Predigt über Matthäus 24,1-14 aus Anlass der Erdbeben- und Reaktorkatastrophe in Japan

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Predigt im Gottesdienst am Sonntag Reminiscere, 20. März 2011 in der Martin-Luther-Kirche

Liebe Schwestern und Brüder,

da liegt nun eine Woche hinter uns. Am vergangenen Sonntag hatten wir zu Beginn des Gottesdienstes für die Opfer von Erdbeben und Tsunami gebetet; und in unserem Gebet fiel schon das schreckliche Wort „Super-Gau“: „Wir bitten darum, dass der nukleare Super-Gau abgewandt werden kann, dass Land und Wasser nicht radioaktiv verstrahlt werden.“ Das war nun eine Woche des Ringens und Bangens mit den Menschen in Japan, mit stündlich neuen Nachrichten, die immer wieder neues Entsetzen auch bei uns ausgelöst hatten. Da haben sich in dieser vergangenen Woche mehr als nur eine Handvoll Vöhringer jeden Tag bei uns in der Martin-Luther-Kirche zum abendlichen Bittgebet eingefunden. Mitten unter der Woche waren die Reihen hier voll. Und die Orgel wusste die bedrückende Stimmung aufzunehmen. Wir waren an den Geschehnissen dran, und wir haben als evangelische Gemeinde gezeigt, dass wir beten können. Ich bin stolz auf euch. Ihr habt mit eurer Teilnahme gezeigt, dass menschliches Unheil und Lebensgefahr in anderen Teilen der Welt hier bei uns nicht einfach nur zur Kenntnis genommen oder gar ignoriert wird. Da war kein gottloses Stoßseufzen zu hören: „Gott sei Dank nicht bei uns“.

Nach dieser Woche Beten fühle ich mich ermüdet und ausgelaugt. Und doch scheint es ja Hoffnungszeichen in Japan zu geben. Vielleicht war ja das Beten doch nicht vergeblich. So haben wir das abendliche Bittgebet für Japan für die nächsten Tage ausgesetzt, in dem Bewusstsein jedoch, dass bei möglichen neuen, alarmierenden Nachrichten aus Japan wir jederzeit uns in dieser Kirche wieder einfinden werden. Dem Schicksal werden wir uns auch in Zukunft nicht geschlagen geben.

Am letzten Donnerstag hat unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung im Bundestag im Bezug auf Japan gesagt: „Die Katastrophe in Japan hat ein geradezu apokalyptisches Ausmaß“. Was sie damit gemeint hat, erschließt sich im Evangelium, wo Jesus Christus seinen Jüngern ankündigt: Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen. (Mt 24,6-8)

Ja, in der Bibel finden sich dramatische Voraussagen für die Zukunft, wo die ganze Schöpfung in Mitleidenschaft gezogen wird. Da regnet es Feuer vom Himmel, da verfinstern sich Sonne und Mond, da verheeren Kriege die Länder, die zittert und bebt die ganze Erde, da reißt die Erde auf, da spuken Vulkane Feuer und Asche.

Wer von Apokalypse spricht, scheint den Weltuntergang zu meinen. Und den können sich Menschen mit ihrem Kopfkino drastisch ausmalen. Da weiß Hollywood mit Steven Spielberg oder Roland Emmerich ganze Filmleinwände damit zu füllen. Kommt es zum Weltuntergang oder nicht? Können wir ihn doch noch abwenden?

Wer so von Apokalypse redet, verfehlt jedoch das biblische Zeugnis. Denn Apokalypse steht für „Enthüllung“ bzw. „Offenbarung“. Das griechische Wort „apokalypsis“ findet sich zu Beginn des letzten biblischen Buches, die ja „Die Offenbarung des Johannes“ betitelt ist. Und in der Tat werden dort kommende Katastrophen aus einer Himmelsschau heraus geschildert. So hat sich also das Wort „Apokalypse“ an Katastrophen festgemacht.

Aber wenn wir beim biblischen Zeugnis bleiben, dann steht Apokalypse nicht für den Weltuntergang, sondern für eine zugegebenermaßen katastrophale Enthüllung Jesu Christ, so wie es nämlich zu Beginn der Offenbarung ausgesprochen ist: „Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm der Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll.“ (Offb 1,1)

Das Ziel dieser Offenbarung Jesus Christi ist nicht etwa der Weltuntergang, sondern die Neuwerdung von Himmel und Erde – in der Gemeinschaft und Gegenwart des dreieinigen Gottes. Da geht es um das göttliche Zuhause für die Schöpfung. Man könnte auch von einer Neugeburt sprechen, schließlich bezeichnet Jesus die Katastrophen wie Hungersnöte und Erdbeben als den „Anfang der Wehen“ (Mt 24,8). Als wenn die irdischen Katastrophen die Gebärschmerzen eines neuen Himmels und einer neuen Erde wären.

Die Apokalypse Jesu Christi ist eine weltergreifende Kampfansage gegen falsche Sicherheiten und todgeweihten Herrschaften, all das, worauf sich Menschen in ihrem Leben verlassen. Da wird die Schöpfung in Mitleidenschaft gezogen, und zwar in solch drastischer Weise, dass eben kein einfaches Weiterleben mehr geben kann. Und zugleich spannt sich unsere Lebenszukunft in einer ganz neuen Weise auf. Denn das Leiden und Sterben Christi hat den Weltuntergang durchbrochen. Wir schauen auf das Kreuz und hören sein „Es ist vollbracht!“ Sünde und Tod sind durch seinen Tod besiegt, der schicksalhafte Weltuntergang hat nicht das letzte Wort.

Im Angesicht des Kreuzes verlassen wir Christen uns eben nicht darauf, dass es mit uns, mit unserer Familie, mit unserem Land oder gar mit der Welt irgendwie weitergeht. Wir verlassen uns nicht auf die unbestimmte Zukunft, sondern vertrauen darauf, dass durch alle Katastrophen hindurch die Offenbarung Jesu Christi das letzte Wort haben wird, wie es ja am Ende der Bibel heißt: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und der Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb 21,1-4)

Wir haben am letzten Donnerstag und Freitag auf der Wiese hinter dem Parkplatz fünf Obstbäume gepflanzt. Da mag manchem der Spruch einfallen: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der Spruch stammt zwar nicht von Martin Luther, wie so oft behauptet, aber er spricht dennoch für das Vertrauen, das wir Christen für die Zukunft haben dürfen. Wir haben nichts verloren und werden auch nichts verlieren, was nicht schon längst durch Christus gewonnen ist.

Amen.

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