Diskretion statt Hermeneutik

Honoré Daumier, Les Atzecs [sic] devant les savants (Detail) Ausschnitt

„Hermeneutik ist die Kunst, aus einem Text herauszukriegen, was nicht drinsteht: wozu – wenn man doch den Text hat – brauchte man sie sonst?“ (Frage nach der Frage, auf die die Hermeneutik die Antwort ist, in: Odo Marquard, Abschied vom Prinzipiellen, Stuttgart 1981, 117) Diese Bonmot von Odo Marquard sagt eigentlich schon alles in Sachen biblische bzw. theologische Hermeneutik. Hermeneutik dient einer anspruchslosen, man könnte auch sagen ungehörigen Aneignung eines Textes. Die Geltung wird vom eigenen interpretativen Verstehen abhängig gemacht. So „meistert“ man biblische Texte und entzieht sich damit dem Anspruch auf Gehorsam. Biblische Hermeneutik ist der unglaubliche Versuch, verheißungsvolles Erzählgeschehen in anspruchslose Vernunftwahrheit zu überführen. Sie kommt einer ideologischen Schriftallegorese gleich. An Stelle einer Hermeneutik gilt es, sich auf die discretio, die Kunst des regelgeleiteten Unterscheidens zu besinnen. Dabei steht die Frage nach der situativen Geltung des Gesagten im Vordergrund: Wie kann ich heute dem (Zu-)Gesagten folgen?

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