ProChrist, Christian Wulf und die religionistische Intoleranz

Man kann in der Tat fragen, ob Christian Wulf in das Kuratorium von „ProChrist“ gehört – nach seiner Scheidung. Dass jedoch ein möglicher Bundespräsident nicht ein evangelistisches Unternehmen wie „ProChrist“ unterstützen dürfe, will mir nicht einleuchten, insbesondere dann, wenn Einwendungen nicht nur von publizistischer, sondern gar von theologischer Seite kommen. Da zeigt sich die Intoleranz des Religionismus, einer bürgerlichen Ideologie, derzufolge Religion allgemeingültig und damit per se entscheidungsfrei zu sein hat.

Aufschlussreich sind dazu die folgenden Worte Jean-Jacques Rousseaus in Sachen bürgerlicher Religion:  „In der Gegenwart, wo es keine ausschließliche Nationalreligion mehr gibt noch geben kann, muss man alle Kulte dulden, die die anderen dulden, sobald ihre Dogmen den staatsbürgerlichen Pflichten nicht widerstreiten. Wer sich aber zu sagen erdreistet: außer der Kirche gibt es kein Heil, der muss aus dem Staate verweisen werden.“[1]

Rousseaus intolerante Propagierung „aufgeklärter“ bürgerlicher Toleranz mag vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Machtstellung eines Christentums im Frankreich des 18. Jahrhunderts verstanden werden. Wo freilich in der spätmodernen pluralistischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts Christen ihr Recht zum Namenszeugnis und dem damit verbundenen extra ecclesiam nulla salus als Ausgeburt christlicher Intoleranz bestritten wird, demonstriert man damit die eigene agnostische Intoleranz: „Da ich selbst niemanden bekennen kann, an den ich mich mit meinem eigenen Leben zu halten vermag, hast Du gefälligst auch zu schweigen.“


[1] Der Gesellschaftsvertrag oder Die Grundsätze des Staatsrechtes (1762), Buch 4, Kapitel 8, übers. v. H. Denhardt, Leipzig o.J., 180.

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