Man höre doch mal dem Heiland zu

Sermon On The Mountwith the Healing of the Leper
Cosimo Rosselli, 1481

Cosimo Roselli – Bergpredigt (1481)

In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist folgender Artikel von mir erschienen:

Man höre doch mal dem Heiland zu

Ein Bündnis mit der Islamkritik würde die Kirchen diskreditieren. Christen müssten hinnehmen, dass sie Minderheit sind. Die christliche Toleranz hat die Gestalt des Kreuzes.

Von Jochen Teuffel

Das Christentum in Europa hat ein existentielles Problem. Es ist nicht etwa die fortschreitende Säkulari­sierung der Gesellschaft oder deren ver­meintliche Islamisierung. Die Existenzbe­drohung besteht vielmehr darin, dass dem eigenen Namensgeber mit seiner Bot­schaft und seinem Werk nicht wirklich ge­glaubt wird. Anders als der ungläubige Thomas will man nicht die Finger in die of­fene Seitenwunde legen und damit Vertrau­en zum gekreuzigten und auferstandenen Christus fassen.

Die Provokation des christlichen Glau­bens besteht im letzten Wort Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht (tetelestai)!“ Der stellvertretenden Lebenshingabe des Got­tessohnes ist menschlicherseits nichts hinzuzufügen. Was für Christen zu tun bleibt, ist die gottesdienstliche Feier des Pascha-Mysteriums Christi, das missionarische Na­menszeugnis sowie der Dienst am fremden Nächsten. Im Übrigen gilt Toleranz, was nichts anderes heißt, als „Zuwiderliches“ zu ertragen, weil man es weder abwenden noch ignorieren oder gar für sich akzeptie­ren kann.

Am Kreuz Christi manifestiert sich die­se passionierte Toleranz handgreiflich – im wahrsten Sinne des Wortes. Folgerich­tig schärft Jesus seinen Jüngern die Nach­folge im Martyrium mit den Worten ein: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s er­halten“ (Markus 8,34f). Die Bibel sieht für Christen einen Minderheitsweg vor, wo es Verleumdungen, Verfolgungen, ja sogar Gewaltleiden wegen der eigenen Christus­bindung auszuhalten gilt: „Alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Ver­folgung leiden“ (2 Timotheus 3,12).

Mit gutem Grund spricht Martin Luther in seiner Konzilsschrift (1539) von der Verfolgung als einem der sieben Kennzeichen des Christentums: „Zum siebenten er­kennt man äußerlich das heilige christliche Volk an dem Heiligungsmittel des heiligen Kreuzes, dass es alles Unglück und Verfol­gung, allerlei Anfechtung und Übel vom Teufel, von Welt und Fleisch leiden muss, damit es seinem Haupte, Christus, gleich werde.“ Selbst in der eigenen Gesell­schaft haben nach Luther Christen einen Hass zu erleiden, der bitterer ist als derje­nige, der Juden, Heiden und Türken entge­genschlägt. Sie müssen „die schädlichsten Leute auf Erden heißen, so dass auch die einen Gottesdienst tun, von welchen sie erhenkt, ertränkt, ermordet, gemartert, verjagt, gequält werden; und doch nicht deshalb, weil sie Ehebrecher, Mörder, Diebe oder Schälke sind, sondern weil sie Christus allein und keinen andern Gott haben wollen“.

In der Tat, das „Wort vom Kreuz“ (1 Ko­rinther 1,18) ist für Christen eine kaum er­trägliche Zumutung. Mit ihm lässt sich in der eigenen Gesellschaft kein Staat ma­chen. Aber das ist es ja, was Jesus im Ver­hör gegenüber dem Statthalter Pilatus für sich und seine Jünger abgelehnt hat: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen.“ (Johan­nes 18,36) Das Zeichen des Immanuel – „Gott mit uns“ (siehe Matthäus 1,22f) – hat auf Koppelschlössern nichts verloren. Die kruziforme Dialektik einer göttlichen Herrschaft in weltlicher Ohnmacht versagt sich jeglicher Staatsräson. Genau dar­in aber erschließt sich für Christen die Le­gitimität des säkularisierten Staates.

In der Auseinandersetzung um die ge­sellschaftliche Anerkennung des Islam in Deutschland ist häufig von einer christli­chen Leitkultur die Rede. Wo damit ein abendländisch-christlicher Gesinnungs­vorbehalt gegenüber Muslimen ins Spiel gebracht werden soll, ist dies der sichers­te Weg, das Evangelium und das Kreuz Christi gesellschaftlich zu diskreditieren. An Stelle der kruziformen Toleranz tritt hier ein menschenmächtiger Religionsan­spruch, der mit politischen Mitteln außer­halb des persönlichen Glaubens geltend gemacht wird. Da mögen sich für wertkon­servative Christen kurzfristig Allianzen mit kirchendistanzierten oder gar atheistischen Islamkritikern ergeben. Auf Dauer kann jedoch die Propagierung einer abendländisch-christlichen Erbengemein­schaft nicht anders denn als „postsäkula­rer“ Versuch verstanden werden, eine par­tikulare, kirchliche Traditionsbindung ge­sellschaftspolitisch nachzubilden.

Ist im Namen christlicher Werte ein ge­samtgesellschaftlicher Anspruch auf Ein­schluss neu gestellt, wird damit unweiger­lich das kollektive Gedächtnis an das voraufklärerische Corpus Christianum ge­weckt. Gegen die imaginierte Restaurati­on einer religiös motivierten Sozialdiszi­plinierung steht noch einmal das Pathos bürgerlicher Freiheit und Selbstbestim­mung auf dem Panier. Was in Deutsch­land als Religionskritik gegen den Islam geltend gemacht wird, trifft langfristig die Kirchen. So kann die gegenwärtige Is­lamdebatte nur die Entwicklung hin zu ei­nem laizistischen Staat befördern, was ei­ner Verdrängung der Kirchen aus der Öf­fentlichkeit gleichkäme.

Weiterhin macht ein abendländischer Kulturvorbehalt die christliche Mission gegenüber Muslimen in Europa praktisch unmöglich. Wer religiöse Gesinnungsassi­milation – und nicht etwa Gesetzesloyali­tät – als Vorleistung für eine gesellschaftli­che Integration verlangt, kann nicht gleichzeitig die Lebenshingabe Christi am Kreuz als Erlösungstat bezeugen. Nur aus einer toleranten Minderheitsposition heraus, bei der außerhalb persönlicher Be­kehrung eben kein gesellschaftlicher An­spruch auf Einschluss erhoben wird, bleibt das eigene christliche Zeugnis glaubwürdig. Insofern sind gerade staatli­che Religionsneutralität und Religions­freiheit Garanten dafür, dass man in der betreffenden Gesellschaft die Christusbot­schaft als lebensentscheidend zwanglos ins Spiel bringen kann.

Das kirchliche Christentum tut sich im­mer noch schwer mit einer Minderheits­position. Religiöse Pluralisierung sowie zunehmende Kirchendistanz machen schließlich dem eigenen, vermeintlich an­gestammten Status in der Gesellschaft zu schaffen. Da scheint es nahezuliegen, reli­giöse Geltungsansprüche kulturell zu ver­teidigen. Ein religiöser Konservativis­mus, der auf Kulturbewahrung setzt, ist je­doch eine heillose Angelegenheit. Was für Christen Hoffnung und Zuversicht er­möglicht, ist allein der Rückblick auf das Kreuz. Die Kreuzesbotschaft Jesu „Es ist vollbracht!“ stellt nämlich die gesell­schaftliche Gegenwart unter einen escha­tologischen Vorbehalt. Da mag es eine zu­nehmende religiöse Pluralisierung geben, da mögen sich kirchliche Milieus weiter auflösen, da scheinen immer weniger Menschen noch richtig an Gott zu glau­ben; und doch betrifft all dies die gott­menschliche Heilstat am Kreuz nicht im Geringsten.

Christen haben nichts zu verlieren, was nicht schon längst in Christus gewonnen ist. Was am Kreuz vollbracht ist, der Sieg über Sünde und Tod, wird dem biblischen Zeugnis zufolge am Ende der Weltzeit in der Wiederkunft Christi allumfassend gel­tend gemacht. Wer dieser Zusage glaubt, für den ist die eigene Toleranz eben kein resignatives Sichabfinden mit einer plura­listischen Schicksalsgemeinschaft. Im Glauben an das „Es ist vollbracht!“ entge­hen Christen vielmehr einer bürgerlichen Identitätsfalle, wo sich eigene Lebens- be­ziehungsweise Todesangst in gesellschaft­lichen Untergangsprophetien – „Deutsch­land schafft sich ab“ – zur Sprache bringt. Stattdessen hat das Zeugnis des Apostels Paulus das letzte Wort: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Ge­genwärtiges noch Zukünftiges, weder Ho­hes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (Römer 8,38f).

Jochen Teuffel ist evangelischer Gemeindepfarrer in Vöhringen/Iller. 2009 veröffentlichte er das Buch „Mission als Namenszeugnis – Eine Ideologiekritik in Sachen Religion“.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, Nr. 91, Montag, 18. April 2011, Seite 28.

Der Text zum Downloaden: Teuffel – Man höre doch mal dem Heiland zu (FAZ)

Und hier der Text auf FAZ.NET.

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4 Antworten to “Man höre doch mal dem Heiland zu”

  1. Johannes Fischer Says:

    I like. I like a lot. Außerdem schießt sich der Christ mit einer Kritik am Islam letzlich selbst ins Bein. Gerade wir Gläubigen sollten eigentlich zusammenhalten. Wir Christen sollten nicht nur Verständnis, sondern Fürbitte und Fürsorge für eine Religion empfinden, die Menschen in der Fremde Kraft, Trost und Halt gibt. Dies gilt besonders, wenn wir jetzt so langsam ins 500. Jubiläum der Reformation – mit all ihren Kriegen und all ihrer Intolleranz – eintauchen.

  2. Marti Says:

    Ich müsste mich beherrschen, dass ich nicht kotzen muss, als ich Ihren Artikel gelesen habe. Der ganze Artikel ist nicht nur widerlich, sondern auch eine trauriges Beispiel geistiger Verwirrung und des Verlusts jeglicher Orientierung.

  3. Jesuitenschüler Says:

    Wieder mal dieses Rumgeeiere und Anbiederei!

    Für mich als Chrfist ist der Sachverhalt ganz einfach und klar: Ein „Gott“, der sich einen Massenmörder und Kinderschänder (historisch zu 100% erwiesen) wie Mohammed als „Propheten“ aussucht und zudem Islam = Unterwerfung verlangt, der kann nur von der dunklen Seite, als SATANISCH sein.

    Jesus Christus wollte die freie Entscheidung und das Befolgen seiner Lehre, was sicher keine Unterwerfung im Sinne des Islam ist.

    Wenn Theologen sich dem (als Umma = Staatssystem) verbrecherischen Islam derart anbiedern, dann sollen Sie sich nicht wundern, wenn Sie einges Tages im Folterkeller des Islam aufwachen.

    Die Toten von Hainburg und Wien rotieren im Grab!

  4. Jesuitenschüler Says:

    „eigene Lebens- be­ziehungsweise Todesangst in gesellschaft­lichen Untergangsprophetien – „Deutsch­land schafft sich ab“ – zur Sprache bringt“

    Was für ein Unsinn! Waren Sie mal in den mohammedanischen No-go Areas in Berlin, Bochum, Duisburg etc?!

    Wo das „Recht“ der Gewalt und der Scharia – der brutalen Rache und Vergeltung gilt. Wo sich deutsche Polizei nur noch in Hundertschaften reintraut!

    Es wird seit 150 Jahren ein Krieg gegen die Kraft des Deutschen Volkes geführt (siehe Zitat Churchill, der großte Deutschen-Mörder sagte klar, der Krieg geht nicht gegen Hitler, sondern gegen die Kraft des Deutschen Volkes), deren größter Erfolg erst die Installation der nationalen Sozialisten und danach der internationalen Sozialisten in der SBZ war.

    Alles basierend auf dem gläubigen Satanisten Karl Marx. Was gern unterschlagen wird.

    Heute installieren genau diese Freimaurer (= Satanisten) und Zionisten (deren Gott heißt „El Shaddai“, Tarnname JHWE) Millionen türkischen Proletariats (die in Istanbul nieman will) und krimineller Araber in D./A. um weiter diese Wirkung zu erzielen.

    Christ sein heißt nicht, sich wehrlos von anderen vernichten zu lassen.

    Jesus war streithaft für Seine Sache. Nur wenn Deutsche sich wehren, wenn man ihre Identität zerstört, dann ist das natürlich falsch.

    Nee, Herr Pastor, da ist mir im Vergleich ein Bischof Williamson wesentlich sympathischer als Ihre Anbiederei! Der spricht mutig aus, was Sache ist. Und auch der von mir sehr geschätzte „Bruder Martin“ war kein Opportunist und Dukmäuser, wie offensichtlich Sie es sind. Man lese mal, was er gegen die heute Nicht-Kritisierbaren schrieb. Heute wäre Martin Luther deshalb schon längst im Knast.

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