen erfuhr sie weitere Verbreitung und massive Verstärkung. Dazu trug vieles bei: Unter anderem übte das Judentum aufgrund seines Monotheismus, der Ethisierung der Religion und der sozialen Fürsorge innerhalb seiner Gemeinden eine starke Anziehungskraft auf das heidnische Umfeld aus, es war eine erfolgreich missionierende Religion. Erst das Christentum lief ihm in dieser Hinsicht den Rang ab und verwies es, als es Staatsreligion geworden war, in das Ghetto äußerer und innerer Abschließung.

Aber außerhalb der christlichen Reiche breitete sich das Judentum auch im Mittelalter weiter aus. Das eindrucksvollste Beispiel sind die Chasaren, ein Turkvolk an Wolga und Don, zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer. Das Herrscherhaus und mit ihm große Teile der Bevölkerung traten um 740 n. Chr. zum Judentum über, und es spricht viel für die These, dass die Mehrheit der Jiddisch sprechenden Juden Osteuropas Nachkommen der chasarischen Konvertiten waren.

Ebenfalls im Recht ist Shlomo Sand, wenn er die These, dass die Juden von den Römern aus ihrem Heiligen Land vertrieben worden seien, in das Reich der Legende verweist. Die Römer kannten zwar – anders als Sand meint – auch das Herrschaftsmittel von Vertreibung und Umsiedlung, aber sie wandten es im Falle der Juden nicht an. Sie nahmen der dezimierten Bevölkerung auf andere Weise ihr Heiliges Land: indem sie den Tempel zerstörten, in Jerusalem eine heidnische Stadt gründeten, Militärkolonien anlegten und im übrigen die unruhige Bevölkerung durch verstärkte militärische Präsenz niederhielten. Nur in einem symbolischen Sinn kann also von einer Vertreibung aus dem Heiligen Land oder von der Abstammung der heutigen Juden von den alten Judäern die Rede sein, aber nicht in dem einer realen historischen Tatsache.

Shlomo Sand belässt es in dem Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes” nicht dabei, die realhistorischen Annahmen des zionistischen Nationalbewusstseins zu zerstören. Er verfolgt auch dessen Entstehungsgeschichte seit dem Beginn einer modernen jüdischen Geschichtsschreibung. Diese war ein Kind des Historismus, sie setzt die Französische Revolution, die Judenemanzipation sowie die Erfahrung der erneuten Ausgrenzung durch einen neuen Antisemitismus voraus. So ist die Entstehung eines spezifisch jüdischen Nationalismus sowohl Reaktion gegen als auch Parallelerscheinung zu den Nationalismen der Völker Mittel- und Osteuropas – Nationalismen, an deren Ausbildung ebenfalls Historiker einen beträchtlichen Anteil hatten. Anders als in Frankreich war hier die Einheit der Nation als eine politischen Willensgemeinschaft nicht vorgegeben, sondern sie war eine Zielvorstellung, die es auf der Grundlage gemeinsamer Sprache und Kultur erst zu verwirklichen galt.

Im Falle der Juden kam erschwerend hinzu, dass sie weder eine gemeinsame Sprache noch eine gemeinsame Alltagskultur hatten und dazu noch in den Sog der Nationalismen der Völker gerieten, in denen sie eine Minderheit darstellten. Entweder wurde von ihnen erwartet, dass sie ihre Sonderart aufgaben und Teil der Nation wurden, deren Bürger sie waren, oder sie wurden ausgegrenzt – nach Aufkommen des Darwinismus im Zeichen eines exklusiven Rassismus, der dazu neigte, die Mythen der Stammesabkunft für bare Münze zu nehmen, und damit neue Trennungslinien in Völkern mit komplexen ethnischen Wurzeln errichtete.

Aus solcher Ausgrenzung entspringt der deutsche Germanenkult, der in Hermann dem Cherusker seine Identifikationsfigur erfand und den Ursprungsmythos der „Germania” des Tacitus zur Geburtsurkunde des Deutschtums erklärte. Diese Vorgänge reizten den großen Althistoriker Theodor Mommsen im Jahre 1880 zu dem sarkastischen Kommentar: „Bald (werden wir) so weit sein, dass als vollberechtigter Bürger nur derjenige gilt, der seine Herstammung zurückzuführen vermag auf die drei Söhne des Mannus.”

Was hier Mannus, der mythische Stammvater der Germanen, und seine Nachkommen waren, das bedeuteten dort, im Falle des jüdischen Volkes, die Erzväter beziehungsweise die kleine judäische Tempelgemeinde, die Esra und Nehemia im 5. Jahrhundert vor Christus mit dem Verbot von Mischehen belegte. Dieses Verbot war das Werk von Fundamentalisten, die Mischehen als Einfallstor des im Vorderen Orient allgegenwärtigen Polytheismus betrachteten.

Aber weder die religiöse Motivation dieser Exklusivität noch das ganz andere Bild, das die Bibel und andere Quellen von Eheschließungen bieten, haben den zionistischen Nationalismus vor der essentialistischen oder gar rassistischen Interpretation biblischer Zeugnisse bewahrt. Was nach Mitteilung des Buches von Shlomo Sand gar gegenwärtig in Israel im Zeichen der modernen Genforschung geschieht, um den israelischen Gründungsmythos zu beweisen, könnte dazu veranlassen, mit dem römischen Satiriker Juvenal auszurufen: Es ist schwer, sich einer Satire zu enthalten. Das Buch von Sand stellt der problematischen Umwandlung biblischer Zeugnisse in eine säkulare, den Interessen des Nationalismus dienende Ideologie die Ergebnisse der kritischen Bibelforschung und Archäologie gegenüber, die das naive Bekenntnis des Buchtitels „Und die Bibel hat doch recht” schon seit längerem Lügen strafen. Wir haben inzwischen allen Anlass, vor die Darstellungen der Geschichte des Alten Israels Warntafeln aufzustellen.

Shlomo Sand hat sich einer der Aufgaben der modernen Geschichtsforschung gestellt, indem er sinnstiftende Geschichtsbilder der Kritik unterzieht. Er tut dies radikal, kenntnisreich und mit großem Mut. Dass sein Buch jenseits von Detailkritik in Israel erhebliche Irritationen auslöste, ist nur zu verständlich. Der Historiker will freilich nicht nur historisch aufklären, sondern damit auch sein Land von einem Weg abbringen, der in seinen Augen in eine Sackgasse führt. Insofern gilt für ihn Friedrich Schlegels Wort, dass der Historiker ein rückwärts gekehrter Prophet ist.

Wie die alttestamentlichen Propheten Israels ist Shlomo Sand ein Unglücksprophet, der zur Umkehr aufruft und den Weg des Heils zu wissen glaubt. Daher rührt der, wie man heute sagt, alarmistische Ton, in dem das Buch geschrieben ist. Den Weg des Heils sieht Sand in dem gemeinsamen demokratischen Staat der beiden zerstrittenen „Ethnien” Israels. Zweifel an der Möglichkeit dieses Auswegs liegen nahe, und der Verfasser hat sie nicht unterdrückt. Man kann nur hoffen, dass sein Kassandraruf nicht die Ankündigung einer Katastrophe ist.

SHLOMO SAND: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand. Propyläen Verlag, Berlin 2010. 498 Seiten, 24,95 Euro. (Das Buch kommt am Mittwoch, dem 14. April, in den Buchhandel.)

Der Autor dieser Rezension ist emeritierter Professor für Alte Geschichte der Goethe-Universität Frankfurt. 2005 erschien sein Buch „Geschichte der Juden im Altertum. Vom babylonischen Exil bis zur arabischen Eroberung”.

Shlomo Sand lehrt Geschichte an der Universität von Tel Aviv. Er wurde 1946 als Kind polnischer Juden in Linz geboren, 1949 ging seine Familie nach Israel. Sand plädiert für ein demokratisches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern und wendet sich gegen die Instrumentalisierung der Vergangenheit für eine Landnahme, wie sie der Anspruch auf ausgeweiteten Siedlungsgrund darstellt.

Süddeutsche Zeitung, Nr. 84, Dienstag, 13. April 2010, Seite 14.

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Eine Antwort to “Shlomo Sand, Die Erfindung des jüdischen Volkes”

  1. Sarrazin und die SZ « Aron Sperber's Weblog Says:

    […] Wer „die Erfindung des jüdischen Volkes“ behauptet, ist „mutig und kenntnisreich“. […]

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