Friedrich Wilhelm Graf – Wir sollten das Grundgesetz nicht taufen

Würde unantastbar

In der heutigen SZ ist ein lesenswertes Interview mit Friedrich Wilhelm Graf in Sachen „christlich-jüdisches“ Erbe in Deutschland:

Wir sollten das Grundgesetz nicht taufen

Islam-Debatte: Wie „christlich jüdisch“ sind Deutschlands Werte? Ein Gespräch mit dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf

Kopftuchmädchen, Thilo Sarrazins Aussagen zu verschiedenen Einwanderergruppen, unerwünschte Menschen aus fremden Kulturkreisen – in der erhitzten gegenwärtigen. Diskussion braucht es Sortierung. Dazu gehört die Klärung der Begriffe: Wenn der Bundespräsident sagt, der Islam gehöre zu Deutschland, und wenn jetzt mit der „christlich-jüdischen“ Ordnung des Landes gekontert wird — was bedeutet das eigentlich? Friedrich Wilhelm Graf, evangelischer Theolo­ge in München und einer der profilierten Religionsdeuter unserer Zeit, hat zuletzt das Buch „Missbrauchte Götter“ vorge­legt (2009). Im Gespräch mit der SZ nimmt er zur Debatte über Muslime und die deutsche Werteordnung Stellung – und erklärt, warum man den neutralen, liberalen Verfassungsstaat gerade zur Anerkennung religiöser Besonderheiten verteidigen muss.

SZ: In der Reaktion auf Christian Wulffs Bemerkungen zum Islam spricht jetzt Volker Kauder, Fraktionschef der CDU/CSU, mit manchen anderen vom „Grundgesetz, das auf unserem christ­lich-jüdischen Erbe beruht“. Was ist da­mit gemeint?

Friedrich Wilhelm Graf: Zunächst muss man sagen, dass die Behauptung einfach falsch ist. Der moderne Verfas­sungsstaat, und speziell der Rechtsstaat in Deutschland, ist weithin gegen die Kir­chen durchgesetzt worden. So wurde et­wa noch weit bis in die fünfziger Jahre in den Diskursen beider großen Kirchen der Begriff „Menschenrechte“ eher kri­tisch gesehen, als liberalistische Verir­rung des modernen Menschen. Später, im Zusammenhang mit der Diskussion um die Menschenwürde, wurde stärker über religiöse Wurzeln nachgedacht. Der Begriff „Menschenwürde“ kommt von den antiken Stoikern, ist dann von den christlichen Kirchenvätern aufgenom­men und in der christlichen Renaissance-Philosophie modelliert worden. Aber der enge Zusammenhang von Menschenwürde und Ebenbild-Vorstellungen ist erst ein Konstrukt des 20. Jahrhunderts.

SZ: Und was bedeutet der Begriff „christlich jüdisch“, der ja mit politi­schen Absichten verwendet wird?

Graf: Diese Formel ist wenig hilfreich, da sie fundamentale Differenzen zwi­schen Christentum und Judentum aus­blendet. Es handelt sich um eine vor al­lem nach 1945 geprägte Wendung, die dann auch politische Korrektheit signalisierte. Gewiss wurde mit dem alttesta­mentlichen oder hebräisch-jüdischen Prophetismus eine universalistische Ethik institutionalisiert, das ist richtig, und diese hat auch das Christentum ge­prägt. Doch ist die Formel „christlich-jü­disch“ in der aktuellen Verwendungswei­se gefährlich, weil sie die Unterschei­dung von Recht und Religion relativiert.

SZ: Inwiefern gefährlich?

Graf: Der freiheitliche Verfassungsstaat lebt doch gerade davon, dass er reli­giös neutral ist und dass zwischen morali­schen, religiösen und rechtlichen Fragen prägnant unterschieden wird

SZ: In Reaktion auf den Bundespräsidenten wird teils von christlich-jüdischen „Wurzeln“ oder „Erbe“ der Verfas­sung gesprochen, teils aber von ebensol­chen „Werten“. Was wäre denn der Unterschied?

Graf: Die Verfassung ist ein Produkt von Aufklärungsdenken. Und die ganze Werte-Rhetorik ist hoch ambivalent, weil sie ihrerseits die Unterscheidung von Moral und Recht unterläuft. Man hat als Staatsbürger eine Pflicht, und das gilt unabhängig von Religion, zum Rechtsgehorsam. Man hat aber nicht die Pflicht, irgendwelchen „Werten“ zuzu­stimmen. Es ist nicht so, dass ein zuge­wanderter Muslim, der in diesem Land Staatsbürger ist, eine Werteordnung zu akzeptieren hätte, sondern eine Rechts­ordnung.

SZ: Man sagt: Es möge ja sein, dass der Islam zu Deutschland gehöre, er trage aber nichts zu unseren Werten bei. Gibt es denn nicht einen Unterschied zwi­schen den normativen „Beiträgen“ der einheimischen und der zugewanderten Religion?

Graf: Nein. Spannungen zwischen reli­giösem Recht und staatlichem Recht et­wa gibt es in allen Religionskulturen. Auch das katholische Kirchenrecht ist nicht voll kompatibel mit dem Recht der Bundesrepublik Deutschland. Deshalb sagt aber niemand, die Katholiken seien keine Staatsbürger. Der Grund für auftretende Spannungen ist in beiden Fällen, dass moralische, kultische Vorstellungen und rituelle Regeln mit anderen Regeln wie etwa zum Familienrecht in Verbindung treten. Der Islam nun muss deshalb nicht zu den Werten der Bundesrepublik beitragen, weil die Rede von den Werten der Bundesrepublik schon falsch ist. Muslime können sich in ihrem Privatleben durchaus an Regeln der Scharia orientieren, aber klar muss allen sein, dass die verbindliche staatliche Rechtsordnung das Grundgesetz ist.

SZ: Woran liegt es, dass die Formulie­rung ,,Der Islam gehört zu Deutschland“ so starke Reaktionen hervorruft?

Graf: Ich verstehe es nicht — der Satz ist ja wenig originell. Wolfgang Schäuble hat Ähnliches schon vor Jahren gesagt. Der Satz ist auch nicht besonders intelli­gent, weil erzwischen Empirie und positi­ver Bewertung schwankt.

SZ: Die Aufheizung durch die Debatte um Thilo Sarrazin ist gewaltig. Was haben denn die realen Probleme der Integra­tion von Einwanderern, über die man jetzt redet, mit Religion zu tun?

Graf: Nun, viele Einwanderer definie­ren sich selbst nicht in erster Linie über ihre Religion. Sie werden vielmehr von der Mehrheitsgesellschaft oder von politi­schen Akteuren religiös definiert. Viele der hiesigen Muslime sind aber religiös nicht besonders aktiv. Aus diesem Wider­spruch erwachsen Spannungen. Umge­kehrt kann auch Christsein sehr Unter­schiedliches bedeuten: Kirchenmitglied­schaft, aktive religiöse Praxis … Ein ähnlich diffuses, vieldeutiges Bild geben islamische Gemeinschaften in der Bun­desrepublik ab. Es bringt wenig, einen ägyptischen Arzt, einen iranischen Physikstudenten und einen Analphabeten Bundesrepublik Deutschland. Deshalb unter demselben Begriff „Muslim“ zu rubrizieren.

SZ: „Islam“ wird also derzeit ebenso wie auch „Christentum“ oder „christlich-jüdisch“ vor allem als politischer Kampfbegriff benutzt?

Graf: Ja, das ist weithin so. Es sind dies jedenfalls keine Begrifflichkeiten, die uns helfen, die gesellschaftlichen Probleme, die wir haben, angemessen zu benennen. Diese Probleme haben bekanntlich damit zu tun, dass wir lange Zeit de facto ein Einwanderungsland gewesen sind, es aber nicht sein wollten, und daher die Einwanderung nach Deutschland nicht recht gesteuert und begleitet haben.

SZ: Für die Einhegung von bedrohli­chen Kulturkonflikten wird immer wie­der ein „Dialog der Religionen“ als Heil­mittel gesehen.

Graf: Ein „Dialog der Religionen“ wird in aller Regel von religiösen Funktionären geführt. Das ist ja auch gut, weil es immer gut ist, wenn Menschen mitein­ander reden und sich über Differenzen, Traditionen und Prägungen klar werden. In pluralistischen Gesellschaften muss man sich über normative Dissense austauschen. Um so wichtiger wird dann allerdings das staatliche Recht als Pazifizierungsinstrument des Zusammenlebens. Religionsdialoge helfen nicht, be­stimmten sozialen Konflikten oder Bil­dungsproblemen gerecht zu werden. Ent­scheidend ist eine langfristig orientierte Bildungspolitik, die ja zum Teil auch schon Erfolge erzielt. Wo Menschen von einer komplexen Gesellschaft unseres Typs überfordert sind, hat das meist we­nig mit Religion zu tun.

SZ: Zugestanden, dass religiöse Kate­gorien in der Politik oft nur noch Kampfbegriffe sind – was ist aber mit den kon­kreten Kollisionen eines säkularen Staa­tes mit einer frommen Praxis, die sich da­von absetzt, etwa in Schule und Erzie­hung? Gibt es da nicht sehr verschiedene Vorstellungen von Religionsfreiheit?

Graf: Natürlich bedeutet auch im Rechtssystem mehr Verschiedenheit mehr Konflikt. Zunehmende juristische Konflikte in religiösen Dingen sind ein Indikator für religiösen Wandel. Die. deutsche Tradition ist, dass religiösen Akteuren starke Rechte eingeräumt wer­den; dass der Staat religiös und weltan­schaulich neutral ist, sich aber positiv zu Religionsgemeinschaften verhält. Dieses spezifische deutsche Modell kann auch auf muslimische Akteure im Lande Anwendung finden. Dies wird allerdings im restlichen Europa zum Teil sehr kritisch gesehen. Da sind weitere Auseinanderset­zungen zu erwarten.

SZ: Was bringt uns weiter: ein Be­kenntnis zur Tradition des deutschen Verständnisses von Religionsfreiheit – oder ein streng laizistisches Vorgehen, bei dem man Kopftücher aus den Schu­len verbannt?

Graf: Nun, der Laizismus hat jeden­falls kontraproduktiv gewirkt. In Frank­reich hat er die Konflikte nicht gelöst, sondern eher neue erzeugt. Bei uns dür­fen muslimische Schülerinnen Kopftuch tragen; ein Verbot wäre eher schädlich. Mehr Flexibilität, mehr Offenheit für die Bekundung von religiösen Überzeugun­gen im öffentlichen Raum erscheint mir sinnvoller als mehr Repression. Im übri­gen ist das besondere Erbe solcher Religionsfreiheit ja auch juristisch kodifiziert. Zum Grundgesetz gehört auch ein entsprechendes Staatskirchenrecht, ich sa­ge lieber: Religionsverfassungsrecht. Die­ses ist offen für Pluralismus – es setzt aber kein Bekenntnis zum Christentum voraus. Ich meine: Wir sollten das Grundgesetz nicht taufen, das macht alles nur viel schwieriger.

Interview: Johan Schloemann

Süddeutsche Zeitung, Nr. 237, Mittwoch, 13. Oktober 2010, Seite 13.

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3 Antworten to “Friedrich Wilhelm Graf – Wir sollten das Grundgesetz nicht taufen”

  1. Annamaria Mac Intyre Says:

    Die Nationalstaaten in Europa müssen sich einer multinationalen, multireligiösen Welt öffnen. Herr Graf weist hilfreich daraufhin, dass ein theokratisches Denken a la „Taufe des GG“ ein Instrument der Ausgrenzung ist. Staaten, die die Rechte der Staatsbürger im Lichte einer Religionszugehörigkeit messen, werden letztendlich zu Apartheidstaaten, in denen eine Gruppe von Bürgern einen geringener Status erhält. (Siehe Israel)

  2. adler Says:

    Zu F.W.GRAF-interview :Eine phantastisch klare Analyse,Richtigstellung. Leider zeigt sie auch die ungeheure Kluft einer aufgeklärten Intelligenz zu unserer Regierung und der „gesamten“ feullitonistischen,medialen „Intelligenz“. Das dies ausgerechnet ein Theologe präsentiert ist eine Beschämung deutscher Aufklärung, die, im Frontenwechsel, nur eine pseudoreligiöse Vergangenheitsbewältigung „celebrieren“ kann.
    Danke!
    (Mal sehen, wie lange es dauert, bis die „Meute “ entdeckt, daß diese Darstellung „p.incorrect“, d.h. gefährlich..nicht zu vergleichen…usw.und so fort, ist.)

  3. Ben Says:

    sehr erhellende Analyse.

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