Hans Joachim Iwand – Von der christlichen Freiheit

Das Jahresthema der Lutherdekade für 2011 heißt „Reformation und Freiheit“. Da darf dann das hegelsche Missverständnis der Reformation gefeiert werden: „Dies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein.“ [G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1820), in: Ders., Werke in 20 Bänden, Bd. 12, Frankfurt a.M. 1970, 497] Was die Reformation und insbesondere Luther in Sachen christliche Freiheit wirklich zu sagen haben, dazu der knappe und immer noch äußerst lesenswerte Artikel von Hans Joachim Iwand [Eine englische Übersetzung findet sich hier: Iwand – On Christian Freedom (Lutheran Forum)]:

Hans-Joachim Iwand

Von der christlichen Freiheit

Von Hans Joachim Iwand

Das Auffallende und Besondere der christlichen Freiheit besteht darin, daß sie in einer Befreiungstat verankert ist, die Gott ohne unser Zutun am Menschen und für den Menschen vollzogen hat. Daß also etwas gesche­hen ist und geschehen mußte, um den Menschen den Zugang zur Freiheit zu erschließen. Darum kann man von der christlichen Freiheit nicht re­den, wenn man nichts erzählen darf von dieser Tat Gottes, die geschehen ist, um den Menschen zu befreien. Das ist anders als in der Philosophie. Und da die meisten einen philosophischen Freiheitsbegriff haben, so ver­wechseln sie diesen leicht mit dem, was christliche Freiheit bedeutet, denn die Philosophie und in ausgezeichneter Weise die Philosophie des deutschen Idealismus, die sich selbst als Philosophie der Freiheit verstan­den hat, gründet sich immer auf ein geschichtsloses Axiom, nämlich dar­auf, daß der Mensch von Natur aus frei ist.[1] „Der Mensch ist frei geschaf­fen, ist frei, und wär‘ er in Ketten geboren.“[2] Die Philosophie begründet die Freiheit des Menschen mit seinem Vermögen, zu denken und die Normen seines Handelns wie auch die der gesellschaftlichen und staatli­chen Ordnung autonom festzulegen.[3] Diese Freiheit meinen wohl auch die meisten unter uns, wenn sie heute dem Westen im Unterschied zum Osten die Freiheit als das höchste Gut seiner geistigen Welt zuschreiben. Das soll nicht bestritten werden — aber wir haben erfahren, wie schwach und ohnmächtig sich weithin unsere bürgerliche Freiheit erwiesen hat, als sie durch den totalen Staat und seine Machtentfaltung auf eine unerwarte­te Probe gestellt wurde. Dieses Versagen der Freiheitsidee in der Stunde [195] der Entscheidung — Versagen gerade auch bei den geistig führenden Schichten der Nation in hohen und niederen Schulen, in Gerichtsver­handlungen und Kabinettsentscheidungen — können wir nicht vergessen, und darum fehlt uns der Glaube an die Idee der Freiheit, deren Schwäche wir gesehen haben. Es gibt viele Erklärungen dafür; mehr oder weniger erklären wir uns dieses Versagen aus der Wandlung äußerer Umstände, aus der Schwäche demokratischer Institutionen, aus dem Mangel an sittli­chem Bewußtsein. Aber wir sollten einen Schritt weitergehen, wir sollten uns fragen, ob sich nicht an uns die Tatsache zu rächen beginnt, daß die Freiheitsidee von jener Befreiungstat Gottes am Menschen, seiner Tat in Jesus Christus, gelöst wurde, daß sie darum gegenüber der Macht der Sünde und des Todes so schwach und welk geworden ist; ob sie nicht dar­um ganz und gar „innerlich‘ geworden ist und zerbricht, sobald sie mit der Wirklichkeit des Lebens in Berührung kommt. Es geht uns mit dieser Freiheitsidee so wie mit einer Blume, die man von der Wurzel getrennt hat: sie duftet noch wie früher, sieht auch sehr schön aus, sie ziert noch das Zimmer, in dem wir leben, aber die Tage ihrer Schönheit sind ge­zählt, sie lebt nicht mehr aus der Wurzel, sie zieht ihre Kraft nicht mehr aus der Tiefe.

Das ist der große Unterschied in der Auffassung der Freiheitsidee, wie sie uns heute begegnet und wie sie weithin als protestantisch gilt, von der biblisch reformatorischen. Wenn Luther von der Freiheit eines Christen­menschen redet, so redet er davon als Zeugnis der Befreiungstat des drei­einigen Gottes. Er will nichts wissen von einer angeborenen Freiheit des Menschen, vielmehr, wenn er darauf zu sprechen kommt, so redet er — sehr zum Verdruß der Humanisten von damals — von einem unfreien Wil­len. Freiheit ist für Luther Gnade und nicht Natur. Daß wir sie verloren haben, liegt nicht an den äußeren Umständen, sondern liegt daran, daß wir Gott verloren haben, den Gott, der in Jesus Christus seinen Sieg er­wiesen hat über die Sünde und über den Tod [vgl. 1Kor 15,56f.]. Aber das ist noch nicht alles. Frei kann nach der Meinung der Reformatoren, die darin die Schüler biblischer Erkenntnis sind, nur der gerechte Mensch sein. Solange der Mensch ungerecht ist, solange er nicht bekleidet ist, an­getan, im Besitz der göttlichen Gerechtigkeit,[4] kann er nicht frei sein. [196] Und darum haben die Reformatoren in erster Linie nicht nach der Frei­heit gefragt, sondern nach der Gerechtigkeit, weil sie wußten, daß da, wo ein Mensch die Gerechtigkeit findet, die vor Gott Bestand hat, da findet er auch zugleich die Freiheit. Sie ist sein Weltverhältnis, wenn man es so sagen darf, seine große, wunderbare Weltüberlegenheit.

Es mag sein, daß wir uns diesen Menschen kaum noch vorstellen kön­nen, der die Gerechtigkeit des Glaubens als die Wurzel der Freiheit er­kannt hat. Aber ganz zufällig dürfte es nicht gewesen sein, daß mit der Entdeckung der Glaubensgerechtigkeit jenes große, die Welt verwan­delnde, im positiven Sinne umgestaltende Handeln der Freiheit Hand in Hand ging. Es waren in der Tat Menschen, die aus der Gerechtigkeit des Glaubens etwas gelernt hatten, was wir zumeist nicht mehr können, nämlich anzutreten zu einem Kampf gegenüber den Mächten des Bösen und des Todes. Ihre Freiheit bestand nicht darin, daß sie sich ihrer Auto­nomie rühmten, sondern daß sie im Dienste ihres Befreiers, als Mitarbei­ter Gottes, an seinem Sieg teilnahmen. Sie wußten, daß Gott den Men­schen nicht befreit, um ihn sich selbst zu überlassen; denn das ist ja im wesentlichen seine Unfreiheit, daß er sich selbst überlassen bleibt. Son­dern daß Gott ihn befreit, um ihn in seinen Heerbann einzuordnen, da­mit, wie der junge Luther einmal sagt, er nun gegen die Mächte und Ge­walten streiten kann, die eben noch seine Zwingherren gewesen sind.[5] Die Freiheit des Christen negiert also notwendigerweise die Welt, wie sie [197] ist, und führt eine neue Welt herauf, die Gott im Sinne hatte, als er seine Befreiungstat in Jesus Christus vollzog.

Luther selbst hat diese Freiheit gern so dargestellt, daß der Mensch teil­nimmt an den Machtvollkommenheiten Jesu Christi, und Er teilnimmt an unserer Schwachheit, daß kein Mensch mehr außer Christus sich selbst kennt und versteht, daß es die Lüge aller Lügen ist, das Wesen alles Un­glaubens, wenn der Mensch seine Freiheit, die wirklich seine Freiheit ist, in sich selber sucht und nicht von Gott her nimmt und im Dienste Gottes gebraucht. Das andere, was so bezeichnend ist für Luthers Gedanken von der Freiheit, dürfte wohl darin liegen, daß dieser Mensch die Fähigkeit gewinnt, eben aus solcher Freiheit heraus sich selbst zu verwandeln und ein Diener der anderen zu werden. Seine Gerechtigkeit steht nicht über den Ungerechten, sondert sich nicht mehr ab von ihnen, sondern sucht sie, hilft ihnen und verwandelt sie. So auch seine Klugheit, seine Kraft, seine Würde, seine Ehre. Alles verwandelt sich in die „fremde“ Gestalt, alles dient, alles macht den anderen selbst frei und gerecht und klug und gibt ihm seine Ehre wieder und wandelt so ständig den Zustand dieser Welt. Man könnte sagen, die so von Gott befreiten Menschen gehen durch die Gefängnisse und haben einen Schlüssel in die Hand bekom­men, um die Zellen ihrer Mitgefangenen aufzuschließen. Sie bleiben im Gefängnis, aber sie verwandeln das Gefängnis in eine Stätte, in der Gottes Befreiungstat wirklich wird.

Das war, wenn ich es recht verstehe, die Wirklichkeit der Freiheit für die reformatorischen Menschen, das ist sie wohl auch für uns. Die christ­liche Freiheit ist nicht eine Sache, deren wir uns rühmen können im Ver­hältnis zu Gott, wie das in der modernen Welt geschehen ist. Unser Ver­hältnis zu ihm heißt nicht Freiheit, sondern heißt Gerechtigkeit und Gna­de. Freiheit ist das Verhältnis, in dem wir als die von Gott Befreiten, als die aus Gnade gerecht Gesprochenen, der Welt begegnen dürfen, um selbst mitzuwirken, damit alle es wissen: Der Riegel unseres Gefängnis­ses ist hinweggetan, Christus ist Sieger, wir können aufstehen vom Schlaf [vgl. Röm 13,11], wir können die Ketten von uns werfen, wie Lazarus seine Binden [vgl. Joh 11,44], und hinausgehen aus dem Grab der Todes­welt in den Morgen der Freiheit der Kinder Gottes [Röm 8,21].


[1] Vgl. zur Freiheit als Postulat in der Begründung praktischer Vernunft I. Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788), A 58f. — Siehe dazu auch H. J. Iwand, Studien zum Pro­blem des unfreien Willens (1930), wieder abgedruckt in: Ders., Um den rechten Glauben, München 1959, S. 31-61, hier S. 39.

[2] Aus Fr. von Schiller, Die Worte des Glaubens (1797):
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei
und würd er in Ketten geboren!

[3] Wird Freiheit vom Wesen des Denkens her bestimmt, so erklärt sich aus ihr — nach Ansicht Fichtes, Hegels und Schellings — die menschliche Selbstbestimmung.

[4] WA 40/I,541, 32-35, zu Gal 3,27: „Docet ergo Paulus baptismum non signum, sed indumentum Christi, imo ipsum Christum indumentum nostrum esse. Quare baptismus potentissima ac efficacissima res est. Ubi vero induti sumus Christum, indumentum iustitiae et salutis nostrae, tum etiam induemus Christum vestimentum imitationis.“
„Paulus lehrt also, daß die Taufe nicht ein Zeichen sei, sondern ein Anziehen Christi, ja sogar, daß Christus selbst unsere Kleidung sei. Darum ist die Taufe eine äußerst gewaltige und wirksame Sache. Wo wir aber wahrhaft mit Christus bekleidet sind, als dem Kleid un­serer Gerechtigkeit und unseres Heils, da ziehen wir auch Christus an als Kleid der Nach­folge.“

[5] Vgl. Rm II,179,2-8 = WA 56,350,12-17, zu Röm 7,17: „Quocirca qui ad confessio­nem accedit, non putet se onera deponere, ut quietus vivat, sed sciat, quod onere deposito ag­greditur militiam Dei et aliud onus subit pro Deo contra diabolum et vitia sua domestica. Quod nisi sciat, cito recidivet. Ideo qui non intendit deinceps pugnare, ut quidpetit absolvi et ascribi militie Christi?
„Wer daher zur Beichte geht, möge nicht glauben, er lege dort Lasten ab, um in Ruhe le­ben zu können, sondern er wisse, daß er damit, daß er die Last abgelegt hat, den Kriegs­dienst Gottes antritt und eine andere Last auf sich nimmt für Gott wider den Teufel und sei­ne eigenen angestammten Fehler. Weiß er das nicht, wird er einen schnellen Rückfall erle­ben. Wer darum nicht entschlossen ist, fortan zu kämpfen, wozu bittet er dann, absolviert und dem Heerbann Christi zugeschrieben zu werden?“
Vgl. zur Befreiung von der Herrschaft des Gesetzes und der Sünde auch Rm II, 159, 23f. = WA 56,329,14f., zu Röm 6,14, sowie zur Metapher vom Kriegsdienst WA 2,584, 29, zu Gal 5,16, und WA 8,123,6. Rationis Latomianae confutatio. 1521.


Erstmals erschienen als Nachwort zu: M. Luther, Von der Freiheit eines Christen­menschen, Bielefeld, Ludwig Bechauf Verlag 1953, S. 55-63.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Glaubensgerechtigkeit. Gesammelte Aufsätze 2, hg. v. Gerhard Sauter, München 1980, 194-197.

Hier der Text als pdf.

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