Im Namen des Herrn

Während in der Süddeutschen Zeitung der Diskurs darüber geführt wird, ob Evangelikale ihre Kinder häufiger schlagen, gibt DIE WELT in ihrer Online-Ausgabe das Wort an Marcia Pally, zur Zeit Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, die uns darüber aufklärt, dass die Neuen Evangelikalen in den USA eine politische Agenda haben, die alles andere als rechtslastig bzw. fundamentalistisch ist. Ihr Buch Die Neuen Evangelikalen in den USA: Freiheitsgewinne durch fromme Politik ist im September bei Berlin University Press erschienen. Augenfällig wird die politische Wende bei den Evangelikalen nicht zuletzt im Buchprogramm des erzevangelikalen Verlages Zondervan, wo beispielsweise Gregory A. Boyd mit seinem Buch The Myth of a Christian Nation: How the Quest for Political Power Is Destroying the Church mit den religiösen Rechten biblisch abrechnet.

Im Namen des Herrn

Von Marcia Pally

In den USA etabliert sich eine Bewegung von neuen Evangelikalen, die jenseits von Fundamentalismus und Säkularismus ein neues Verhältnis von Religion und Gesellschaft suche.

In der öffentlichen Diskussion gibt die Religion derzeit ein trauriges Bild ab, wird mit Fundamentalismus, Terrorismus und wahnwitzigen Drohungen gegen die Demokratie in Verbindung gebracht. Genau das hat die europäische Aufklärung in ihrem Schauerstück über die moderne Geschichte vorhergesagt: die ruchlose Religion will die Infantin Demokratie entführen, woraufhin ihr der Ritter der Säkularisierung zur Hilfe eilt und für ein rationales, modernes Leben sorgt. Die Säkularisierungstheorie des 20. Jahrhunderts hat dem Generalverdacht gegen die Religion noch die Wissenschaft zur Seite gestellt und erklärt, die Modernisierung bewirke, mit dem berühmten Wort Webers, eine „Entzauberung“: auf dem gesellschaftlichen Weg „vorwärts“ würde der Glaube verschwinden.

Der aufklärerische Verdacht gegen die Religion war allemal begründet. Weltliche und kirchliche Eliten hatten seit Langem gemeinsame, gegen die weniger Vermögenden gerichtete wirtschaftliche und politische Interessen. Die Demokratisierer Europas reagierten auf die Unterdrückung von oben mit einer doppelten Attacke: gegen die Aristokraten und gegen deren Handschlag mit den offiziellen Kirchen. Die demokratische Entwicklung in Europa ist nicht einheitlich verlaufen, mit dem 18. Jahrhundert jedoch hatte die Auffassung, dass Religion irrational sei und ein Hemmnis für die Demokratie darstelle, Europas intellektuelle Hauptströme erreicht.  Dennoch gibt es heute 600 Millionen Buddhisten, 800 Millionen Hindus, 1,5 Milliarden Muslime und 2,3 Milliarden Christen. Wenn sich der Glaube mit der liberalen Demokratie nicht verträgt, dann sind die Aussichten für die Demokratie trübe. Statt die Säkularisierung weiterhin für eine universelle Notwendigkeit zu halten, sollte man vielleicht besser nach Beispielen für ein dynamisches Miteinander von religiösem Leben und liberaler Demokratie Ausschau halten.

Ein solches Beispiel sind, vielleicht überraschend, Amerikas Evangelikale – insbesondere jene unter ihnen, die sich von der religiösen Rechten distanziert und einem antimilitaristischen, antikonsumistischen Aktivismus zugewandt haben. Der wöchentliche Kirchgang korreliert mit der Ablehnung von Abtreibung und Homosexuellenehe, seit 2006 jedoch korreliert er auch mit Umweltschutz, Armutsbekämpfung und der Überzeugung, dass die Diplomatie der militärischen Stärke bei der Sicherung des Friedens überlegen ist. Dem Wesen nach weder fundamentalistisch noch theokratisch, sind diese Evangelikalen insbesondere davon abgerückt, ihr Verständnis der Schrift dem Gemeinwesen durch den Staat aufzwingen zu wollen.

Die „neuen Evangelikalen“, wie sie auch genannt werden, finden sich in allen demografischen Gruppierungen überall im Land, grob geschätzt machen sie etwa 20 bis 25 Prozent der US-Bevölkerung aus. Dreierlei ist für ihre politische Ethik kennzeichnend, angefangen mit ihrer Betonung der Trennung von Kirche und Staat. Tatsächlich kann der Staat, da sie ihn per Definition für eine Institution der Gewalt halten, nie Gottes sein. Greg Boyd, Pastor in Minnesota, wirft der religiösen Rechten, die statt des Reichs Gottes ihre politischen Siege feiere, „Götzenverehrung“ vor. „Wie jede andere von Dämonen besessene gefallene Nation“, schreibt er, „ist Amerika unfähig, seine Feinde zu lieben, denen, die ihm Schlechtes zufügen, Gutes zu tun, oder jene zu segnen, die ihm übel wollen … Je schneller das Etikett ‚christlich‘ von diesem Land gelöst wird, desto besser. Denn so ist Hoffnung, dass das Wort ‚Christ‘ einen Tages wirklich wieder ‚Christi Beispiel folgend‘ bedeuten kann.“

Zweitens begreifen sich die neuen Evangelikalen als zivilgesellschaftliche Akteure, die ihre Positionen mittels öffentlicher Bildung, Lobbyarbeit, Koalitionen und Verhandlungen vertreten. Die neuen Evangelikalen sind keine „Parallelgesellschaft“, sondern engagieren sich aktiv für soziale und karitative Zwecke und betreiben eine einschüchternde Vielzahl sozialer Einrichtungen – von medizinischen Einrichtungen über die Häftlingsbetreuung bis hin zu Gesundheitsprogrammen im Ausland. Auch wenn viele neue Evangelikale den Zorn der Tea-Party-Bewegung über die Rettung der Banken teilen, während Millionen normaler Menschen ihren Job verloren haben, hat die „Neuevangelikale Partnerschaft für das Gemeinwohl“ Tea-Party-Forderungen nach Kürzungen von Regierungsprogrammen insbesondere für die Bedürftigen heftig kritisiert.

Drittens fühlen sich die neuen Evangelikalen zur Kritik an der Regierung verpflichtet, wo diese ungerecht ist. Überzeugt davon, dass alle Regierungen gefallen sind, anfällig für menschliche Gier und Korruption, halten sie Wachsamkeit für geboten, auf dass die Politik ehrlich bleibt. Das ist die „prophetische Rolle“ der Kirche – nicht Regierung zu sein, sondern „den Mächtigen die Wahrheit zu sagen“. Jedoch: Um eine Regierung zu kritisieren, muss man unabhängig von ihr sein. Das „Evangelikale Manifest“ von 2008 rief zu Distanz zwischen Evangelikalen und Parteipolitik auf, andernfalls würde man zum „nützlichen Idioten“ für die eine oder die andere Partei. Christliche Überzeugungen würden so zur Waffe im Kampf um politische Interessen. 35 Jahre lang waren weiße Evangelikale das Bollwerk der Republikanischen Partei, mittlerweile jedoch haben die evangelikalen Priester Tony Campolo und Joel Hunter am demokratischen Parteiprogramm mitgeschrieben; neuevangelikale Wahlkampfkomitees zugunsten Obamas wurden ins Leben gerufen. Die Nationale Vereinigung der Evangelikalen unterstützt – in Opposition zu vielen Republikanern – eine Einwanderungsreform. 2007 veröffentlichte sie eine – gegen die Regierung Bush gerichtete – „Evangelikale Erklärung gegen Folter“.

Tatsächlich kommen einige der heftigsten Attacken gegen den amerikanischen Militarismus aus neuevangelikalen Kreisen. Shane Claiborne, der Elvis der jüngeren Neuevangelikalen, schreibt, dass die USA heute „der größte Gewaltlieferant der Welt“ seien und den „Mythos der rettenden Gewalt“ lehrten. Randall Balmer schreibt über den Militarismus der religiösen Rechten: „Ron Parsley, Pastor der World Harvest Church in Ohio, gibt Schwerter an jene aus, die seiner religiös rechten Organisation beitreten … und ruft seine Anhänger auf, für eine Invasion des Heiligen Geists zu ‚laden und zu sichern‘. Die Traditionelle-Werte-Koalition wirbt für ihren ‚Schlachtplan‘ zur Übernahme der Bundesjustiz … Ich frage mich, wie das in den Ohren des Friedensprinzen klingt.“ Womit er Jesus meinte.

Eben weil sie sich der Liebe nach Christi Vorbild verschrieben haben, lehnen die allermeisten neuen Evangelikalen die Abtreibung ab. Statt jedoch Abtreibungsärzte oder schwangere Frauen zu schikanieren, eine Taktik der religiösen Rechten, arbeiten sie – oft mit Progressiven – daran, die Zahl der Abtreibungen zu reduzieren, und bieten schwangeren Frauen sowie bedürftigen Müttern und Kindern finanzielle und emotionale Unterstützung an. Einer Mehrzahl der neuen Evangelikalen ist die Homo-Ehe nicht recht, doch nur 29 Prozent der unter 30-Jährigen in ihren Reihen halten Homosexualität für ein „Problem“, und viele, aus allen Altersgruppen, sind für schwule Zivilverbindungen. Und was den Kreationismus anbetrifft: Wenn auch viele der Genesis-Darstellung anhängen, gilt das der Mehrheit doch als Glaubenssache; den Kreationismus in Schulen zu lehren ist nicht Konsens. Entscheidend ist, dass die Betonung von Armutsbekämpfung und Umwelt zu einer Verschiebung des Fokus geführt hat.

Weil sie die Abtreibung ablehnt, wird eine beträchtliche Zahl von neuen Evangelikalen nicht die Demokraten wählen. Das jedoch bedeutet, dass sie, aufgrund ihrer auf Armutsbekämpfung und Umweltschutz liegenden Prioritäten, die Republikaner auf diesen Politikfeldern in Zugzwang bringen werden. Man könnte argumentieren, dass dies letztlich die größere Leistung wäre.

Jenseits ihrer expliziten ethischen Überzeugungen und Praktiken argumentieren die neuen Evangelikalen implizit gegen ein fundamentalistisches Verständnis von Religion. Religiöse Fundamentalisten vertreten die Auffassung, dass die Religion unwandelbar sei und deshalb unvereinbar mit der Demokratie – die Demokratie sei verflucht. Säkularisten wiederum, die fundamentalistische Auffassungen über die Religion vertreten, glauben das Gleiche: Die Religion sei unwandelbar – sie sei verflucht. Doch Religion, als menschliche Institution, verändert sich in Raum und Zeit, genauso wie sich die hier beschriebenen Evangelikalen verändert haben. Und wenn uns die neuen Evangelikalen etwas lehren, so lehren sie uns auch diesen Antifundamentalismus.

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2 Antworten to “Im Namen des Herrn”

  1. Daniel Renz Says:

    Ein guter Beitrag – danke! Und: „Neue Evangelikale“ prägt sich natürlich besser ein als „Emerging Conversation“…deswegen ist der Begriff gar nicht so schlecht, auch wenn er dasselbe meint. 🙂

  2. ephcharisto Says:

    Wirklich, ein Lichtblick!

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