Mission als Namenszeugnis (weitere Buchbesprechung)

Auch in ichthys, einer theologischen Zeitschrift des Arbeitskreises geistliche Orientierungshilfe (AgO), ist von Daniel Renz eine Besprechung meines Buches erschienen:

Jochen Teuffel, Mission als Namenszeugnis. Eine Ideologiekritik in Sachen Religion, Tübingen 2009, 269 Seiten, 24,00 €

Erst verwirrt, dann zunehmend angetan hält der Rezensent das bestellte Buch in Händen. Mohr Siebeck – stand dieser Tübinger Verlag nicht für klobige Wälzer in einem undefinierbaren Grün-Blau-Grau-Farbmix? Für die haptisch-visuelle Gratwanderung zwischen Gelehrsamkeit und Langeweile? „Mission als Namenszeugnis“ dagegen entpuppt sich als Exemplar aus der neuen „kleinen weißen Reihe“ – die Veröffentlichung kommt kompakt in strahlendem Weiß daher (leider trotzdem zu stattlichem Preis). Überraschend präsentiert sich auch die Entstehungsgeschichte des Buchs: Auf einen Artikel des Verfassers in der „Süddeutschen Zeitung“ hin lud Cheflektor Henning Ziebritzki zur Abfassung eines größeren Beitrags ein (vgl. VIII).

Pearl S. Bucks missionskritischer Vortrag von 1932 dient dem Autor als Aufhänger für die Schilderung klassischer Vorbehalte gegenüber Auslandsmission. Vor allem die Verstrickungen von Mission und westlichem Kolonialismus seien dabei ernst zu nehmen. Ebenso sensibel zeigt sich Teuffel allerdings gegenüber dem Eurozentrismus mancher Pauschalkritik. Schon die orientalische Weihnachtsgeschichte (Lk 2) mache deutlich, dass „es eben keine europäischen Urheberrechte in Sachen Evangelium geben kann“ (11). Neue Fragestellungen seien die Folge.

Zu klären sei z. B., warum sich die christliche Mission in Afrika, Asien usw. gerade in postkolonialer Zeit quantitativ so erfolgreich gestalte. Einen Anknüpfungspunkt in Form eines christlich „gefüllten“ Transzendenz-Glaubens streitet Teuffel ab. Die strikt-statische Unterscheidung zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen Physik und Ethik (mit Paul Hiebert: „flaw of the excluded middle“, 27) sei ein europäisches Phänomen. Dagegen gingen andere Kulturen von „mittleren“ unsichtbaren Wirklichkeiten und deren Einfluss auf das alltägliche Leben aus. Unter diesen Voraussetzungen entscheide sich der Erfolg einer Religion an ihrer praktischen Lebensdienlichkeit für die Gemeinschaft. Das biblische Weltbild leuchte u. a. durch seinen Tun-Ergehen-Zusammenhang unmittelbar ein. Bedeutsam seien auch die ethnisch-genealogische Universalität der christlichen Kirche und das Fehlen einer bestimmten „heiligen“ Sprache: Erst die Übersetzung der Bibel in die jeweilige Muttersprache habe Inkulturation des Evangeliums und Eigenständigkeit der neuen christlichen Gemeinden möglich gemacht.

Erläutert werden im Folgenden „klassische“ Errungenschaften christlicher Mission – u. a. die Entstehung neuer Schriftsprachen (die häufig zur Bewahrung ethnischer Identitäten geführt habe), die Etablierung von Schulwesen (auch für Mädchen) und Hospital sowie die erfolgreiche Bekämpfung „eines familienfeindlichen und ökonomisch ruinösen Machismo“ (82). Dabei habe sich die christliche Mission als „nicht kulturzerstörerisch, wohl aber kulturverändernd“ (69) erwiesen. Missionskritiker huldigten dagegen allzu oft einem anmaßenden Paternalismus („als wüsste man im urbanen Mitteleuropa besser, was für das ‚Seelenleben‘ von Menschen z. B. im Hochland von Irian Jaya […] gut ist“, 96)  bzw. gar einem neoromantischen Rassismus (mit seiner Sorge um exotische „Naturvölker“) – was nicht zuletzt von den Adressaten christlicher Mission selten verstanden werde.

Das sechste Kapitel,„Christliche Mission als Namenszeugnis“ (111-138), erinnert nicht zufällig an den Buchtitel und entpuppt sich bald als Dreh- und Angelpunkt. Teuffel konstatiert hier das Gewicht der biblischen Gottesnamen, insbesondere des in Ex 3,1 – 4,17 offenbarten „Namens“ JHWH. Die Bezeichnung derselben Gottesidee durch verschiedene Gottesnamen sei dagegen platonischen Ursprungs. Folgerichtig sei es im griechischen Sprachraum zur folgenschweren Wiedergabe von ELOHIM durch das allgemeine ho theos und zur Eintragung einer statischen Seinshierarchie gekommen. Im Lateinischen und Deutschen (nicht aber in außereuropäischen Sprachen!) sei der Gottesname ohne Artikel zu einem reinen Pseudonym geworden. Trotz der neutestamentlichen Identifikation des Eigennamens Jesus Christus mit „Gott“ werde in Europa „selbst innerhalb der Kirche die Vorgängigkeit des Namens gegenüber ‚Gott‘ […] weithin verkannt“ (133). Dagegen gelte u. a.: „Wird christliche Mission als Namenszeugnis in ihren verschiedenen Ausrichtungen – Evangelisation, Diakonia und Namensprophetie – ernst genommen, entfällt die vermeintliche Dichotomie zwischen individueller Seelenrettung […] und gerechtigkeitsbezogener sozialer Aktion“ (137). Es folgen religionsgeschichtliche Überlegungen zur Geschichte des JHWH-Namens in Anschluss an Rainer Albertz (139-160).

Den altbekannten Vorwurf der Intoleranz christlicher Mission kontert Teuffel mit einer differenzierten Entlarvung des „Religionismus“, also der Ide(ologi)e eines universalen Religionsbegriffs („publizistisch gefestigt in Feuilletons und akademisch gepflegt in Theologie und Religionswissenschaften“, 165), als Produkt des 18. Jahrhunderts. Das christliche „Zeugnis des Namens“ begründe zwar die Grenzen des interreligiösen Dialogs. Gerade deswegen aber setze es keinen sinnlosen Wettstreit verschiedener (positiver) Religionen in Gang. Zudem sei Christen in Folge des „Pascha-Mysteriums Jesu Christi“ (u. a. 205) gewaltlose „Toleranz“ als „[d]as passionierte Ertragen Namenswidriger Bindungen“ (200) aufgetragen und möglich – während für ‚Kulturchristen‘ […] der Bau einer Moschee in der Nachbarschaft unweigerlich zur Anfechtung der eigenen Identität“ (208) gerate.

Außereuropäische, nicht durch die alte kirchliche Bußlehre bestimmte Kontexte hat Teuffel vor Augen, wenn er eine angemessene protestantische Verhältnisbestimmung zwischen „menschliche[r] Entschiedenheit und „göttliche[r] Alleinwirksamkeit in Sachen Heil“ (221) versucht. Vom menschlichen Christusbekenntnis sei unbedingt die „Herrliche Heilsökonomie“ zu unterscheiden (vgl. 224-227). Auch deswegen dürfe Mission nicht nur punktuell stattfinden und in Liturgievergessenheit münden. Mit ihrem auf freiwilliger Teilnahme beruhenden „Namensspiel“ schließlich habe eine missionale Kirche nicht etwa volkskirchlich-gesellschaftliche Anerkennung, sondern allein den Gehorsam gegenüber Christus zu suchen.

„Mission als Namenszeugnis“ bietet bemerkenswert innovative Thesen auf bewährter theologischer Basis, größtenteils sehr anschaulich aufbereitet (wiederholt verwendet Teuffel z. B. Metaphern aus der Welt des Sports). Verwirrend wirkt so manche Kapitelüberschrift – nicht immer ist sofort deutlich, worum genau es geht. Wer sich aber entsprechend Zeit lässt für die Lektüre, wird definitiv belohnt.

Daniel Renz

ichthys 26 (2010), 131-133

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