Jürgen Moltmann – „Wer in der Liebe bleibt …“ Das ganze Geheimnis der Trinität

trinität_saarlouis_foto-anne-madeleine-plum

Triptychon Dreifaltigkeit von Alois Plum in der Kirche Heilige Dreifaltigkeit in Saarlouis-Fraulautern (Foto: Anne Madeleine Plum)

Man tut sich ja mit der Trinitätslehre im Allgemeinen schwer. Jürgen Moltmann hat jüngst eine lesenswerte Einführung veröffentlicht:

Wer in der Liebe bleibt

Das ganze Geheimnis der Trinität: Wir finden eine neue Gemeinschaft, die über die Grenzen von Klassen, Rassen, Geschlechtern und Kulturen hinwegreicht

Von Jürgen Moltmann

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes ist mit uns allen« (2. Korinther 13, 13).

Manche Christen denken, die Trinitätslehre sei schwer zu verstehen, sie wäre eine reine Spekulation oder eben ein großes Geheimnis. Sie sei also nur etwas für Theologen, und unter den Theologen nur etwas für Spezialisten. Man könne also eigentlich darauf verzichten, und außerdem wäre aus der Trinitätslehre auch gar nichts »für das Prak­tische auszumachen«, wie schon der Philosoph Kant be­merkte. Im interreligiösen Dialog mit Juden und Musli­men sei diese christliche Lehre auch nicht zu gebrauchen … Nichts davon ist wahr. Es ist ganz einfach und leicht zu verstehen. Der Christusglaube hat selbst eine dreifache Orientierung. Denn christlicher Glaube ist ein Leben in der Christusgemeinschaft. Was heißt das?

Jesus wird mein Herr und mein Heiland, mein Bruder und Anführer meines Lebens. Das ist das Erste. Er ist in die Welt gekommen, um zu suchen, was verloren ist, und so hat er auch mich gefunden, als ich mich von Gott und allen guten Geistern verlassen fühlte. Er hat mich mitge­nommen auf seinen Weg in die Auferstehung und das Le­ben. In seiner Gemeinschaft erfahren wir uns erhoben und aufgerichtet als Söhne oder Töchter Gottes wie er, der Sohn Gottes, der »der Erstgeborene unter vielen Brü­dern und Schwestern« (Römer 8,29) ist. Das ist das Wun­derbarste, was mir und Euch passieren kann und gewiss passiert ist: »die Gnade Jesu Christi«.

Jesus rief zu Gott »Abba, lieber Vater«. Das ist das Zweite. Also beten auch wir mit Jesus »Abba, lieber Va­ter«. Das heißt: Ich glaube an den Gott Jesu Christi und an keinen anderen Gott. Persönlich wäre ich ohne Christus sicher Atheist geblieben oder geworden. Denn aus dem Lauf der Natur und aus den Tragödien der menschlichen Geschichte wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass es einen Gott gibt und dass dieser Gott Liebe ist. Das habe ich erst bei Christus gelernt und in seiner Gemeinschaft erfahren. Um Jesu Willen glaube ich, in seinem Namen vertraue ich auf Gott. [66]

Aber warum nennen wir Gott eigentlich nicht mehr »Abba, lieber Vater«? Paulus hörte den »Abba«-Ruf noch in Rom und in den Gemeinden in Galatien. Später ver­schwand der »Abba«-Ruf aus der Kirche. »Abba« – das heißt intime Nähe wie zu unserem leiblichen Vater oder unserer eigenen Mutter. Diese vertrauensvolle Anrede Jesu wurde dann durch das »unser Vater im Himmel« ersetzt: Das klingt distanzierter, weil »der Himmel« weit und fern und unerreichbar zu sein scheint. Wenn ihr im Unser-Vater-Gebet nach dem» im Himmel« einfügt: »Ab­ba – lieber Vater«, dann spürt ihr sofort die Nähe Jesu, denn mit dem »Abba, lieber Vater« wird das besondere Gottesverhältnis Jesu ausgesprochen.

In der Christusgemeinschaft erfahre ich auf der ande­ren Seite, wie »seine Gnade jeden Morgen neu« ist. Das ist das Dritte. Ich erfahre die Lebenskräfte des göttlichen Geistes. Sie machen lebendig oder trösten, wie eine Mut­ter lebendig macht und tröstet. Der Heilige Geist ist der Geist des Lebens. In mich strömen seine Lebenskräfte ein. Sie überfluten mich mit Licht und schaffen mir Klar­heit im Denken. Sie durchdringen mich mit ihrer Wärme und lassen mein Herz höher schlagen; Sie füllen meine schwachen Kräfte mit neuen Energien. Sie erwecken mich, und ich stehe auf und erhebe mein Haupt und gehe aufrecht durch den Tag. Inder Christusgemeinschaft er­fahren wir die Lebensströme des Geistes Gottes.

Die Christusgemeinschaft, Abba – lieber Va­ter –, die Lebenskräfte des Geistes – das ist die Gotteserfahrung im christlichen Glauben. Das ist die ganze Dreieinigkeit. Ich erfahre Gott in seiner Nähe als Liebe und den Heiligen Geist als meine Lebenskraft. Ich beginne, in der einzigartigen Ge­meinschaft von Jesus, dem Sohn Gottes, und Gott dem Va­ter Jesu Christi und dem Heiligen Geist zu leben. Ich glau­be gar nicht »an« den dreieinigen Gott, ich lebe und sterbe »in« dem dreieinigen Gott. Mit Christus lebe ich in Gott.

Was sehe ich »in« Gott? Ich finde in Jesus den Vater und den Geist. Ich finde im Vater Jesus und den Geist. Ich finde im Geist Jesus und Gott den Vater. Jesus – der Geist – der Vater sind so sehr ineinander gegenwärtig, dass sie in ihrer Gemeinschaft »eins« sind. Und doch ist ihre »Einheit« so weit offen und einladend, dass wir alle und alle Geschöpfe in dieser Gemeinschaft Gottes ihren Lebensraum finden. Mit Christus leben wir in Gott, und Gott lebt in uns. Gott ist nicht nur ein Gegenüber im Himmel, nach dem ich rufe. Das ist nur Gott der Vater. Gottes Sohn ist an unserer Seite, und der Geist Gottes ist in uns. Gott umgibt uns von allen Seiten und hält seine Hand über uns, wie schon Psalm 139 uns sagt. Gott ist auch ein Raum, in dem wir leben, uns bewegen und uns entfalten. Beten wir in Jesu Gemeinschaft zum Vater, spüren wir, wie die Quelle des Lebens sich öffnet und uns begeistert.

Christlicher Glaube ist ein Leben in der Gemeinde Christi. Niemand ist als Christ einsam und alleinstehend. In der Christusgemeinschaft finden wir auch die Brüder und Schwestern in der Gemeinde Christi. Wir finden eine neue Gemeinschaft, die über die Grenzen von Klassen, Rassen, Geschlechtern und Kulturen hinwegreicht. Wir feiern unseren Gottesdienst »mit der ganzen Christen­heit auf Erden«. Die Gemeinschaft Christi ist eine grenzensprengende Gemeinschaft. Aus welchem Grunde?

Nach dem Johannesevangelium 17,21 betet Jesus zum Vater: »Auf dass sie alle eins seien, gleich wie du Vater in mir und ich in dir bin, dass sie auch in uns seien, auf dass die Welt glaube.«

Aus diesem Gebet entsteht die Gemeinschaft der Kir­che und die ökumenische Gemeinschaft zwischen den Kirchen. Was immer uns trennt und wer immer uns trennen will: Wir glauben, dass dieses Gebet Jesu kein frommer, aber unerfüllbarer Wunsch ist, sondern von Gott dem Vater erhört ist. In diesem Gebet Jesu sind wir alle schon eins, ob wir uns evangelisch, katholisch, baptistisch, methodistisch, orthodox oder wie immer nennen. Das ist alles sehr überflüssig. Die Einheit im Gebet Jesu zählt. Aber wie sieht diese Gemeinschaft aus?

Wir sind miteinander und füreinander und in der Für­bitte sogar ineinander so da, »gleichwie du Vater in mir und ich in dir bin«. Die Gemeinschaft Jesu mit Gott dem Vater und dem Heiligen Geist ist das Urbild – und die Ge­meinde Christi und unsere Gemeinschaft untereinander ist das menschliche, gewiss unvollkommene, aber gewür­digte Abbild. Wie Mann und Frau zum Ebenbild Gottes geschaffen sind, so wird die Gemeinde Christi zum Ebenbild des dreieinigen Gottes.

Wo aber ist die Kraft zu einer solchen, gottentspre­chenden Gemeinschaft von so verschiedenen Men­schen, wie wir es doch sind? Dafür müssen wir auf die zweite Bitte Jesu achten: »dass sie auch in uns seien«.

Gott der Vater eröffnet durch Jesus und in den Kräften seines Geistes einen weiten, offenen Lebensraum, der uns in der Gemeinde von allen Seiten umgibt. Es ist der Raum und die Atmosphäre, in der wir uns begegnen, uns gegenseitig erkennen und anerkennen, an den Händen halten, uns umarmen. Es ist das Kraftfeld der Liebe, in dem wir das Misstrauen und die Ängste voreinander überwinden und uns wechselseitig stärken. In der Ge­meinde Christi verschwinden Abstiegsangst und Le­bensgier. Der Konkurrenzkampf der Gesellschaft hat hier ein Ende. Verachtung und Neid gehören nicht hier­her. Wir werden eine Gemeinschaft von Freunden, und manchmal ist es auch hier so wie in der ersten Pfingstge­meinde: »Sie waren ein Herz und eine Seele« (Apostelge­schichte 4, 32).

Was mich persönlich an der ersten Pfingstgemeinde, von der die Apostelgeschichte erzählt, am meisten beein­druckt, ist dies: »Es ist keiner unter ihnen, der Mangel hatte.« Sie stellten ihre Gemeinschaft und ihre mensch­lichen Beziehungen über das Individuum und dessen Si­cherung durch private Güter. In ihrer Gemeinschaft der gegenseitigen Hilfe an Leib und Seele fehlte es an nichts. Sie hatten an allen Dingen genug, mehr als genug. Wa­rum? Weil sie miteinander teilten und Anteil nahmen. Die frühen christlichen Gemeinschaften versorgten nicht nur ihre Kinder, Kranken und Armen, sondern auch noch die der ganzen Stadt, berichteten Zeitgenos­sen. Es waren nicht nur Gottesdienstgemeinden, son­dern auch Lebensgemeinschaften. Manche haben zwar hämisch darauf hingewiesen, dass sich dieser »urchrist­liche Kommunismus« in Jerusalem nicht lange gehalten habe. Sie übersehen, dass die christlichen Ordensge­meinschaften und radikalreformatorischen Gemeinden, die Hutterer und Mennoniten, die Brüderhöfe immer so gelebt haben und noch heute so leben. In den neuen Ba­sisgemeinden in Lateinamerika erfahren Menschen die-[67]se Gemeinschaft wieder, in der Arme reich werden, reich an menschlichen Beziehungen und gegenseitiger Hilfe. Darum setzen diese Basisgemeinschaften in Brasilien auf das Plakat für ihre Treffen den Spruch: »Die Trinität ist die beste Basisgemeinschaft.«

Wo eine Gemeinde auf dem Weg dahin ist, wird sie zu einer Hoffnung auf eine friedliche, neue Welt mitten in den Existenzkämpfen der alten Welt. Wie menschlich es auch immer unter uns zugeht: In der Gemeinschaft Christi erfahren wir etwas von der Einigkeit des dreieini­gen Gottes.

Wir kehren zuletzt zurück zu dem dreieinigen Gott selbst. Die Taufe ist das Ereignis, in dem wir die Dreieinigkeit Gottes am besten wahrnehmen können. Wir taufen »im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« und nehmen damit Menschenkinder in die Christusgemeinschaft und die Gemeinde Christi auf. Jesus wird ihr oder ihm zum göttlichen Bruder: Gott wird ihm oder ihr zum liebenden Vater, Abba, und der Geist des Lebens erfüllt ihr kleines, sterbliches Leben mit der ewigen Lebendigkeit Gottes. Sie werden Töchter und Söhne Gottes.

Hier spüren wir im Hören auf die Taufworte, dass Gott eine wunderbare Gemeinschaft sein muss: Der Vater und der Sohn und der Heilige Geist werden nacheinander ge­nannt und durch das Erzählende »und« miteinander ver­bunden. Durch die Taufe werden Menschen in die trini­tarische Gottesgeschichte des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes hineingenommen. Aber es sind nicht drei Namen, sondern der eine Name Gottes, in dem getauft wird. Es sind nicht drei Götter, sondern die eine Gottheit, die die genannten Personen verbindet und ihre einzigartige Gemeinschaft benennbar macht.

In der Heiligung des einen Namens ist die Christenheit mit Israel einig, wie die erste Bitte des Vaterunser-Gebe­tes zeigt. Wir sehen aber die Einheit des einen Gottes nicht als numerische Einheit an, wie eins, zwei, drei zäh­len und wie es die Silbe »Mono-« im Wort Monotheismus behauptet, sondern als eine Einigkeit, als Dreieinigkeit.

»Dreieinigkeit« nennen wir die Gotteserfahrung in der Christusgemeinschaft, wenn wir von den drei Personen – Jesus und dem Vater und dem Heiligen Geist – ausgehen und ihre Einheit als ihre einzigartige Gemeinschaft aus­sagen wollen, wie es das Johannesevangelium tut.

Von »Dreifaltigkeit« sprechen wir, wenn wir von dem ei­nen Namen Gottes ausgehen und von den drei Erschei­nungsweisen reden, zu denen sich der eine Gott entfaltet.

Im Deutschen bevorzugen evangelische Christen das Wort »Dreieinigkeit«, während katholische Christen das Wort »Dreifaltigkeit« verwenden. Aber beides ist relativ, je, nachdem, ob man von den Personen auf ihre Einheit oder von ihrer Einheit auf die drei Personen blickt. Also kein Grund zur Trennung. Welchen Ausdruck wir auch benut­zen, wir wollen mit dem Neuen Testament sagen: »Gott ist Liebe«, und Liebe kann nicht einsam sein. Liebe verbin­det Verschiedene, aber Liebe unterscheidet auch Verbun­dene. Die Liebenden und die Geliebten sind eins, aber sie sind doch gleichzeitig verschieden. Das ist das Wunder des Liebens. Die Liebe verbindet Zuneigung und Ach­tung. Eine gute Ehe ist, wie wir wissen, hundert Prozent Liebe und hundert Prozent Respekt. Bestes Beispiel ist das bekannte Wort aus dem 1. Johannesbrief: »Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm« (3,3).

Er wird nicht zum Gott, aber er lebt in Gott, und Gott lebt in ihm. Gott wird zu seinem Lebensraum, und er wird zum Lebensraum Gottes. Gott umgibt uns von allen Seiten, aber auf verschiedene Weisen: Da ist die Gnade unseres Herrn Jesus Christus für uns und die Liebe Got­tes des Vaters zu uns, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes ist mit uns allen.

Das ist das ganze Geheimnis der Trinität.

Jürgen Moltmann war evangelischer Professor für Systematische Theologie an der Universität Tübingen und ist heute emeritiert.

Quelle: Publik-Forum, Nr. 9, 7. Mai 2010, Seiten 65-67.

Hier Moltmanns Text als pdf.

Advertisements

Schlagwörter: ,

Eine Antwort to “Jürgen Moltmann – „Wer in der Liebe bleibt …“ Das ganze Geheimnis der Trinität”

  1. Jürgen Moltmanns Predigt über die Trinität | NAMENSgedächtnis Says:

    […] Zum Nachlesen findet sich die Predigt (in gekürzter Form) hier. […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: