Hans Walter Wolff – Gotteslob als Bestimmung des Menschen

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Von Hans Walter Wolff stammt der folgende Text aus seiner Anthropologie des Alten Testaments, der auf das österliche Halleluja einstimmt:

Der Mensch ist bestimmt, Gott zu loben. Der Mensch des 8. Psalms, der seine Überlegenheit in der Welt entdeckt, kann sie nicht im Selbstruhm zur Sprache bringen, sondern nur in der preisenden Anrede Gottes (6f.):

Du ließest ihm wenig an Göttlichem fehlen,
du hast ihn mit Ruhm und mit Hoheit gekrönt.
Du lässt ihn beherrschen die Werke deiner Hände,
du hast ihm gar alles zu Füßen gelegt.

Und der ganze Psalm wird von der Antiphon gerahmt (2.10):

Jahwe, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name
in aller Welt.

Die Bestimmung zum Loben Gottes und also zum dankbaren Dialog mit dem Schöpfer wird in Psalm 8 deshalb nicht von einer Selbstfaszination des Menschen durch seine eigenen Fä­higkeiten verdrängt, weil er sich selbst auch mit seiner eigenen Hilfsbedürftigkeit im Auge behält (5):

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
des Menschen Sohn, dass du ihn umsorgst!

Angesichts der in Israel verkündeten Taten Gottes kann er diese andere Seite seines Wesens nicht verkennen.

Schon die Israels Glauben an Jahwe begründende Rettung am Meer (Ex 14) musste zu dem Urhymnus führen (Ex 15,21):

Jauchzet Jahwe, denn erhaben ist Er,
Ross und Reiter warf er ins Meer.

Aber auch die prophetische Gerichtsverkündigung hatte Israel in ihren letzten Intentionen erst dann verstanden, wenn es mit Doxologien darauf antworten konnte, wie wir sie ins Amosbuch eingefügt finden (4,13; 5,8; 9,5f.), oder mit Dankliedern, wie sie am Ende einer ersten Sammlung von Jesajaworten [329] (Kap. 1-11) in Jes 12 angekündigt werden. Wo das Lob Got­tes ausfällt, hat der Mensch die Spannung zwischen seiner Be­dürftigkeit und seinen Fähigkeiten verkannt. Da ist wieder der Unmensch nicht fern.

Die letzte Bestimmung des Menschen zum Rühmen Gottes hat der Psalter mit seinen Hymnen begriffen, wie er uns als »das Buch der Preisungen« überliefert ist. Wir können hier nur an die Fülle von Aufrufen zum Loben erinnern, die dem Men­schen begegnen, der mit seinen Erfahrungen aus der Geschichte und aus der Schöpfung ins Heiligtum einkehrt und der auch noch mit seiner vor Gott ausgebreiteten Klage den einzigen Erbarmer ehrt. Beispielhaft sei abschließend auf die Psalmen 145 und 148 hingewiesen.

Ps 145 sieht den Zusammenhang zwischen den Schöpfungswerken, die der Mensch entdeckt, und der Bestimmung des Menschen zum Lobpreis (5f.):

Deine Wundertaten will ich berichten.
Sie reden von der Macht deiner furchtbaren Taten.
Erzählen will ich von deiner Größe.

Die Werke Gottes, die der Mensch erkundet, sprechen eine Sprache, die den Menschen zum Hymnus herausfordert (10-12). So werden im Lob torsohafte Erkenntnisse zu einer Einheit und Ganzheit, mitsamt den noch unerforschten Geheimnissen, die immer auch die fundiertesten Erkenntnisse bedrohen. So zeigt sich im Lobpreis nicht nur die letzte Bestimmung des [330] Lebens (»was lebt, was lebt, das lobt dich!« Jes 38,19), sondern auch die der Weltbeherrschung.

Schließlich aber zeigt der 148. Psalm, wie mit den Werken der Schöpfung von den Gestirnen bis zum Gewürm (3-10) auch die Menschen von den Königen der Erde bis zum Chor der Kin­der (11-13) zur Gemeinschaft des Rühmens verbunden werden, Die Bestimmung aller Menschen, die so tief verschieden und so oft geschieden sind, zum Zusammenschluss in der Liebe er­füllt sich in der Vereinigung zum Lobe Gottes:

Könige der Erde und alle Völker,
Fürsten und alle Richter der Erde,
junge Männer und auch junge Frauen,
Greise vereint mit Kindern:
sie sollen den Namen Jahwes loben,
denn sein Name allein ist erhaben.

In dieser Rühmung findet die Bestimmung des Menschen zum Leben in der Welt, zum Lieben des Mitmenschen und zum Beherrschen der außermenschlichen Schöpfung ihre wahrhaft menschliche Erfüllung. Sonst wird der Mensch als sein eigener Abgott zum Tyrannen, oder er verliert im Verstummen zur Sprachlosigkeit seine Freiheit.

Quelle: Hans Walter Wolff, Anthropologie des Alten Testaments, München: Chr. Kaiser Verlag 1973, 328-330.

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