Shlomo Sand: Kein Volk – kein Land

Erfindung jüdischen Volkes

In der Besprechung von Shlomo Sand, Die Erfindung des jüdischen Volkes, fasst Stefana Sabin den Inhalt wie folgt zusammen:

Kein Volk – kein Land. Schlomo Sand wirft einen revisionistischen Blick auf die israelische Staatsgründung

Von Stefana Sabin

Ob in den heiligen Schriften Geschichten erzählt werden oder Geschichte dargestellt wird, lässt sich je nach Glauben oder Weltanschauung verschieden einschätzen. Für das Judentum ist gerade die Vermengung von literarischer und historischer Fiktion konstitutiv. Die dramatischen Episoden von Abraham, Moses und David, Miriam, Rachel und Judith haben im religiösen Text ebenso wie im kulturellen Gedächtnis tiefe Spuren hinterlassen, und die alttestamentlichen Sagen von Vertreibung und Exil, Rückkehr und erneuter Vertreibung, Verfolgung und Überleben haben ihrerseits das Selbstverständnis der Juden als Juden geformt.

Nicht zuletzt deshalb ist die vertrackte Mischung aus religiöser, ethnischer und kultureller Zusammengehörigkeit ein Merkmal des Judentums, das spätestens seit der Aufklärung immer wieder erörtert wird. Dass die jüdische Historiografie dabei einen Mythos aufgegriffen, gestaltet und propagiert habe, ist die These, die der israelische Historiker Schlomo Sand, Professor an der Universität in Tel Aviv, in seinem neuen Buch vertritt: den Mythos von der ethnischen Zusammengehörigkeit der Juden, von einem jüdischen Volk, das zu Beginn unserer Zeitrechnung von seiner Scholle vertrieben wurde, das von da an kollektiv die Hoffnung auf Rückkehr hegte und schliesslich tatsächlich an seinen Ursprungsort zurückkehrte.

Eine christliche Phantasie

Mit grossem bibliografischem Aufwand führt Sand aus, dass die Vertreibung der Juden durch römische Truppen eine Phantasie sei, ersonnen vom Christentum: Gott soll die Juden für den Gottesmord an Jesus oder dafür, dass sie nicht Christen geworden sind, bestraft und ihnen das Land genommen haben, das er ihnen einst verheissen und geschenkt hatte. Aus dieser christlichen Lehre, so Sand, hätten jüdische Gelehrte später, als sich das Christentum etablierte, eine Exiltheologie entwickelt, die den verstreuten und kulturell wie ethnisch verschiedenen Juden ein gemeinsames Narrativ anbot. Diese Erzählung habe ein kollektives Bewusstsein geschaffen, das die Juden über geografische und zeitliche Grenzen hinweg geeint hat, aber diese Einigung habe ein religiöses Fundament. Denn das Judentum, meint Sand, beruhe nicht auf «ethnischer Kontinuität», sondern sei eine Glaubensgemeinschaft, die vor allem durch Konversionen entstanden ist.

So wäre also die Berufung auf die biblischen Stammväter ebenso mythisch wie die Berufung der Deutschen auf Hermann den Cherusker. Da es zwischen den osteuropäischen Juden, die von einem zum Judentum übergetretenen Turkvolk abstammen, und den westeuropäischen Juden, die mit den arabischen Völkern verwandt sind, kaum Gemeinsamkeiten gibt, bestreitet Sand, dass ein jüdisches Volk als ethnisch-kulturelle Einheit überhaupt existiert. «Das jüdische Volk» ist für ihn eine propagandistische Erfindung des modernen Zionismus, der damit ein nationalistisches Projekt verfolgte, nämlich die Gründung eines staatlichen Gebildes, eines «Staates der Juden».

Da es kein jüdisches Volk gebe, könne es auch keinen jüdischen Staat geben, so Sand. Eine Bestätigung dieser These sieht er auch darin, dass die zerstreuten Juden keineswegs massenweise in den neugegründeten Staat geströmt sind – es sei denn, aus gravierenden politischen Gründen. Indem er die Idee eines jüdischen Volkes als Mythos deklariert, führt Sand die zionistische Staatsgründung als illegitim vor. Dennoch stellt er keineswegs das Existenzrecht Israels in Frage, er weist nur den jüdischen Alleinanspruch auf das sogenannte Gelobte Land zurück und plädiert für eine Reform, die aus Israel einen modernen säkularen und wirklich demokratischen Staat machen soll. Sand wendet viel rhetorische und argumentative Energie auf, um die israelische Innenpolitik der Diskriminierung der nichtjüdischen Bürger zu überführen. «Israel besteht trotz allen inneren und äusseren Umwälzungen bereits sechzig Jahre als liberale Ethnokratie», schreibt er. Sand will den Judenstaat sozusagen entzionifizieren, um ihn in einen multiethnischen und multikulturellen Staat zu verwandeln. Israel, glaubt Sand, hätte nur dann eine reale Überlebenschance, wenn «man den Staat offener und zugänglicher für alle seine Bürger machen würde». Die liberale Ethnokratie müsse sich in eine dynamische Demokratie verwandeln.

Eine Provokation

Sands These von der «Erfindung des jüdischen Volkes» ist nicht so provokativ, wie der griffige deutsche Titel suggerieren mag, denn das Hinterfragen historischer Narrative hat längst auch die jüdische Historiografie erreicht. Und so kann Sand auf viele Vorarbeiten zurückgreifen, was er durch die inflationäre Verwendung solcher Adverbien wie «bekanntermassen», «natürlich», «bekanntlich» auch sprachlich ausdrückt. Dass er «nichts wirklich Neues entdeckte», gibt er zu. Sand sieht seine Aufgabe darin, «die historischen Informationen auf einer alternativen Grundlage neu zu ordnen, historische Zeugnisse der Vergangenheit zu entreissen und neue Fragen an sie zu richten». Die 560 Anmerkungen zeugen von dem umfangreichen Material, das neu geordnet worden ist.

Die damit einhergehende Auslegung der jüdischen Geschichte ist revisionistisch – nicht, weil Sand die alttestamentlichen Sagen und die rabbinischen Lehren für Realitätsverdrehungen erklärt, sondern weil er damit der zionistischen Staatsgründung die Legitimität abspricht. Und darin liegt, vor allem für politisch Andersdenkende, eine Provokation. Sie wird durch Sands exaltierten Appell zur innenpolitischen Neuordnung Israels verstärkt.

Das historische Buch
Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand. Aus dem Hebräischen von Alice Meroz. Propyläen, Berlin 2010. 505 S., Fr. 44.90.

Neue Zürcher Zeitung, 30. Juni 2010.

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2 Antworten to “Shlomo Sand: Kein Volk – kein Land”

  1. Michael Schwartz Says:

    Das ist keine Besprechung, sondern nur eine einfache Zusammenfassung der Hauptthese von Sand.

  2. jutta becker Says:

    Ich frage mich doch, warum Sie dieses Buch in Ihrer Rubrik „Judentum, Israel und Kirche“ meinen vorstellen zu müssen-
    Die These von S. Sand, daß das jüdische Volk als ethnische Größe ein Mythos sei, wird weder deskriptiv noch normativ dem Selbstverständnis der gesamten jüdischen Tradition gerecht. Sie ist innerhalb dieser Tradition abseitig. Das Judentum ist eine Größe, in die man hineingeboren wird (AM ISRAEL, Volk Israel), aber auch eine Glaubensgemeinschaft, zu der man übertreten kann. Das jüdische Volk war und ist doch mehr als ein kulturelles Konstrukt!
    Protestantische Theologen nehmen derartige, abseitige Einlassungen wie die von S. Sand gerne auf, um sich auf dieser Grundlage, quasi mit einem „jüdischen Gewährsmann“ , mit dem real existierenden Judentum in aller Welt, also mit Volk Israel und Land Israel nicht mehr theologisch auseinandersetzen zu müssen.
    Ein Beispiel dieser Israelvergessenheit in der neueren protestantischen Theologie ist ein Artikel von Jochen Vollmer, „Vom Nationalgott zum Herrn der Welt“ im Deutschen Pfarrerblatt 8/2011.
    Ich empfehle die kritische Stellungnahme „Altneuer Antijudaismus“ von Friedhelm Pieper sowie die exzellente kritische Kommentierung des Artikels durch Stefan Meißner unter dem Titel Vom „Nationalgott Jahwe“ und anderen Mythen. Die Israelvergessenheit 2.0. der neueren protestantischen Theologie.
    Beide Beiträge finden sich in der Ausgabe BLICKPUNKT.E
    5/Okt 2011 .Materialien zu Christentum, Judentum, Israel und Nahost, Hg. :ImDialog. Evangelischer Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau. http://www.imdialog.org

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