Predigt zum Gedenkgottesdienst aus Anlass der Terroranschläge vom 11. September 2001 (Jesaja 29,17-24)

Ich weiß noch, dass ich am Nachmittag dieses Dienstags im Aufgang zu meiner Wohnung in Wasserburg am Inn stand, als Martin, mein Nachbar, aus seiner Wohnungstür kam und aufgeregt von den Fernsehbildern erzählte. Da stand ich dann unversehens in seinem Wohnzimmer und blickte selbst in den Bildschirm. Zwei Tage später feierten wir in der evangelischen Christuskirche abends den ersten Gedenkgottesdienst für die Opfer der Terroranschläge. Dabei stellte sich heraus, dass der Bruder einer Gemeindemitarbeiterin auf dem Heimflug von Deutschland in die USA mit seiner Familie in einem der abgestürzten Flugzeuge ums Leben gekommen war. Kurze Zeit darauf erzählte mir die Grafikdesignerin, die für unsere Firma tätig war, sichtlich erschüttert, wie sie bei einem Besuch in New York die brennenden Zwillingstürme des World Trade Centers mit eigenen Augen gesehen hatte. Die Ereignisse des 11. September 2001 kamen dem eigenen Leben nahe, selbst in einer malerischen Kleinstadt in Oberbayern.

„Die Welt geht unter!“ Das war der todeserschrockene Ausruf eines kaufmännischen Auszubildenden am Nachmittag des 11. Septembers 2001 im Großraumbüro der Firma Bosch in Gerlingen. Der Ruf ist längst verhallt. Auf den Tag sind es zehn Jahre her, dass die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers durch zwei Verkehrsflugzeuge zum Einsturz gebracht worden sind. Da mögen bewegte Bilder in Fernsehen und im Internet die eigenen Augen immer wieder aufs Neue überwältigen. Und doch waren die flugzeugspitzen Terroreinschläge in New York und Washington kein Weltuntergang. Die Menschheit hat überlebt, auch wenn es weitere Terroranschläge gegeben hat und gegenwärtig in Afghanistan und Irak nicht wirklich Friede herrscht.

Kein Weltuntergang hat sich eingestellt, aber die Furcht vor einem endlosen Kreislauf des Tötens und der Vergeltung lässt uns nicht so leicht los. So hat es ja der Prediger Salomo vorhergesehen: „Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ (Pred 1,9) Schrecken und Gewalt führen in dieser Welt zu nichts und müssen sich scheinbar endlos wiederholen.

Wider alle Resignation stellt der Prophet Jesaja eine göttliche Verheißung in den Raum: Noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten. (Jes 29,17-24)

Der Prophet intoniert den Sieg des Gerechtigkeit inmitten des irdischen Jammertales: Noch eine kleine Weile, dann wird es ein Ende haben mit gewalttätigen Unheilstiftern und Attentätern. Noch eine kleine Weil, dann finden Taubheit und Finsternis ihr Ende. Noch eine kleine Weile, dann werden die Elenden Lebensfreude finden; ja, die Ärmsten werden fröhlich sein, Geistesirre werden zu Verstand gebracht, und Murrende werden aufgeklärt. Nur noch eine kleine Weile, dann werden die Werke Seiner Hände wahr werden.

Kaum zu glauben – wie soll das hier auf Erden schlussendlich gutgehen mit dem Leben der Menschen? Zu vieles scheint aus dem Ruder zu laufen, Hypotheken der Vergangenheit lasten auf der Zukunft, die große Umkehr zum Leben zeigt sich nicht. Auswege aus der Krise werden vielfach beschworen, aber nirgendswo angezeigt. Das (letzte) Wort des Predigers steht im Weg: „Das Geschick der Menschen gleicht dem Geschick der Tiere, es trifft sie dasselbe Geschick. Jene müssen sterben wie diese, beide haben denselben Lebensgeist, und nichts hat der Mensch dem Tier voraus, denn nichtig und flüchtig sind sie alle. Alle gehen an ein und denselben Ort, aus dem Staub sind alle entstanden, und alle kehren zurück zum Staub.“ (Pred 3,19f ZB)

Heute wird in New York die Nationale Gedenkstätte für die Opfer des 11. Septembers (National 9/11 Memorial) feierlich eröffnet werden. Wo vormals auf dem Ground Zero die beiden eingestürzten Türme standen, sind nun zwei quadratische Ausschachtungen gesetzt, an deren Rändern Wasser in zweistufigen Kaskaden in die Tiefe stürzt. Der Titel dieses Monuments heißt „Reflektierende Abwesenheit (Reflecting Absence)“. Im Wasserfluss wird das Fehlen der Gebäude und der verstorbenen Menschen reflektiert. Die quadratischen Becken sind umbrüstet und können von den Besuchern abgegangen werden. Auf den Brüstungen finden sich die Namen der Opfer in Bronzeplatten eingraviert, sortiert nach dem Unglücksort – fast 3000 Namen sind da versammelt.

Ja, das scheint angesagt zu sein: Auch zehn Jahre danach den Toten zu gedenken und ihre Namen nicht zu vergessen. Und doch hat solch ein naheliegendes, berührendes Totengedächtnis auf Dauer keine wirkliche Zukunft. Wo nur noch Namen und Erinnerungen bestehen, kann verlorengegangenes und gegenwärtiges Leben nicht wirklich zueinander finden: Tote und Überlebende haben sich nichts zu sagen – es bleibt bei Selbstgesprächen. Spätestens dann, wenn Nachgeborene mit Namen längst Verstorbener nichts mehr zu verbinden wissen, triumphiert die anonyme Opferstatistik über das selektive Namensgedächtnis. So hat es ja der Prediger Salomo vorhergesehen: „Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“ (Pred 1,9) Schlussendlich macht sich unter uns Menschen das große Vergessen breit, das den Verstorbenen keine Zukunft geben kann. Und selbst wenn in nicht allzu ferner Zukunft alles besser würde mit uns auf Erden, hätten die Verstorbenen davon keinen Gewinn mehr.

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile.“ (Jes 29,17) Im Buch der Offenbarung findet sich ein himmlisches Gotteslob, das die Prophetie des Jesaja aufnimmt: „Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!“ (Offb 7,10) Der „apokalyptische Blick“ (Johann Baptist Metz) des Seher Johannes lässt zu Tode gekommene Menschen noch einmal im Himmel gegenwärtig werden, „eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen“ (Offb 7,9) Da, wo das Lamm gegenwärtig ist, wo sein Geheimnis des Sterbens und der Auferstehung wirklich ist, bleibt gewaltsam hintergangenes Leben nicht länger vernichtet. In der Gegenwart des Gottes und seines Lammes ist die unheilvolle Vergangenheit eingeholt und überwunden. Dem Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus entgeht nichts. Er kommt dem Schreckensgeschehen hinterher, mehr noch – Christus hat es in seinem Leiden und Sterben eingeholt. Nicht die Toten des 11. Septembers, sondern Tod und Zerstörung sind in SEINER Gegenwart vernichtet.

Am Ende des Buches der Offenbarung richtet sich die endzeitliche Heilsgemeinschaft metropolitan („mutterstädtisch“) auf. Der göttliche Thron findet sich im neuen Jerusalem, das nicht länger im Himmel zurückgehalten ist. Da kann dann das 9/11-Memorial in New York mit seinen Wasserläufen und dem Eichenhain ganz neu in den Blick genommen werden – als Abbild einer grandiosen Heilsvision. Wo der „Thron des Gottes und des Lammes“ die Leerstelle auf dem Ground Zero einnimmt, kehrt sich das Opfergedächtnis der zukünftigen Hoffnung zu. Es scheint sich das zu bewahrheiten, was Johannes zu guter Letzt geschaut hatte: „Und er zeigte mir den Fluss mit dem Lebenswasser, der klar ist wie Kristall, und er entspringt dem Thron des Gottes und des Lammes. In der Mitte zwischen der Straße und dem Fluss, nach beiden Seiten hin, sind Bäume des Lebens, die zwölfmal Frucht tragen. Jeden Monat spenden sie ihre Früchte, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. Und nichts Verfluchtes wird mehr sein.“ (Offb 22,3-4).Amen.

Hier die Predigt als pdf.

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3 Antworten to “Predigt zum Gedenkgottesdienst aus Anlass der Terroranschläge vom 11. September 2001 (Jesaja 29,17-24)”

  1. mara Vollmeyer Says:

    Ich hoffe, niemals werden wir diesen schrecklichen Tag vergessen!
    Und ich hoffe, so etwas wird nie mehr passieren und die Menschen endlich erkennen, daß sie alle gleich sind, egal welcher Religion.
    Dieser sinnlose Terror sollte aber auch kompromisslos bekämpft werden ebenso die unbelehrbaren Menschen, die ihn unterstützen!!

  2. Christoph Fleischer Says:

    Lieber Herr Teuffel,
    da hat sich m. E. eine Fehlerteufel eingeschlichen. Die Katastrohe war am 11.9.2001. Im Jahr 2011 war eine interessante Gedenkfeier mit einm Liedvortrag von Paul Simon, der mich sehr beeindruckt hat.

  3. jochenteuffel Says:

    Hat dies auf NAMENSgedächtnis rebloggt und kommentierte:

    Aus Anlass des Jahrestages noch einmal meine Predigt zum 11. September

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