Kornelis Heiko Miskotte – Das Geheimnis der Geschichte

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Im Deutschen Pfarrerblatt 1/2012 findet sich von Reiner Strunk eine Rezension zu Miskottes Buch „Das Geheimnis der Geschichte“, die zum Lesen einlädt: Kornelis Heiko Miskotte Das Geheimnis der Geschichte Der »totale Staat« im Lichte der Offenbarung des Johannes Verlag Hartmut Spenner 2011 (ISBN 978-3-89991-120-6)

Vergangenes muss nicht überholt sein. Auch nicht vergangene Theologie. Sie kann sich im Gegenteil in überraschender Frische und prickelnder Aktualität präsentieren, wenn sie, richtig ausgewählt und vergegenwärtigt, angeboten wird. Dieses Kunststück ist Heinrich Braunschweiger mit seiner Übersetzung einer Vortragsreihe des holländischen Theologen K.H. Miskotte glänzend gelungen. Die Vorträge erfolgten nicht an der Universität, sondern in einer Amsterdamer Kirche; und nicht (nur) fürs akademische Publikum, sondern für jedermann, namentlich für alle, die in den dramatischen politischen Vorgängen des Winters 1943/44 nach Orientierung suchten. Was Miskotte vorträgt, bildet einen großen biblischen und systematischen Zusammenhang anhand einer Auslegung der Johannes-Apokalypse. Und löst auf keiner Seite auch nur Spuren von Langeweile aus. Man findet sich unversehens mitten in den späten Jahren von Krieg und Naziterror wieder, ohne dass dies vordergründig und plakativ angezeigt würde. Und auch mitten in der geistigen Landschaft der Apokalypse und im Milieu bedrängter Christengemeinden in der kaiserlichen Verfolgungszeit. Aber Miskotte schürt nicht die Ängste durch eine Aufzählung und Betonung der Gefahren. Er begreift die Offenbarung von ihrer inhaltlichen Mitte her als ein mächtiges Trostbuch und möchte eben diesen Trost lebendig und wirksam werden lassen bei trostbedürftigen Menschen. Nicht die Schrecken der Apokalypse stehen deshalb im Zentrum, sondern der gekreuzigte und erhöhte Christus, der im Regimente sitzt. Das ist theologisch Karl Barth pur, und zwar Barth in den Herausforderungen des Dritten Reiches. Aber nun doch wieder anders als Barth: wendiger in den Assoziationen, näher auch bei den Hörerinnen und Hörern, seelsorgerlicher in seiner Auslegung, poetischer in der Sprache.

Kornels Miskotte

Kornelis Heiko Miskotte (1894-1976)

Auslegungen der Offenbarung gibt es viele, wissenschaftliche und populäre. Ich kenne keine sonst, die so zupackend und behutsam zugleich, so zeitnah und überzeitlich zugleich ausfiele wie die von Miskotte. Vermutlich ergibt sich das aus einem Prinzip seiner Auslegung. Man könnte es, in Anlehnung an Bonhoeffers bekannte hermeneutische Formel, eine »nicht-apokalyptische Interpretation apokalyptischer Texte« nennen. Denn Miskotte verwahrt sich davor, die Offenbarung als Geheimdokument zur Ankündigung schlimmer Ereignisse in naher Zukunft, mithin apokalyptisch zu lesen. Seine Absicht ist vielmehr, bei den großen Schreckensbildern z.B. vom Drachen oder vom Tier aus dem Abgrund »einer unmittelbaren Anwendung die Grundlage« zu entziehen (203). Er möchte also aus einer theologischen Lektüre der Offenbarung keine zeitgeschichtlich-politische Kaffeesatzleserei werden lassen. Das entspräche weder seinem eigenen theologischen Profil noch dem Charakter des letzten biblischen Buches. Solche Reserve gegenüber apokalyptischen Phantasien hindert Miskotte aber keineswegs daran, eine geistliche, christologisch zentrierte und gleichwohl politisch relevante Auslegung der Apokalypse zu betreiben. Das gelingt ihm durch konsequente Wahrnehmung der im Text erscheinenden Bilder und Szenen im Sinne plastischer Symbolgestalten und poetischer Figurierungen einer christlichen Wirklichkeitsdeutung. So kann etwa zu Offenbarung 13 die Szene vom Tier aus dem Abgrund in der Weise gedeutet werden, dass der Terror des Römerreichs unter Domitian ebenso ins Blickfeld kommt wie der Naziterror und beliebige politische Gewaltsysteme danach. Strukturen des Politischen, nicht bloß eine ihrer Ausformungen stehen hier zur Diskussion. Darum ist das Tier in Offenbarung 13 generell (und dann auch immer wieder geschichtlich speziell) »die völlig entartete Staatsmacht in ihrer unmenschlichsten Erscheinung … Es ist der Staat, der die Lügen, die kolossalen Lügen als die beste Propaganda entdeckt hat, als die wahre Bezauberung des Lumpengesindels, das übrigens schon lange verlernt hat, irgendetwas zu glauben« (206f). Veraltet? Überholt? Wohl kaum – weder diese eine Textpassage noch der gesamte Vortragszyklus zur Offenbarung. Es ist Braunschweiger zu danken, dass er diese Kostbarkeit dem Vergessen entrissen hat. Und es ist vielen zu wünschen und zu raten, dass sie auf Miskotte zurückgreifen, wenn sie Texte der Apokalypse verstehen wollen.

Deutsches Pfarrerblatt 1/2012, S. 49.

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