Warum „Buße“ an sich eine heillose Angelegenheit ist

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Bernardino Luini – Der Heilige Hieronymus als Büßer (1525)

Ausgerechnet die revidierte Luther-Bibel in der Neufassung von 2017 hält am Wort „Buße“ fest. So heißt dort Jesu galiläischer Predigtruf – mit Bezug auf die lateinische Wendung poenitentiam agite aus der Vulgata – immer noch luthergemäß: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt 4,17) – , im Unterschied zur Zürcher Bibel 2007 bzw zur revidierten Einheitsübersetzung 2017 („Kehrt um!„) Dabei ist „Buße“ etymologisch betrachtet ein unevangelisches Wort. Es besagt nämlich nichts anderes als „Besserung“. Wer selbst büßt, bessert sich damit. Dass das Wort „Buße“ bei uns zu Recht einen schlechten Klang hat (Geldbuße!), verdankt sich dem kirchlichen Bußverfahren des Mittelalters, bei dem es die in Bußbüchern (libri poenitentiales) tariflich festgelegten Bußstrafen zur eigenen Besserung abzuleisten galt.

Interessanterweise hat gerade Martin Luther das Missverständnis einer büßerischen Werkgerechtigkeit im lateinischen poenitentiam agite festgemacht, wenn er in seinem Brief an Johann von Staupitz vom 30. Mai 1518 schreibt:

„Daran klammerte ich mich und wagte zu meinen, dass diejenigen im Irrtum seien, welche den Werken der Buße so viel beilegten, daß sie uns von der Buße kaum etwas übrigließen außer etwa den geringen Werken der Genugtuung und der überaus beschwerlichen Beichte. Sie haben sich nämlich durch das lateinische Wort »poenitentiam agere« irreleiten lassen, was mehr nach einem Tun als einer Änderung des Sinnes klingt und dem griechischen metanoia in keiner Weise Genüge tut.“[1]

Buße heißt Umkehr, Bekehrung; und so übersetzt Luther auch die entsprechenden hebräischen Worte bei den Propheten und im ganzen Alten Testament. „Willst du dich, Israel, bekehren, spricht der Herr, so bekehre dich zu mir“ (Jer. 4, 1). „Bekehre mich du, so werde ich bekehrt, denn du Herr bist mein Gott“ (Jer. 31, 18).

Folgt man den biblischen Worten, schub (hebräisch – zurückkehren bzw. umkehren) bzw. metanoeo (griechisch – umsinnen), handelt es sich um ein Beziehungsgeschehen, das die Abkehr von verfehltem Handeln und die Zuwendung zum lebendigen Gott bzw. zu dessen Herrschaft umfasst. Folgerichtig ist in der katholischen Einheitsübersetzung wie auch in der neuen Zürcher Bibel in zutreffender Weise von „Umkehr“ an Stelle von „Buße“ die Rede.

Dem Wort „Buße“ geht die  Bedeutung einer Ausrichtung jenseits seiner selbst ab. Wer „büßt“, kehrt nicht etwa um, sondern kehrt vielmehr in sich (und bleibt darin Sünder – homo incurvatus in se ipsum). „Buße“ im Sinne der eigenen moralischen Besserung kennt weder Gesetz noch Evangelium und ist damit eine heillose Angelegenheit.

[1] His inhaerens ausus sum putare eos falsos esse, qui operibus poenitentiae tantum tribuerunt, ut poenitentiae vix reliquum nobis foecerint praeter frigidas quasdam satisfactiones et laboriosissimam confessionem, latino scilicet vocabulo abducti,quod poenitentiam agere actionem magis sonet quam mutationem affectus et graeco illi ‘Metanoin’ nullo modo satisfacit, WA 1, 526,10-14; deutsche Übersetzung nach Luther Deutsch. Die Werke Luthers in Auswahl, hg. v. Kurt Aland, Bd. 2: Der Reformator, Göttingen ²1981, 29.

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3 Antworten to “Warum „Buße“ an sich eine heillose Angelegenheit ist”

  1. Häfele Says:

    auf den allerletzten Satz kann man gut verzichten. Der bringt nicht viel, ist nicht erhellend, sondern einfach nur besserwisserisch.

  2. Jochen Teuffel Says:

    Hat dies auf NAMENSgedächtnis rebloggt und kommentierte:

    Als Einstimmung auf den Buß- und Bettag

  3. Ist die neue Luther-Bibel 2017 wirklich zuverlässig und sprachlich eingängig? | NAMENSgedächtnis Says:

    […] Der Klassiker „Tut Buße“ (Mk 1,15) ist immer noch Luthers wörtliche Übersetzung der Vulgata (poenitentiam agite) geschuldet, obwohl es ja sich ja um eine Umkehr in den Glauben handeln muss. Im heutigen Verständnis heißt „Buße tun“ genugtuende Werke zu verrichten (Geldbuße) und steht damit für Werkgerechtigkeit im Widerspruch zur Rechtfertigung allein aus Glauben. […]

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