Predigt über das vierte Gebot – Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren

Viertes Gebot

Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
(4 Mose 6,24-26)

So lautet der Segen, der für uns am Ende des sonntäglichen Gottesdienstes vorgesehen ist. Der Segen ist ein „Gutwort“ im Namen des dreieinigen Gottes. Der ursprünglichen lateinischen Wortbedeutung (benedicere) nach geht es bei einem Segen um ein wirksames Gutwort, das über dem Leben ausgesprochen wird: „Es ist gut“. Wenn etwas gutzuheißen ist, heißt es ja auch umgangssprachlich „seinen Segen dazu geben“. In unserem Leben sind wir auf Gutworte immer wieder neu angewiesen.

Unter den zehn Geboten findet sich ein Gebot, das mit einem Gutwort verbunden ist, nämlich das vierte Gebot, das im 5. Buch Mose wie folgt lautet:

„Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie der HERR, dein Gott, es dir geboten hat, damit du lange lebst und es dir gut geht auf dem Boden, den der HERR, dein Gott, dir gibt.“ (5Mose 5,16; vgl. Epheser 6,2f)

Luthers Worte aus dem Kleinen Katechismus mögen uns vertraut sein: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.“ Als Auslegung fügt Luther dazu: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.“

Luther hat gerade dieses Gebot besonders herausgestellt und gewichtet, wenn er im Großen Katechismus dazu schreibt:

„Diesen Vater- und Mutterstand hat Gott besonders ausgezeichnet vor allen [andern] Ständen, die unter ihm sind: er gebietet nicht schlechthin [nur], die Eltern lieb zu haben, sondern sie zu ‚ehren‘. […] Es fordert nicht bloß, dass man die Eltern freundlich und mit Ehrerbietung anspreche, sondern vor allem soll man sowohl im Herzen als auch mit seinem leiblichen Verhalten sich [ihnen gegenüber] so einstellen und zeigen, dass man viel von ihnen hält und sie nach Gott für die Obersten ansieht. […] Man präge es darum den jungen Leuten ein, ihre Eltern an Gottes Statt vor Augen zu haben und also zu bedenken, dass sie dennoch Vater und Mutter sind, von Gott gegeben, auch wenn sie gering, arm gebrechlich und seltsam wären. Ihres Lebenswandels oder eines Fehlers wegen sind sie dieser Ehre nicht beraubt. Darum sind nicht die Personen anzusehen, wie sie sind, sondern Gottes Wille, der es so anschafft und anordnet.“

In der christlichen Tradition wird das Gebot der Elternehrung der zweiten Gebotstafel zugeordnet, die sieben Gebote der rechten Mitmenschlichkeit umfasst, während die erste Gebotstafel die drei Gebote des rechten Gottesdienstes enthält. Und doch knüpft das vierte Gebot an die ersten drei Gottesgebote an. Nach Luther ist die Elternehrung wie die ersten drei Gebot auf den rechten Gottesdienst hin ausgerichtet:

„So lerne nun zuerst, was die Ehre den Eltern gegenüber heißt, wie es in diesem Gebot gefordert wird. Man soll sie nämlich vor allen Dingen herrlich und wert achten als den höchsten Schatz auf Erden. […] Wenn wir keinen Vater und keine Mutter hätten, müssten wir um [dieses Gebotes] willen wünschen, dass Gott uns Holz und Stein hinstellte, damit wir sie Vater und Mutter heißen könnten.“

Was Martin Luther in drastischen Worten uns als Elternergebenheit vorstellt, gilt in der konfuzianisch geprägten Kultur Chinas als Kindspietät (chinesisch xiào). In dem klassischen Buch von der Kindspietät (xiàojīng) stellt Konfuzius im Gespräch mit seinem Schüler Zeng Zi die Kindspietät als gesellschaftliche Grundtugend vor:

„Kindspietät ist die Grundlage der Tugend und der Ursprung aller geistigen Kultur. […] Körper, Haar und Haut hast du von den Eltern empfangen, die sollst du nicht zu Schaden kommen lassen; damit fängt die Kindespietät an. Das Rechte tun und auf dem Pfad des Guten wandeln und so einen guten Namen auf die Nachwelt bringen, auf dass die Ahnen geehrt werden, das ist die Krönung der Pietät. Sie beginnt damit, dass man seinen Eltern dient, führt zum Dienst beim König und endet mit dem Gewinn eines Charakters.“

Wir mögen in der Gegenwart unsere Schwierigkeiten mit einer gleichsam religiösen Elternehrung haben. Aber recht verstanden hat die Elternehrung auch für uns bleibende Bedeutung: Sie führt uns nämlich in das eigene Geschöpfsein ein und wehrt der Illusion einer lebensmächtigen Selbstbestimmung: Ehre deine Eltern als die Menschen, die deinem Leben vorgegeben sind (vgl. Sirach 3,1-18). Du vermagst dir nicht deine Eltern selbst auszusuchen; sie gehen qua Geburt deinem Kindsein voraus. Im Unterschied zu Freundschaften und Bekanntschaften kannst du dich deinen Eltern gegenüber eben nicht freiwillig in Beziehung setzen oder dich von ihnen freien Herzens abwenden. Was deinem Leben durch Geburt und elterlicher Fürsorge schon längst zugekommen ist, kannst du weder für dich selbst bestimmen noch durch dich selbst erhalten.

Wer sich seinen Eltern gegenüber dankbar zeigt, entdeckt für sich selbst, was ihm oder ihr vom dreieinigen Gott geschenkt worden ist. Wer anerkennt, was Eltern für einen geleistet hat, nimmt wahr, was er im eigenen Leben alles empfangen hat. Elternehrung macht Menschen dankbar für das eigene Leben. Noch einmal Martin Luther:

„Niemand denkt daran, wie Gott uns doch nährt, behütet und schützt und [uns] so viel Gutes an Leib und Seele gibt; besonders wenn einmal eine böse Stunde kommt, dann zürnen und murren wir ungeduldig, und es ist alles dahin, was wir unser Leben lang Gutes empfangen haben. Ebenso machen wir es den Eltern auch; es gibt kein Kind, welches dies erkennen und bedenken würde, wenn nicht der Heilige Geist es ihm eingebe. Diese Unart der Welt kennt Gott wohl; darum erinnert und treibt er sie an mit Geboten. Jeder soll drüber nachdenken, was ihm seine Eltern getan haben; dann findet er, dass er Leib und Leben von ihnen hat, dazu auch [von ihnen] ernährt und aufgezogen wurde; sonst wäre er ja hundertmal in seinem Unflat erstickt. Deshalb ist’s recht und treffend von alten weisen Leuten gesagt worden: ‚Deo, parentibus et magistris non potest satis gratiae rependi‘, d.h.: „Gott, den Eltern und den Lehrern kann man nie genug danken und vergelten.“ Wer das sieht und bedenkt, der wird wohl – ohne dazu angetrieben zu werden – seinen Eltern alle Ehre antun und sie auf den Händen tragen, weil sie es sind, durch die ihm Gott alles Gute getan hat.“

Ja, es ist für das eigene Leben ein Segen, wenn man die eigenen Eltern wertschätzen kann. Wie gut, wenn man seinen Eltern nicht Fehler aus der Vergangenheit nachträgt, weil man sie täglich neu für sich selbst als lebensentscheidend anzusehen hat. In der Tat gewinnen ja Kinder im Lauf der Jahre in der Regel an Verständnis für die eigenen Eltern, insbesondere dann, wenn sie selbst eigene Kinder haben. Da entwickeln sich mitunter Familienbande neu über die Generationen hinweg. Gut, wenn Eltern und Kinder entdecken dürfen, was sie alles gemein haben.

Und doch gibt es manche unter uns, die können ihre Eltern oder zumindest einen Elternteil weder ehren noch ihnen danken. Menschen leiden lebenslang, wenn sie ohne elterlichen Segen aufwachsen mussten, wenn sie als Kleinkinder oder Jugendliche verlassen oder abgeschoben worden sind, wenn Eltern sie seelisch und körperlich missbraucht haben.

„Ehre deinen Vater und deine Mutter.“ Mitunter müssen Menschen sagen: „Da kann ich nicht, nach all dem, was geschehen ist. Mitleid, ja, Mitleid kann ich vielleicht noch empfinden, aber ehren – unmöglich! Wer sich an meinem Leben vergangen hat, den kann ich nicht ehren.“

Es bleibt zu beten und zu hoffen, dass auch trotz seelischer Wunden zwischen erwachsenen Kindern und deren Eltern dennoch Versöhnung geschieht, indem Verletzungen angesprochen werden, um Verzeihen gebeten und gerungen wird und schlussendlich gegenseitige Vergebung doch noch zugesprochen wird. Ja, mit den eigenen Eltern kann man niemals fertig sein. Wo sonst, wenn nicht in der Versöhnung können deine Verletzungen vernarben.

Elternehrung hat nicht nur ein „seelisches“ Gesicht, sondern auch einen leiblichen Aspekt: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren im Hinblick auf deren Altern, dann wenn sich die Gewichte und das eigene Vermögen hin zu der nachfolgenden Generation verschoben haben. Waren ist in der Kindheit und im Jugendalter die Eltern, zu denen man – mitunter unwillig – aufzuschauen hatte, so werden diese mit zunehmendem Alter selbst zuwendungsbedürftig.

Da lässt sich das Gebot der Elternehrung neu buchstabieren: Lass deine Eltern nicht im Stich. Kümmere dich um sie mit dem, was du ihnen geben kannst. Wo erwachsene Kinder sich aus der Sorge um ihre gealterten Eltern zurücknehmen, sie mitunter anderen Angehörigen überlassen, findet die Elternehrung nicht statt.

Wer sich um seine eigenen Eltern zu sorgen hat, muss damit nicht in jedem Falle deren Erwartungen erfüllen. Wo ältere Menschen das Altwerden verdrängen und ein Lebensverlangen zeigen, das Sünde und Tod verkennt, können mitunter vermessene Anforderungen entstehen, die die eigenen Kinder oder andere Angehörige überfordern.

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass es dir wohlergehe.“ Die Elternehrung birgt ein Gutwort für das eigene Leben: Mit dem, was ich meinen Eltern Gutes tue, tue ich mir selbst gut. Wo jedoch Angehörige in der Pflege eines Menschen seelisch und körperlich am Ende sind, kann auf dieser Hilfe kein Segen ruhen. In Familienbeziehungen können wir dem anderem nur mit dem gerecht werden, was wir selbst geben können. Hilfe darf also nicht über die eigenen Kräfte gehen. Mit dieser Regel sind uns Zumutungen nicht einfach erspart. Da mag häusliche Pflege erst ausprobiert werden. Und dennoch, wer schlussendlich die Sorge um seine eigenen Eltern in die Hände ambulanter oder stationärer Pflege legen muss, handelt damit nicht ehrlos an seinen Eltern. Wer Eltern im Pflegeheim regelmäßig besucht, lässt diese nicht im Stich.

Zum Schluss soll uns Jesu Worte aus dem Evangelium zugemutet werden, damit unser Lebenshorizont nicht auf die eigene Familie begrenzt bleibt. Als seine Mutter und seine Brüder Jesus auf einer Kundgebung aufsuchen, verweigert er sich der Begegnung. Stattdessen zeigt er auf seine Jünger zeigt und spricht: „Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ (Matthäus 12,49f; vgl. 10,37) Diese Worte sind uns eine Zumutung. Messerscharf weisen sie uns darauf hin, dass wir auf die Ewigkeit hin unser Leben nicht an der eigenen Familie festmachen können. „Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“

Kinder Gottes sind wir nicht durch unsere Geburt. Dort, wo wir mit Leib und Seele in den Tod Christi hinein getauft sind und seinem Wort Glauben schenken, empfangen wir den Heiligen Geist, der uns in den Himmel hinein „Abba, lieber Vater“ rufen lässt (Röm 8,15; Gal 4,6). In Christus sind wir unseren leiblichen Eltern als Kinder unseres himmlischen Vaters gleichgestellt. Was für eine Gnade und was für eine Zärtlichkeit, wenn ich meinen leiblichen Vater und meine leibliche Mutter so wie mich selbst als Kind Gottes wahrnehmen darf. Da stehen wir dann gemeinsam unter dem Segen des dreieinigen Gottes, der uns über unsere eigenen Lebensmöglichkeiten hinausführt:

Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
(4Mose 6,24-26)

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Eine Antwort to “Predigt über das vierte Gebot – Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren”

  1. Anna-Lena Says:

    Wenn ich so etwas schon lese! „Manche von uns“ haben Missbrauch erlitten. Da schauerts mich. Wie viele von uns, gerade die konservativ katholisch (ver-)zogenen, haben unter dem Korsett des sogenannten Glaubens gelitten? Und dann noch „gegenseitig vergeben“? Was soll denn der Vater dem Kind, dass er ständig verprügelt hat, vergeben? Verlass mal deinen biblischen Dunstkreis und erkenne die Realität!!

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