Warum nicht das Revised Common Lectionary (RCL) als neue Perikopenordnung?

Revised Common Lectionary

Wie in den USA, Großbritannien, Canada, Südafrika, Australien und Neuseeland üblich, kommt auch in Hongkong das Revised Common Lectionary (RCL) von 1992 in den „liturgischen“ Kirchen zum Einsatz. In Deutschland weitgehend unbeachtet hat sich dieses Lektionar in der angloamerikanischen Ökumene unter Anglikanern, Methodisten, Presbyterianern und Lutheranern weitgehend durchgesetzt.

Am Lutheran Theological Seminary in Hongkong, an dem ich von 2002 bis 2008 Systematische Theologie gelehrt hatte, waren bei den Morgenandachten zwischen 10 und 10.30 Uhr die Texte des RCL vom kommenden Sonntag zur Auslegung vorgegeben: Am Montag der Abschnitt aus den Psalmen, am Dienstag die alttestamentliche Lesung, am Mittwoch die Epistel und am Donnerstag das Evangelium. Nur am Freitag kamen Themenpredigten zur Geltung. Was da von Studierenden aber auch Lehrenden gepredigt wurde, war, wie woanders ja auch, gemischt in Sachen Anspruch. Und dennoch habe ich in meiner Zeit in Hongkong dieses Lektionar schätzen gelernt.

Wo über das Kirchenjahr hin die Bibel in den sonn- und feiertäglichen Gottesdiensten nur in Auswahl zur Sprache gebracht werden kann, lässt sich jede „ordentliche“ Auswahl hinsichtlich ihrer „Vorlieben“ und ihrer Defizite in Frage stellen. Im Großen und Ganzen haben mir jedoch die sechs Jahre Hongkong gezeigt, dass die Ordnung des RCL, die ja in Grundzügen dem römisch-katholischen Ordo Lectionum Missae von 1969 folgt, sachgerecht ist. Die Ausrichtung auf einen dreijährigen Zyklus, bei dem sich jedes Jahr an einer synoptischen Evangeliumsschrift ausrichtet (A = Matthäus, B = Markus, C = Lukas) erlaubt eine fortlaufende Lesereihe. Im sonntäglichen Gottesdienst folgt man also der Spur eines Evangeliums (Bahnlesung).

Als Stärke des Revised Common Lectionary erscheint mir seine liturgische Ausrichtung auf das jeweilige Sonntagsevangelium zu sein. Gerade dies ermöglicht jedoch eine Freiheit im Predigen. Ich habe des Öfteren erlebt, dass die gottesdienstliche Homilie nicht etwa dem jeweiligen Evangelium galt, sondern entweder die alttestamentliche Lesung oder aber die Epistel aufnahm. Auch wurden bei Homilien zum Evangelium immer wieder Bezüge zur jeweiligen Epistel oder alttestamentlichen Lesung hergestellt.

Zurück im Gemeindepfarrdienst in Deutschland trauere ich immer noch dem RCL nach. Ich würde mir wünschen, dass dieses Lektionar auch in den evangelischen Landeskirchen in Deutschland zum Einsatz käme (wie dies ja mittlerweile in der schwedischen bzw. dänischen Kirche der Fall ist). Man kann dafür den ökumenischen Ansatz geltend machen – ein gemeinsames Sonntagsevangelium in der Westkirche. Die weitgehende evangelisch-katholische Einheit bei den Lesungen ist jedoch nicht der letztgültige Grund. Was für mich in erster Linie zählt, sind die liturgischen Defizite der (lutherische) Perikopenordnung in Deutschland. Besonders deutlich wird dies, wenn der vorgegebene Predigttext ein Evangeliumstext zusätzlich zum regulären Evangelium des jeweiligen Sonntags ist. Unsere überkommene Perikopenordnung wirkt sich weniger als gottesdienstliche Leseordnung sondern vielmehr als Predigtordnung aus: Welcher der sechs möglichen Predigttexte ist an diesem Sonntag dran? Da mag man sich noch einmal an einer Perikopenrevision versuchen und neue Bibeltexte ins Spiel bringen. Aber mögliche Revisionen, so sie überhaupt noch landeskirchenweit rezipiert werden, werden den Weg zu einem liturgiegerechten „evangelischen Wortgottesdienst“ (Martin Nicol) nicht befördern können. Wer an der bisherigen Perikopenordnung grundsätzlich festzuhalten sucht, wird auch in Zukunft um den predigerzentrierten Kanzelgottesdienst am Sonntag nicht herumkommen.

Wer selbst Einblick in das Revised Common Lectionary nehmen will, sei auf folgende Web-Seiten im Internet verwiesen:

http://www.commontexts.org/rcl/index.html

http://lectionary.library.vanderbilt.edu/

Advertisements

Schlagwörter: ,

3 Antworten to “Warum nicht das Revised Common Lectionary (RCL) als neue Perikopenordnung?”

  1. Florian Herrmann Says:

    Die Perikopenrevision läuft ja nun in eine ganz andere Richtung; schade! Das RCL hätte mehr Beachtung verdient gehabt.
    Schweden und Dänen (und Norwegen, Finnen und Ungarn) verwenden übrigens nicht das RCL, sondern verschiedene zwei-/dreijährige Lektionare mit den altkirchlichen Evangelien. Viele Lutherische Kirchen in Osteuropa folgen der deutschen Ordnung. Aber sonst hat sich überall das RCL durchgesetzt.

  2. Daniel Says:

    …wobei doch die geplante Revision in Deutschland relativ grundlegend zu werden verspricht, oder?!

  3. JPH Says:

    Ich fürchte, es gibt darüber nicht einmal eine Diskussion …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: