Christoph Blumhardts Antwort auf Harpprechts Frage „Wer glaubt schon an Auferstehung“

Christoph Blumhardt

In der heutigen Ausgabe der ZEIT fühlt Klaus Harpprecht der Kirche auf den Zahn der Zeit, oder soll man sagen, den Zahn der Ewigkeit: „Wer glaubt schon an Auferstehung?“ und spricht bei Beerdigungspredigten von „amtlicher Heuchelei“. Da empfiehlt es sich Christoph Blumhardt zu Wort kommen lassen mit seiner Osterpredigt über Markus 16,1-8, gehalten am 12. April 1914 in Bad Boll:

Wenn uns heute verkündigt würde, dieser oder jener sei auferstanden von den Toten — ich glaube, es würde uns auch ein Zittern und Entsetzen ankommen, denn die Verkündigung: »Jesus ist auferstanden!« ist das Größte, was man überhaupt verkündigen kann. Es ist der Gipfel des Evangeliums, die Höhe alles dessen, was Jesus im Erdenleben gewesen war, und diese Verkündigung oder diese Tatsache, die verkündigt wurde: »Jesus ist auferstanden«, ist mit einemmal eine Tatsache geworden, die sich der ganzen Weltgeschichte entgegensetzt. Der ganze Lauf der Welt ist immer nur sterben, und die Erde ist ein großmächtiges Grab, in welchem nicht nur Menschen, sondern auch alle früheren Kreaturen begraben liegen und zu den Toten gehören. Und nun auf einmal in diesen Lauf der Welt, an den wir uns leider im Christen­tum auch gewöhnt haben, als ob gar nichts anderes mehr möglich wäre, als nur das Grab alles Lebendigen, kommt die Verkündigung: »Da ist einer auferstanden, der ist gestorben und lebt wieder.« Ja, da kann einen Furcht und Zittern ankommen oder auch Unglauben; und ich weiß nicht, ob es viele Menschen heute gibt, in deren Herzen die Verkündigung: »Er ist wahrhaftig auferstanden« wirklich lebendig wird. Wir hören es so mit christlichen Ohren, und das sind oft die taubsten in der ganzen Welt. Wir nehmen es hin als eine alte Sage und haben kein rechtes Empfinden dabei. Und doch muß ich es wiederholen: Alles krönt sich, alles, was mit Jesus in die Welt gekommen ist, alle seine Worte, alle seine Taten krönen sich in dem einen: »Er ist auferstanden! Er unterliegt nicht dem Lauf der Welt, er unterliegt nicht den bösen Taten der Menschen, er unterliegt nicht der Sünde und noch viel weniger dem Tode — er ist der Lebendige heute, gestern und in alle Ewigkeit!«

Das will empfunden sein wie mit Schrecken, damit man auch in sein Glaubensleben wie etwas Revolutionäres bekommt gegen den Lauf der Welt, gegen den Lauf unseres Schicksals, gegen den Lauf dessen, was die Sünde und was der Tod vollbringt. Es ist eine ungeheure Verkün­digung auch deswegen, weil mit dem, daß Jesus wieder lebt, die Taten der Sünde, die Taten der verbrecherischen Art der Menschen aufgelöst werden. Was sind jetzt all die Greueltaten, die man an Jesus vollbracht hat? Was ist jetzt alle Rohheit? Sie kann nicht bestehen, sie wird aufgelöst in dem Lebendigen. Nichts ist es gewesen, nichts ist die Qual gewesen, nichts ist das Kreuz gewesen, nichts sind all die Tränen derer, die um ihn geweint haben — alles ist erlöst und frei. Er ist wieder da, wir haben ihn und haben ihn in alle Ewigkeit.

So kommt eine neue Geschichte in den Lauf der Weltgeschichte hinein, freilich nur wie eine Andeutung, denn das müssen wir ja sagen — mit Schmerzen sage ich es —: Es bleibt bei Jesus allein. Und das macht es auch schwierig bis auf den heutigen Tag. Die Menschen sagen: »Einmal ist keinmal.« Aber hier ist es doch anders. Einmal ist ein Anfang, und dieser Anfang setzt sich fort. Es gibt nun eine Geschichte der Auferstehung. Denn so ein ganz großer Gegensatz ist es doch nicht. Wir leben zwar in einer sterbenden Todeswelt, und doch ist auch unser irdisches Leben immer auf Auferstehung gegründet. Wir müssen alle Jahre wieder ein Auferstehen erleben auf unsern Feldern, auf unsern Wiesen; immer wieder muß etwas auferstehen. Es muß oft auch Altes wieder auferstehen, und unsre heutige Zeit ist mir oft ein Zeichen, daß wir nahe sind der Endgeschichte, der Auferstehung, da so vieles wieder ans Licht gebracht wird, was vor alter Zeit begraben worden ist. Wie vieles tut sich heute auf! Es muß alles heraus, wie wenn der liebe Gott sagen wollte: »Seid getrost! Auch was gestorben ist, muß wieder an den Tag, es muß euch auch dienen. Die Erde soll nicht ein verschlossenes Grab sein, es soll nicht ein großer Stein auf ihren Gräbern liegen, sondern es sollen die Steine weggeräumt werden, es soll das alte Leben hervorkommen, denn Jesus Christus ist auferstanden nicht bloß für euch, sondern auch für die, die in der alten Zeit gelebt haben, und die sollen wieder zum Leben kommen.«

So liegt in der Verkündigung: »Er ist auferstanden!« eine große Hoffnung; in dieser Verkündigung können wir zusammenfassen alles, was wir wünschen und hoffen für unsre arme Erde. Wir können hoffen, daß auch die schrecklichsten Taten der Menschen, die ja auch ein Jesusmord sind, in Kriegen und Blutvergießen, — wir können hoffen, daß alle diese schauderhaften Taten ausgelöscht werden und es einmal heißt: Jetzt fängt die Geschichte der Auferstehung an, jetzt dürfen die alten Geschlechter wieder leben, die gemordeten und getöteten, die übel behandelten Menschen, sie dürfen wieder da sein, denn mit dem, daß Jesus lebt, ist ein Licht hineingekommen in alle Gräber. Und wenn es auch nur erst ein Hoffnungslicht ist — diese Hoffnung wird uns nicht zuschanden werden lassen. Eine Geschichte ist jetzt. Es ist eine Tat, aber eine Tat, die immer wieder neues Leben erzeugt bis auf den heutigen Tag.

Und wenn wir rechtes Ostern miteinander feiern wollen, dann müssen wir den lieben Gott bitten: Laß uns allen in unser irdisches Leben ein Auferstehen kommen. Wie heute die Bäume anfangen, grün zu werden, die Wiesen wieder grün werden, die Saaten schön stehen — ach, laß auch bei uns Menschen einen Frühling kommen, daß etwas Lebendiges in uns werde! Denn wir sind oft so müde und so matt; unser Leben schleicht dahin, wir werden immer älter und schwächer, schließlich liegen wir alle im Grab — und was ist es nun, was wir gearbeitet haben? Man ist oft wie gestorben und möchte fragen: Ach, Herr Gott, wie soll es doch weitergehen? Alles stirbt ab, und das Schönste, das wir miteinander erlebt haben — was haben wir nicht schon Schönes erlebt! — alles geht vorüber und droht, in die langweilige Sterberei zu kommen, da auf einmal alles aus ist. Und wenn wir unsre Lieben ins Grab legen —ja, wir wissen ja, wir behalten ein Andenken an sie, aber wie lange? Es ist merkwürdig, wie schnell alles vergessen wird. Auch wenn schreckliche Dinge geschehen in Erdbeben und in allen möglichen Unglücksfällen auch unter den Werken der Menschen, wenn so viel Herzbewegendes geschieht — im Augenblick ist eine Aufregung in uns, dann deckt sich die Decke wieder über alles, und in ganz kurzer Zeit ist alles vergessen.

So ist es eine Welt des Todes bis auf den heutigen Tag. Das müssen wir auch in bezug auf unser Christentum sagen. Es ist ja auch alt geworden. Was sind die Religionen ein alter Rock voller Löcher und Staub der Jahrhunderte! Was soll es werden? Wir wären hoffnungslos, wenn es nicht heißen würde: »Einer wenigstens, einer ist der Anfang, einer ist wahrhaftig auferstanden!« So wird auch unser christlicher Glaube nicht ewig tot bleiben, er wird nicht ewig im Schatten der Sünde stehen und nicht ewig an der Sünde teilnehmen, die auf Erden ist. Es werden Leute erstehen, die sind frei von einem toten Glauben, die sind frei von allem unchristlichen und bösen Wesen; sie sind auferstanden und dürfen deswegen auch ein Salz auf der Erde werden und ein Licht der Welt. Aber nötig haben wir es — und es soll unsre Osterfeier sein —, daß wir fest im Glauben stehn, daß die Geschichte der Auferstehung noch an die Menschen kommt. Ich möchte, daß in jedes Haus und in jedes Herz das Licht der wirklichen Auferstehung komme, daß wir wirklich gut leben können und überwinden können das Böse, daß es in uns eine Gottesmacht gebe, die in der Auferstehung sich kundgegeben hat.

Und wir können nun ja sagen: Es ist nicht bloß die Verkündigung vor 1900 Jahren: »Er ist wahrhaftig auferstanden!«, was uns heute berührt. Was wären wir doch auch in unserm geistlichen Leben und in unserm religiösen Leben, wenn es nicht immer wieder Auferstehungsstunden gegeben hätte! Gott ist der, der sich immer wieder beweist. Es ist gar nicht so, als ob wir nichts von Gott erführen und nichts wüßten, wie manche Leute sagen, es sei eine Torheit, an Gott zu glauben. Nein, wahrlich, es ist eine große Weisheit, denn wie unendlich viel ist geschehen, daß wir Menschen uns doch erhalten sollten und neues Leben hervorgehe aus den menschlichen Kreisen heraus. Und da muß alle Welt mithelfen, auch die Welt, die von Gott fern ist; sie muß mithelfen, sie muß sich regen und bewegen. Es gibt immer wieder lebendige Zeiten nach toten Zeiten; immer wieder kommt neues Leben heraus aus der Geschichte der Menschen, ob sie glauben oder nicht. Ihr müsset mittun. Du böse Welt — trotz aller deiner Sünde, du mußt mittun, daß es vorwärts gehe in der Geschichte der Auferstehung der Menschen in Jesus Christus, dem Anfang, und der auch das Ende schaffen wird. Das Ende unseres Glaubens, das Ende des Evangeliums muß Aufer­stehung sein. Das ewige Gepredige muß einmal aufhören; es muß einmal tatsächlich wahr werden, was wahr ist; es muß offenbar werden und in die Welt hineinkommen: Er ist wahrhaftig auferstanden und wir sind wahrhaftig in einer Geschichte des Lebens, und das Leben hört nicht auf, bis es die Krone hat in einer großen Auferstehung, da alles wieder an den Tag kommt, was Gott je geschaffen hat und namentlich auch in Menschen den Menschen gegeben hat. Es soll nicht im Grabe bleiben, es soll herauskommen, und die Zweifel sollen überwunden werden durch die Tatsache der Auferstehung Jesu Christi. Man denkt heutzutage zuviel herum, man denkt an eine Verbesserung des Christen­tums, und eine ganze Menge Leute meinen, mit ein bißchen anderer Lehre werde irgendein Fortschritt erzielt werden. Solchen Kindereien wollen wir uns nicht hingeben. Mit ein bißchen anderen Gedanken werden die Menschen nicht anders, nein! Es bleibt alles beim alten! — bis die Stunde der Auferstehung kommt, bis das wahrhaftig letzte Ostern kommt, da Tausende und aber Tausende vor unseren Augen neue, auferstandene Menschen werden, die nichts mehr kann unter­drücken und nichts mehr kann töten.

Das ist unser Osterfest. Es ist zum Teil nur ein Hoffnungsfest, aber diese Hoffnung hätte keine Wahrheit, wenn sie sich nicht gründen würde auf die große Tatsache: »Er ist wahrhaftig auferstanden.« Lasset das in unsre Häuser, in unsre Gesellschaft, in unsre Herzen dringen! Lasset es doch hineindringen als ein starkes Werk Gottes, ein Werk Gottes, ohne welches wir uns Gott gar nicht vorstellen könnten. Wäre Gott nicht ein Gott, der die Toten auferweckt, wäre Gott ein Gott, der die Geschichte der Menschen hinnehmen muß, wie sie ist, da nichts in ein neues Leben gerückt werden kann, dann würden wir umsonst an Gott glauben, dann hörten wir lieber heute auf! Aber er ist ein Gott, der Neues schafft. Wie er geschaffen hat, so schafft er Neues, und mitten in die Entwicklung zum Sterben hinein kommt der große Gott mit der noch stärkeren Entwicklung zum Leben hin.

Das ist Ostern für uns, und bei dem wollen wir bleiben, und Gottes Geist mache es uns heute recht lebendig, daß wir voll Freude werden über der Verkündigung: »Er — wenigstens er, Jesus Christus — ist auferstanden von den Toten! «

Aus: Christoph Blumhardt: Predigten und Andachten aus den Jahren 1907-1917 (Auswahl aus seinen Predigten, Andachten und Schriften, hg. v. R. Lejeune, Band 4), Erlenbach-Zürich 1932, S. 348-353.

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