Lob der Apokalypse

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In der Oktoberausgabe der Zeitschrift Zeitzeichen ist ein Text von mir unter dem Titel „Lob der Apokalypse“ erschienen, der auf 9/11 Bezug nimmt. Für Abonnenten ist der Text frei zugänglich (8-stellige Kundennummer eingeben). Die ausführlichere Fassung findet sich hier:

„Die Welt geht unter!“ Der toderschrockene Ausruf eines Auszubildenden am Nachmittag des 11. Septembers 2001 im Großraumbüro eines Autozulieferers in Gerlingen ist längst verhallt. Der zehnte Jahrestag steht dafür, dass der doppelte Flugzeugeinsturz in die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers eben kein Weltuntergang gewesen ist. Da mögen bewegte Bilder in Fernsehen und Internet die eigenen Augen immer wieder aufs Neue überwältigen. Und doch waren die flugzeugspitzen Terroreinschläge in New York und Washington kein apokalyptisches Wetterleuchten. Wer mit dem Schrecken davongekommen ist, hat damit noch keine Offenbarung erfahren. Was die katastrophalen Ereignisse jenes Tages auf Dauer zu offenbaren wussten, hatte der Prediger Salomo schon längst abgeklärt: „Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ Die ganze Geschichte macht eben keinen Sinn; daran kann man sich mit dem 11. September 2001 ein Beispiel nehmen.

Wenn zum Einsturz gebrachte Monumentalbauten nichts Neues enthüllen können, dann gilt es die weltängstliche Rede vom Apokalyptischen zu hinterfragen. Schließlich weist sich das biblische Buch, das der Apokalyptik ihren Namen gegeben hat, im Vorwort als „Offenbarung Jesu Christ“ aus. In all dem was da unter angelischen Posaunenklängen bildgewaltig ankündigt wird, hält derjenige durch, der sich selbst als „das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ bezeichnet. Diese wahrlich katastrophale Christusapokalypse hat wenig mit Herz-Jesu-Frömmigkeit oder einer Nazarener-Idylle gemein; die göttliche Dramaturgie lässt religiöse Innerlichkeit kaum zu Wort kommen. Und dennoch präsentiert das Buch der Offenbarung mehr als nur endzeitliche Schreckensszenarien, denen es im letzten Augenblick zu entkommen gilt. Das Christusheil liegt nicht etwa in einem hollywoodesken Noch-einmal-knapp-Davongekommensein. Wo menschliches Leben mit Alpha und Omega, dem blutschriftigen Kreuzesalphabet signiert worden ist, führt die globale Katastrophe in die finale Gottesgegenwart: „Siehe da, die Hütte des Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, der Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und der Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ In diesem Sinne steht die Apokalypse eben nicht für einen menschenmöglichen Weltuntergang, sondern führt in den gottgewollten „neuen Himmel und die neue Erde“ ein.

Das Buch der Offenbarung arbeitet in visionärer Weise Weltgeschehen auf und setzt christustreues Leben in eine unvergängliche Beziehung zum dreieinen Gott. Wer sich auf eine „realistische Lektüre“ (Hans Frei) der Apokalypse einlässt, den nimmt diese Enthüllungsgeschichte mit und stellt ihn schon jetzt vor den „Thron des Gottes und des Lammes“. Dieser tröstliche Mitnahmeeffekt wird jedoch dort verwirkt, wo die gottgegebene Endzeitschau als phantastisches Kopfkino verklärt wird. Da scheint dann das Buch der Offenbarung durch einen Seher Johannes autorisiert zu sein, dessen begnadete – oder muss man sagen – schreckliche Vorstellungsgabe ein bildgewaltiges Endzeitdrama ersonnen hat. In diesem Sinne steht dann Apokalypse für das literarische oder auch cineastische Genre einer Weltuntergangserzählung. Und ab und an mag dann doch ein Katastrophengeschehen wie an jenem 11. September zur Reminiszenz eines mythologischen Weltenbrandes zu werden. Wo die Apokalypse nur menschliche Fiktion sein darf, kann man von ihr für die Zukunft nichts Wirkliches erwarten.

Aber warum sollte man ausgerechnet das biblische Buch der Offenbarung realistisch lesen? In seiner 9/11-Erzählung „Spielarten religiöser Erfahrung“ lässt John Updike einen alternden Rechtsanwalt namens Dan Kellog im Anblick des einstürzenden Südturmes des World Trade Centers den Verlust seines Vorsehungsglaubens aussprechen: „Es gibt keinen Gott (…) Gott hatte mit keiner Hand eingegriffen, weil es keine gab. Gott hatte keine Hände, keine Augen, kein Herz, nichts.“ Das scheinbar übermenschlich Unvorhersehbare verschließt den Zugang zur göttlichen Weltdirektion – zumindest vorübergehend, bis die eigene Gottesgewohnheit den Rechtsanwalt doch wieder in seiner altrüchigen Kirche in Cincinnati einholt. Religiöser Vorsehungsglaube kann nur das zulassen, was die eigene Weltanschauung auf Dauer aushalten kann.

Ohne apokalyptische Zeitansage muss man irgendwann wieder zur Tagesordnung zurückkehren und verlorengegangenes Leben monumental versorgen. Das National September 11 Memorial auf dem Ground Zero in New York zeigt sich unter dem Titel „Reflecting Absence“ als leerstellige Gedenkstätte, die mit ihren zweistufigen Wasserkaskaden das Totengedächtnis scheinbar im Fluss hält. Da mag dieser Ort ein ästhetisch anspruchsvolles Namensdenkmal für die Opfer der Anschläge von 1993 und 2001 sein; und doch lässt die Gedächtnisarchitektur verlorengegangenes und gegenwärtiges Leben nicht wirklich zueinander finden: Tote und Überlebende haben sich nichts zu sagen – es bleibt bei Selbstgesprächen. Da eigenes Totengedenken für Verstorbene nichts zu bewirken vermag, können Opferdenkmale nur als „Identitätsstiftungen der Überlebenden“ (Reinhart Koselleck) fungieren.

Das kollektive Namensgedächtnis auf dem Ground Zero zerfließt hoffnungslos in die Vergangenheit. Selbst dort, wo Opfernamen auf bronzenen Brüstungen auf den Wasserfluss hin transparent werden, setzt die Zeit das allgemeine Vergessen durch: Wenn Nachgeborene mit Namen längst Verstorbener nichts mehr zu verbinden wissen, triumphiert die anonyme Opferstatistik über das selektive Namensgedächtnis. So hat es ja der Prediger Salomo vorhergesehen: „Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“ Auf Dauer kann menschliche Gedächtniskultur nur pathetische Gleichgültigkeit zelebrieren und muss damit ungewollt die „Offenbarung kosmischen Leerguts“ (Updike) huldigen.

Der „apokalyptische Blick“ (Johann Baptist Metz) vermag sich nicht mit einem monumentalen Totengedächtnis abzufinden, bei dem gewaltsam hintergangenes Leben versteinert bleiben muss. Er unterscheidet sich von einer politischen Utopie, die nur für Nachgeborene etwas in Aussicht zu stellen vermag. Im Pascha-Mysterium des Lammes wird vielmehr leibliches Leben mit seiner unheilvollen Vergangenheit eingeholt und auf die erlösende Gottespräsenz ausgerichtet: „Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!“ So verweigert sich das Gotteslob der Erlösten einer religiösen Metaphysik, wo leibloses Seelenheil in zeitlosem Gottdenken beschworen wird. Apokalyptisches Leidensgedächtnis kann abgrundtiefe Katastrophen aufnehmen, wo jeder selbstsichere Glaube an göttliche Vorsehung im Fatalismus enden muss. Im „Leiden an dem Gott“ (Metz) verliert sich nicht die Hoffnung. Was dabei als Christusheil gesichtet wird, ist weder billiger noch billigender Trost; am Weltgericht scheint kein Weg vorbeizuführen. Aber gerade dazu muss der Tod die Toten herausrücken.

Am Ende des Buches der Offenbarung richtet sich die Heilsgemeinschaft metropolitan („mutterstädtisch“) auf. Der göttliche Thron findet sich im neuen Jerusalem, das nicht länger im Himmel zurückgehalten ist. Da kann dann das 9/11-Memorial in New York mit seinen Wasserläufen und dem Eichenhain ganz neu in den Blick genommen werden – als invertiertes Abbild der apokalyptischen Heilsvision. Wo der „Thron des Gottes und des Lammes“ die abwesenheitsbezeichnende Leerstelle auf dem Ground Zero einnimmt, kehrt sich das Opfergedächtnis der zukünftigen Hoffnung zu. Es scheint sich das zu bewahrheiten, was Johannes zu guter Letzt geschaut hatte: „Und er zeigte mir den Fluss mit dem Lebenswasser, der klar ist wie Kristall, und er entspringt dem Thron des Gottes und des Lammes. In der Mitte zwischen der Straße und dem Fluss, nach beiden Seiten hin, sind Bäume des Lebens, die zwölfmal Frucht tragen. Jeden Monat spenden sie ihre Früchte, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. Und nichts Verfluchtes wird mehr sein.

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