Johann Michael (von) Sailer

Sailer

Wer sich mit der Allgäuer Erweckungsbewegung befasst, kommt um den Namen Johann Michael Sailer nicht herum. Auch wenn dieser nicht im Allgäu pastoral gewirkt hat, sind maßgebliche Impulse aus seiner Vorlesungstätigkeit in Dillingen (1784-1794) ausgegangen. Er war mit Johann Michael Feneberg eng befreundet. Georg Schwaiger hat ein lesenswertes Portrait des Theologen Sailer verfasst: Schwaiger – Johann Michael Sailer. Siehe außerdem die Kurzbiographie von Gisbert Kranz: Kranz – Johann Michael Sailer.

In Neue Deutsche Biographie findet sich von Hubert Wolf folgende biographische Skizze:

Johann Michael von Sailer (bayerischer Personaladel 1825)

katholischer Theologe, Bischof von Regensburg, * 17.11.1751 Aresing bei Schrobenhausen, † 20.5.1832 Regensburg, ⚰ Regensburg, Dom.

Nach dem Abitur am Münchener Jesuitengymnasium studierte S. seit 1770 Theologie in Ingolstadt – bis zur Aufhebung der Gesellschaft 1773 als Jesuitennovize. 1775 zum Priester geweiht, schlug er in Ingolstadt die akademische Laufbahn ein (Repetitor 1777), wurde 1780 zweiter Professor der Dogmatik neben seinem Lehrer Benedikt Stattler (1728–97), aber bereits 1781 mit anderen Exjesuiten als „Obskurant“ entlassen. 1783 übersiedelte S. nach Augsburg und veröffentlichte sein „Vollständiges Lese- und Betbuch zum Gebrauche der Katholiken“, das ihm u. a. 1784 eine Professur für Moral- und Pastoraltheologie in Dillingen einbrachte. Diese verlor er 1794, weil er nun als „Illuminat“ verdächtigt wurde. Nachdem S. fünf Jahre in Ebersberg verbracht hatte, wo er u. a. Thomas von Kempens „De imitatione Christi“ (1796) ins Deutsche übersetzte, brachte ihm der Ruf eines „Aufklärers“ 1799 eine Professur an der Univ. Ingolstadt ein, die 1800 an die neue bayer. Landesuniv. Landshut verlegt wurde. Hier verfaßte S. seine Hauptwerke: Die pädagogische Schrift „Ueber die Erziehung für Erzieher“ (1807, Neudr. 1909) läßt Einflüsse Pestalozzis erkennen; das „Handbuch der christlichen Moral“ (3 Bde., 1817) lehnte die jesuitische Kasuistik und den Probabilismus ab und entwickelte eine theol. Ethik von einer modernen Gewissenslehre her. Auch Kronprinz Ludwig (1786–1868), der spätere König, gehörte zu S.s Schülerkreis und war von seiner charismatischen Persönlichkeit fasziniert. So konnte der „bayer. Kirchenvater“ (G. Schwaiger) zur „Seele der Restauration“ (H. Schiel) werden. Nachdem die Nomination zum Bischof von Augsburg 1819 am Widerstand der röm. Kurie gescheitert war, berief der bayer. Kg. Max I. Joseph S. auf Drängen Kronprinz Ludwigs 1821 in das Domkapitel von Regensburg, wo er 1822 zum Weihbischof und Koadjutor mit dem Recht der Nachfolge erhoben und 1829 als Bischof inthronisiert wurde. Im Übergang „von der Aufklärung zur Romantik“ (Ph. Funk) moderne philosophische Strömungen (Kant) kritisch aufnehmend, entwickelte S., auf festem kirchlichen Boden stehend, eine pastoral orientierte Theologie, die sich durch konfessionelle Irenik, biblisch-patristische Fundierung und ihre Christozentrik auszeichnete, die die übernatürlich-mystische Seite der „Kirche der wahren Christen“ betonte und die Moraltheologie als Tugendlehre wieder von der Glaubenslehre her entwickelte. Seine Vorlesungen zogen Hörer aus allen Fakultäten an; sie waren von S.s „Begeisterung“ und der „Wärme des Tones“ (Ch. v. Schmid) fasziniert. Durch einen großen Schüler- und Freundeskreis (u. a. Ignaz Heinrich Frhr. v. Wessenberg, 1774–1860; Kard. Melchior v. Diepenbrock, 1798–1853) prägte S. eine ganze Klerusgeneration. Seine theol. Ansätze fielen später der ultramontanen Wende, u. a. der Repristinierung der scholastisch-kasuistischen Moraltheologie, zum Opfer. Im Kontext der Seligsprechung Clemens Maria Hofbauers (1751–1820), der S. wegen seiner Kontakte zur Allgäuer Erweckungsbewegung kritisiert hatte, kam es 1873 zu einem (ergebnislosen) postumen röm. Inquisitionsverfahren, das von den bayer. Redemptoristen und S.s bischöflichem Nachfolger Ignatius v. Senestréy (1818–1906) betrieben wurde. In der Anklageschrift Constantin Frhr. v. Schäzlers (1827–80) wurde S. zum Alt-Katholiken avant la lettre und Urvater aller Ketzereien stilisiert. Das kluge Votum des Konsultors Johann B. Franzelin SJ (1816–86), der die Intrige hinter der Anklage erkannte, und das kirchenpolitische Geschick des Assessors des Hl. Offiziums, Lorenzo Nina (1812–85), verhinderten die von Pius IX. gewünschte Indizierung. Unter dem theol. Deckmantel erkannten sie zu Recht einen Ordenskonflikt zwischen Jesuiten und Redemptoristen. Die Wiederentdeckung S.s im 20. Jh. stand zunächst im Zeichen des dt. Reformkatholizismus und der Rehabilitierung der kath. Aufklärung. Im Kontext des II. Vatikanums belebte sich die Erforschung und Rezeption S.s, den Papst Johannes Paul II. 1982 u. a. als „Vorbote[n] der neueren ökumenischen Bewegung“ und scharfsinnigen Verfechter der rechten Lehre würdigte.

Hubert Wolf, „Sailer, Johann Michael von (bayerischer Personaladel 1825)“, in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 356-357 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/artikelNDB_pnd118604872.html

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