Wie sollen wir es fassen, was nicht zu fassen ist?

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Seitdem Elton John beim Gottesdienst aus Anlass des Unfalltodes von Lady Diana am 6. September 1997 in Westminster Abbey den Pop-Nekrolog „Candle in the Wind“ gesungen hat, scheinen populäre Schmerzenslieder mit ihrem Toten-„Du“ kirchenfähig zu sein. Menschen in ihrer Trauer scheint das „Du“ von Verstorbenen viel näher zu liegen als das göttliche Du. Aber was der Pop religiös zu bieten hat, passt nicht wirklich in einen Trauergottesdienst. Er kennt kein liturgiefähiges „Du“, lenkt vielmehr von der Gottesanrede ab. Das entschwundene „Du“, das in emotional mitnehmender Weise besungen wird, ist Idolatrie – „Schattenbilddienst“ im wahrsten Sinne des Wortes. Die Lieder verbleiben im Rückblick auf verlorengegangenes Leben und haben über eigene Gedächtnisleistungen hinaus keine Verheißung – ein Du-seliger Totenkult. Und dennoch sei ein liturgisches Defizit benannt: Es fehlen uns Trauerlieder, die den eigenen Schmerz in die Gottesanrede hineinnehmen. Eine Ausnahme ist das Lied „Wie sollen wir es fassen“ (nach der Melodie „Befiehl du deine Wege“) von Eugen Eckert:

1. Wie sollen wir es fassen,
was nicht zu fassen ist?
Es fällt schwer loszulassen,
und doch bleibt keine Frist.
Wir hätten so viel Fragen,
wir brauchten doch noch Zeit.
Wohin mit unsren Klagen
und unsrer Traurigkeit?

2. Das Leben ist verflogen,
der Tod trat ein mit Macht.
Das Lachen? Fortgezogen,
erstickt von tiefster Nacht.
In uns herrscht Leere, Schweigen.
Wir können nichts mehr tun.
Wozu dies tiefe Neigen?
Warum dies Sterben, nun?

3. Viel schneller, als wir ahnten,
zerriss des Himmels Blau.
Durchkreuzt ist, was wir planten.
Die Welt scheint kalt und grau.
Was sein wird? Wer kann‘s sagen?
O Gott, das Fragen quält.
Hilfst du, das Leid zu tragen?
Hast du Trost, der jetzt zählt?

4. Lass uns, Gott, nicht versinken,
der Schmerz ist übergroß.
Dort, wo wir stolpern, hinken,
halt uns und lass nicht los.
Lass uns darauf vertrauen,
dass du das Leben birgst.
Hilf uns, auf dich zu bauen,
auf Segen, den du wirkst.

Quelle: Durch Hohes und Tiefes. Gesangbuch der Evangelischen Studierendengemeinden in Deutschland, hg. v. Eugen Eckert, Friedrich Kramer und Uwe-Karsten-Plisch, München: Strube Verlag 2008, Nr. 204.

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Eine Antwort to “Wie sollen wir es fassen, was nicht zu fassen ist?”

  1. Daniel Says:

    Danke für den Hinweis! Willst du das Lied in die Jahr-des-Gottesdienstes-Facebook-Gruppe einbringen? Oder soll ich das übernehmen?

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