Elie Wiesel – Wer bist Du, mein Gott?

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Elie Wiesel 1943

Die Theodizeefrage ist akademisch. Wer sie stellt, ist mit seinem Leben auf der sicheren Seite. Wo das eigene Leben auf dem Spiel steht, kann man nicht mehr länger sich fragen: Warum lässt der allmächtiger Gott das alles zu? Da bleibt nur noch die Klage, ja die Anklage möglich: Wer bist Du, mein Gott? Eines der eindrücklichsten Beispiele für die Gottesanklage findet sich in Elie Wiesels autobiographischer Erzählung „Die Nacht“, wo Juden im Konzentrationslager Ausschwitz im Spätsommer 1944 den Rosch ha-Schanah, das jüdische Neujahrsfest, begehen:

Wer bist Du, mein Gott?

Von Elie Wiesel

Der Sommer ging zu Ende. Das jüdische Jahr war vorbei.

Am Vorabend von Rosch ha-Schanah, dem letzten Tage dieses verwünschten Jahres, bebten alle Herzen im Lager vor Spannung. Trotz allem war es ein Tag, der sich von anderen Tagen unterschied, der letzte Tag des Jahres. Das Wort „letzter“ klang seltsam. Wenn er wirklich der letzte wäre?

Man teilte die Abendsuppe aus, eine dicke Suppe, die niemand berührte. Man wollte bis nach dem Gebet warten. Auf dem von elektrisch geladenem Stacheldraht umzäunten Appellplatz hatten sich Tausende von Juden mit verzerrten Gesichtszügen versammelt.

Die Nacht brach herein. Aus allen Blocks strömten die Gefangenen zusammen, plötzlich waren sie fähig, Raum und Zeit zu bezwingen und sie ihrem Willen unterzuordnen. Wer bist Du, mein Gott, dachte ich zornig, verglichen mit dieser schmerzerfüllten Menge, die Dir ihren Glauben, ihren Zorn, ihren Aufruhr zuschreit? Was bedeutet Deine Größe, Herr der Welt, angesichts all dieser Schwäche, angesichts dieses Verfalls und dieser Fäulnis? Warum noch ihre kranken Seelen, ihre siechen Körper heimsuchen? [95]

Zehntausend Männer hatten sich eingefunden, um der Feier beizuwohnen, Blockchefs, Kapos, Todesfunktionäre. „Lobet den Ewigen …“

Die Stimme des Kantors ließ sich vernehmen. Zunächst glaubte ich, es sei der Wind.

„Gepriesen sei der Name des Ewigen!“

Tausende von Lippen wiederholten die Lobpreisung, Tausende beugten sich wie Bäume im Sturm.

Gepriesen sei der Name des Ewigen!

Warum, warum soll ich ihn preisen? Jede Faser meines Wesens sträubte sich dagegen. Nur weil er Tausende seiner Kinder in Gräben verbrennen ließ? Nur weil er sechs Gaskammern Tag und Nacht, Sabbat und Festtag arbeiten ließ? Nur weil er in seiner Allmacht Auschwitz, Birkenau, Buna und so viele andere Todesfabriken geschaffen hatte? Wie, sollte ich zu ihm sagen: „Gepriesen seist Du, Ewiger, König der Welt, der Du uns unter den Völkern erwählt hast, damit wir Tag und Nacht gefoltert werden, unsere Väter, unsere Mütter, unsere Brüder in den Gaskammern verenden sehen? Gelobt sei Dein heiliger Name, Du, der Du uns auserwählt hast, um auf Deinem Altar geschlachtet zu werden?“

Krematorium-Auschwitz-Birkenau

Krematorium Birkenau

Ich hörte, wie die Stimme des Vorbeters unter dem Weinen, Schluchzen und Seufzen der Gläubigen machtvoll und gebrochen zugleich aufstieg:

„Er ist der Herr der ganzen Erde und des Weltalls!“

Alle Augenblicke hielt er inne, als habe er nicht die Kraft, in den Worten ihren Inhalt wiederzufinden. Die Weise erstickte seine Stimme.

Und ich, der Mystiker von einst, dachte: [96]

„Ja, der Mensch ist stärker, größer als Gott. Als Du von Adam und Eva hintergangen wurdest, hast Du sie aus dem Paradies gejagt. Als Noahs Geschlecht Dir missfiel, hast Du ihm die Sintflut geschickt. Als Sodom keinen Gefallen mehr vor Deinen Augen fand, hast Du Feuer und Schwefel vom Himmel regnen lassen. Aber diese Männer hier, die Du getäuscht hast, die Du hast foltern, erwürgen, vergasen, einäschern lassen, was tun sie? Sie beten Dich an! Sie preisen Deinen Namen!”

„Alle Schöpfung bezeugt die Größe Gottes!“

Einst beherrschte der Neujahrstag mein Leben. Ich wusste, dass meine Sünden den Ewigen betrübten, und ich flehte um seine Vergebung. Früher glaubte ich zutiefst, dass von einer einzigen meiner Gebärden, dass von einem einzigen meiner Gebete das Heil der Welt abhing.

Heute betete ich nicht mehr. Ich war außerstande, zu seufzen. Ich fühlte mich im Gegenteil stark. Ich war der Ankläger. Und Gott war der Angeklagte. Meine Augen waren sehend geworden, und ich war allein, furchtbar allein auf der Welt, ohne Gott, ohne Menschen. Ohne Liebe und ohne Mitleid. Ich war nur noch Asche, aber ich fühlte mich stärker als jener Allmächtige, mit dem mein Leben so lange verknüpft gewesen war. Inmitten dieser Gemeinde war ich ein fremder Beobachter.

Die Andacht endete mit dem Kaddisch. Ein jeder sprach Kaddisch für seine Eltern, seine Kinder, seine Brüder und sich selbst.

Eine Weile blieben wir auf dem Appellplatz stehen. Niemand wagte sich diesem Wahn zu entziehen. Es war Schlafenszeit, und die Gefangenen trotteten langsam in [97] ihre Blocks zurück. Ich hörte, wie man einander ein gutes neues Jahr wünschte!

Rasch lief ich hinter meinem Vater her. Gleichzeitig hatte ich Angst, ihm ein glückliches Jahr zu wünschen, an das ich nicht glauben konnte.

Er stand vor dem Block, an die Mauer gelehnt, mit eingefallenen Schultern wie unter einer schweren Last. Ich trat auf ihn zu, nahm seine Hand und küsste sie. Eine Träne fiel darauf. Von wem war sie? Von mir? Von ihm? Ich sagte nichts. Er auch nicht. Nie hatten wir uns so gut verstanden.

Der Glockenton stieß uns unbarmherzig in die Wirklichkeit zurück. Es war Schlafenszeit. Wir waren weit fort gewesen. Ich hob die Augen, um das Gesicht meines über mich gebeugten Vaters zu sehen, um ein Lächeln zu erhaschen oder irgendetwas, das einem Lächeln in seinem ausgemergelten und gealterten Gesicht glich. Ich sah jedoch nichts. Nicht den Schatten eines menschlichen Ausdrucks. Er war geschlagen, vernichtet.

*

Jom Kippur. Der Tag der Versöhnung, des großen Vergebens.

Musste man fasten? Die Frage wurde heftig diskutiert. Fasten könnte sicheren, rascheren Tod bedeuten. Hier fastete man das ganze Jahr. Das ganze Jahr war Jom Kippur. Aber andere meinten, man müsse fasten, schon weil Fasten gefährlich war. Es galt, Gott zu zeigen, dass man selbst hier, in dieser verriegelten Hölle, imstande war, ihm Preis zu singen. [98]

Ich fastete nicht. Zunächst, um meinen Vater nicht zu verstimmen, der mir verboten hatte, zu fasten. Dann, weil fasten völlig sinnlos war. Ich nahm Gottes Schweigen nicht mehr hin. Meine Suppe schlürfend, sah ich in dieser Gebärde einen Akt des Aufruhrs und der Auflehnung gegen ihn.

Und ich knabberte meine Brotrinde.

Tief im Herzen fühlte ich große Leere.

Elie Wiesel, Die Nacht zu begraben, Elischa, aus dem Französischen von Curt Meyer-Clason, Ullstein: Frankfurt a. Main/Berlin 1987, 94-98. Wieder abgedruckt in: Elie Wiesel, Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis, Herder: Freiburg i.Br. 2008.

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Eine Antwort to “Elie Wiesel – Wer bist Du, mein Gott?”

  1. Volker Says:

    Danke für die Veröffentlichung dieser zutiefst berührenden Worte auf Ihrem Blog! Wer sich für Literatur von KZ-Überlebenden interessiert, sollte unbedingt die Autobiographie von Ruth Klüger „weiter leben“ lesen!

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