Eine Predigt über das erste Gebot

Blitz

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. (Ex 20,2f)

Schwestern und Brüder, ihr die Gemeinde,

das kann man sich an den eigenen zehn Fingern abzählen. Damit sind Dinge angesprochen, die man unter allen Umständen wissen sollte: Was du an den eigenen Fingern abzählen kannst, sind dir zehn Gebote.

Von Geburt an sind unsere Finger nicht mit Gottesgeboten behaftet. Wir müssen also deren Zuordnung erst erlernen. Jedes einzelne Gebot will selbst angeeignet werden. So hat Mose dem Volk Israel das Erlernen auferlegt:

Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“ (Dtn 6,4-9)

Die Zehn Gebote nimmt man sich zu Herzen, indem man sie sich immer wieder neu vor Augen hält. Nicht ohne Grund fordert Martin Luther in seiner Vorrede zum Großen Katechismus zur täglichen Einübung in Gottes Wort auf: „So steckt doch mancherlei Nutzen und Frucht dahinter, wenn man’s täglich liest und durch Nachdenken und Hersagen einübt. Bei einem solchen Lesen, Hersagen und Nachdenken ist nämlich der Heilige Geist gegenwärtig und gibt immer neu und mehr Licht und Andacht dazu, so dass es immer besser und besser schmeckt und eingeht.“ Im stetigen Wiederholen kommt man auf den richtigen Geschmack der Zehn Gebote.

Was auswendig zu lernen gilt, soll freilich nicht einfach daher gesagt werden. Das aber geschieht dort, wo man Worte gezwungenermaßen auswendig zu lernen hat. Manche mögen sich da an den eigenen Konfirmandenunterricht erinnern. Steht eine Bestrafung im Raum, werden die Gebote nicht dem eigenen Leben anvertraut, sondern einem als Gesetz auferlegt. Die eigene Überzeugung fehlt, so dass man sich nur notgedrungen daran hält. Was als Gesetz gilt, muss auch durchgesetzt werden, notfalls mit Zwangsmitteln. Hinter dem Gesetz lauert uns die Strafe auf. Aber genau damit wird der eigene Wille herausgefordert: Wähnt man sich unbeobachtet, übersieht man allzu gerne das Gesetz. Wir kennen das ja im Straßenverkehr: Ohne Polizeigegenwart, Verkehrsüberwachung, Radarfalle oder Videokamera werden Geschwindigkeitsbegrenzungen bleifüßig überschritten, rote Fußgängerampeln übergangen oder aber Autos im Parkverbot abgestellt. Und wenn es um die Einkommenssteuer geht, sucht man nach Gesetzeslücken, Steueroasen oder trickst bei der Steuererklärung, um die eigene Steuerschuld zu mindern. Solange ich nicht bei einem Gesetzesverstoß erwischt werde, ist ja alles scheinbar in Ordnung. Fast instinktiv suchen wir nach Wegen, um Gesetze in unserem Sinne zu umgehen, oder aber nach Schlupflöchern, um einer Bestrafung zu entkommen.

Anders als bei Menschengesetzen scheint es bei Gottesgesetzen keine Schlupflöcher zu geben: „Dieses Gesetz kann man als Mensch nicht austricksen. Gott sieht alles.“ Was für eine Vorstellung: Das Gottesgesetz ein für alle Mal Buchstabe für Buchstabe in Stein gehauen und wir unter dem allsehenden Auge Gottes – da wird das Gesetz zur Schicksalsmacht erhöht. Am Ende holt das Schicksal jeden – auch dich – ein. Sich über Gottesgesetze unsere eigenen Gedanken machen vermag uns selbst einen Schrecken einzujagen, also sich besser unwissend geben und sich herausreden: Das haben wir nicht gewusst, deshalb darf uns das Schicksal nicht treffen.

Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern.[…] Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust“ (Dtn 30,11.14) Was Mose dem Volk Israel „herzlich“ anvertraut, ist kein Schicksalsgesetz, auch kein göttliches Strafgesetz, sondern Weisung zum eigenen Leben. Das Gotteswort zäunt nicht Menschen in ihrem Todesschicksal ein, sondern weist ihnen den richtigen Lebensweg zu, so wie wir es mit Psalm 119 bekennen: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ (Ps 119,105)

Die Zehn Gebote dienen unserem eigenen Wohlergehen. Trefflich heißt es dazu gleich im ersten Psalm:

Wohl dem,
der nicht dem Rat der Frevler folgt
und nicht auf den Weg der Sünder tritt,
noch sitzt im Kreis der Spötter,
sondern seine Lust hat an der Weisung des Herrn
und sinnt über seiner Weisung Tag und Nacht.
Der ist wie ein Baum,
an Wasserbächen gepflanzt:
Er bringt seine Frucht zu seiner Zeit,
und seine Blätter welken nicht.
Alles, was er tut, gerät ihm wohl.

(Psalm 1,1-3; vgl. Dtn 30,16)

baum an bach

An Wasserbächen gepflanzt kann das eigene Leben Frucht bringen (vgl. Ps 36,10). Ja, mein Leben geht gut, wenn ich mich selbst in der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott wiederfinde, so wie wir es ja in Psalm 23 selbst bekennen:

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
[…]
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

(vv 1-3.6)

Unser Leben ist keine Fügung des Schicksals. Gutes Leben verdankt sich vielmehr göttlicher Führung. Die Psalmen bringen uns an den ursprünglichen Ort der Zehn Gebote. Sie sind nicht vom Himmel gefallen, sondern Israel am Berg Sinai vom Herrn selbst zugesprochen worden. In einer gebirgigen Steinwüste empfängt das Volk Israel die „Zehn Worte“ (Ex 34,28; Dtn 4,13; 10,4). Kein König auf dem Thron spricht dort selbstherrlich von sich: „Das Gesetz bin ich!“ Nein, am Berg Sinai tut sich kein irdisches Königreich auf. Jede dauerhafte Besiedlung, jede herrschaftliche Landnahme scheitert an der Kargheit des Bodens. Das Volk Israel, das die Zehn Gebote empfängt, befindet sich auf der Wanderschaft, auf dem Durchzug ins gelobte Land. Der Sinai kann nur Wegstation sein – kein Ort des Verweilens.

Mit den zehn Geboten wird über Israel keine Herrschaft unter dem Auge einer schicksalhaften Vorsehung begründet. Der Herr, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hat vielmehr dieses Volk erwählt und spricht es am Berg Sinai direkt an (Ex 20,1; vgl. Dtn 5,4.22-26). Unter Donner und Blitz, Feuer und Rauch bekommen Menschen am Fuße des Berges die göttlichen Worte zu hören (Ex 19,18-20; 20,18f; vgl. Dtn 5,4): „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ (Ex 20,2f)

Gleich zu Beginn stellt sich dieser eine Gott dem Volk vor: Ich bin dein Gott; wie ein Hirte habe ich dich aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt, gleichsam auf Adlerflügeln getragen (Ex 19,4), du gehörst zu mir, „es seien dir keine anderen Götter an meiner Stelle.“ Wir stutzen – andere Götter, die gibt es doch nicht, so meinen wir zu wissen. Nur einen Gott kann es doch geben, der Ursprung aller Dinge, der Inbegriff allen Seins, das höchste Gut. Das Gott-denken lässt uns doch keine andere Wahl. Da mag in der Bibel von anderen Göttern die Rede – manche werden gar beim Namen genannt, so wie „Baal“ (vgl. 1Kön 18). Aber wir wissen es heute doch besser: Alles Einbildung, Götter sind reine Einbildungen. In unserem eigenen Denken sind wir selbst über Götterwelten erhaben.

Dass man Götter als Einbildungen wegdenken kann, schafft diese noch lange nicht aus der Welt. Martin Luther hat im Großen Katechismus in zutreffender Weise benannt, was uns ein Gott ist: „Worauf du nun, sage ich, dein Herz hängst und verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“ Woran das eigene Herz hängt – da können aus Phantasiegebilden, Stimmen, Einflüsterungen, Eitelkeiten, Gelüsten oder gar Ängstlichkeiten uns Götter entstehen. Ja, diese Götter besitzen von sich auch keine Macht, aber wo Menschenherzen ihnen anhängen, nehmen sie Leben für sich ein. Unser Leben hat sich ihnen unterzuordnen, damit sie selbst über uns thronen. So werden diese Götter erst durch eigene Hingabe und eigenes Opfer mächtig gemacht.

Da Götter selbst nicht lebensmächtig sind, vermögen sie uns nichts Wirkliches zu geben. Stattdessen nehmen sie sich uns persönlich vor und geben sich als unsere eigenen Lebensträume aus. So beanspruchen sie unsere Aufmerksamkeit, Zeit und Hingabe. Auf Dauer laugen sie das eigene Leben aus und schlussendlich enttäuschen sie uns: Krafträuber, Herzensbetörer, Falschversprecher, Lebensspieler, Nichtsgeber, Allesnehmer sind sie – ohne eigene Hingabe lieblos auf sich selbst bedacht.

Dem menschlichen Herzen sind solche Götter nicht zu verdenken; daher darf das erste Gebot uns immer wieder nur zu Gehör gebracht werden: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Der einzigwahre Gott ist kein Herzenstäuscher, sondern Lebensgeber. Bevor er uns in Anspruch nimmt, hat er sich selbst für uns hingegeben. So spricht Jesus Christus sich selbst zu: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ (Joh 10,11) „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offb 1,18f) Der allein lebensmächtig ist, bedarf nicht das Opfer anderer, sondern erweist sich selbst als „barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“ (Ex 34,6).

Der einzigwahre Gott erlässt keine Gesetze aus dem Nichts, sondern kommt mit seinen Geboten auf Israel und uns zu. Am Anfang steht seine Zuwendung, die uns in Anspruch nimmt. „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (Dtn 6,4f) Ihr seid erwählt; ich habe euch in Christus angenommen; ihr seid von der Knechtschaft der Sünde erlöst; haltet mir die Treue. So antwortet Jesus auf die schriftgelehrte Frage nach dem höchsten Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“ (Mt 22,37).

Der dich erlöst hat, dem halte die Treue, wie in einer Ehe – freilich mit einem entscheidenden Unterschied: Sein Ja-Wort, seine Treue in Jesus Christus sind über jeden Zweifel erhaben (vgl. 2Kor 1,19-22). Für den Herrn gilt kein „bis dass der Tod euch scheidet“, stattdessen heißt sein Versprechen: „Ich will mich mit dir verloben für alle Ewigkeit, ich will mich mit dir verloben in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade und Barmherzigkeit. Ja, in Treue will ich mich mit dir verloben und du wirst den Herrn erkennen.“ (Hos 2,21f)

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Das erste Gebot lädt ein, uns selbst in seine Treue neu hineinzugeben. So hat ja auch Martin Luther dieses Gebot im Kleinen Katechismus mit folgenden Worten erläutert: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“ Uns selbst in Gottes Treue hineinzugeben, darum geht es in jedem der Zehn Gebote. In seiner Treue bleiben wir ihm, unseren Mitmenschen und schließlich auch uns selbst treu. Das erste Gebot begründet die übrigen neun Gebote. Luther hat daher zu Recht deren jeweilige Auslegungen mit dem Grundsatz eingeleitet: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir …“

Die Zehn Gebote stellen unser ganzes Leben unter dem Anspruch der Gottestreue. Ja wie in einer Ehe sind wir mit unserer Gottestreue immer wieder neu herausgefordert: Der Herr, der Gott Israels, hat sich uns selbst in seinem Sohn Jesus Christus anvertraut. Unser Leben ist keine Fügung des Schicksals, sondern göttliche Führung zu unserem Heil. Ihm gilt es jeden Tag aufs Neue treu zu bleiben. Wir halten uns die Zehn Gebote buchstäblich immer wieder neu vor Augen, auf dass wir sie uns zu Herzen nehmen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Hier die Predigt als pdf.

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