Kirche als liturgische Spielgemeinschaft

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Der katholische Religionsphilosoph Romano Guardini hat in seinem Buch „Vom Geist der Liturgie“ (1919) in gedankenprovozierender Weise von Liturgie als von einem „heiligen Spiel“ gesprochen. Im Unterschied zu einem Werk sucht solch ein Spiel nichts über sich hinaus zu bezwecken. Im Zentrum dieses heiligen Spiels steht die erinnernde Vergegenwärtigung des Pascha-Mysteriums, Christi Heilstat in Tod und Auferstehung, wie er es im letzten Abendmahl seinen Jüngern aufgetragen hat: „Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ (Lukas 22,19) In ihrer Eigensinnigkeit produziert die Liturgie keinen Sinn als ein konvertibles Gut, das herausgenommen und veräußert werden kann. Darin gleicht sie eben einem Spiel, das Menschen als Mitspielende in das Geschehen hineinzunehmen sucht. Während Schaulustige außen vor bleiben, wird für Christen das heilige Spiel eine sie übertreffende Wirklichkeit, derer sie in der „Gestaltgemeinschaft mit Christus“ (Richard Schaeffler) teilhaftig werden.

Kirche als liturgische Spielgemeinschaft enthält eine Absage sowohl an subjektive Sinnentwürfe als auch an einen weltanschaulichen Universalanspruch des Christentums. In der Theorie geschieht nichts. Stattdessen wird die Partikularität eines Spiels mit all den damit verbundenen Begrenzungen betont. Regeltreue und Können sind unabdingbar, andernfalls kann das heilige Spiel nicht stattfinden. Deshalb müssen Christen als Mitspielende den besonderen Wort-Schatz dieses Spiels erlernt haben und in dessen Sprachregeln eingeführt worden sein. Weiterhin ist eine besondere christliche Lebensform geboten, die Menschen gemeinschaftsfähig mit dem Heiligen hält. Christliche Mission schließlich ist nichts anderes als Außenstehende zum Mitspielen einzuladen und hinzuführen.

Für Christen, die das heilige Spiel zu spielen wissen, ist es beileibe keine Traditionspflege, sondern das Spiel des Lebens, das sie selbst mitnimmt. Es muss nichts bewirken, beruht es doch auf der Wirklichkeit dessen, der sich als „das Alpha und das Omega“ (Offenbarung 1,8) ausgesprochen hat. Und so feiern sie mit als Kinder Gottes in der Erwartung, dass der Gott selbst dereinst dieses Spiel entgrenzt und seine Schöpfung in die Paschageschehen einverleibt, entsprechend seiner Zusage, „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21,5) Derartige Erwartungen sind freilich nur für Mitspielende zu halten; allein den „Tätern des Wortes“ (Jakobus 1,22) ist die christliche Hoffnung nicht zu verdenken.

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