Teuffel, Mission als Namenszeugnis (Buchbesprechung)

Mission als Namenszeugnis

Eine Besprechung meines Buches „Mission als NAMENSzeugnis“ durch Rainer Neu ist jüngst in der Theologischen Revue erscheinen. Natürlich ist man als Autor geneigt, den kritischen Passagen in dieser Besprechung zu widersprechen. In aller Kürze nur eine sachliche Richtigstellung: Ich rede im Hinblick auf den NAMEN nicht von Autonomasien, sondern von Antonomasien, einem rhetorischen Tropus, der wohl doch nicht so geläufig ist. Will man die unbiblische Rede von den Gottesnamen vermeiden, dann ist der Begriff der Antonomasie („an Stelle des Namens“) unvermeidlich. Ansonsten zeigt mir die Besprechung, wie schwierig es auch für Theologen ist, sich von Platonien zu verabschieden.

Teuffel, Jochen: Mission als Namenszeugnis. Eine Ideologiekritik in Sachen Religion. – Tübingen: Mohr Siebeck 2009. (IX) 269 S., kt € 24,00 ISBN: 978-3-16-149910-4

Wo immer das religiöse Ausdrucksvermögen einer Kultur auf eine allgemeine Vorstellung von ‚Gott’ bzw. auf eine subjektive ,Gläubigkeit’ verflacht, verliert der Missionsgedanke seine Akzeptanz. Jeder pflegt seinen selbstkonstruierten Glauben und geht davon aus, dass Gott in unterschiedlichen Weisen und Anschauungen und unter verschiedenartigen Namen zu finden ist. Glaube ist zur Privatangelegenheit geworden und jede Form der Mission gilt als Ausdruck von Intoleranz.

Entgegen diesem Trend in westlichen Gesellschaften will der Autor dieses Werkes, das auf Anfrage des Verlages aus einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung (Nr. 239, 17. Oktober 2007) hervorgegangen ist, zu Recht darauf hinweisen, dass weder im Alten noch im Neuen Testament von einem allgemeinen göttlichen Wesen noch gar von einer Gottesidee die Rede ist.

Die Bibel kennt für den Gott Israels auch keine Mehrzahl von Gottesnamen. Die Bibel bezeugt den Namen. Dieser Name hat Priorität vor allen Umschreibungen des Gottesnamens und kann nicht durch andere Gottesnamen ersetzt werden. Er ist den Menschen allein durch eine göttliche Selbstoffenbarung bekannt geworden. Es handelt sich um das Tetragramm JHWH. Dieser Name steht für die Identität Gottes: „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14). Er will besagen: Das Gott Eigene kann nicht durch menschliche Allgemeinbegriffe definiert werden, sondern ist im Namen selbst begründet. Die Menschen sollen wohl den Tieren Namen geben (Gen 1,28), dem Schöpfer jedoch dürfen sie keine selbstgewählten Namen zuschreiben. Wo der Gott der Bibel Adonai, Elohim oder anders genannt wird, handelt es sich um Titulaturen oder Kognomen, nicht jedoch um weitere Gottesnamen.

Der Gott der Bibel hat nur einen Namen und in diesem Namen verdichtet sich seine einmalige Geschichte mit den Menschen. Deshalb kann dieser Name auch nicht übersetzt werden. In fremde Sprachen übertragen werden können nur die Umschreibungen des göttlichen Eigennamens (seine Autonomasien)[sic!]. Die Hervorhebung des besonderen Namens in der Verkündigung verhindert, dass das Evangelium als anonyme und damit beliebige Heilslehre von einer Kultur vereinnahmt werden kann.

Die gegenwärtige Krise der christlichen Mission in Europa ist für Jochen Teuffel, der bei Gerhard Sauter promoviert hat und von 2002 bis 2008 im Auftrag der Ev. Kirche in Bayern als Dozent für Systematische Theologie am Lutheran Theological Seminary in Hongkong lehrte, nicht zuletzt eine Folge dieser Fehlentwicklung, dass selbst innerhalb der Kirche die Vorgängigkeit des Gottesnamens gegenüber Allgemeinbegriffen wie ,Gott’ und ,Glaube’ weithin verkannt und einem „Allerweltsgott“ das Wort geredet wird. Die christliche Mission laufe damit Gefahr, ihr Programm auf individuelle Seelenrettung zu reduzieren und die Botschaft von der in Jesus anbrechenden Königsherrschaft JHWHs zu verkürzen. Europäische Gottesvorstellungen stünden in dieser Hinsicht dem biblischen Namenszeugnis entgegen und führten zu einer Religion im Sinne einer weltanschaulichen Ideologie. Christliche Mission solle hingegen betonen, dass JHWH als der lebensentscheidende Name nicht mit der Idee ,Gott’ gleichgesetzt werden kann. Gegen einen weit verbreiteten religionsgeschichtlichen Relativismus in Sachen Jahwe solle sie das auf den Schriftkanon beschränkte Namensgedächtnis herausstellen.

Ohne Zweifel analysiert T. in diesen Ausführungen sachgerecht die biblisch-theologischen Implikationen des biblischen Gottesnamens. Er lässt allerdings das erkenntnistheoretische Problem außer Acht, dass sich das Verständnis von Eigennamen in der abendländischen Kultur grundlegend gewandelt hat. Kein Zeitgenosse glaubt noch, einem Eigennamen Aussagen über die Identität und das Wesen des so Genannten entnehmen zu können. Stattdessen tritt er Eigennamen – darin unterscheiden sich diese im modernen Verständnis keineswegs von Allgemeinbegriffen – mit Vorbehalten gegenüber. Seit Platons Der Sophist gilt nämlich ein Doppeltes. Erstens: Aus der Tatsache, dass man einen Namen kennt, kann nicht gefolgert werden, dass es das Bezeichnete auch gibt. Und zweitens: Ein Eigenname gibt keine Gewähr dafür, dass das so Bezeichnete von dem, was ein anderer Name bezeichnet, wirklich unterschieden ist. [138]

Hinter diese beiden Feststellungen kann auch die Theologie nicht zurück. Es wird ihr nicht helfen, sich eine biblische Namenstheologie zu eigen zu machen, die von einem abendländischen Zeitgenossen gar nicht mehr verstanden werden kann. Für den modernen Menschen werden Namen erst dann bedeutungsvoll, wenn in ihnen begriffliche Bestimmungen eingetragen werden können. Es sind also nicht primär die Eigennamen, sondern die Umschreibungen, die in unserer Zeit einen Namen verstehbar machen. Man kann – wie T. darauf beharren, dass JHWH und Allah grundverschiedene Eigennamen sind. Diese Aussage bleibt für den Leser jedoch irrelevant. Ihn interessieren die Autonomasien [sic!], um die mit dem Namen verbundenen Vorstellungen zu verstehen. Erfahrt er die vielen Bezeichnungen Gottes, erkennt er, dass die Titulaturen und Kognomen JHWHs und Allahs in überraschend vielen Fällen deckungsgleich sind (der Schöpfer, der Erhalter, der Allmächtige, der Starke, der Heilige, der Erhörer, der Gnädige, der Liebevolle u. v.a. m.).

Ein zweiter gravierender Einwand ergibt sich aus einem systematisch-theologischen Bedenken. Die christliche Missionstheologie der Gegenwart leitet sich aus einem trinitätstheologischen Ansatz ab. Seit Karl Barth gilt die Einsicht, dass Mission eine Aktivität des dreieinigen Gottes ist. Dieser Satz wird in der Gegenwart wohl von allen christlichen Kirchen geteilt. So definierte die Weltmissionskonferenz von Willingen (1952) Mission als missio dei und das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) führte die Mission unmittelbar auf das Geheimnis der göttlichen Trinität zurück, da sie ihren Ursprung in der Sendung des Sohnes und des Hl. Geistes habe. In diesem trinitarischen Denkansatz ist der Hl. Geist der eigentliche Akteur der Mission. Da der Hl. Geist allgegenwärtig ist, darf mit seiner Gegenwart in jedem Menschen und in jeder Kultur gerechnet werden. In dieser Einsicht liegt nicht nur die Ermöglichung für ökumenisch-interkonfessionelle Gespräche, sondern auch die Voraussetzung für einen interreligiösen Dialog. Doch gerade in diesen Themenbereichen trennt sich T.s theologischer Ansatz von der Mehrzahl der neueren missionswissenschaftlichen Konzeptionen und tritt in Distanz zu dialogischen Aufbrüchen.

An solchen Stellen wünscht sich der fachwissenschaftlich gebildete Leser, dass sich der Autor umfassender mit aktuellen missionswissenschaftlichen Studien auseinandergesetzt hätte und tiefer in die gegenwärtige Diskussion eingestiegen wäre. Die Ausführungen der vorliegenden Arbeit bleiben häufig zu thetisch, um auf die zurzeit international recht lebhaft betriebene missionswissenschaftliche Forschung korrigierend und befruchtend einwirken zu können.

Es darf als Verdienst dieser Arbeit festgehalten werden, dass sie den Leser daran erinnert, dass christliche Verkündigung und Lehre zu dem einen Namen Gottes zu führen haben, wenn sie sich nicht in einer allgemein-philosophischen oder esoterischen Gottesanschauung erschöpfen wollen. Der Weg einer Theologie des Eigennamens bzw. einer „Mission als Namenszeugnis“ ist uns jedoch versperrt und dürfte auch einem trinitätstheologischen Missionsansatz nicht gerecht werden.

Wesel                                                                          Rainer Neu

Theologische Revue, Vol. 106, Heft 2, 2010, Sp. 137f.

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