Christsein als passionierte Fremdlingschaft – Der Diognetbrief

Jan van Scorel - Fünf Mitglieder der Utrechter Bruderschaft der Jerusalempilger (1541)

Jan van Scorel – Fünf Mitglieder der Utrechter Bruderschaft der Jerusalempilger (1541)

Da mag die Jahreslosung 2013 aus dem Hebräerbrief „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (13,14) als Jahreslosung nunmehr der Vergangenheit angehören, aber Christsein als passionierte Fremdlingschaft ist eine bleibende Herausforderung. Provozierend ist, was dazu in dem frühchristlichen Diognetbrief im fünften und sechsten Kapitel steht:

5,1. Die Christen nämlich sind weder durch ein Land noch durch eine Sprache noch durch Sitten von den übrigen Menschen verschieden. 2. Denn weder bewohnen sie irgendwo eigene Städte, noch bedienen sie sich irgendeiner abweichenden Sprache, noch führen sie ein auffäl­liges Leben. 3. Allerdings ist nicht durch irgendeinen Einfall und Gedanken vorwitziger Men­schen diese Lehrmeinung erfunden worden; auch vertreten sie nicht, wie einige, einen menschlichen Lehrsatz. 4. Sie bewohnen vielmehr griechische und auch barbarische Städte, wie immer es einen jeden traf, und sie folgen den einheimischen Sitten in Kleidung und Essen und in der übrigen Lebenspraxis, und sie legen anerkanntermaßen eine wunderbare Beschaf­fenheit ihrer Lebensführung an den Tag. 5. Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber wie Nichtbürger; sie haben an allem Anteil wie Bürger, und alles erdulden sie wie Fremde. Jede Fremde ist für sie Vaterland, und jedes Vaterland Fremde. 6. Sie heiraten wie alle und bekom­men Kinder; aber sie setzen die Neugeborenen nicht aus. 7. Einen gemeinsamen Tisch stellen sie auf, aber nicht ein (gemeinsames) Bett. 8. Sie existieren „im Fleisch“, aber sie leben nicht „nach dem Fleisch“. 9. Auf Erden weilen sie, aber im Himmel haben sie Bürgerrecht. 10. Sie gehorchen den erlassenen Gesetzen, und mit der ihnen eigenen Lebensweise überbieten sie die Gesetze. 11. Sie lieben alle, und von allen werden sie verfolgt. 12. Man kennt sie nicht, und doch verurteilt man sie. Sie werden getötet, und sie werden lebendiggemacht. 13. Arm sind sie, und sie machen viele reich. Sie haben an allem Mangel, und sie haben an allem Überfluß. 14. Sie werden beschimpft, und in den Beschimpfungen werden sie gepriesen. Sie werden verunglimpft, und sie werden ins Recht gesetzt. 15. Sie werden geschmäht, und sie segnen. Sie werden beleidigt, und sie erweisen (anderen) Ehre. 16. Während sie Gutes tun, werden sie wie Übeltäter bestraft. Während sie bestraft werden, freuen sie sich, als würden sie lebendiggemacht. 17. Von den Juden werden sie als Fremdstämmige bekämpft, und von den Griechen werden sie verfolgt. Und die Ursache ihrer Feindschaft vermögen die Hasser nicht zu nennen.

6,1. Um es einfach zu sagen: Was im Körper die Seele ist, das sind in der Welt die Christen. 2. Über alle Glieder des Körpers hin ist die Seele verteilt, ebenso die Christen über die Städte der Welt. 3. Es wohnt zwar die Seele im Körper, aber sie stammt nicht aus dem Körper. Auch die Christen wohnen in der Welt, aber sie stammen nicht aus der Welt. 4. Unsichtbar ist die Seele eingeschlossen im sichtbaren Körper; ebenso werden die Christen zwar erkannt als in der Welt Seiende, aber unsichtbar bleibt ihre Gottesverehrung. 5. Das Fleisch haßt die Seele und bekämpft sie, ohne ein Unrecht erlitten zu haben, denn es wird (von ihr) gehindert, seinen Lüsten nachzugeben. Auch die Welt haßt die Christen, ohne ein Unrecht erlitten zu haben, denn sie widersetzen sich den Lüsten. 6. Die Seele liebt das (sie) hassende Fleisch und die Glieder. Auch die Christen lieben die Hasser. 7. Zwar ist die Seele vom Körper umschlossen, doch hält sie den Körper zusammen. Auch die Christen werden zwar wie im Gefängnis in der Welt festgehalten, doch halten sie selbst die Welt zusammen. 8. Unsterblich wohnt die Seele in einer sterblichen Behausung; ebenso wohnen die Christen als Beisassen in vergänglichen (Behausungen), erwartend die Unvergänglichkeit im Himmel. 9. Die Seele, der man Speise und Trank vorenthält, wird besser; auch die Christen, da sie bestraft werden, nehmen an Zahl täglich mehr zu. 10. Auf einen so wichtigen Posten hat Gott sie gestellt, dem sich zu entziehen sie nicht das Recht haben.

Quelle: Andreas Lindemann/Henning Paulsen (Hrsg.), Die Apostolischen Väter. Griechisch-deutsche Parallelausgabe, Tübingen: Mohr Siebeck 1992, 311-315.

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