Müssen Christen es büßen?

Ewig sollst du büßen

Eines der verunglückten Wörter des christlichen Wortschatzes ist das Verb „büßen“. „Das sollst Du mir büßen“ heißt es, wenn es um Vergeltung geht. Etymologisch betrachtet kommt „büßen“ von „bessern“, was auch nicht viel besser ist. Wenn im griechischen Text der Bibel von metanoein die Rede ist, ist damit die Umkehr angesprochen, was nicht notwendigerweise als „Besserung“ zu verstehen ist. Wer umkehrt, wendet sich vielmehr Christus bzw. dem Evangelium zu. Der Umkehrende ist einer, der Vergebung empfängt und von Christus angenommen wird – eben kein Zu-Kreuze-kriechender oder einer, der das eigene Schuldeingeständnis zu büßen hat.

In der Luther-Übersetzung von 1545 wird das Wort „büßen“ (bzw. „büssen“) im ursprünglichen Sinne als „bessern“ verstanden, so wenn Sanballat, der Horoniter sowie Tobija, der ammonitische Knecht im Buch Nehemia in Erfahrung bringen müssen, „das die mauren zu Jerusalem zugemacht waren / vnd das sie die lücken angefangen hatten zu büssen“ (Neh 4,7) oder aber über die göttliche Wachtel-Speisung Israels in der Wüste heißt: „Da assen sie vnd wurden all zusat / Er lies sie jren Lust büssen. Da sie nu jren lust gebüsset hatten / Vnd sie noch dauon assen.“ (Ps 78,29f) Folgerichtig taucht keine der ursprünglichen Verwendungen des Wortes „büßen“ in den Revisionen der Luther-Bibel nach 1912 auf. Stattdessen wurde „büßen“ im Sinne von „vergolten werden“ in die Revisionen des Alten Testaments von 1912 (Hiob 34,31) und 1964 (Spr 13,13; 30,10; Jes 24,6; Jer 31,19 sowie Sir 23,34) neu eingeführt.

Dass es in der Luther-Bibel 2017 – nicht luthergemäß – in Sprüche 13,13 immer noch heißt „Wer das Wort verachtet, muss dafür büßen“ (als müsse man bei einer Verachtung des Gotteswortes sich selbst bessern) bzw. in Sprüche 30,10 „Verleumde nicht den Knecht bei seinem Herrn, dass er dir nicht fluche und du es büßen musst„, sowie in Sirach 23,24 [34] „Eine solche Frau wird man der Gemeinde vorführen, und ihre Kinder müssen’s büßen„, verdankt sich mangelnder sprachlicher Sorgfalt: Christen büßen es eben nicht, Christus sei Dank.

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3 Antworten to “Müssen Christen es büßen?”

  1. Ephcharisto Says:

    Das Beste, was ich heute von Seiten der Religiösen vernommen habe.

  2. Jochen Teuffel Says:

    Hat dies auf NAMENSgedächtnis rebloggt und kommentierte:

    Eine Anregung für den anstehenden Buß- und Bettag

  3. Ist die neue Luther-Bibel 2017 wirklich zuverlässig und sprachlich eingängig? | NAMENSgedächtnis Says:

    […] Das besserungsträfliche „Büßen“, das sich nicht in Luther 1545 findet, sondern erst 1…, ist in der Luther-Bibel 2017 bei drei der fünf Stellen (nicht mehr Jes 24,6 sowie Jer 31,19) beibehalten worden. In Sprüche 13,13 heißt es noch immer: „Wer das Wort verachtet, muss dafür büßen“, obwohl das hebräische chabal nichts mit „büßen“ im Sinne einer Besserungsstrafe zu tun hat und Luther 1545 „WEr das wort veracht / Der verderbet sich selbs“ sachlich richtig liegt (Zürcher: „Wer das Wort verachtet, erleidet Schaden“). Ähnlich steht in Sprüche 30,10 mit Luther 1956 noch immer „Verleumde nicht den Knecht bei seinem Herrn, dass er dir nicht fluche und du es büßen musst“ (Luther 1545 „Verrate den Knecht nicht gegen seinem Herrn / Er möcht dir fluchen / vnd du die schuld tragen müssest“), sowie in Sirach 23,24 [34] „Eine solche Frau wird man der Gemeinde vorführen, und ihre Kinder müssen’s büßen.“ (Luther 1545 „Diese wird man aus der Gemeine werffen / vnd jre Kinder müssen jr entgelten.“) […]

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