Hoffnung für Sarrazin – Deutscher Pfarrer predigt Deutsch, zumindest an Ostern!

Darstellung des Auferstandenen von Albin Egger-Lienz, 19231924

Darstellung des Auferstandenen von Albin Egger-Lienz, 1923/1924

Am letzten Samstag ist von Thilo Sarrazin ein Leserbrief in der FAZ bezüglich meiner Passionsandacht „Man höre doch mal auf den Heiland“ erschienen. Er beklagt sich darüber, dass er fast nichts verstanden habe. Das irritiert mich schon ein wenig. Schließlich war mein Artikel mit Herrn- und anderen Bibelworten gespickt. Muss man also annehmen, dass Herr Dr. Sarrazin kein Verständnis für den O-Ton des Evangeliums Jesu Christi hat? Zugegeben enthält mein Artikel höchst verdichtete Passagen, die alles andere als leicht bekömmlich sind. Solche Formulierungen sind freilich dem Genre (und der obligatorischen Limitierung auf 8000 Zeichen) geschuldet. Nur wenn man als Novize ein gewisses Reflexionsniveau demonstriert, darf man im Feuilleton der FAZ auch die ganz einfache bibelfromme Sprache anführen. Und die zählt schlussendlich für mich. Da bin ich unverschämt naiv – wie es sich ja für die Kinder Gottes gehört. Nun hat Sarrazin am Ende seines Leserbriefes die Befürchtung geäußert, solche Pfarrer wie ich würden die Kirche leerpredigen. Hier also der Gabeltest – meine aktuelle Osterpredigt:

Liebe Mitchristen,

darf ich euch bitten aufzustehen. Gute Nachricht für Euch: Jesus ist auferstanden von den Toten. Wir Christen stehen dazu. Heute können wir schwerlich Sitzenbleiber sein.

Der göttliche Aufstand gegen den Tod hat gesiegt. Die Grabesruhe ist vorbei. Uns hält es nicht mehr auf den Bänken. Man stelle sich vor, Bayern München gewönne am kommenden Samstag zuhause gegen Schalke 04 und beim entscheidenden Siegestor bliebe Uli Hoeneß und Karlheinz Rummenigge einfach auf der Ehrentribüne sitzen – als gäbe es nichts zu feiern oder zu jubeln.

Am Karfreitag waren wir noch Schwarzseher, aber am heutigen Ostersonntag sehen wir Licht, sonnenklar. Unser Gotteslob stimmt sich ein: „Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ (Ps 36,10) Für uns heißt Ostern der göttliche Sieg über den Tod, der uns mit Leib und Seele mitnimmt. Also ist Jubeln und Freude angesagt; die Trompete stimmt an, das große Finale der Passion ist gewonnen: Man hat Christus am Kreuz das Leben genommen, aber er hat an Ostern für uns das Leben gewonnen. Halleluja!

Wir haben Leben neu gewonnen und müssen nicht länger mitzittern, wie bei einem Fußballspiel. Bei einem Turnier mag sogar von einem Endspiel die Rede sein. Aber danach beginnt alles wieder von vorn. Fußballsiege können nicht bewahrt werden (nur die Pokale in der Vitrine); im nächsten Jahr kann ja ganz unerwartet gar der Kampf um den Abstieg anstehen. Im Fußballsport gibt es ein auf und ab, über das Jahr verteilen sich Siege und Niederlagen. Sobald man sich mit einer Mannschaft identifiziert, also ein Fan ist, macht man mit dieser Mannschaft alles mit. Mitleidenschaft gezogen. Und für dieses Jahr müssen sich ja die Bayern-Fans abfinden, dass da keine Meisterschale mit der Mannschaft auf dem Rathaus-Balkon in München präsentiert wird.

Beim Ostersieg erübrigen sich weiteres Zittern und Beben, das Spiel des Lebens ist entschieden. Der göttliche Aufstand gegen den Tod ist gewonnen, und die, die da mit hineingezogen sind, sind dem Abstieg entkommen. Der Ostersieg überwältigt unser Leben, deshalb reißt es uns mit.

Ging es bei diesem Sieg mit rechten Dingen zu? Da lassen wir auch die Skeptiker zu Wort kommen. Rein physikalisch betrachtet ist eine irdische Auferstehung aus dem Tod unmöglich. Kein Mensch lebt doch nach dem Tod weiter. Wie wahr, meine Herren. Christus ist nicht auf natürliche Weise von den Toten auferstanden, so wie die meisten von uns es ja nach einem Nachtschlaf aus unserem Bett hinkriegen.

Der Ostersieg ist kein Verdienst der Natur; er lässt sich nicht in irgendeinem Forschungslabor reproduzieren. Am Ostersonntag bleiben die medizinischen Labors an den Uni-Kliniken geschlossen. Da müssen wir uns nicht an der ganz natürlichen Heilwerdung der Menschen versuchen. Wer sich auf die Natur verlässt, wird zum Tor. Evolution kennt keinen Sieg, sondern nur Weiterentwicklungen durch Absterben und Nachgeburten.

Die Neuschaffung des Lebens an Ostern verdankt sich dem Gott, der eben nicht der vergänglichen Natur unterworfen ist. Der dreieinige Gott hat seinen Sohn aus dem Rachen des Todes gerettet. Im Introitus haben wir mit dem Kirchenchor den österlichen Siegesruf angestimmt:

15 Man singt mit Freuden vom Sieg /
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des HERRN behält den Sieg!
16 Die Rechte des HERRN ist erhöht;
die Rechte des HERRN behält den Sieg!
17 Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des HERRN Werke verkündigen.
18 Der HERR züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
(Ps 118)

Göttliche Treue rettet schlussendlich. Der HERR ist mit seiner Treue stärker als Gevatter Tod. Ja, dem Tod fallen wir ja in den Schoß, er kriegt uns umsonst. Aber er kann uns doch nicht für sich behalten. Der Tod muss an Ostern uns rausrücken.

Der letzte Versuch den Ostersieg unglaublich werden zu lassen, sind die gedanklichen Nebelkerzen. Da soll die Auferstehung Jesu gespenstisch erscheinen. Als wäre den Jüngern nur ein Geist eines Verstorbenen aus dem Jenseits erschienen. Das Ganze also ein Spuk, der uns einen religiösen Schauer über den Rücken kommen lässt. Aber an Ostern wird hier auf Erden keine Geisterbahn errichtet, wo wir mit Schreckgespenstern bedient werden und am Ende der Fahrt hübsch wieder aus unserem Wägelchen steigen – um weiter in den Rummel des Lebens einzutauchen, uns mit Zuckerwatte und anderen katapultartigen Fahrwerken zufrieden zu geben oder in einem bierseligen Festzelt zu verhocken. Das sind jahrmarktliche Aussichten, die an Ostern nicht wirklich gelten.

Gespenster gibt es nicht. An Ostern zeigt sich der Auferstandene in Fleisch und Blut: „Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.“ Fasst mich an – er ist für seine Jünger zu begreifen, auch wenn sein Fleisch und Knochen nicht mehr todesfällig sind. An Ostern ist der göttliche Aufstand gegen den Tod gewonnen. Und wir bleiben dabei: Christus ist auferstanden von den Toten; er hat den Tod durch den Tod besiegt und denen im Grab das Leben gebracht. Wir werden mit Christus auferstehen.

Diesen Sieg bleibt über das ganze Jahr hin unvergessen, deswegen sind wir jeden Sonntag neu in der Kirche versammelt. Jeder Sonntag ist ein kleiner Ostertag: Christus auferstanden. Die Kirche braucht ihren Laden nicht dicht machen.

Die Siegesbotschaft bleibt in unser eigenes Leben einschreiben. Schließlich sind wir ja schon in der Taufe mit Christus in den Tod begraben. Der göttliche Aufstand gegen den Tod gilt Dir. Der Heilige Geist, der mit dem Vater und dem Sohn untrennbar verbunden ist, richtet dich schon jetzt neu auf. Ostern richtet dich neu auf, selbst dort, wo du selbst nicht aufstehen kannst.

Ostern richtet Menschen auf, die Angehörige mit aller Geduld und Liebe begleiten und die oft am Ende ihrer Kräfte sind: Du stehst mit Christus auf!

Ostern richtet Menschen auf, die es im Berufsleben schwer haben, die dem Konkurrenzdruck unterliegen oder gar ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Osterzusage steht: Du stehst mit Christus auf!

Ostern richtet Menschen auf, die an einem Tumor leiden, wo die Zukunft ihres irdischen Lebens im Sterbensdunkel liegt. Du stehst mit Christus auf!

Ostern richtet Menschen auf, die trauern, nach dem Tod des Lebenspartners, nach einer zerbrochenen Beziehung. Für all die Niedergeschlagenen gilt die Osterzusagen: Du stehst mit Christus auf!

Ostern richtet Menschen auf, die einsam sind und sich selbst als ungeliebt erfahren. Die Zusage steht: Du stehst mit Christus auf.

Ostern richtet junge Menschen auf, die noch nicht wissen, in welche Richtung ihr Leben gehen wird, all diejenigen, die auf der Suche nach Anerkennung und Liebe nicht fündig werden: Du stehst mit Christus auf.

Ostern richtet dich auf. Ja. Der göttliche Aufstand ist gewonnen. Du stehst mit Christus auf! Dem dreieinigen Gott sei Dank.

Amen.

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Eine Antwort to “Hoffnung für Sarrazin – Deutscher Pfarrer predigt Deutsch, zumindest an Ostern!”

  1. Daniel Says:

    🙂

    Was ich jetzt aber schon noch wissen will: Ist die Gemeinde wirklich aufgestanden?!?!!!

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