Feneberg, Über die Geistlichkeit

Über die Geistlichkeit

Von Johann Michael Feneberg

Johann Michael Feneberg (1751-1812) galt als ein katholischer Pfarrer, der aufgrund seines liebenswürdigen und respektvollen Umgangs mit den Gemeindegliedern in Seeg im Allgäu bzw. in Vöhringen/Iller allgemein geschätzt war. In seiner Biographie „Aus Fenebergs Leben“ gibt Johann Michael Sailer, der bayerische Kirchenvater aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Freund Fenebergs, die folgenden Einstellung Fenebergs zum katholischen Klerus aus dessen Antworten auf die Decanatsfragen vom 29. Sept. 1806 wieder:

I. Von Aufrechthaltung der guten Disciplin unter den Capitularen.

a. Ob und welcher Mangel der Disciplin irgendwo existire?

Antwort: „Ich habe unter der Sonne mit meinen Augen wahrgenommen, daß Gottlos-[340]igkeit zu Gerichte sitzet, und Lasterhaftigkeit den Thron der Gerechtigkeit eingenommen hat.“ Eccles. III, 16.

Es ist mir ganz unbekannt, was man mit der Disciplin wolle. Ich war bereits in drei Capiteln, habe überall gute, wackere Priester gefunden, aber eine wahre, gliederliche Verbindung, die die Capitularen alle zu Einem Leibe gebildet hätte, die habe ich nirgends gefunden. Es sind mir auch niemals Statuten oder so was zu Gesicht gekommen, worauf sich die Capitulardisciplin gründen könnte oder sollte.

Ich weiß von nichts, als von dem Gelde, das man zum Eintritte in das Capitel erlegt, und von den Suffragien, die man beim Austritte der Glieder aus dem Capitel und aus dem Leben darbringt.

Es sind überall, so viel mir bekannt, die Capitularen so isolirt, und stehen so für sich allein da, daß man keine Spur von christlich-brüderlicher Verbindung gewahr werden kann, als wo etwa der Geist Gottes in dem einen und des andern Herz christliche Liebe ausgießt und diese unter einander verbindet;— wo man dann gewiß darauf zählen kann, daß die Capitelbrüder selbst, größtentheils von oben bis unten, Feinde und Verfolger der Neuverbundenen abgeben werden.

„Ich habe mit meinen Augen gesehen, wie Lästerungen herumgetragen werden, habe gesehen die Thränen der Unschuldigen, für die sich kein Tröster findet, und wie sie [341] der Gewaltthätigkeit nicht zu widerstehen vermögen, weil so gar Niemand sich ihrer annimmt.“ Eccles. IV, 1.

b. Woher das rühre?

Vom Mangel des lebendigen Glaubens, vom Mangel der Liebe, die durch den heiligen Geist in unsre Herzen ausgegossen werden muß.

Dem Allen aber ist um so weniger abzuhelfen, je weniger die meisten sogenannten Geistlichen diesen Abgang und diesen Mangel gewahr werden, und je weniger sie sich eben darum angelegen seyn lassen, durch demüthige Sinnesänderung und dringendes Gebet diesem Abgang in sich abzuhelfen.

Viele spotten gleich gar, sobald nur vom Geiste Gottes Erwähnung geschieht, und können die nicht leiden, verachten und lästern die, welche von seiner Unentbehrlichkeit Erwähnung thun, können also unmöglich glauben, was geschrieben steht: Die Christi Geist nicht haben, gehören ihm nicht an.

c. Welche Mittel geeignet seyen, diesem Mangel abzuhelfen?

Die längst bekannten, und uns vom Herrn selbst angewiesenen, die wir selbst predigen, und von der Kanzel jedermänniglich kund machen, und die alle auf Eines hinausgehen, z. B. [342]

  1. Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnet ihr in’s Himmelreich nicht eingehen.
  2. Wer unter euch der Größte seyn will, der sey wie der Geringste.
  3. Wie vielmehr wird der Vater im Himmel denen seinen heiligen Geist geben, die ihn darum bitten?
  4. Ohne mich könnet ihr nichts thun ec.

Die Geistlichen müssen zuerst wieder werden, was ihr hoher Name sagt, Männer, die sich vom Geiste Gottes regieren lassen, die Ihn also in ihrem Herzen haben, in denen Er die Liebe Gottes ausgegossen hat, die mit Paulus sagen können: nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir; sonst ist nie an ein wahres Christenthum auch unter ihnen zu gedenken, und also auch an gar keine christliche Disciplin. Ist aber das, sind die Geistlichen wahre Geistliche, lassen sie sich vom Geiste Gottes regieren, haben sie Ihn und mit Ihm die Liebe in ihrem Herzen, können sie mit Paulus sagen: nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebet in mir: so wird diese Liebe die Capitularen vereinigen, wird die Vereinigten regieren, und so wird christliche Disciplin von selbst folgen. Die Vorgesetzten werden in Liebe befehlen, und die Untergebenen in Liebe gehorchen, und wo irgend ein Fehltritt geschieht, den wird man in Liebe verbessern. Diese Disciplin aber wird bei Weitem das nicht seyn, was man gewöhnlich für Disciplin ausgiebt. [343]

Denn, was man gewöhnlich für Disciplin ausgiebt, hat fast überall das Wort des Herrn: „Ihr aber nicht so“, nicht nur ganz vergessen, sondern handelt ihm schnurgrad entgegen, so, daß man mit Wahrheit gesagt hat, und sagen kann: es ist keine schrecklichere Despotie, als die Despotie der Ungeistlich-Geistlichen — deren nämlich, die sich geistlich nennen, die man so nennen muß; die aber ganz das Gegentheil von dem sind, was sie seyn sollen, eine lautere Satyre auf das Evangelium und seine Lehren.

Die Despotie der Ungeistlich-Geistlichen aber ist nicht Disciplin, sondern Tod aller Disciplin. Sie entsteht aus der von Gott verbotenen Herrschsucht, und zieht Widerstand nach sich, und macht eigentlichen Gehorsam unmöglich. Auch kann sie auf nichts anders gehen, als auf’s Aeußerliche, und eben, daß die sogenannte Disciplin auf nichts, als auf’s Aeußerliche geht, ist gerade wieder ein Beweis, daß die Despotie der Ungeistlich-Geistlichen noch wirksam ist, oder wenigstens gewesen war.

So stehen wir, und es wird genau erfüllt, was vorgesagt ist: „In den letzten Zeiten wird die Liebe erkalten, und meinet ihr, daß der Sohn des Menschen dann Treue und Glauben finden werde, wann Er wieder kommt?“

„Ich denke bei mir selbst über die Kinder der Menschen: Gott muß sie reinigen, und ihnen zeigen, daß sie dem Vieh gleich sind.“ Eccles. III, 18. [344]


II. Von dem Sittenverderbnisse jetziger Zeiten.

a. Worin es hauptsächlich nach öffentlichen und Lokalkenntnissen bestehe?

Antwort: Genau in dem (minder oder mehr), was vorgesagt ist: „In den letzten Tagen werden gefahrvolle Zeiten überall einbrechen. Da wird es eigenliebige, gierige, stolze, lästermäulige, den Eltern widerspenstige, dankvergessene, lasterhafte Menschen geben, Menschen ohne Gefühl, ohne Frieden, voll Tadelsucht; sie werden sich der Geilheit hingeben, grausam, ohne Mitleiden, Verräther, trotzig, aufgeblasen seyn, nur Wollüste, Gott aber Nicht lieben, noch dazu den äußerlichen Schein von Gottseligkeit an sich tragen, von ihrer Kraft aber nichts wissen wollen ec.“ II. Tim. III, 1-8.

b. Woher dasselbe rühre?

Vom Unglauben und vom Aberglauben (so weit auch dieser nicht mit dem Glauben bestehen kann). Daher der Tod des Lebens aus Gott, das sich nur in Liebe beweisen kann; daher das Leben der Sünde, und des innerlichen Verderbens im Menschen, das sich durch obige Laster erweiset und darstellt.

c. Wie diesem zu begegnen sey?

Diesem Verderbnisse kann nur durch treue Verkündung des Evangeliums, nicht nur in Predigten, sondern im ganzen kirchlichen Gottesdienste, nach der Vorschrift Pauli I. Cor. XIV, 19, 20, 21, 22, 23 ec. begegnet wer-[345]den — und nur von Predigern, die selbst glauben, selbst wahre Christen, und von Gott hiezu berufen und ausgerüstet sind.

Die Geistlichen müssen aber geistlich werden, daß sie Gott als Zeugen und Werkzeuge in seiner Hand gebrauchen kann. Er, der nur freiwillige Werkzeuge gebraucht, die Ihm zuerst in sich von innen, und dann auch nach Außen und in Hinsicht auf Andere das Regiment vollkommen überlassen haben.

Also eigentlich kann diesem Verderben nur Gott wehren, und Er thut es auch durch die Gerichte, die theils jetzt schon über die Welt ergangen sind, theils ihr noch weiter bevorstehen; wo dann die Bösen sich von den Guten von selbst trennen, oder gesondert werden, und am Ende herauskommen wird, was wir nur wünschen, aber nicht zuwege bringen können, daß Ein Hirt und Ein Schaf, stall werde, und der Herr nun selbst das Regiment übernehme, dem alle Ehre allein gebührt, besonders die Ehre, dem endlosen Verderben zu steuern, das besonders die Vorgesetzten durch ihren Weltsinn, durch ihr Irdischgesinnt, seyn, durch ihr böses Beispiel veranlaßt und angebahnt haben.

Wenn die Welt (auch die Christenwelt ist größtentheils Welt) gebessert werden soll: so muß sie von oben herab gebessert werden; im doppelten Sinne des Wortes: a. von oben herab: Geistliche und weltliche Obrigkeiten müssen sich zuerst bessern, damit sie abwärts Vorbilder der Heerde werden können; b. von oben herab, durch Gott in Jesus [346] Christus unserm Herrn; denn Der allein kann die Obrigkeiten bessern und die Andern, und ohne Ihn wird das Sittenverderbniß von oben und unten und in der Mitte bleiben, ja immer höher steigen, bis Er kommt.

Quelle: Johann Michael Sailer, Aus Fenebergs Leben, München 1814, Seiten 339-346.

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