Hans Joachim Iwand – Die «Seinen» und die «Protestanten»

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Im Hinblick auf das Reformationsjubiläum von 2017 ist dies die entscheidende Frage: Ist der gegenwärtige Protestantismus legitimer Erbe der Reformation? Eine deutliche Absage dazu hat Hans Joachim Iwand (1899-1960) erteilt:

Die «Seinen» und die «Protestanten»

Von Hans Joachim Iwand

Luther mußte neu fragen: Wer sind die Seinen? und ich glaube, daß sich aus dieser Frage die Reformation ergab. Diese Frage wurde zur Kritik an der Kirche und führte zu der These: Diejenigen, die sich für die Seinen halten, sind es nicht! Wir werden abermals fragen müssen, wie Luther die Seinen bestimmt hat. Steht denn hinter der Lehre Luthers ein wirkliches Menschenleben? Sind die Seinen nicht auch die «Protestanten»? Sind sie nicht oder waren sie nicht in der Orthodoxie, im Schwärmertum, im Pietismus, und weiter im Idealismus und im Nationalismus des 19. Jahrhunderts? In den Jahren nach 1933, als die «Bekennende Kirche» sich neu auf Wort und Schrift besann, haben wir alle viel unbekümmerter über diese Fragen reden können. Da­mals waren wir noch irgendwie stolz auf diesen «Protestantismus». In einem Aufsatz von K. Holl: «Die Kulturbedeutung der Reformation» sieht es doch so aus, als ob unmittelbar eine Linie von der Reformation bis zu dem «Protestantismus» des 19. und 20. Jahrhunderts führt. Luther wirkt wie ein Vorläufer Kants, wie ein Vorläufer der «praktischen Vernunft», der sittlich-religiösen Persönlichkeit.

Hier  müssen wir einen dicken Strich machen. Die Meinung, man könne den Protestantismus identifizieren mit dem, was Luther «die Seinen» genannt hat, war eine Täuschung. Diese Täuschung hat der [132] Nationalsozialismus an den Tag gebracht. Es ist ein geschichtliches Phänomen von besonderer Bedeutung, daß gerade die von Luther herkommende Theologie besonders anfällig war für den Nationalsozialismus. Der Nationalsozialismus hat etwas offenbar gemacht, was endgültig ist. Der Nationalsozialismus ist sicher nicht eine Schöpfung des Katholizismus, auch nicht des Sozialismus gewesen, sondern er war eine Schöpfung des «Protestantismus». Geistig kommt er von dieser Wurzel her, geistig ist er ein wirkliches Ende, so daß wir heute ganz neu gefragt sind: Wer sind die Seinen? Was meinte die Reformation mit den «Seinen»? Es müßte deutlich werden: die Seinen sind wir, als Protestanten, als Erben der Reformation, schon lange nicht mehr. Es kann aus solcher Unterscheidung sehr viel Gutes kommen.

Hans Joachim Iwand, Luthers Theologie, Nachgelassene Werke 5, München 1974, 131f.

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