Vom gottesdienstlichen Siezen

Marti - Der Herr

Es gibt Tage, da kann man auf das liturgische Feingefühl in der evangelischen Kirche stolz sein. In der Taufagende der VELKD wird nämlich konsequent „geduzt“ bzw. „geihrt“ – Gott sei Dank: „Ihr seid gekommen, um euer Kind taufen zu lassen …“ Die römisch-katholische Taufagende in der deutschsprachigen Fassung versteigt sich hingegen zu einem höflichen „Sie“: „Welchen Namen haben Sie Ihrem Kind gegegeben?“ „Widersagen Sie dem Satan?“ Besonders schön wird es dann bei der Erwachsentaufe, wo man in der Anrede munter zwischen „Sie“, „Du“, „Herr/Frau N.“ sowie „Brüder und Schwestern“ hin- und her springt.

Da darf man dann doch der vermeintlich traditionsbewussten römisch-katholischen Kirche ins Gedächtnis rufen, dass das „Sie“ als Personalpronomen dritte Person Plural eine indirekte Anrede ist, die der Kirche als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern im Herrn wesensfremd ist. Wie es ja das Wort „Höflichkeit“ aussagt, ist diese distanzhaltende Anrede dem adeligen Hof angemessen, nicht aber einer Gemeinde, für die das Wort des Apostels Paulus gilt: „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.“ (Gal 3,26)

Sehr geehrter Herr Gott

Sollte ein „Sie“ den besonderen Respekt gegenüber anderen, mitunter höherrangigen Personen zum Ausdruck bringen, wäre es mehr als unverständlich, ja geradezu blasphemisch, dass genau diese vermeintliche Ehrerbietung dem HERR Gott bzw. dem Herrn Jesus Christ durch ein liturgisches „Duzen“ verweigert wird (vgl. Werner Besch, Duzen, Siezen, Titulieren. Zur Anrede im Deutschen heute und gestern, Göttingen 1996, 8.13f.).

Da in der Kirche Jesu Christi keine Höflichkeit sondern Geschwisterlichkeit gilt, ist das „Sie“ in der Liturgie im Grunde fehl am Platz. Ebenso widerspricht die förmliche Anrede „Herr N.“ dem christlichen Bekenntnis zu dem einen Herrn (Eph 4,5). „Herren“ haben in einem christlichen Gottesdienst nichts verloren. Verwendet man die Personal- bzw. Possessivpronomen zweite Person Plural „ihr“ („euer“) in der Anrede der Gottesdienstteilnehmenden, lässt sich ein „Duzen“ vermeiden, das manchem wohl doch zudringlich erscheinen mag.

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2 Antworten to “Vom gottesdienstlichen Siezen”

  1. Wilfried Büchse Says:

    Lassen Sie uns beten!
    (Ich könnte jedesmal ausflippen, wenn ich so was hören muss.)

  2. theolblog Friedemann Jung Says:

    Da fällt mir ein:
    Der Herr, den wir duzen
    grpredigt von Herrn
    die wir siezen
    (Kurt Marti)

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